miniatur|Mahadev Govind Ranade Mahadev Govind Ranade () (* 18. Januar 1842; † 16. Januar 1901) war ein indischer Richter, Autor und Sozialreformer, der vor allem im Zusammenhang mit der Bildung der Indian National Social Conference in Bombay bedeutenden Einfluss auf die indische Nationalbewegung des späten 19. Jahrhunderts nahm.
miniatur|Ranade-Statue am Rande des Oval Maidan, auf der Seite zur Churchgate Station, Mumbai
Herkunft und beruflicher Werdegang
Mahadev Govind Ranade wurde als Kind einer einfachen, aber keineswegs armen Brahmanenfamilie aus der Untergruppe der Citpavan-BrahmanenV.G. Hatalkar: M.G. Ranade. In: S.P. Sen (Hgb.): Historians and Historiography in Modern India. Calcutta : Institute of Historical Studies 1973. S. 165–184; A. R. Kulkarni: Maratha Historiography. New Delhi : Manohar 2005, S. 199–223, hier S. 212: a chitpavan brahman by caste in Niphad geboren, einem kleinen Dorf im Nasik-Distrikt in Maharashtra, ca. 200 Kilometer nordöstlich von Bombay. Seine Kindheit verbrachte er in der ehemaligen marathischen Fürstenstadt Kolhapur im Südwesten Maharashtras, wo er zunächst an einer Marathi-Grundschule eine Primärausbildung, dann an der Kolhapur English School bis 1856 eine englische Schulausbildung erhielt. 1857, im Alter von vierzehn Jahren, wechselte er auf die Elphinstone High School, 1858 begann er ein Jura-Studium am soeben neu gegründeten Elphinstone College in Bombay. Drei Jahre später zählte er zu den ersten 21 Studenten, die dort ihr Examen ablegten. 1862 erlangte er hier den B.A. (Bachelor of Arts), 1864 den M.A. (Master of Arts), und 1866 schloss er sein Studium mit Auszeichnung an der Government Law School mit dem LL.B. (Legum Baccalaureus, Bachelor of Laws) ab.Vgl. J. Kellock: Mahadev Govind Ranade. Patriot and Social Servant, Calcutta 1926, Reprint New Delhi 2003, S. 8–9. Der Gelehrte, Orientalist und Sozialreformer R.G. Bhandarkar zählte zu seinen Studienkollegen. Ab 1861 lehrte Ranade am Elphinstone College Geschichte, Geographie, Arithmetik, Wirtschaftswissenschaften, Logik und Englisch. Ab 1862 lehrte er zusätzlich die Sprache Marathi.Vgl. Kellock, S. 12–13. 1866 ernannte ihn die University of Bombay zu ihrem ersten indischen Fellow.
Die englische Bildung hatte zweifellos maßgebenden Einfluss auf Ranades Leben und seine Karriere als Reformer. Er beherrschte die englische Sprache perfekt, und mit der englischen Literatur öffnete sich ihm eine ganz neue Ideenwelt.Vgl. Kellock, S. 10. Er war sich der hohen Bedeutung europäischer Bildung bewusst. Auch in der britischen Kolonialherrschaft sah er für Indien mehr Vor- als Nachteile:
„The important thing about any body of knowledge is that it should tell us what we are, what our duty is, what we are to do in this world, what our rights are, and such like matters. This is the knowledge we ought to seek after, no matter wether it originated in our own country or in a foreign country. Now that knowledge has been more or less discovered by the European learning, whereas even in the flourishing times of our Indian learning there is no trace of it … the English rule should be regarded as a fortunate occurrence for India.“Zitiert nach Kellock, S. 11.
Nach einer kurzen Tätigkeit als Richter im britischen Protektorat Kolhapur ab September 1867 wurde Ranade im März 1868 zum Assistenz-Professor für Englisch und Geschichte am Elphinstone College in Bombay ernannt. Neben seiner Lehrtätigkeit nahm er verschiedene richterliche Aufgaben am High Court in Bombay wahr, bis er 1871 schließlich nach bestandener Rechtsanwaltsprüfung von der Regierung von Bombay zum Richter in Pune ernannt wurde.Vgl. Kellock, S. 14–15. Als äußerst gewissenhafter Richter, der jedem Urteil gleich viel Bedeutung beimaß und penibel darauf bedacht war, alle Quellen zu berücksichtigen, erwarb er sich hohes Ansehen.Vgl. Kellock, S. 20–21.
