Die Radjedef-Pyramide (auch als Djedefre-Pyramide bekannt) ist die Ruine einer altägyptischen Pyramide, deren Bau in der 4. Dynastie um 2580 bis 2570 v. Chr. für König (Pharao) Radjedef (Djedefre), Sohn und Nachfolger des Königs Cheops, begonnen, aber vermutlich nicht vollendet und später exzessiv ihrer Steine beraubt wurde. Sie befindet sich beim heutigen Ort Abu Roasch und ist nach der nicht mehr vorhandenen Pyramide von Athribis und der benachbarten Lepsius-I-Pyramide die drittnördlichste bekannte Pyramide Ägyptens.

In populärwissenschaftlichen Darstellungen wird die Radjedef-Pyramide oft fälschlich als „vierte Pyramide von Gizeh“ bezeichnet, obwohl sie etwa 8 km von der Nekropole von Gizeh entfernt liegt.

Erforschung Die Forschungsgeschichte erstreckt sich über weit mehr als 150 Jahre. Zum ersten Mal erforscht wurde die erste Hauptpyramide um 1840 von John Shae Perring; er konzentrierte sich mit seiner Arbeit auf ihre Substruktur. Karl Richard Lepsius katalogisierte die Pyramide und eine mögliche Königinnenpyramide in seiner Pyramidenliste unter den Nummern Lepsius II und III. In den 1880er Jahren untersuchte Flinders Petrie das Bauwerk. Eine systematische Untersuchung des Komplexes fand jedoch erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts statt, als 1901 Émile Gaston Chassinat mit weiteren Forschungen begann. In den 1920er Jahren folgten Pierre Montet und Fernand Bisson de la Roque. Weitere Forschungen wurden erst wieder in den 1960er Jahren von Vito Maragioglio und Celeste Rinaldi unternommen. Ein französisch-schweizerisches Team der Expedition des Institut Francais d’Archéologie Orientale, unter Leitung von Michel Valloggia, begann ab 1995 mit der bislang genauesten Ausgrabung des Komplexes.

Bauumstände miniatur|König Radjedef (Kopf einer bei der Radjedef-Pyramide gefundenen Sphinx-Statue)

Der Pyramidenkomplex wurde von König Radjedef (auch unter der Schreibweise Djedefre bekannt), dem Sohn des Cheops, während seiner vermutlich nur achtjährigen HerrschaftT. Schneider: Lexikon der Pharaonen. Albatros, Düsseldorf 2002, ISBN 3-491-96053-3, S. 102. erbaut. Die Länge der Regierungszeit ist allerdings umstritten und kann nach anderen Theorien bis zu 25 Jahre betragen haben.Peter Jánosi: Giza in der 4. Dynastie. Die Baugeschichte und Belegung einer Nekropole des Alten Reiches. Band I: Die Mastabas der Kernfriedhöfe und die Felsgräber. Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 2005, ISBN 3-7001-3244-1, S. 72.

Radjedef führte die Bestattung seines Vaters in der Cheops-Pyramide in Gizeh durch, was durch Inschriften in den dortigen Schiffsgruben belegt ist. Für sein eigenes Grabmal wählte er einen etwa 8 km weiter nordwestlich gelegenen Ort bei der heutigen Ortschaft Abu Roasch.Alberto Siliotti: Pyramiden – Pharaonengräber des Alten und Mittleren Reiches. Erlangen 1998, S. 92 Die Pyramide war deutlich kleiner als die Bauten seiner beiden Vorgänger, wobei die Gründe für die Größenreduktion ungeklärt sind. Das Grabmal steht auf einer Anhöhe, die das Gizeh-Plateau um etwa 80 mHöhenangaben aus Google Earth: Abu Roasch ≈150 m ü. d. M., Gizeh ≈70 m ü. d. M. überragt, was trotz der kleineren Pyramide eine prominente und weithin sichtbare Platzierung des Bauwerks ermöglichte, die in der Gesamthöhe somit mit der Cheops-Pyramide vergleichbar war. Für den Ortswechsel könnten theologische Gründe im Rahmen des zunehmenden Sonnenkults verantwortlich sein. Radjedef war der erste König, der den Titel Sohn des Re (Sa Ra) führte. Früher angenommene Streitigkeiten mit seinen Geschwistern um die Thronfolge hat es neueren Forschungen zufolge nicht gegeben.Miroslav Verner: Die Pyramiden. Reinbek bei Hamburg 1999, S. 247 ff: Die Pyramide des Djedefre.Mark Lehner: Geheimnis der Pyramiden. Düsseldorf 1997, S. 120 ff Djedefre in Abu RoaschRainer Stadelmann: Die ägyptischen Pyramiden. Vom Ziegelbau zum Weltwunder. Mainz 1997, S. 126 ff. Die neue Ortswahl bedingte einen sehr langen Aufweg zum Pyramidenbezirk, dessen Länge auf ca. 1700 m geschätzt wird.

