mini|Die westliche Seite des Vogelweidplatzes mit der typischen spätsecessionistisch-neoklassizistischen Architektur des Nibelungenviertels
Das Nibelungenviertel ist ein Viertel innerhalb des Bezirksteils Fünfhaus des 15. Wiener Gemeindebezirks Rudolfsheim-Fünfhaus. Das etwa 26 Hektar große Viertel wird im Norden von der Gablenzgasse, im Osten vom Vogelweidplatz, im Süden von der Hütteldorfer Straße und im Westen von der Stutterheimstraße begrenzt. Das Zentrum bilden der mit Pappeln bestandene Kriemhildplatz und die Allee der Markgraf-Rüdiger-Straße.
Durch die Bebauung knapp vor und nach dem Ersten Weltkrieg ist ein Übergang zwischen Secessionismus bzw. Neoklassizismus und dem anschließenden Stil der 1920er-Jahre zu sehen.
Geschichte Auf der Wiener Schmelz befand sich im 19. Jahrhundert der „Exerzier- und Paradeplatz Schmelz“. Im Jahr 1911 wurde der südliche und östliche Teil zur Bebauung freigegeben. Ausgehandelt wurde diese Transaktion von Heinrich Goldemund, dem damaligen Leiter der Baudirektion und späteren Stadtbaudirektor, auf den wohl auch das Grundkonzept zurückgeht.Friedrich Achleitner: Österreichische Architektur im 20. Jahrhundert, Band III/2, Residenz Verlag, Salzburg und Wien, 1995, S. 118. Ab 1912 wurde hier ein neues Wohngebiet errichtet, dessen Straßen mehrheitlich nach Figuren aus dem Nibelungenlied benannt wurden. Aus diesem Grund hat sich für diesen Bezirksteil der (nicht amtliche) Name „Nibelungenviertel“ eingebürgert. Da sich der zentrale Teil des Viertels um den Kriemhildplatz erstreckt, ist auch der Name Kriemhildviertel in Gebrauch.
Der Erste Weltkrieg unterbrach die Bautätigkeit. Nach Ende des Krieges wurden bis 1926 die Baulücken durch weitere Wohnhäuser sowie durch Genossenschafts- und Gemeindebauten geschlossen, die ein weiteres prägendes Element des Viertels sind.
Im Osten des Nibelungenviertels sollte nach der ursprünglichen Planung von 1910/1912 ein Kaiser-Franz-Joseph-Stadtmuseum nach Plänen von Otto Wagner errichtet werden. Nach der Ermordung des Bundeskanzlers Engelbert Dollfuß sollte in unmittelbarer Nähe des Kriemhildplatzes, der in Kanzlerplatz (nach den in der Gedächtniskirche bestatteten Bundeskanzlern Ignaz Seipel und Engelbert Dollfuß) umbenannt worden war, ein Dollfuß-Forum entstehen. Dieses Vorhaben wurde ebenso wie das Stadtmuseum nicht realisiert; stattdessen wurde in diesem Bereich ab 1953 die Wiener Stadthalle und das Stadthallenbad gebaut.
Zwei weitere Teile der Schmelz wurden auch in dieser Zeit verbaut, die aber vom Nibelungenviertel größtenteils durch einerseits den verbleibenden Teil der Schmelz andererseits durch den Vogelweidplatz (und heutzutage die Stadthalle) getrennt sind (siehe Neu-Fünfhaus), nur im Bereich Hütteldorfer Straße und Preysinggasse / Tannhäuserplatz gehen diese Zonen ineinander über. Gerade diese Abgeschlossenheit nach zwei Seiten macht auch die Erkennbarkeit als Viertel aus.
Straßen und Plätze Das Viertel umfasst folgende Straßen und Plätze:
Alberichgasse Alliogasse Brunhildengasse Burjanplatz Camillo-Sitte-Gasse Costagasse Dankwartgasse Gernotgasse Giselhergasse Guntherstraße Hagengasse Krebsengartengasse Kriemhildplatz Loeschenkohlgasse Markgraf-Rüdiger-Straße Pilgerimgasse Langmaisgasse Plunkergasse Preysinggasse Reuenthalgasse Schweglerstraße Tellgasse Volkergasse Walkürengasse Witzelsbergergasse
Zu den Nibelungenbenennungen (z. B. Kriemhild, Brünhild oder Hagen von Tronje) siehe Nibelungensage#Wichtige Figuren im Nibelungenlied und in anderen Werken der Nibelungensage. Daneben weichen einige Gassen von diesem Benennungsschema ab, siehe zu diesem Thema ganz allgemein Liste der Straßennamen von Wien/Rudolfsheim-Fünfhaus.
