Skorpion II. war ein altägyptischer Herrscher (Pharao) der prädynastischen Zeit (0. DynastieIn der Ägyptologie werden die Könige vor der frühdynastischen Zeit allgemein mit „Könige der 0. Dynastie“ betitelt. Hermann A. Schlögl verweist auf den präziseren Ausdruck „Protodynastische Könige“, der die 0. Dynastie charakterisiert; siehe hierzu: Hermann A. Schlögl: Das alte Ägypten. Beck, München 2008, ISBN 3-406-48005-5, S. 59.), welcher etwa um 3100 v. Chr. regierte. Ägyptologen schließen nicht aus, dass Skorpion II. zu jenen Königen gehörte, die eine vorübergehende regionale Einigung erwirken konnten.

Es bleibt jedoch unklar, welche Gebiete eventuell durch Skorpion II. vereint wurden. Hinzu kommt, dass die Regionen von Ober- und Unterägypten in der Prädynastik noch anders verteilt waren, weshalb eine sichere Aussage zu den beherrschten Gebieten der frühen Könige nicht getroffen werden kann. Von Skorpion II. selbst sind nur wenige Artefakte und Schriftzeugnisse erhalten. Skorpions genaue chronologische Position und Regierungsdauer bleibt aufgrund der Fundlage unsicher.

Name, Identität und zeitliche Zuordnung Zum Namen mini|hochkant|Die Goldrosette, das Symbol für „König“Sonderzeichen M86; siehe Rainer Hannig: Großes Handwörterbuch Ägyptisch-Deutsch. Mainz 2006, S. 1444, dort allerdings als „Blume“ bezeichnet.

Skorpions Name wird auf seinem Keulenkopf von einer sechsstrahligen Goldrosette eingeleitet, deren Symbolik und Herkunft Gegenstand intensiver Forschungen istAnton Moortgat: Die Goldrosette – ein Schriftzeichen?. In: Altorientalische Forschungen. Nr. 21, Institut für Orientforschung, Berlin 1994, S. 359–371. und in der Prädynastik zunächst als Allgemeinwappen für „König“ benutzt wurde. Ludwig David Morenz deutet die Goldrosette daher als zeitgenössisches Gegenstück zum besser bekannten Serech. Toby Wilkinson liest die Goldrosette ebenfalls als Symbol für „König“.Toby Wilkinson: Early Dynastic Egypt: Strategy, Society and Security. London 1999, S. 191. Nach Thomas Schneider besitzt die Goldrosette zu Skorpions Zeit den Lautwert neb („Herr“), der neben „nesu“Rainer Hannig: Großes Handwörterbuch Ägyptisch-Deutsch. Mainz 2006, S. 455. als Titel für damalige Könige diente. Im weiteren Verlauf der altägyptischen Geschichte fand die Goldrosette als Wappen für die Göttin Seschat Anwendung.Thomas Schneider: Das Schriftzeichen „Rosette“ und die Göttin Seschat. In: Studien zu altägyptischen Kultur. Nr. 24. Buske, Hamburg 1997, , S. 241–267.

Die Lesung und Deutung von Skorpions Namen ist mit Schwierigkeiten verbunden, da über die Übersetzung des Skorpionswappens zur Zeit von Skorpion II. mangels weiterer Belege nur spekuliert werden kann. Der Herrscher wird daher im Allgemeinen schlicht „König Skorpion II.“ genannt.Gay Robins: The Art of Ancient Egypt. Cambridge 2008, S. 34. Die Bedeutung von Skorpions Wappentier wird von einigen Ägyptologen mit der Göttin Selket in Verbindung gebracht. Deren Name ist allerdings erst seit den Pyramidentexten des Alten Reiches sicher bezeugt und wird mit „Selket/Serqet“ transliteriert und mit Srq.t transkribiert.Christian Leitz u. a.: Lexikon der ägyptischen Götter und Götterbezeichnungen. (LGG) Band 6, Peeters, Leuven 2002, ISBN 90-429-1151-4, S. 439–440. Jan Assmann verweist in diesem Zusammenhang auf die vielschichtige Deutungsmöglichkeit eines abgebildeten Tieres. So kann einerseits der Skorpion direkt gemeint sein oder andererseits als Determinativ seine typischen Wesenszüge charakterisieren, wobei ohne zusätzliche Informationen unklar bleibt, ob ein Bezug auf eine einzelne Eigenschaft vorliegt oder ob alle Verhaltensweisen eines Skorpions mit dem Namen verbunden sind.Jan Assmann: Stein und Zeit: Mensch und Gesellschaft im Alten Ägypten. Fink, München 2003, ISBN 3-7705-2681-3, S. 91.

