mini|hochkant|Original-Verlagsumschlag der Erstausgabe

Deutschland und die Deutschen ist eine Rede Thomas Manns, die er am 29. Mai 1945 in der Forschungsbibliothek des US-Kongresses, der Library of Congress, zunächst in englischer Sprache hielt. Die deutsche Fassung wurde im Oktober 1945 in der Zeitschrift Die neue Rundschau veröffentlicht. Wie bei den etwas später entstandenen Essays Nietzsches Philosophie im Lichte unserer Erfahrung und Dostojewski – mit Maßen handelt es sich bei dem Vortrag um eine essayistische Begleitarbeit zum umfangreichen Zeitroman Doktor Faustus.

Einige Wochen nach der deutschen Kapitulation und vor dem Hintergrund der Auswirkungen des Zweiten Weltkrieges bewertete Thomas Mann die politische und geistesgeschichtliche Stellung Deutschlands. Er befasste sich mit der deutschen Innerlichkeit und Romantik, in denen er Eigenarten des deutschen Wesens erblickte, und suchte nach seelischen Konstanten, die sowohl die Bedeutung der deutschen Kultur wie die verhängnisvolle, schuldhafte Verstrickung in den Nationalsozialismus begreifbar machen sollten. Der Nationalsozialismus erscheint dabei als Teil der Geschichte der deutschen Innerlichkeit, die sich in der Reformation und der romantischen Bewegung gezeigt habe.

Inhalt mini|hochkant|Thomas Mann, 1937

Persönliche Einleitung Thomas Mann eröffnet die Rede mit persönlichen Anmerkungen über seine US-amerikanische Staatsbürgerschaft und sein erstaunliches, „patriarchalisches“ Alter. Das Leben sei aus dem Stoff, „aus dem die Träume gemacht sind“, womit er auf die Worte Prosperos aus Shakespeares Drama Der Sturm anspielt.Prospero: Diese unsre Schauspieler, wie ich euch vorhin sagte, sind alle Geister, und zerflossen wieder in Luft, in dünne Luft, und so wie diese wesenlose Luftgesichte, so sollen die mit Wolken bekränzte Thürme, die stattlichen Paläste, die feyrlichen Tempel, und diese grosse Erdkugel selbst, und alles was sie in sich faßt, zerschmelzen, und gleich diesem verschwundnen unwesentlichen Schauspiel nicht die mindeste Spur zurücklassen. Wir sind solcher Zeug, woraus Träume gemacht werden, und unser kleines Leben endet sich in einen Schlaf--mein Herr, ich bin beunruhigt… Er zitiert eine Stelle aus dem Tod in Venedig: Es sei wünschenswert, lange zu leben, um als Künstler „auf allen Lebensstufen charakteristisch fruchtbar zu sein.“ In der Novelle wünscht Gustav von Aschenbach „sehnlichst, alt zu werden, denn er hatte von jeher dafür gehalten, dass wahrhaft groß, umfassend, ja wahrhaft ehrenwert nur das Künstlertum zu nennen sei, dem es beschieden war, auf allen Stufen des Menschlichen charakteristisch fruchtbar zu sein.“Thomas Mann: Der Tod in Venedig. In: Thomas Mann: Gesammelte Werke in dreizehn Bänden. Band 8, Fischer, 1974, S. 451.

Ein waghalsiges Unternehmen Es sei zwar ein „waghalsiges Unternehmen“, über Deutschland und die Deutschen zu sprechen, das Thema sei aber unvermeidbar und dränge sich auf, denn kaum ein Gespräch sei denkbar, das nicht auf das „deutsche Problem, das Rätsel im Charakter und Schicksal dieses Volkes verfiele, welches der Welt unleugbar so viel Schönes und Großes gegeben hat und ihr dabei immer wieder auf so verhängnisvolle Weise zur Last gefallen ist.“ Das Schicksal Deutschlands und die geschichtliche Katastrophe erzwinge ein Interesse, auch wenn dieses sich des Mitleids weigere. Es wäre für einen deutsch Geborenen unangemessen, Mitleid erregen zu wollen und das Land zu verteidigen. Auf der anderen Seite stehe es ihm ebenfalls schlecht zu Gesicht, aus „Willfährigkeit gegen den unermesslichen Hass, den sein Volk zu erregen gewusst hat, es zu verfluchen und zu verdammen und sich selbst als das ‚gute Deutschland‘ zu empfehlen.“ Wenn man als Deutscher geboren sei, habe man mit deutschem Schicksal und deutscher Schuld zu tun. Allerdings seien Wahrheiten, die man über das eigene Volk zu sagen versuche, nur „das Produkt der Selbstprüfung“.Thomas Mann: Essays. Band 5: Deutschland und die Deutschen. Fischer, Frankfurt 1996, S. 262.

