Die Gemeinschaft Cenacolo (Cenacolo bedeutet „Abendmahlssaal“) ist eine in verschiedenen Ländern vorhandene Einrichtung für junge Menschen in Krisensituationen, insbesondere bei Problemen mit Drogen.

Geschichte Die Gemeinschaft Cenacolo wurde am 16. Juli 1983 durch die italienische Ordensschwester Elvira Petrozzi (1937–2023) gegründet. In Saluzzo, in der Nähe von Turin, richtete sie ihr erstes Haus für junge Menschen in Krisensituationen, besonders für solche mit Drogenproblemen, ein.

Die Gemeinschaft zählt heute rund 80 Häuser in Italien und der ganzen Welt (Europa, U.S.A., Lateinamerika, Liberia/Afrika, Costa Rica) und beherbergt etwa 2000 Jungen und Mädchen. Das Mutterhaus befindet sich in Saluzzo. Das Haus in Kleinfrauenhaid im Burgenland ist derzeit die einzige Niederlassung im deutschsprachigen Raum.

Am 16. Oktober 2009 wurde die Gemeinschaft Cenacolo durch Papst Benedikt XVI. als geistliche Gemeinschaft anerkannt und in das offizielle Verzeichnis der anerkannten Laiengemeinschaften des Päpstlichen Rats für die Laien aufgenommen.

Methodik Die Methodik der Gemeinschaft ist eine Fokussierung auf Freundschaft und Ehrlichkeit. Jungen Menschen wird geholfen, im Zusammenleben zurück zum Leben zu finden. Dies geschieht unter anderem durch das Vertrauen in die heilende Kraft des Evangeliums, der Weg in die christliche Gemeinschaft, das Gebet und die Arbeit (ora et labora). Die Lebensweise in den Häusern der Gemeinschaft ist geregelt; Bewohner verzichten auf Handy und Internet; Außenkontakte sind mit den Hausvorstehern zu besprechen. Kritiker merken an, dass der Entzug von Suchtmittelabhängigen vor allem auf Gebet, Arbeit und gegenseitiger Beaufsichtigung beruht und ohne den Einsatz von professionellem medizinischen oder psychotherapeutischen Fachpersonal erfolgt.

Die Cenacolo-Mitglieder lernen in der Gemeinschaft miteinander zu arbeiten, ihre Erfahrungen auszutauschen, den Auslösern ihrer Drogen- oder Alkoholkrankheit allmählich auf die Spur zu kommen und gemeinsam Strategien zur Überwindung ihres Problems zu entwickeln. Ein zentrales Element des Zusammenlebens ist die Einordnung in eine Hierarchie und die Befolgung vorgegebener Regeln, auch die Unterordnung unter die Anweisungen der Hausverantwortlichen wird erwartet. Zudem wird jedem Neuankömmling ein erfahreneres Mitglied als persönlicher Begleiter („Schutzengel“) zur Seite gestellt. Kritiker und Ehemalige verweisen darauf, dass diese Form der lückenlosen Alltagsbegleitung keine Privatsphäre zulässt und den Spielraum für das Hinterfragen von Strukturen oder Entscheidungen der Leitung einschränkt.

Für Jungen und Mädchen gibt es verschiedene Häuser. Für Mädchen gibt es noch kein Haus im deutschsprachigen Raum.

Organisation und Einrichtungen Es gibt weltweit rund 80 Häuser: Männer: z. B. in Polen, Kroatien, den USA, Italien, Frankreich und in Österreich Frauen: z. B. in Italien, USA, Frankreich und in Bosnien-Herzegowina.

Der deutsche Trägerverein Freunde der Gemeinschaft Cenacolo Deutschland e.V. hat seinen Sitz in München.

Aufnahme Die Aufnahme in die Gemeinschaft ist unabhängig von Nationalität und religiösem Bekenntnis. Die zentrale Sprache ist Italienisch und wird von jedem, der in die Gemeinschaft kommt, gelernt.