Im Januar 1878 wurde Ranade, mittlerweile der Kopf der Sozialreformbewegung in Maharashtra und damit den Briten ein Dorn im Auge, vom neuen Gouverneur in Bombay, Sir Richard Temple, nach Nasik versetzt. Bereits im März 1881 wurde er jedoch zum Subordinate Judge berufen und kehrte wieder in seine geliebte Stadt Pune zurück. 1884 wurde er zum Richter am Small Courses Court in Pune berufen, worauf in der anglo-indischen Presse bittere Beschwerden gegen seine Ernennung aufkamen, denn in der Regel wurden derart hohe Posten in der Justiz mit Engländern aus dem Indian Civil Service besetzt. Noch vehementere Kritik erhob sich, als Ranade 1893 nach dem Tod des Sozialreformers K.T. Telang dessen Sitz am Bombay High Court einnahm. Zwar war man sich über seine Eignung einig, denn durch seinen Fleiß und seine akribische Arbeitsweise hatte er sich überall hohes Ansehen erworben. Jedoch war es vor allem sein starkes Engagement in der Nationalbewegung, die seine Ernennung verzögerten. Als er den Posten schließlich dennoch erhielt, feierte ihn ganz IndienVgl. Kellock, S. 60–69., in Maharashtra galt er gar als "ungekrönter König"Hatalkar, Ranade, S. 166.
Engagement
Religion
1867 wurde in Bombay der Prarthana Samaj (ungefähr „Gebetsrunde“) gegründet, dem Ranade noch im selben Jahr beitrat. Die Gruppe hatte sich das Ziel gesetzt, Prinzipien eines aufgeklärten Theismus zu verbreiten, basierend auf den Veden. Vorbild des Prarthana Samaj war der Brahmo Samaj, der 1828 von Ram Mohan Roy in Kalkutta gegründet worden war. Im Gegensatz zu ihm machten sich die Mitglieder des Prarthana Samaj jedoch für eine Beseitigung der sozialen Missstände stark.Vgl. R.P. Tucker: Ranade and the Roots of Indian Nationalism, Bombay 1972, S. 57–59. Obwohl selber Citpavan-Brahmane, wandte sich Ranade gegen Kastenvorurteile, betonte die Zufälligkeit der Geburt (accidents of birth) und die Bedeutung regionaler und nationaler Einheit, auch unter Einschluss der Muslime."... die Tugenden des Lernens, der Frömmigkeit und der Dienst am Staat [sind] kein brahmanisches Monopol, und sie wurden durch harte Arbeit, nicht durch die Zufälle der Geburt erzielt"; Ranade, zit. nach Kulkarni, Maratha Historiography, S. 212 (Original auf Englisch)
Wirtschaft
Ranade war davon überzeugt, dass sich die Konzepte der europäischen Wirtschaftswissenschaftler nicht auf Indien anwenden ließen, da die Menschen hier durch den starken Einfluss von Kaste und Familie nicht als Individuum frei handeln können. Statt für einen freien Wettbewerb plädierte er daher für staatliche Einflussnahme, Indien müsse sich selbst ausländischen Investoren öffnen, damit die Industrialisierung im Land vorangetrieben werden könne.
1890 gründete Ranade in Pune die Industrial Association of Western India mit dem Ziel, Indien der wirtschaftlichen Unabhängigkeit einen Schritt näher zu bringen. Mittlerweile waren selbst Kleidungsstücke aus dem Ausland billiger als die eigens produzierten, dasselbe Schicksal hatte Rohstoffe wie Wolle, Seide und Öl ereilt. Als Abhilfe forderte er daher staatliche Subventionen.Vgl. V. Grover: Mahadev Govind Ranade, New Delhi 1991 (Political Thinkers of Modern India; 3), S. 85.
Im Gegensatz zu den meisten anderen indischen Nationalisten sah Ranade die Kolonialherrschaft Großbritanniens über Indien nicht als Ursache für die Armut des Landes an. Als Hauptgründe der Armut nannte er vielmehr: 1. Abhängigkeit von der Landwirtschaft, 2. Mangel an Investitionskapital für neue Industrien (v. a. Eisen), 3. veraltetes Kreditsystem, 4. Überbevölkerung in manchen Regionen, 5. fehlende Risikobereitschaft in der Bevölkerung, 6. Unvereinbarkeit der traditionsgebundenen Sozialstruktur der indischen Gesellschaft mit den Erfordernissen einer mobilen Wirtschaft.Zu Ranades wirtschaftlichen Ansichten vgl. V.P. Varma: Mahadeva Govinda Ranade, in Idem: Modern Indian Political Thought, 6. ed., Agra 1978, S. 163–167.