Thomas Mann vertieft sich in die deutsche Seelenlage und versucht, die psychische Empfänglichkeit des Deutschtums zu ermitteln und am Beispiel des mit dem Teufel paktierenden Fausts, des Repräsentanten der deutschen Seele, die Gefahr der deutschen Tiefe beispielhaft herauszuarbeiten. Hierbei treten die deutsche Innerlichkeit und die deutsche Romantik ins Zentrum einer von Nietzsches Psychologie und Begrifflichkeit ausgehenden Analyse. Die Vielschichtigkeit der deutschen Seelenlage wird mit Hilfe urdeutscher Persönlichkeiten wie Martin Luther und Tilman Riemenschneider, Johann Wolfgang von Goethe und Otto von Bismarck veranschaulicht.

Deutsche Weltbedürftigkeit mini|hochkant|Lübeck

Im deutschen Wesen vereinigen sich nach Thomas Mann Weltbedürftigkeit und Weltscheu, Kosmopolitismus und Provinzialismus, eine Erfahrung, die er schon früh gemacht hatte: So wirke die Schweiz im Vergleich zu Deutschland weniger provinziell, sei von westlicher Luft durchweht und „weit mehr ‚Welt‘, europäisches Parkett, als der politische Koloss im Norden, wo das Wort ‚international‘ längst schon zum Schimpfwort geworden war und ein dünkelmütiger Provinzialismus die Atmosphäre verdorben und stockig gemacht hatte.“ Thomas Mann beklagt die „modern-nationalistische Form deutscher Weltfremdheit, deutscher Unweltlichkeit, eines tiefsinnigen Weltungeschicks, die in früheren Zeiten zusammen mit einer Art von spießbürgerlichem Universalismus, einem Kosmopolitismus in der Nachtmütze sozusagen, das deutsche Seelenbild abgegeben hatte.“

Dem deutschen Seelenbild hafte etwas Dämonisches, „Skurril-Spukhaftes“ an, das zu empfinden ihm seine persönliche Herkunft erleichtert habe. Schon in der Atmosphäre der Heimatstadt Lübeck, die zwar protestantisch, mit ihren verwinkelten Gassen, dem spitz getürmten Stadtbild, der Totentanz-Malerei der Marienkirche allerdings vom gotischen Mittelalter geprägt sei, spüre man „etwas von latenter seelischer Epidemie“, was seltsam sei bei einer „verständig-nüchternen modernen Handelsstadt.“ Man könne sich vorstellen, plötzlich einer „Kinderzug-Bewegung“, einem Sankt Veitstanz, einer Kreuzwunder-Exzitation mit „mystischem Herumziehen des Volkes“ zu begegnen. Thomas Mann verbindet diesen „altertümlich-neurotischen Untergrund“, der äußerlich von kauzigen Originalen, den „Sonderlinge(n)“ und „harmlos Halb-Geisteskranke(n)“, dem „alte(n) Weib mit Triefaugen und Krückstock“ geprägt war, mit einem typischen Grundzug des deutschen Gemüts und suggeriert dessen Verbindung mit dem Dämonischen.

Faust und deutsche Musik mini|hochkant|Faust in seinem Studierzimmer

Faust, der Held des größten deutschen Werkes, sei ein Mensch zwischen Mittelalter und Humanismus, der seine Seele aus vermessenem Erkenntnistrieb an den Teufel verkaufe. „Wo der Hochmut des Intellekts sich mit seelischer Altertümlichkeit und Gebundenheit gattet, da ist der Teufel.“ Dieser Teufel erscheint bei Mann als typisch deutsche Figur, „das Bündnis mit ihm, die Teufelsverschreibung, um unter Drangabe des Seelenheils für eine Frist alle Schätze und Macht der Welt zu gewinnen, als etwas dem deutschen Wesen eigentümlich Naheliegendes. Ein einsamer Denker und Forscher, ein Theolog und Philosoph in seiner Klause, der aus Verlangen nach Weltgenuß und Weltherrschaft seine Seele dem Teufel verschreibt, – ist es nicht ganz der rechte Augenblick, Deutschland in diesem Bilde zu sehen, heute, wo Deutschland buchstäblich der Teufel holt?“Thomas Mann: Essays. Band 5: Deutschland und die Deutschen. Fischer, Frankfurt 1996, S. 264.