In der Ägyptologie ist außerdem strittig, ob Skorpions Name tatsächlich bereits als Horusname belegt ist. Die Aufschriften der aus Minschat Abu Omar stammenden Tongefäße liest Dietrich Wildung als Serech mit dem Namen „Horus Skorpion“, wobei er auf die zusätzlichen Vermerke „Diener des Horus Skorpion“ verweist. Zudem deutet Wildung die Abbildung eines geduckten Falken als Symbol des Horusnamens und der Gottheit Horus, die sich als Schriftzeichen im oberen Bereich des Serechs befindet.Hermann Alexander Schlögl: Das alte Ägypten. Beck, München 2008, ISBN 3-406-48005-5, S. 61.

Identität und zeitliche Zuordnung mini|hochkant|Gefäßritzung mit Skorpions Namen (Stark stilisierter Skorpion im Serech)Dietrich Wildung: Ägypten vor den Pyramiden. Mainz 1986, Abbildung 36.

In der Ägyptologie ist die Existenz eines Herrschers „Skorpion“ umstritten.Toby Wilkinson: Early Dynastic Egypt: Strategy, Society and Security. London 1999, S. 56–57. Weder Vorgänger noch Nachfolger von Skorpion II. können bisher zufriedenstellend nachgewiesen werden. Skorpions Name wird von einigen Ägyptologen in Zusammenhang mit der Goldrosette als Beiname von König Narmer gedeutet, da Narmer bereits einen festen Serechnamen führt. Der Kunst- und Bearbeitungsstil im Relief des Keulenkopfs von Skorpion zeigt zudem eine frappierende Ähnlichkeit mit der Dekoration des Prunkzepters von Narmer.Bernadette Menu: Enseignes et porte-étendarts. In: Bulletin de l’Institut Francais d’Archéologie Orientale. Nr. 96, Institut Français d’Archéologie Orientale, Kairo 1996, , S. 339–342.

Günter Dreyer und Werner Kaiser sehen in ihm den Nachfolger des Ka und Vorgänger des Narmer.Thomas Schneider: Lexikon der Pharaonen. Düsseldorf 2002, S. 276. Jochem Kahl vermutet aufgrund der Fundlage ein geteiltes Oberägypten, in dessen südwestlicher Region Skorpion II. herrschte, während Narmer zeitgleich im nördlichen Oberägypten seine Regentschaft ausübte. Wolfgang Helck setzt dagegen aufgrund unsicherer Lesung vier weitere Königsnamen zwischen Skorpion II. und Narmer und ordnet Skorpion II. als letzten König einer „Hierakonpolis-Dynastie“ zu, die von König Iri als Begründer der nachfolgenden Thinitendynastie abgelöst wurde.

Toby Wilkinson betrachtet Skorpion II. hingegen als einen „Gegenkönig“ von Narmer und König Ka und vermutet neben Renée Friedman sowie Bruce Trigger, dass Skorpion II. in Hierakonpolis regiert hat, da sich die wenigen Funde auf ebendiese Region konzentrieren. Auch die Stiftung des Keulenkopfs an Hierakonpolis unterstreicht diese Annahme.Toby Wilkinson: Early Dynastic Egypt: Strategy, Society and Security. London 1999, S. 39.

Regierungszeit mini|hochkant|Rechit im Käfig (Kiebitzpalette)Henri Asselberghs: Chaos en beheersing: Documenten uit Aeneolithisch Egypte. In: Documenta et monumenta orientis antiqui. Nr. 8, Brill, Leiden 1961, S. 336–337, Bildtafel 90, Abb. 159.

Hinsichtlich der prädynastischen Gebietsaufteilung kann mit großer Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen werden, dass unter Skorpion II. bereits ein festes Gebilde von Ober- und Unterägypten existierte und dass Oberägypten unterägyptische Regionen insgesamt eroberte, die eine großflächige Reichseinigung zur Folge hatten. Die rote Krone des Nordens, die später symbolisch Unterägypten kennzeichnete, stand in prädynastischer Zeit noch für den nördlichen Teil von Oberägypten, während die weiße Krone hauptsächlich von Königen im südlichen Oberägypten getragen wurde.Jochem Kahl: Ober- und Unterägypten: Eine dualistische Konstruktion und ihre Anfänge. München 2007, S. 16. Zudem markierten die Grenzen von Ober- und Unterägypten in dieser Epoche gegenüber dem späteren Verlauf noch völlig andere Gebiete, weshalb neben Narmer und Skorpion II. auch Lokalkönige ihren Regierungsanspruch geltend machten.Jochem Kahl: Ober- und Unterägypten: Eine dualistische Konstruktion und ihre Anfänge. München 2007, S. 11–12.