Die Gemeinschaft Cenacolo lebt von der Vorsehung: Finanzielle Spenden und auch Lebensmittel, Bekleidung, Drogerieartikel u. a.

Kritik und Einordnung Die Gemeinschaft Cenacolo steht im öffentlichen und fachlichen Diskurs regelmäßig für ihre Therapiekonzepte, internen Strukturen und Merkmale konfliktträchtiger Gruppen in der Kritik. Im Parlamentsbericht n° 3507 der französischen Nationalversammlung („Les sectes et l'enfance“) wird die Gemeinschaft Cenacolo über die Ausnutzung von Jugendkrisen und Drogenabhängigkeit aufgeführt. Die Untersuchungskommission kritisiert darin, dass das Angebot kostenloser Suchthilfe als Einfallstor dient, um vulnerable Jugendliche emotional und ideologisch an die Gruppe zu binden. Der Bericht warnt explizit vor dem Risiko, eine substanzgebundene Abhängigkeit lediglich durch eine strenge psychische und spirituelle Abhängigkeit von der Gemeinschaft zu ersetzen.

Sektenähnliche Strukturen und totale Institution Fachstellen für Weltanschauungsfragen sowie Ausstiegsorganisationen ordnen die Gemeinschaft aufgrund ihrer Organisationsform als Sondergruppe mit totalitären Zügen ein. Das Sekten-Info NRW weist darauf hin, dass die Strukturen der Gemeinschaft typische Merkmale restriktiver Gruppen aufweisen:Die Gemeinschaft Cenacolo – Hilfe für Suchtkranke oder totalitäre Gruppe? Sekten-Info NRW e. V., abgerufen am 19. August 2026.

Auflösung der Identität: Durch die vollständige Kontrolle des Tagesablaufs, das Verbot privater Rückzugsorte sowie den Verzicht auf Medien und persönliche Gegenstände werde eine starke emotionale und soziale Abhängigkeit von der Gruppe erzeugt. Einflussnahme und Schwarz-Weiß-Denken: Die Welt außerhalb der Gemeinschaft werde häufig als sündhaft, gefährlich oder gescheitert dargestellt, während das Leben in Cenacolo als einziger Rettungsweg inszeniert werde. Dies erschwere Mitgliedern den freiwilligen Ausstieg.Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen: Gemeinschaft Cenacolo. In: Materialdienst, Heft 04/2018, S. 142–145. Hierarchie und Gehorsam: Die Leitungsstrukturen verlangen eine hohe Unterordnung unter die Regeln der Gründerin und der jeweiligen Hausverantwortlichen, was wissenschaftlich als Merkmal totaler Institutionen beschrieben wird.

Fehlen fachlicher Standards Fehlendes Fachpersonal: Das Konzept zur Bewältigung von Abhängigkeiten basiert primär auf Gebet, manueller Arbeit und Reintegration im Gemeinschaftsleben. Ein Einsatz von medizinisch, psychologisch oder therapeutisch qualifiziertem Fachpersonal findet in den Einrichtungen in der Regel nicht statt. Suchtexperten kritisieren das Fehlen wissenschaftlich fundierter, evidenzbasierter Therapiestandards. Kontaktverbote und Kontrolle: In den ersten Monaten nach der Aufnahme gilt ein vollständiges Kontaktverbot zu Angehörigen. Zudem wird Neuaufgenommenen rund um die Uhr ein erfahreneres Mitglied zugewiesen, was als lückenlose soziale Kontrolle bewertet wird. Medizinisch unbetreuter Entzug: Der körperliche Entzug zu Beginn des Aufenthalts erfolgt in der Regel ohne medikamentöse Unterstützung oder Begleitung durch Ärzte, was bei schweren Substanzabhängigkeiten gesundheitliche Risiken birgt.