Die Musik ist ein weiterer Schwerpunkt in der Betrachtung des Musikliebhabers Thomas Mann, der mehrfach – in Essays, vor allem aber in seinem Doktor Faustus – auf ihre Zweideutigkeit, ihren dämonischen Charakter, ihre seelischen Gefahren und Verführungskünste aufmerksam gemacht hatte. Die passionierteste, wirklichkeitsfernste Kunst sei die eigentliche Sphäre Fausts. Ohne sie sei er nicht wirklich zu verstehen. Schon der Christ Kierkegaard habe in seinem Aufsatz über Mozarts Don Giovanni auf ihre dämonische Seite aufmerksam gemacht. „Soll Faust der Repräsentant der deutschen Seele sein, so müsste er musikalisch sein, denn abstrakt und mystisch i. e. musikalisch, ist das Verhältnis des Deutschen zur Welt, […] ungeschickt und dabei von dem hochmütigen Bewusstsein bestimmt, der Welt an ‚Tiefe‘ überlegen zu sein.“ Die Tiefe bestehe in der Musikalität der deutschen Seele, der „Innerlichkeit“ – dem „Auseinanderfallen des spekulativen und des gesellschaftlich-politischen Elements menschlicher Energie …“ Die Deutschen seien dabei „Musiker der Vertikale, nicht der Horizontale, größere Meister der Harmonie […] als der Melodik, […] dem Spirituellen in der Musik weit mehr zugewandt als dem Gesanghaft-Volksbeglückenden. Sie haben dem Abendland […] seine tiefste, bedeutendste Musik gegeben.“Thomas Mann: Essays. Band 5: Deutschland und die Deutschen. Fischer, Frankfurt 1996, S. 266.

Luther und Goethe mini|hochkant|Martin Luther, Porträt von Lucas Cranach d. Ä., 1529

Thomas Mann zeichnet Martin Luther, die „Inkarnation deutschen Wesens“, als äußerst musikalisch. In seiner antirömischen, evangelischen Freiheit trete aber auch das „Cholerisch-Grobianische, das Schimpfen, Speien und Wüten“ hervor, das mit „zarter Gemütstiefe und dem Aberglauben an Dämonen, Incubi und Kielkröpfe“ verbunden sei. Thomas Mann hätte den Gegner Luthers, Papst Leo X., als Tischgast vorgezogen, den „freundlichen Humanisten“, den er als Kardinal Giovanni de’ Medici in dem Drama Fiorenza auftreten ließ und den Luther als „des Teufels Sau, der Babst“ beschimpft hatte. mini|hochkant|In Goethe ist der Gegensatz Luther-Erasmus aufgehoben

Der Gegensatz zwischen Luther und dem Humanisten Erasmus von Rotterdam, mit dem sich Thomas Mann seit längerer Zeit beschäftigt hatte, sei in Goethe versöhnend aufgehoben. „Goethe ist über diesen Gegensatz hinaus und versöhnt ihn. Er ist die gesittete Voll- und Volkskraft, urbane Dämonie. Geist und Blut auf einmal, nämlich Kunst … Mit ihm hat Deutschland in der menschlichen Kultur einen gewaltigen Schritt vorwärts getan – oder sollte ihn getan haben; denn in Wirklichkeit hat es sich immer näher zu Luther als zu Goethe gehalten.“

Luther sei eine befreiende und zugleich rückschlägige Kraft, ein „konservativer Revolutionär“. Durch seine kongeniale Bibelübersetzung habe er die deutsche Sprache dauerhaft geprägt, ja eigentlich geschaffen, die Sprache, die Goethe und Nietzsche vollendeten. Trotz seiner Bedeutung als Befreier aus scholastischen Fesseln, Erneuerer der Gewissensfreiheit und Förderer der europäischen Demokratie, trotz seiner Wichtigkeit für die Entwicklung der idealistischen Philosophie und Psychologie durch die pietistische Gewissensprüfung, habe er nichts von politischer Freiheit verstanden. Seine Freiheit war die innere, geistliche des Christenmenschen, während ihm die des Staatsbürgers zuwider war. Das zeige sich in seinem Verhältnis gegenüber dem Bauernaufstand, den er als „wüste Kompromittierung seines Werkes, der geistlichen Befreiung sah […]. Wie tolle Hunde hieß er die Bauern totschlagen und rief den Fürsten zu, jetzt könne man mit Schlachten und Würgen von Bauernvieh sich das Himmelreich erwerben […]. Für den traurigen Ausgang dieses ersten Versuchs einer deutschen Revolution […] trägt Luther, der deutsche Volksmann, ein gut Teil Verantwortung.“Thomas Mann: Essays. Band 5: Deutschland und die Deutschen. Fischer, Frankfurt 1996, S. 268.