mini|240px|Sikandar Bag in Lakhnau nach der Erstürmung durch britische Truppen, Aufnahme von Felice Beato, März 1858 – Im Innenhof liegen die verwesten Leichen indischer Aufständischer Die Belagerung von Lucknow ist ein Ereignis des Indischen Aufstands von 1857 und neben der Belagerung von Kanpur aus britischer Sicht eines der beiden großen Opferdramen des von den Briten niedergeschlagenen Aufstands.Ward, S. 243 Die Garnison wurde von Anfang Juni bis zum 18. November von Briten gegen eine Übermacht von aufständischen Truppen und indischen Zivilpersonen verteidigt. Danach fiel Lucknow zunächst wieder in indische Hand. Die abseits der Grand Trunk Road liegende Garnisonsstadt wurde wegen ihres hohen symbolischen und strategischen Wertes am 15. März 1858 von britischen Truppen unter Führung von Sir Colin Campbell wieder eingenommen.
Lucknow war zuvor die Hauptstadt des indischen Staates Avadh gewesen. Unter Anwendung der Doctrine of Lapse war der Herrscher von Avadh wegen Missmanagement durch die Britische Ostindien-Kompanie 1856 entthront wurden. Die Annexion von Avadh gilt als eine der Ursachen des Ausbruchs des Aufstands von 1857.
Hintergrund der Belagerung mini|La Martiniere in Lucknow. Als ehemaliger Herrschersitz verfügte Lucknow über große Paläste und Gartenanlagen. Aufnahme von Felice Beato aus dem Jahre 1858 Wajid Ali Shah, der Herrscher von Avadh, war 1856 unter Anwendung der Doctrine of Lapse von der Britischen Ostindien-Kompanie entthront und nach Kalkutta exiliert worden. Innerhalb des Staates Avadh traf die Absetzung des Herrschers ebenso auf starke Ablehnung wie unter Teilen der Bevölkerung des restlichen indischen Subkontinents. Stark betroffen waren die Sepoys, die in der bengalischen Armee der Britischen-Ostindien-Kompanie Dienst taten und zu 60 Prozent aus Avadh stammten. Für viele ihrer noch in Avadh lebenden Familien führte die von den Briten strikt umgesetzte Steuergesetzgebung zur Verarmung. Neben der von der Britischen Ostindien-Kompanie verfolgten Sozial- und Wirtschaftspolitik, durch die weite Teile der indischen Bevölkerung Landrechte, Beschäftigungsmöglichkeiten und Einfluss verloren, sowie die im 19. Jahrhundert zunehmenden Anstrengungen, Indien zu christianisieren und die Annexion weiterer indischer Fürstenstaaten in den Jahren zuvor, gilt dies als eine der Ursachen des Aufstands. Hinzu kam eine wachsende Unzufriedenheit indischer Truppen mit ihren britischen Befehlshabern. Ausgangspunkt des Aufstands waren die Infanterie-Einheiten der Armee von Bengalen.Dalrymple, S. 10 Die Infanterie-Einheiten dieser Armee setzten sich – anders als bei den Armeen von Madras und Bombay – zum größten Teil aus Mitgliedern der höheren Hindu-Kasten (Brahmanen und Kshatriya) zusammen.Hibbert, S. 47 Kavallerie und Artillerie hatten einen deutlich höheren Muslim-Anteil. Da die Briten befürchteten, dass die Hindu-Soldaten Kastenbelange wichtiger nähmen als ihre Dienstpflicht, sah die Handelskompanie in dieser Konzentration eine Bedrohung der militärischen Disziplin.David (2006), S. 295 Um sicherzustellen, dass sie über moderne, schlagkräftige Truppen verfügte, die sie überall in Asien einsetzen konnte, nahm die Britische Ostindien-Kompanie zunehmend weniger Rücksicht auf Kastenbelange und erweiterte die Rekrutierungsbasis um Gurkhas und Sikhs. Letzteres traf insbesondere bei brahmanischen Sepoys auf starke Ablehnung.Wilson, S. 203 Im Jahr 1856 gebot der General Service Enlistment Act neuen indischen Rekruten den Dienst auch außerhalb Indiens. Mit Rücksicht auf Sepoys der höheren Hindu-Kasten war der Dienst im Ausland bis zu diesem Zeitpunkt freiwillig, da diese laut vorherrschender Meinung ihre Kastenzugehörigkeit verloren, wenn sie offenes Meer überquerten.