Der Kriemhildplatz ist das Zentrum des Viertels, das Gebiet wird von Nord-Süd-Achsen geprägt, die es in seiner Gesamtheit durchqueren: Schweglerstraße / Camillo-Sitte-Gasse, Markgraf-Rüdiger-Straße und die nur einen Block nördlich der Hütteldorfer Straße beginnende Alliogasse (auch in dieses Schema gehört der östlich begrenzende Vogelweidplatz, der seit den 1960ern in Wirklichkeit größtenteils ein Straßenzug ist). Die Quergassen in Ost-West-Richtung sind, dem nicht ganz regelmäßigen Straßenraster entsprechend, kürzer sind als die Nord-Süd-Achsen, durchgängig ist nur die Loeschenkohlgasse.
Bauten Die Gegend um den Kriemhildplatz und entlang des Vogelweidplatzes ist von der Stadt Wien mit ein paar Häusern an der Hütteldorfer Straße zur baulichen Schutzzone Fünfhaus zusammengefasst.Karte der Schutzzone
Geprägt ist das Viertel vor allem von der ersten Bauphase, in der vier- bis fünfgeschoßige großbürgerliche Mietshäuser errichtet wurden, deren Stil die Spätphase der Wiener Secession widerspiegelt. Die Fassaden sind einerseits durch Erker, Giebel oder Dachaufbauten repräsentativ gestaltet, der Dekor ist aber andererseits sparsam und oft auf geometrische Formen wie Rautenfelder reduziert, auch florale Motive erfreuen sich einiger Beliebtheit. In den Dekorformen ist dabei neben der Orientierung am Secessionismus auch ein Rückgriff auf den Spätklassizismus („Biedermeier“) zu sehen, was den lokalen Charakter des Neoklassizismus in Wien ausmacht. Friedrich Achleitner charakterisiert diesen Stil exemplarisch in seiner Besprechung des 1912 entstandenen Hauses Alberichgasse Nr. 6:Friedrich Achleitner: Österreichische Architektur im 20. Jahrhundert, Band III/2, Residenz Verlag, Salzburg und Wien, 1995, S. 123.
In vielen Fällen sind originale Haustüren erhalten, die Foyers im Inneren sind oft verfliest und in den Stiegenhäusern finden sich noch einige Buntglasfenster.
Zu den bedeutendsten Architekten, die in der ersten Bauphase des Nibelungenviertel vor dem Ersten Weltkrieg Wohnbauten planten, zählt der durch die Kirche am Zentralfriedhof bekannte Max Hegele.
In der zweiten Bauphase nach dem Ersten Weltkrieg wurde die noch bestehenden Baulücken in erster Linie durch Gemeindebauten ausgefüllt, die vor allem in der Alliogasse den Charakter eines Ensembles annehmen. Drei der Bauten stammen aus der frühen Phase und sind nur etwas mehr als zehn Jahre später als die bürgerlich-repräsentativen Bauten rund um den Kriemhildplatz entstanden, haben noch einige Formen mit diesen gemeinsam, so dass sie sich ohne großen Kontrast in das Viertel einfügen. Über den Johann-Witzmann-Hof etwa wird gesagt, dass er eine repräsentative und nahezu bürgerliche Fassade hat, bzw. der Gesamteindruck an bürgerliche Villen der Vorstädte erinnert. Die Gemeindebauten der Zwischenkriegszeit stehen heute sämtlich unter Denkmalschutz.
In der dritten Bebauungsphase um und nach 1930 entstehen schlichtere und blockhaftere Gebäude wie die Gemeindebauten an der Gablenzgasse und Stutterheimergasse, ebenso wie die beiden schon nach 1934 entstandenen Kirchenbauten, die allerdings die wichtigsten öffentlichen Gebäude im Viertel sind. Diese Objekte liegen verstreut und in relativer Randlage.
Bauten aus der Nachkriegszeit befinden sich vor allem im südlichen Bereich in der Nähe der Hütteldorfer Straße, bilden aber nur im Bereich der Krebsengartengasse einen geschlossenen Verband.
Kirchen Im Viertel gibt es zwei Kirchengebäude.
Die Christkönigskirche am Kriemhildplatz wurde 1933/34 nach Plänen von Clemens Holzmeister als Gedächtniskirche für Bundeskanzler Ignaz Seipel errichtet. Die Initiative dazu kam von der christlichsozialen Abgeordneten Hildegard Burjan (auch Gründerin der Caritas Socialis), nach der nunmehr der Platz vor der Kirche benannt ist. Seipel wurde in dieser Kirche beigesetzt, ebenso wie Engelbert Dollfuß nach dem Juliputsch 1934. 1939 wurden beide Särge entfernt und die Toten auf Friedhöfen bestattet. Die Kirche bildet mit dem Pfarrhof und einem ehemaligen Fürsorgehaus (heute Pfarrkindergarten) eine rechteckige Anlage, die kreuzgangartig um einen Hof angeordnet ist. Das Hauptschiff und der höhere Ostchor sind mit Satteldächern ausgestattet, im Norden schließt ein niedriges Seitenschiff mit einem Dachreiter an. Die Fassaden sind glatt und mit kleinteilig verstäbten Rechteck- und Rundöffnungen versehen.Dehio X-XIX & XXI-XIII S. 338.
