mini|Technisches Rathaus, Juli 2008 mini|Nordfassade zur Braubachstraße, April 2008 mini|Der südwestliche der vier Baukörper war der niedrigste, er hatte zum Markt hin vier und zum Nürnberger Hof (links) fünf Stockwerke, April 2008 Das Technische Rathaus war von 1974 bis 2009 Sitz der technischen Ämter der Stadtverwaltung Frankfurt am Main. Das Verwaltungsgebäude befand sich in der Braubachstraße 15 in der Altstadt, die Rückseite lag hingegen zum Alten Markt. Es wurde von 1972 bis 1974 nach Plänen der Architektengemeinschaft Bartsch, Thürwächter und Weber errichtet. Der Standort grenzte an den Domhügel, den ältesten und vermutlich seit keltischer Zeit ununterbrochen besiedelten Frankfurter Siedlungsboden, in unmittelbarer Nachbarschaft zum Kaiserdom St. Bartholomäus und zum Römerberg.
Aufgrund seiner relativen Größe gegenüber den umliegenden Gebäuden, seiner Architektur und seines Standorts im historischen Kernbereich der Altstadt gehörte das Technische Rathaus zu den umstrittensten Bauwerken der Frankfurter Architekturgeschichte. 2005 beschloss die Stadt den Abriss des Gebäudes. Von April bis November 2010 wurde das Technische Rathaus bis zum Erdgeschoss abgebrochen, das Erdgeschoss, die Untergeschosse und Teile der Tiefgarage folgten von Mai 2011 bis Januar 2012. 2012 bis 2017 wurde das Areal zwischen Dom und Römer mit der Neuen Frankfurter Altstadt bebaut. Seit dem 9. Mai 2018 sind der wiedererstandene Hühnermarkt und der Straßenzug Hinter dem Lämmchen wieder zugänglich.Rainer Schulze: In der neuen Frankfurter Altstadt fallen heute die Bauzäune. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 9. Mai 2018, S. 33.
Lage mini|links|Die Lage, Juni 2007 mini|Ansicht vom Anfang der Braubachstraße, Mai 2009 mini|Überlagerungsdarstellung auf den Altstadtbestand von 1862 mit Nachträgen bis 1944(Chromolithografie von Friedrich August Ravenstein) Das Gebäude war eine städtebauliche Dominante im Herzen der historischen Frankfurter Altstadt, zwischen Braubachstraße, Nürnberger Hof, Altem Markt und Hof Rebstock. Der Alte Markt ist kein Platz, sondern eine Straße und entspricht dem historischen „Krönungsweg“, den die Festprozession bei Kaiserkrönungen vom Kaiserdom St. Bartholomäus zum Römerberg, nahm.
Das Gebäude grenzte im Westen an die Reste des Nürnberger Hofs, von dem noch eine spätgotische Tordurchfahrt erhalten ist (Madern Gerthener, 1410). Jenseits dieses schmales Gässchens steht das nach dem Zweiten Weltkrieg wiederaufgebaute Steinerne Haus. Im Süden grenzte es an die 1983 bis 1986 erbaute Kunsthalle Schirn sowie an den 1972/73 freigelegten Archäologischen Garten mit Resten der römischen Niederlassung auf dem Domhügel sowie der frühmittelalterlichen Königspfalz Frankfurt, dazwischen die Zugänge zum U-Bahnhof Dom/Römer und eine Tiefgarage. Im Südosten reichte das Technische Rathaus bis auf etwa 30 Meter an den Domturm heran.
Das Technische Rathaus überdeckte die ehemaligen Straßenzüge Hinter dem Lämmchen, Neugasse und den an den Alten Markt angrenzenden Hühnermarkt. Ihre kleinteilige Bebauung wurde bei den Luftangriffen 1944 zerstört, die Trümmer bis 1950 abgeräumt.
Im Osten war das Technische Rathaus über dem ehemaligen Hof Rebstock teilweise direkt an das frühere Hauptzollamt (Werner Hebebrand, 1927) angebaut, das 2004 bis 2006 vom Bistum Limburg zum Bildungs- und Tagungszentrum Haus am Dom umgebaut wurde. Im Norden lag das Gebäude an der Braubachstraße. Für den Bau des Technischen Rathauses wurden fünf Gebäude an der Braubachstraße abgebrochen, die aus dem 16. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts stammten und den Zweiten Weltkrieg überstanden hatten.