Der Steinbruch für das Material des Pyramidenkerns befand sich etwa 2 km östlich, in der Nähe der Lepsius-I-Pyramide und eines Mastaba-Friedhofs. Die Dicke der Schichten des dort vorkommenden Kalksteins stimmen mit den Steingrößen der Pyramide überein.Bernard Mathieu: Chantiers archéologiques et programmes de recherche. Etudes égyptologiques et papyrologiques. 1. Abou Rawash. In: BIFAO Band 100, 2000, S. 447–452.

Grad der Fertigstellung Ob die Radjedef-Pyramide wirklich fertiggestellt und später bis zum heutigen Zustand abgetragen wurde, ist nach wie vor Gegenstand der wissenschaftlichen Kontroverse. Als Tatsache kann festgestellt werden, dass der Komplex so weit fertiggestellt wurde, dass ein funktionierender Totenkult möglich war, da Priester des Radjedef-Kults bis in die 6. Dynastie nachgewiesen sind.Dietrich Wildung: Die Rolle ägyptischer Könige im Bewusstsein ihrer Nachwelt. Teil I: Posthume Quellen über die Könige der ersten vier Dynastien. In: Münchener Ägyptologische Studien. Band 17, Deutscher Kunstverlag, München / Berlin 1969, S. 193–199. Die eigenartige Integration von Werkstattgebäuden in den Totentempel spricht dafür, dass die Fertigstellung der Tempelanlagen überstürzt vonstattengegangen sein muss, da keine neuen Gebäude errichtet, sondern die bestehende Bausubstanz umfunktioniert wurde.Peter Jánosi: Die Pyramiden – Mythos und Archäologie. München 2004, S. 71–72.

Abtragung durch Steinraub Die Radjedef-Pyramide ist als einzige der großen Pyramiden der 4. Dynastie fast vollständig von Steinräubern abgetragen worden, während die meisten anderen Bauwerke dieser Epoche einen ausnehmend gut erhaltenen Kernbereich besitzen. Der Steinraub begann vermutlich bereits in der Ramessidenzeit und setzte sich durch das Mittelalter hinweg bis ins 19. Jahrhundert fort. Der Höhepunkt der Zerstörung lag aber in römischer Zeit. Petrie berichtete, dass selbst in den 1880er Jahren immer noch Steinmaterial in der Menge von etwa 300 Kamelladungen pro Tag abtransportiert wurde. Nicht nur das Kernmauerwerk, sondern auch fast der gesamte Unterbau der Pyramide wurden so zerstört. Begünstigt wurde dies zum einen durch die abgeschiedene Lage des Bauwerks und zum anderen dadurch, dass die Pyramide eine große Menge des wertvollen Rosengranits enthielt.

Die Pyramide Die ursprüngliche Basislänge betrug etwa 106,2 m (etwa 200 Königsellen), wovon heute noch 97 m erhalten sind. Bei einem vermuteten Neigungswinkel von 52° hätte die Pyramide eine Höhe von 67 m und ein Gesamtvolumen von 131.043 m³ erreicht. Die Ausrichtung der Pyramide weicht nur um etwa 0,8° von den exakten Himmelsrichtungen ab. Sie war über einem kleinen Hügel errichtet worden, der etwa 44 % des Gesamtvolumens der Pyramide ausmachte und so zu einer deutlichen Arbeits- und Materialersparnis führte und möglicherweise zudem als Symbol des Urhügels der altägyptischen Schöpfungsmythologie diente. Durch den freiliegenden Schacht der Substruktur ist dieser Hügel gut erkennbar. Fertiggestellt entsprach das Bauwerk in der Größe etwa der Mykerinos-Pyramide in Gizeh.

