Die Schriften der Welt lassen sich nach der Art der jeweils verwendeten Schriftsysteme in unterschiedliche Schriftregionen einteilen. Die Einteilung stimmt gemäß der These „Das Alphabet folgt der Religion“ (David Diringer) weitestgehend mit den Einflussgebieten der Weltreligionen überein. So lässt sich in etwa sagen, dass katholisch und evangelisch beeinflusste Regionen in lateinischer Schrift schreiben, christlich orthodoxe Regionen in kyrillischer oder griechischer Schrift und islamische Regionen in arabischer Schrift. Das indische Schriftsystem wanderte mit dem Buddhismus nach Südostasien, die chinesische Schrift über die Vermittlung durch chinesische Mönche nach Korea und Japan. Jedoch ist die Geschichte der Schrift viel älter als die großen Religionen der Gegenwart. Nicht nur Religionen waren Wegbereiter der Schriften, sondern auch andere Strömungen der Geistesgeschichte und die sich ausbreitende Bildung.
600px|miniatur|Schriftsysteme der Welt miniatur|600px|Ausgewählte Schriften in ihren Eigenbezeichnungen Linker Block: das Wort Hanzi (chinesische Schriftzeichen, von oben nach unten) links in Langzeichen, daneben in Kurzzeichen; darunter Braille in Braille, ganz unten Morse in Morsezeichen Rechter Block: japanische Silbenschriften • Linke Seite (von oben nach unten): Hiragana in Hiragana • Rechte Seite (von oben nach unten): Katakana in Katakana Mittlerer Block: • Obere Zeile: ABC in lateinischer Schrift, rechts daneben Devanagari in Devanagari-Schrift, Schesch (= Schreiberpalette) in ägyptischen Hieroglyphen, rechts davon Alefbet in hebräischer Schrift • Mittlere Zeile: alphawito in neugriechischer Schrift, Kirilliza in kyrillischer Schrift, Abdschadiyya in arabischer Schrift • Untere Zeile: Tua Akson Thai in Thai, Futhark in älteren Runen, Hangeul in koreanischer Schrift|alternativtext=লরেন্স
Naher Osten Im Bereich des Fruchtbaren Halbmondes entstanden ab dem 4. Jahrtausend v. Chr. die frühesten Schriftsysteme der Welt. In Mesopotamien, in einem Gebiet zwischen Euphrat und Tigris, begann die Geschichte der Schrift in Stadtstaaten. Die Schrift entwickelte sich dort zur Keilschrift (Wortschrift und Silbenschrift). Jünger sind die verschiedenen altägyptischen Schriften. Auch wenn die ägyptische Hieroglyphenschrift auf den ersten Blick wie eine Bilderschrift aussieht, war sie doch nicht weit davon entfernt, eine Buchstaben- oder zumindest Konsonantenschrift zu werden. Konsonantenschriften sind auch die hebräische und die arabische Schrift. Wer in diesen Schriften liest, muss sich die Vokale selbst hinzudenken. Die Punktuationen, die in beiden Sprachen verwendet werden, finden nur bei Kinderbüchern und religiösen Schriften Verwendung.
Keilschrift Etwa um 3300 v. Chr. entstand in Sumer in Mesopotamien zunächst eine Bilderschrift, bestehend aus rund 900 Piktogrammen und Ideogrammen, die in Ton geritzt wurden. Im sumerischen Uruk wurden ca. 2700 v. Chr. die ersten Tontafeln mit Keilschrift hergestellt. Diese ersten schriftlichen Aufzeichnungen stellen keine Mythen oder Versdichtungen dar, sondern sind in erster Linie landwirtschaftliche Listen und Tabellen, die als Gedächtnisstütze für die Buchführung und als Informationen über die soziale Verwaltung des Reiches verstanden werden können. Durch die Aufzeichnungen wird deutlich, dass die Sumerer sowohl Eigentumsurkunden als auch ein Rechensystem und Zahlungsmittel einführten und darüber hinaus mit Zinsen und Darlehen umgehen konnten. Die Keilschrift wurde über einen Zeitraum von mehr als 3000 Jahren zum Schreiben mehrerer Sprachen verwendet.
Siehe auch: Akkadisch, Assyrisch, Babylonisch, Hethitisch
Altägyptische Schriften
Hieroglyphenschrift Die frühesten Hieroglyphenfunde im Alten Ägypten stammen aus dem Zeitraum um 3000 v. Chr., es ist aber nicht gesichert, ob die Schrift nicht schon früher entstand. Bis ca. 390 n. Chr. bleibt die Schrift im Wesentlichen erhalten, die Anzahl der verwendeten Zeichen erhöht sich aber von etwa 700 auf erstaunliche 5000.
Die Hieroglyphenschrift besteht, wie die Piktogramme der Keilschrift aus der gleichen Zeit, aus stilisierten Zeichnungen. Sie unterscheidet sich aber von ihr insofern, als die einzelnen Zeichen die Lautung der gesprochenen Sprache wiedergeben. Dadurch können mit ihrer Hilfe sowohl konkrete als auch abstrakte Realitäten dargestellt werden. Landwirtschaftliche und medizinische Texte werden ebenso niedergeschrieben wie Texte zu Erziehungsfragen, Gebete, Legenden, Rechtstexte und verschiedenartige Literatur. Die Hieroglyphenschrift erlaubt eine enorme Vielfalt und Originalität, weil sie drei Arten von Zeichen enthält: Piktogramme, die stilisierte Bildzeichen für Objekte und Lebewesen darstellen, die in spezieller Zeichenkombination aber auch Gedanken ausdrücken können, Phonogramme, oft dieselben Zeichen, die aber Laute kennzeichnen, und Determinative, Zeichen, die eine Unterscheidung zwischen Piktogrammen und Phonogrammen deutlich machen.