Planungs- und Baugeschichte Der Wettbewerb 1963 Die Planung des Technischen Rathauses geht auf den Dom-Römer-Wettbewerb von 1963 zurück. Der erste Wettbewerb zum Wiederaufbau der Frankfurter Altstadt fand nicht die Begeisterung der Jury und wurde im Zentrum der Altstadt nicht umgesetzt. Aus den drei Siegerentwürfen und den im Vorfeld relevant diskutierten Beiträgen entwickelte das Stadtplanungsamt 1951 einen Leitplan für die Fluchtlinien und die bauliche Einzelplanung, der in den Bereichen am Mainufer, rund um den Dom und an der Berliner Straße realisiert wurde, nicht jedoch im Zentrum der Altstadt zwischen Dom und Römer.Müller-Raemisch (s. Lit.), S. 56–64.
Nach Abschluss des Wiederaufbaus der übrigen Altstadt wurde 1963 ein zweiter Wettbewerb zur Gestaltung der zentralen Altstadt ausgeschrieben. Anders als 1950 waren hier nicht nur hessische Architekten zugelassen, sodass sich namhafte internationale Architekten mit Beiträgen beteiligen konnten. Wie der erste Wettbewerb fand auch der zweite unter maßgeblicher Federführung des Baudezernenten Hans Kampffmeyer statt.
Das von der Stadt vorgegebene Wettbewerbsprogramm war eng gefasst und ließ den Teilnehmern wenig Gestaltungsspielräume. Ein Verwaltungsgebäude für die technischen Ämter sollte etwa die Hälfte der zu schaffenden Fläche einnehmen. Weitere zu realisierende Funktionen waren eine zentrale Stadtbibliothek, eine Ausstellung namens Frankfurt und die Welt, die die auswärtigen Beziehungen Frankfurts präsentieren sollte, eine Jugendmusikschule, ein Kunstkabinett, eine Kleinkunstbühne, Hotels, Restaurants und Läden.Müller-Raemisch (s. Lit.), S. 342.
Zu den Teilnehmern des Wettbewerbs gehörten große Namen der deutschen und internationalen Moderne, darunter Kampffmeyers Amtsvorgänger Ernst May und Walter Gropius, Hans Scharoun, Candilis-Josic-Woods und Arne Jacobsen. Zur Jury gehörten u. a. die Frankfurter Architekten Johannes Krahn und Max Meid sowie der Hannoveraner Stadtplaner Rudolf Hillebrecht und der Wiener Architekt Franz Schuster, ein ehemaliger Mitarbeiter Mays in Frankfurt.
Das Preisgericht schied alle Arbeiten, die sich offensichtlich nicht an die Wettbewerbsvorgaben gehalten hatten, in den ersten Runden aus. Dazu gehörten Entwürfe, die das gesamte Raumprogramm in einem einzigen Großbau unterbringen wollten, wie etwa Candilis-Josic-Woods, die das Wettbewerbsgebiet kurzerhand nach Süden erweiterten und eine amorphe Großstruktur vorschlugen, die von der Braubachstraße bis zum Mainufer reichen, aber von ihren Bewohnern nach Belieben veränderbar sein sollte.Müller-Raemisch (s. Lit.), Abb. auf S. 344. Auch die Arbeiten von Hans Scharoun, Fred Forbát und Ernst May, die (im Falle des Letzteren trotz bester Ortskenntnis) ihrem Entwurf ein selbst für den damaligen Geschmack vom Genius Loci und der städtebaulichen Konfiguration der Altstadt zu wenig beeinflusstes orthogonales Raster zugrunde legten, wurden früh aussortiert.
Die Jury kürte das junge Frankfurter Architektenteam Bartsch-Thürwächter-Weber zum Sieger des Wettbewerbs. Sie war von ihrem Beitrag derart überzeugt, dass sie statt eines Zweiten Preises drei Dritte Preise vergab. Zu diesen gehörte Scharoun, der eine an sein Berliner Kulturforum erinnernde, „organische Stadtlandschaft“ entworfen hatte, die er als „gegliedertes Tal mit belebten Randzonen“Müller-Raemisch (s. Lit.), Abb. auf S. 343. bezeichnete, die das Preisgericht aber durch den niedrigen Flachbau am Römerberg, der keine rechte Fassung dieses Platzes war, nur bedingt überzeugte. Ein weiterer dritter Preis ging an die Gemeinschaft Apel-Beckert-Praeckel (ABB, in Frankfurt vor allem durch die im selben Jahr fertiggestellte Theaterdoppelanlage der städtischen Bühnen bekannt), deren Entwurf streng rechtwinklig orientiert, aber wenigstens in mehrere mittelgroße Baukörper gegliedert war.
Der Siegerentwurf mini|links|Südseite des Baus im Jahr 2009. Das Gitterwerk der Fassade ist eine Reverenz an die Fachwerkbauweise. Der siegreiche Entwurf von Bartsch, Thürwächter und Weber war ebenfalls in sich rechtwinklig strukturiert und gliederte sich in vier große Bereiche.