Ein weiteres Kirchengebäude im Nibelungenviertel ist die 1936/37 erbaute Zwinglikirche der Architekten Siegfried Theiss und Hans Jaksch, eine evangelische Kirche H.B. Es ist ein schlichter Rechteckbau mit Satteldach und Glockenreiter.Dehio X-XIX & XXI-XIII S. 349.
Kriemhildplatz Der zentrale Ort des ganzen Viertels ist der avenueartige Kriemhildplatz, an der Kreuzung mit der Markgraf-Rüdiger-Straße befindet sich auch die Christkönigskirche. Das Ensemble ist noch fast original erhalten, hier ist auch die anspruchsvollste und auch geschlossenste Verbauung mit repräsentativen großbürgerlichen Zinshäusern.Dehio X-XIX & XXI-XIII S. 363/364. Ausnahmen sind die Häuser Nr. 4, Nr. 9 und vor allem das 1932 von Viktor Charwot erbaute Eckhaus zur Alliogasse (Nr. 5, ident Alliogasse 14).
Nr. 1 (): Das Kopfgebäude zur Kirche hin stammt aus dem Jahr 1914 von Max Hegele. Es ist in den Formen zum gegenüberliegenden Eckhaus Nr. 10 identisch, das zur selben Zeit vom selben Architekten gebaut wurde. Bei den massigen Häusern dominiert das Mansarddach (die Dachformen der beiden Häuser beziehen sich aufeinander) und der sparsam eingesetzte Putzdekor im Stil der Wiener Werkstätte. Beiden Häusern sind auch originale Gittertüren und verflieste Foyers mit Wandbrunnen und floralen bzw. ornamentalen Farbglasfenstern gemeinsam. Nr. 2 (): Das Haus stammt aus dem Jahr 1912 und ebenso wie das Nachbarhaus von Karl Rossner und Franz Neuwirth. Es ist dreizonig gegliedert, die pilastergerahmten Seitenachsen sind hervorgehoben, mit Vasendekor versehen und weisen Bay-windows auf, das Dach hat in den Mittelachsen einen doppelten Spitzerker. Die Portalrahmung ist mit Eulenfiguren dekoriert. Das Foyer ist verfliest und stuckiert, mit Reliefs tanzender Figuren. Achleitner lobt die maßstäbliche Beziehung zum geräumigen Kriemhildplatz, die zeigt, dass sich die Architektur hier als Teil eines öffentlichen Raumes versteht.Friedrich Achleitner: Österreichische Architektur im 20. Jahrhundert, Band III/2, Residenz Verlag, Salzburg und Wien, 1995, S. 127. Nr. 3 (): Das zweite Haus von Rossner und Neuwirth stammt aus dem Jahr 1914. Die Fassade ist weniger rigoros strukturiert, dafür feiner dekoriert. Statt der mittleren Erker befinden sich die Spitzerker oberhalb der seitenachse. Portalfiguren sind hier Putti, auch im Foyer gibt es ein von Putti gehaltenes Becken. Nr. 6 & 7: (): Dieses monumentale, ein Drittel des Häuserblocks einnehmende Wohn- und Geschäftshaus (Identadressen Alliogasse 16–18, Gernotgasse 7–9) stammt von Clemens Kattner und wurde 1911/12 erbaut. Die Betonung der Mittelachsen zu Kriemhildplatz und Alliogasse erfolgt über Halbsäulen, Balkons und flankierende Erker. Achleitner sieht hier eine noch ganz in der Tradition des Historismus stehende Fassadengliederung, nur der Dekor weise auf die Entstehungszeit hin.Friedrich Achleitner: Österreichische Architektur im 20. Jahrhundert, Band III/2, Residenz Verlag, Salzburg und Wien, 1995, S. 128. Nr. 8 (): Dieses Gebäude wurde 1914/15 von Franz Zelenka erbaut. Nr. 10 (): Das andere Kopfgebäude entspricht Nr. 1, allerdings sind die Dachfenster zur Markgraf-Rüdiger Straße noch original erhalten. Die Wohnungen sind bereits mit Sanitäranlagen ausgestattet, was auch zu dieser Zeit noch nicht weit verbreitet war.
Östliche Erweiterung des Kriemhildplatzes, Burjanplatz, Langmaisgasse, Reuenthalgasse Dies ist die nicht sehr klar benannte Platzfläche um die Christkönigskirche (zu dieser siehe den entsprechenden Abschnitt), die die östliche Erweiterung des Kriemhildplatzes auf der anderen Seite der Markgraf-Rüdiger-Straße darstellt. In der Grünfläche um die Kirche sind auch fünf Relikte des Schmelzer Friedhofs aufgestellt, der sich östlich des Gebiets befand und 1782–1874 in Betrieb war (allerdings erst nach dem Ersten Weltkrieg geschleift wurde).