Die zahlreichen Siegesstandarten im Dekor des Keulenkopfes lassen die Annahme zu, dass Skorpion II. einen Teil der ägyptischen Gebiete unter seine Kontrolle bringen konnte. Wahrscheinlich wurden die meisten der hinzugewonnenen Provinzen friedlich eingemeindet. Ob Skorpion II. tatsächlich in allen nördlichen Rechit-Provinzen Gewalt anwenden musste, bleibt dabei unklar. In der Ägyptologie wird in diesem Zusammenhang die Frage diskutiert, ob die Rechit zu Skorpions Zeiten feste Gebiete im Nildelta besaßen oder ob die aufgeknüpften Kiebitzvögel allgemein für „Gefangene, Untertanen“ sowie „Rebellen“ stehen. Der Triumph über die „Rebellen“ ist auf dem Keulenkopf wiedergegeben: An von Göttersymbolen und Totemtieren geführten Gau-Standarten sind Kiebitzvögel aufgeknüpft.

Einer der größten Wirtschafts- und Machtfaktoren werden wohl die Bewässerungsanlagen gewesen sein, deren Entwicklung und Nutzung unter Skorpion II. ihren ersten Höhepunkt erreicht haben dürften. Michael Allen Hoffman verweist unter Berufung auf die Dissertationen von Karl W. Butzer auf die Zunahme von Hinweisen auf Anlegung und Nutzung künstlicher Bewässerungssysteme; nicht nur auf dem königlichen Keulenkopf. Bewässerungsanlagen erlaubten einen erweiterten Anbau von Getreide, Gemüse und die Aufzucht von Nutzvieh.Michael Allan Hoffman: Egypt before the pharaohs: The prehistoric foundations of Egyptian Civilization. Routledge & Kegan Paul, London 1980, ISBN 0-7100-0495-8, S. 312–326.

Mögliche Grabanlagen Das Grab des Skorpion II. gilt bislang als unentdeckt, jedoch werden auf spekulativer Basis zwei bislang nicht zugeordnete Grabstätten als mögliche Gräber in Betracht gezogen. Günter Dreyer sieht in der in der abydenischen Nekropole Umm el-Qaab gelegenen Grabanlage „B50“ eine mögliche Begräbnisstätte. Grab „B50“ ist eine fast quadratische Kammer, die durch eine kreuzförmige Lehmziegelmauer in vier Räume aufgeteilt ist. Sie liegt sehr nahe an den Grabanlagen der Könige Ka und Aha.

Als weitere Möglichkeit wird von Michael Allan Hoffman ein Grab in der Nekropole von Hierakonpolis (HK6, Grab 1) in Betracht gezogen.Michael Allan Hoffman: Before the Pharaohs: How Egypt Became the World’s First Nation-State. In: The Sciences. New York Academy of Sciences, New York 1988, S. 40–47. Dieses besteht aus Lehmziegelmauern in einer Grube und war ursprünglich mit Holzplanken bedeckt.Michael Rice: Egypt’s Making: The Origins of Ancient Egypt 5000 – 2000 BC. Routledge, London 1991, ISBN 0-415-06454-6 (Online-Version). Das 3,5 m × 6,5 m große und 2,5 m tiefe Grab konnte auf den Zeitraum zwischen 3105 und 2945 v. Chr. datiert werden. Für keines der Gräber gibt es einen schlüssigen archäologischen Beleg für die Zuordnung.

Funde und ihre Auswertungen mini|hochkant|Keulenkopf des Skorpion II., Bild des Herrschers mini|hochkant|Keulenkopf des Skorpion II.

Der Keulenkopf des Skorpion II. Das bekannteste Artefakt, das zugleich als Einziges mit absoluter Sicherheit Skorpion II. zugeordnet werden kann, ist der so genannte „Keulenkopf des Skorpion II.“ aus dem „Schatzdepot“ von Hierakonpolis, auf dem ein König mit der weißen Krone Oberägyptens zu erkennen ist. Vor seinem Gesicht ist ein Skorpion zu sehen, weshalb anzunehmen ist, dass dadurch der Name des Königs dargestellt werden sollte. Direkt über dem Skorpion befindet sich eine sechsstrahlige Goldrosette.Ludwig David Morenz: Bild-Buchstaben und symbolische Zeichen. S. 151–154. Der Keulenkopf ist zwar an seiner Oberfläche stark beschädigt, doch der Großteil der in erhabenen Reliefs gearbeiteten Dekoration ist sehr gut erhalten. Die dargestellte Szene ist recht komplex und bietet wertvolle Informationen zu Skorpion II.