An der Ostseite des Römerbergs war das Ausstellungshaus Frankfurt und die Welt vorgesehen, das als einziges vom Rechten Winkel abwich und sich ähnlich dem Scharounschen Entwurf in unregelmäßigen, stumpfwinkligen Formen zeigte. Es füllte nicht die gesamte Breite der vormaligen Häuserzeile aus, sondern ließ nach Norden (Alter Markt) und Süden (Saalgasse) große Flächen offen, so dass vor dem Steinernen Haus und östlich der Alten Nikolaikirche kleine Plätze entstanden. Letzterer wahrte immerhin in seinen Dimensionen (er reichte ungefähr vom Chor der Kirche bis zum ehemaligen Fünffingerplätzchen) durchaus die Proportionen der zerstörten Altstadt, hatte aber in dieser Form oder an dieser Stelle nie existiert. Der geplante Platz am Steinernen Haus existierte früher zwar in winziger Form tatsächlich, der nun vorgeschlagene Platz war aber etwa halb so groß wie der Römerberg und nahm diesem damit völlig die frühere Einzigartigkeit als offener Raum inmitten einer extrem eng bebauten Umgebung.
An die Ausstellungshalle schlossen sich östlich zwei große, streng rechtwinklige Baukörper an, eine zur Nikolaikirche hin offene dreiflügelige Anlage mit großem Innenhof, und ein sehr kompakter, geschlossener Bauteil, der die Jugendmusikschule beherbergen sollte. Beide Komplexe wurden durch eine Gasse etwa in Höhe der ehemaligen Straße Lange Schirn voneinander getrennt, allerdings durch zwei Brücken miteinander verbunden. Nördlich der Musikschule lag die freizuhaltende Fläche für die ausgegrabenen Ruinen der Königspfalz.
Zwischen Altem Markt und Braubachstraße war das „Verwaltungsgebäude für technische Ämter“ vorgesehen, ein in sieben Bauteile gegliederter Komplex. Ähnlich der vier Hauptteile des verwirklichten Baus waren an den Ecken des Grundstücks unterschiedlich hohe Gebäude vorgesehen, von drei durch das Hotel zu nutzenden Stockwerken im Südwesten neben dem Steinernen Haus bis zu acht im Nordosten an der Ecke Braubach-/Domstraße. Zwischen den beiden Baukörpern am Alten Markt zog sich ein niedriger zweigeschossiger Riegel mit den in der Auslobung geforderten Läden und Künstlerateliers. Nördlich parallel dazu zog sich ein weiterer, deutlich höherer Gebäuderiegel mit sechs Geschossen, der ungefähr die Traufhöhe der 60 Jahre alten Bebauung in der Braubachstraße aufnahm. Im Zentrum der Anlage wuchs aus diesem Riegel ein zehngeschossiger Turm. Zwischen diesem und dem Flachbau am Alten Markt lag ein Innenhof.
In einem städtebaulichen Wettbewerb ist es unüblich, die Architektur der Einzelgebäude im Detail verbindlich festzulegen, die im Modell gezeigten Baukörper der technischen Ämter waren jedoch streng rechtwinklig, wenngleich asymmetrisch, dargestellt.
Der Entwurf nahm den historischen Krönungsweg entlang des Alten Markts als bestimmendes Element auf, überhöhte ihn jedoch durch seine Aufweitung um eine Vielfaches der früheren Straßenbreite, durch den ahistorischen Platz vor dem Steinernen Haus und durch die früher nie bestehende direkte Sichtbeziehung zwischen Römer und Domturm. Der Markt war bis zur Zerstörung eine etwa acht Meter breite Straße, die in Höhe der Langen Schirn leicht nach Norden abknickte und deshalb keine direkte Blickbeziehung auf Straßenniveau bot, allerdings ragte der Domturm als Markenzeichen der Straße sichtbar über die Häuser der südlichen Straßenseite.
Der Siegerentwurf fand auch die Zustimmung der „Freunde Frankfurts“, dem Nachfolgeverein des von Fried Lübbecke gegründeten „Bundes tätiger Altstadtfreunde“, der in jenen Jahren den Großteil des bürgerlichen Engagements um eine altstadtgerechte Bebauung hinter sich vereinte. Der Verein schrieb, dies allerdings angesichts der überarbeiteten Pläne von 1969, die Version von 1963 „[…] war nie ein Alptraum der Frankfurter Bevölkerung. Er fügt sich in das Stadtbild an dieser Stelle harmonisch ein, gefährdet nirgends die wenigen erhaltenen historischen Bauten ringsum.“Flugblatt der „Freunde Frankfurts“ (s. Weblinks). Diese Sicht ist im Zusammenhang mit der nun folgenden weiteren Entwicklung der Planungsgeschichte zu sehen.
Der überarbeitete Entwurf von 1969