Geschichtsschreibung
Ein weiteres wichtiges Tätigkeitsfeld Ranades war die Geschichtsschreibung. Zusammen mit K.T. Telang schrieb er an einem Geschichtswerk über die Marathen im 17. Jahrhundert, das allerdings wegen Telangs Tod nicht vollendet werden konnte. Lediglich der erste Teil, „Rise of the Maratha Power“, wurde 1900 als Zusammenfassung einer Essayreihe veröffentlicht, ein Jahr vor Ranades Tod. Mit diesem Werk zeigte er erstmals auf eine jüngere indische Vergangenheit, auf die es sich stolz zu sein lohne, anstatt wie die anderen indischen Geschichtsschreiber vor ihm nach einem „Goldenen Zeitalter“ in früher Vorzeit zu suchen.Vgl. Kellock, S. 181; Zur Veröffentlichung Ranades vgl. M.G. Ranade: Rise of the Maratha Power and other Essays, Reprint of the 1. ed. 1901, Bombay 1961. Mit der Beschreibung der Hindu-Macht der Marathen, die sich im 17. Jahrhundert fast über den gesamten indischen Subkontinent ausbreitete, brachte er eine neue Sichtweise in die indische Geschichtsschreibung ein. Nach seiner Interpretation rangen die Engländer die Macht auf dem indischen Subkontinent nicht vorrangig den Mogulherrschern, sondern den Marathen ab, die sich erfolgreich von dem Joch der muslimischen Herrschaft befreit hatten. Auch mit einer gehörigen Portion Maratha-Patriotismus ist das Werk nüchtern und weise im Urteil. Als Verdienst ist vor allem die exzellente Charakterisierung des Marathen-Herrschers Shivaji (1617–1680) zu werten, den Ranade für einen erstrangigen Reichsgründer und Staatsmann hielt. Die Erwachung Maharashtras sei ein erstes Beispiel der Nationenbildung in Indien, da es keine aristokratische Bewegung gewesen sei, sondern eine, die von der gesamten Bevölkerung getragen wurde.Vgl. Varma, S. 160–161. Die religiösen Strömungen der Marathenzeit, die Shivaji förderte, mit ihrer Kritik an überkommenen Riten verglich Ranade mit der Reformationsbewegung in Europa"Was der Protestantismus für die bürgerliche Freiheit in Westeuropa tat, wurde in kleinerem Maßstab in Indien umgesetzt"; Ranade, zit. nach Hatalkar, Ranade, S. 174. Dem ersten Teil seines Werks ("Rise") sollten eigentlich zwei weitere ("Progress", "Fall"") folgen, die jedoch durch Ranades Tod nicht zustande kamen.Hatalkar, Ranade, S. 166 f.
Ranade wertete Shivajis Regierungsrat, den Ashta Pradhan, als ein konstitutionelles Element, das durchaus mit dem Rat des Vizekönigs in Indien vergleichbar sei. Spätere historische Forschungen haben jedoch ergeben, dass Ranade aus der aktuellen Sicht die Vergangenheit zu unkritisch gelesen hatte und dem Ashta Pradhan eine viel größere Bedeutung beimaß, als es diesem zustand. Denn der Rat tagte nur sehr unregelmäßig, wenn überhaupt. Doch als Ranade seine Interpretation vorlegte, traf sie genau den Nerv der Zeit. Sie wurde weithin dankbar als Beweis dafür aufgenommen, dass Inder bereits früh in der Lage waren, ohne Hilfe westlicher Vorbilder eine konstitutionelle und repräsentative Regierung zu bilden.
Seine historischen Arbeiten trugen Ranade den Titel "Vater der Marathengeschichte" ein.Hatalkar, Ranade, S. 179
Politik
Die Ausgangslage
Mit dem zunehmenden Kontakt mit der westlichen Welt begann ein Teil der indischen Gesellschaft, die eigenen Bräuche und Werte in Frage zu stellen. Vor allem folgende Themen wurden zum Kern der öffentlichen Debatte: Kinderheirat; Verbot der Wiederheirat für Witwen; Ehen mit großem Altersunterschied (junge Mädchen und alte Männer); System der Mitgift; Verweigerung der Bildung für Frauen; Spaltung der Gesellschaft durch das Kastensystem; Unberührbare. Insbesondere das Thema der Kinderheirat und das daraus resultierende Problem der frühen Verwitwung der Frauen gerieten 1884 durch zwei Publikationen von Malabaris in den öffentlichen Fokus.Vgl. Kellock, S. 72–73. Die Memoranda, die Malabari im August 1884 unter dem Titel Notes on Infant Marriage and Enforced Widowhood an 4000 einflussreiche Engländer und Inder schickte, wurden erst einige Jahre später in Buchform veröffentlicht, vgl. B.M. Malabari: Infant Marriage and Enforced Widowhood in India, Bombay 1887, sowie B.M. Malabari: An Appeal from the Daughters of India [on Infant Marriage], London 1890.