Hürden und Konflikte bei einem von der Gemeinschaft ungenehmigten Austritt

Ein regulärer Abschluss des Aufenthalts in der Comunità Cenacolo erfolgt gewöhnlich erst nach mehreren Jahren und setzt die Zustimmung der Gemeinschaftsleitung voraus. Verlässt ein Mitglied die Gemeinschaft vorzeitig oder gegen den expliziten Rat der Verantwortlichen, dokumentieren Berichte staatlicher Stellen, Sektenberatungseinrichtungen sowie soziologische Analysen spezifische strukturelle und psycho-soziale Schwierigkeiten.

Systembedingte Isolation und Ressourcenmangel: Da Bewohner während ihres Aufenthalts in der Regel über kein eigenes Geld, kein Mobiltelefon und keinen direkten Zugriff auf ihre Personaldokumente verfügen, erfordert ein spontaner oder ungenehmigter Abgang erhebliche logistische Hürden. Durch die geografische Abgelegenheit vieler Niederlassungen und das System des Angelo Custode („Schutzengel“ – die kontinuierliche Begleitung durch ein erfahreneres Mitglied) ist die Vorbereitung eines Austritts ohne Vorabinformation der Leitung erschwert. Psychologischer Druck und Rückfallszenarien: In der internen Doktrin wird das Verlangen, die Gemeinschaft vorzeitig zu verlassen, häufig als mangelnde Glaubensstärke oder als Ausdruck der Sucht umgedeutet. Aussteigenden wird regelmäßig vorgehalten, ohne den Schutz der Gemeinschaft unmittelbar rückfällig zu werden oder zu scheitern, was bei den Betroffenen hohe Schuldgefühle und Verlustängste auslöst. Einbindung des familiären Umfelds: Durch die Einbindung der Angehörigen in eigene Elterngruppen (Gruppi dei Genitori) nimmt die Gemeinschaft Einfluss auf das soziale Auffangnetz. Eltern wird im Falle eines ungenehmigten Abbruchs teils geraten, das ausgetretene Kind nicht wieder aufzunehmen oder finanziell zu unterstützen, um den angestrebten Läuterungs- und Heilungsprozess nicht zu gefährden. Dies führt bei einem Austritt häufig zu einer zeitweiligen oder vollständigen Isolation vom primären Familiensystem. Mangelnde Reintegrationshilfen: Da die Gemeinschaft nicht mit wissenschaftlich-therapeutischen Standards der medizinischen Rehabilitation arbeitet, existieren für Personen, die die Einrichtung im Konflikt verlassen, meist keine geregelten Übergangskonzepte, Nachsorgeangebote oder berufsberatenden Maßnahmen.

Einzelnachweise Philippe Vuilque (Hrsg.): Rapport d'enquête relative à l'influence des mouvements à caractère sectaire et aux conséquences de leurs pratiques sur la santé physique et mentale des mineurs. Assemblée nationale (Frankreich), Rapport N° 3507, 12. Dezember 2006, abgerufen am 26. August 2026 (französisch, Behandelt Binnenstrukturen, Überwachung und Familienabbrüche bei therapeutisch-religiösen Gemeinschaften wie Cenacolo).

International Cultic Studies Association (ICSA) / Info-Secte: Conference Proceedings: Alternative Healing and Coercive Control in Religious Movements. Genf 2009, S. 14–18 (englisch, Analyse von Kontrollmechanismen, Bewegungseinschränkungen und psychologischen Hürden bei Ausstiegen aus charismatischen Notfall-Gemeinschaften).

Union Nationale des Associations de Défense des Familles et de l'Individu victimes de Sectes (UNADFI): Regard sur la Communauté Cenacolo: Emprise et suivi des familles. In: Mouvements Sectaires et Liberté Individuelle, Ausgabe 168, Paris 2020, S. 42–47 (französisch, Dokumentation der Beziehungsabbrüche und des Einflusses auf Elternnetzwerke bei vorzeitigem Programmabbruch).

Weblinks Deutsche Homepage von Cenacolo Österreichische Homepage von Cenacolo Italienische Homepage von Cenacolo

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