Das Kernmauerwerk bestand aus in horizontalen Schichten verlegten Kalksteinblöcken. Diese waren von unterschiedlicher Größe und teilweise unregelmäßiger Form, wobei dadurch entstandene Lücken teilweise mit Gipsmörtel verfüllt wurden. Aufgrund der starken Zerstörung ist heute nicht mehr ersichtlich, ob der Pyramidenkern eine Stufenstruktur, wie sie z. B. bei der Mykerinos-Pyramide nachgewiesen ist, besaß.

miniatur|Die geneigten Verkleidungssteine der Radjedef-Pyramide Die Verkleidung der Pyramide bestand im unteren Bereich erstmals aus Rosengranit, der dazu aus Assuan heran transportiert werden musste. Der obere Bereich sollte vermutlich mit der üblichen Verkleidung aus feinem Tura-Kalkstein versehen werden, jedoch fehlt dafür der Fundbeleg. Bei Ausgrabungen im Bereich der Pyramide fanden sich nur Granit-Verkleidungssteine, die einen Außenwinkel von 60° bis 64° aufwiesen, woraus ursprünglich gefolgert wurde, dass es sich hier um eine überdurchschnittlich steile Pyramide handelte. Allerdings ergaben Grabungen an der Pyramidenbasis ein um 12° nach innen geneigtes Fundament der Verkleidung. Diese Technik diente zur Verbesserung des Halts der Verkleidung und wurde bereits zuvor an den Königinnenpyramiden der Cheops-Pyramide angewandt. Durch die geneigte Anbringung der Verkleidungssteine, nicht aber des Kernmauerwerks, verringerte sich der Neigungswinkel der Pyramide auf 48° bis 52°. Heute geht man von einem Seitenwinkel von 52° aus, was dem Neigungswinkel der Cheops-Pyramide entspricht.Michel Valloggia: Au coeur d’une pyramide. Une mission archéologique en Egypte. Gollion 2001, S. 54. Die Neigung des Fundaments wird an den Ecken der Pyramide geringer und geht schließlich in die Horizontale über. Dadurch wird eine komplizierte Formung der Ecksteine vermieden.Nicolas Grimal: Chantiers archéologiques et programmes de recherche. Etudes égyptologiques et papyrologiques. 2. Abou Rawash. In: BIFAO Band 98, 1998, S. 502.

Das Fehlen von Bruchstücken von Tura-Kalkstein-Verkleidungsblöcken in der Trümmerhalde lässt die Vermutung zu, dass der Bau der Pyramide nicht über den etwa 20 Steinlagen hohen, mit Rosengranit verkleideten Bereich hinausgekommen ist.

Der Name der Pyramide, „Sternenzelt des Radjedef“, wurde auf Inschriften gefunden. Eine alternative Übersetzung lautet „Zum Firmament gehört Djedefre“.Mark Lehner: Geheimnis der Pyramiden. S. 17: Statistische Angaben zu den wichtigsten Pyramiden.

Die Substruktur Der Unterbau (Substruktur) der Radjedef-Pyramide markiert eine Abkehr von dem seit Snofru zu beobachtenden Trend, die Grabkammer immer höher in den Pyramidenkörper zu verlegen. Hier wurde erneut eine komplett unterirdische Anordnung der Grab- und Vorkammern verwirklicht, wobei der Bau in einem offenen Graben erfolgte und nach Fertigstellung aufgemauert wurde.

miniatur|550px|zentriert|Substruktur der Radjedef-Pyramide (Rekonstruktion nach Maragioglio und Rinaldi)A = Graben der Substruktur, später mit Kalkstein ausgemauert. Ausmauerung nicht mehr erhaltenB = Kammern der Substruktur, Rosengranit, nicht mehr erhaltenC = Gang, vermutlich mit Kalkstein ausgekleidet, nicht mehr erhalten, mündete in etwas höher gelegene VorkammerD = Kalksteinmauerwerk des Pyramidenkorpus, noch erhaltenE = Reste der Pyramidenverkleidung, RosengranitF = Oberfläche des Pyramidenaufbaus, nicht mehr erhalten

Die absteigende Passage war in einem Graben mit einer Länge von 44,25 m und einer Breite von 5,5 m am Boden angelegt worden. Das Gefälle beträgt 22° 35′. Der Boden ist immer noch mit feinem Tura-Kalkstein bedeckt, auf dem die Passage gebaut worden war.Michel Valloggia: Au coeur d’une pyramide. Une mission archéologique en Egypte. Gollion 2001, S. 59. Im Graben der absteigenden Passage fanden sich Granitfragmente, die Bauarbeiterinschriften des ersten Jahres der Viehzählung des Radjedef tragen. Ob die Passage aus Granitblöcken bestand, ist bislang noch nicht sicher belegt.Michel Valloggia: Au coeur d’une pyramide. Une mission archéologique en Egypte. Gollion 2001, S. 60.