Als äußerer Auslöser des Aufstands gilt gemeinhin die Einführung des Enfield-Gewehrs, dessen Patronenhülsen nach einem unter britisch-indischen Streitkräften weitläufig verbreiteten Gerücht mit einer Mischung aus Rindertalg und Schweineschmalz behandelt war. Die Verwendung dieser Patronen stellte sowohl für gläubige Hindus wie Moslems einen Verstoß gegen ihre religiösen Pflichten dar. Am 10. Mai 1857 kam es zum offenen Aufstand in Merath, nachdem dort stationierte Truppen erstmals mit diesem neuen Gewehr exerzieren sollten. Während des Aufstands wurden etwa 50 britische Offiziere und Zivilpersonen ermordet. Die Aufständischen zogen noch in der Nacht nach Delhi ab, wo der 82-jährige Bahadur Shah Zafar II., der letzte der Großmogule, residierte. Sein Einflussbereich beschränkte sich auf seinen Palast, das Rote Fort in Delhi. Trotzdem galt er sowohl der indischen Bevölkerung als auch den indischen Provinzen und Staaten als nomineller Souverän. Delhi war daher der Ort, an dem sich die aufständischen Truppen sammelten.
Die Belagerung Vorbereitung auf die Belagerung Die Garnisonsstadt Lucknow stand unter Befehl von Sir Henry Lawrence. Er hatte nur wenige Wochen zuvor seinen Vorgänger abgelöst, der seit der Annexion des Staates Avadh glück- und taktlos agiert hatte. Die Nachrichten, die Sir Henry Lawrence über Delhi erreichten, waren für ihn der Anlass, Lucknow sofort auf eine Belagerung vorzubereiten. Anders als Hugh Wheeler, der die Garnisonsstadt Kanpur befehligte, stellte er sich auf eine länger währende Belagerung ein. Hugh Wheeler hatte dagegen unterstellt, dass aufständische Truppen sehr schnell nach Delhi abziehen würden und hatte seine Garnison daher nur auf eine kurze Belagerung vorbereitet. Die Residenz in Lucknow besaß dagegen ausreichend Proviant, um mehr als zwei Monate ohne Versorgung von außen zu überstehen. Innerhalb der Residenz stand ausreichend Trinkwasser zur Verfügung. Die zahlreichen Gebäude boten den Belagerten deutlich besseren Schutz als die in Kanpur. Auch ein Friedhof lag innerhalb des verteidigten Gebietes, wo die in Laken gehüllten Toten beerdigt werden konnten.Ward, S. 449 Die Anzahl der Belagerer war allerdings deutlich höher als in Kanpur und diese beschossen die verschanzte Residenz aus größerer Nähe als dies in Kanpur der Fall war. Nach dem Massaker am Sati Chowra gegen Ende Juni hatten die Vertreter in Kalkutta wenig Hoffnung, dass der Residenz in Lucknow vergleichbares erspart bliebe.Ward, S. 450
In Lucknow waren das 32. Regiment der britischen Armee sowie vier Regimenter der britischen Ostindien-Kompanie stationiertJames, S. 248; Henry Lawrence wagte es jedoch nicht, diese vier Regimenter zu entwaffnen, weil er befürchtete, dies könne der zündende Funke für den Ausbruch des Aufstands werden. Bereits ab dem 23. Mai ließ er Nahrungsmittel einlagern. Seine eigene Residenz und 16 daran angrenzende Gebäude boten bessere Verteidigungsmöglichkeiten als die eigentliche Garnison, so dass er diese für eine Belagerung vorbereiten ließ, indem Bastionen errichtet und Verteidigungsgräben gezogen wurden.Wilson, S. 216Ward, 243 Dort verschanzten sich 855 britische und 712 indische Offiziere und Soldaten sowie insgesamt 1433 britische Zivilisten. Unter den Zivilisten befanden sich Hunderte von Frauen und Kindern. Die meisten der in Lucknow stationierten indischen Truppen meuterten ab dem 30. Mai, dem muslimischen Fest des Fastenbrechens.
Schlacht von Chinhat Am 4. Juni begann der Aufstand in Sitapur, einer wichtigen und großen Militärstation, 82 Kilometer von Lucknow entfernt. Dem folgten weitere Unruhen in Faizabad, einer der wichtigsten Städte in der Provinz. Zu Aufständen kam es auch in Daryabad, Sultanpur und Salon. Im Verlauf von etwa 10 Tagen war damit Avadh nicht mehr in britischer Hand. Am 30. Juni erfuhr Henry Lawrence, dass sich Aufständische nördlich von Lucknow versammelten. Er versuchte, diese aufständischen Truppen in einer offenen Schlacht zu stellen, obwohl ihm nur wenige Informationen über Truppenstärke und Stellung der Aufständischen vorlagen. Obwohl Lawrence verhältnismäßig wenig Erfahrung im Führen einer Truppe hatte, leitete er den Angriff selbst. Die britischen Truppen waren genötigt, ohne Nahrung und mit nur unzureichender Wasserversorgung in der heißen Mittagssonne auf die rebellischen Truppen zuzumarschieren. Sie trafen auf eine gut organisierte Truppe von Aufständischen, die über Kavallerie verfügte und sich mit ihrer Artillerie eingegraben hatten. Die Schlacht von Chinhat wurde von den Briten verloren. Lawrence musste sich mit seinen Truppen wieder in die Residenz zurückziehen. Auf Seiten der Briten fielen 172 Europäer und 193 Inder, bevor sie sich wieder in die Garnison zurückziehen konnten.David (2006), S. 317 Einige der Flüchtenden erlagen einem Hitzschlag, kurz bevor sie die Residenz von Lucknow erreichten.
Beginn der Belagerung Lucknow war über viele Jahre der Sitz der Herrscher von Avadh gewesen. Die Stadt wies daher zahlreiche große und befestigte Gebäude auf. Die Residenz lag zwischen mehreren Palästen, Moscheen und Verwaltungsgebäuden. Lawrence weigerte sich zunächst, diese abreißen zu lassen und drängte seine Ingenieure, vor allem die Moscheen und Tempel in der Umgebung der Residenz zu verschonen. Während der Belagerung erwiesen diese sich jedoch als Stützpunkte der Aufständischen.
Der erste Angriff der Aufständischen wurde am 1. Juli zurückgeschlagen. Machchhi Bhawan; ein Palast im Osten der Residenz wurde dabei evakuiert und gesprengt. Zu den ersten Todesopfern nach Beginn der Belagerung zählte Henry Lawrence. Am 2. Juli schlug eine Kanonenkugel in seinem Raum ein, die seine Hüfte zertrümmerte. Er starb am 4. Juli an den Folgen dieser Verletzung. Den militärischen Oberbefehl übernahm Colonel Sir John Inglis vom 32. Regiment. Der sterbende Lawrence übertrug Major Banks die Zivilverwaltung der Garnison. Banks wurde jedoch wenige Tage später gleichfalls getötet, so dass Inglis beide Posten übernahm.
Die Zahl der Belagerer setzte sich zu Beginn des Juli 1857 aus etwa 8.000 aufständischen Sepoys sowie mehreren hundert indischen Zivilpersonen zusammen. Sie verfügten über einige moderne Artillerie. Während der ersten Wochen gab es mehrere couragierte Angriffe der Belagerer auf die Residenz. Sie konnten von den Belagerten in der Residenz jedoch immer erfolgreich zurückgeschlagen werden. Wie bei anderen Auseinandersetzungen des Aufstands von 1857 fehlte es der indischen Seite vor allem an Befehlshabern, die Erfahrung im Führen größerer Truppen sowie eine taktische Ausbildung hatten und deren Befehlshoheit von allen Aufständischen anerkannt wurde.
Auf Grund der schlechten hygienischen Bedingungen brachen in der Residenz sehr bald Cholera und Ruhr aus, die ähnlich viele Opfer forderten wie der Beschuss durch die aufständischen indischen Truppen. Durchschnittlich starben täglich mehr als 20 der Belagerten; viele der Opfer waren Kinder.David (2006), S. 334 Ende August verteidigten nur noch 650 Mann die Garnison; weitere 120 waren zu krank oder zu verletzt, um sich an der Verteidigung zu beteiligen. Von den Frauen und Kindern lebten nur noch 450.
Versuche zur Beendigung der Belagerung Erster Vormarsch von Sir Henry Havelock