Hieratische Schrift Die hieratische Schrift ist eine mit der Hieroglyphenschrift eng zusammenhängende Kursivschrift, die ab dem 3. Jahrtausend v. Chr. in Ägypten bis in die Mitte des 1. Jt. n. Chr. verwendet wurde und die als eigentliche Schrift des alten Ägypten gelten darf. Geschrieben wurde sie mit einem Pflanzenstängel (Binse) und Rußtusche auf verschiedenen Materialien: Papyrus, Ostraka aus Kalkstein oder Ton, Leinen, Leder, stuckierte Holztafeln, Stelen, Grab- oder Tempelwände u. a. m. Es finden sich auch in Stein geritzte hieratische Texte. Die hieratische Schrift konnte im Gegensatz zu den Hieroglyphen immer nur von rechts nach links geschrieben werden.
Demotische Schrift Die demotische Schrift ist eine aus dem Hieratischen abgeleitete Schrift, die von etwa 650 v. Chr. bis 450 n. Chr. im Alten Ägypten Anwendung fand. Sie ist eine Kursivschrift, die von rechts nach links geschrieben wird und schwierig zu lesen ist, da sie viele ähnliche Zeichen und Ligaturen enthält. Auch wandelte sich die anfängliche Form schnell und individuell.
Die demotische Schrift ähnelt im System der ägyptischen Hieroglyphenschrift. Es gibt Phonogramme (Ein- und Mehrkonsonantenzeichen), wobei – anders als bei den Hieroglyphen – einige der Einkonsonantenzeichen spezielle Formen am Wortanfang aufweisen. Auch können im Demotischen einige der Phonogramme auch für Vokale stehen, so insbesondere bei der Schreibung von Fremdwörtern. Man gebraucht dabei etwa den Konsonanten w auch zur Schreibung von u und o und den Konsonanten j auch zur Schreibung von i. Weiter gibt es Determinative sowie Wortzeichen, von denen viele durch Fusion ursprünglicher Zeichensequenzen in älteren ägyptischen Schriftarten entstanden sind. In der Römerzeit verminderte sich jedoch durch den Gebrauch alphabetischer Zeichen das Zeicheninventar.
Koptische Schrift Seit dem 1. Jahrhundert n. Chr. wurden in Ägypten einige Texte in der griechischen Schrift verfasst, die als altkoptische Schrift bekannt ist. Sie enthält demotische Zusatzbuchstaben für bestimmte, dem Griechischen fremde Laute.
Nach der Christianisierung Ägyptens im 3./4. Jahrhundert wurden die älteren ägyptischen Schriften, also die Hieroglyphen, das Hieratische und die demotische Schrift vollständig aufgegeben. Die in Ägypten lebenden Christen verfassten ägyptische Texte nun in einer modifizierten Form der griechischen Schrift, die nun als koptische Schrift bezeichnet wird. Seit das Koptische als Umgangssprache vom Arabischen verdrängt wurde, ist die koptische Schrift nur noch in der Koptischen Kirche für liturgische Zwecke in Verwendung.
Nordwestsemitische Konsonantenschriften Eine Konsonantenschrift ist ein Schriftsystem, in dem nur oder primär Zeichen für Konsonanten verwendet werden. Konsonantenschriften werden vor allem in semitischen Sprachen benutzt, da deren Grundstruktur auf die Darstellung von Vokalen im Schriftbild verzichten kann, ohne Verständnisschwierigkeiten oder Mehrdeutigkeiten zu verursachen.
Ugaritische Schrift Die ugaritische Schrift war ab dem Ende des 14. Jahrhunderts oder dem Beginn des 13. Jahrhunderts v. Chr. im Stadtstaat Ugarit bis zu dessen Untergang im frühen 12. Jahrhundert v. Chr. in Gebrauch. Sie ist formal eine Keilschrift, hat aber die Struktur einer Konsonantenschrift und weist die gleiche Alphabetordnung auf wie das phönizische Alphabet.
Phönizische Schrift Der Ursprung der phönizischen Schrift ist bis heute ungeklärt, sie wurde spätestens im 11. Jahrhundert v. Chr. von den Phöniziern verwendet. Nach einer Theorie entwickelte sich diese neuartige Schrift aus einer schrittweise umgewandelten Keilschrift; eine andere These besagt, dass sich die phönizischen Zeichen aus dem Demotischen abgeleitet hätten. Andere sehen in den protosinaitischen Schriftzeichen deren Ursprung.Ludwig D. Morenz : Die Genese der Alphabetschrift: Ein Markstein ägyptisch-kanaanäischer Kulturkontakte (Wahrnehmungen Und Spuren Altagyptens). Ergon (Nomos Verlagsgesellschaft), Würzburg 2011, ISBN 3-89913-839-2.
Hebräische Schrift Im 2. Jahrhundert n. Chr. legten Rabbinen die bis heute im Hebräischen übliche hebräische Quadratschrift als kanonisch für heilige Texte fest. So wurden die größten Teile des Alten Testaments auf Hebräisch niedergeschrieben. Die ältesten Schriftfunde des Hebräischen Alphabets gehen bis in das 7. Jahrhundert v. Chr. zurück. Es besteht aus 22 Zeichen, die ursprünglich nur Konsonanten darstellen, von denen einige später als Matres lectionis auch zur Andeutung von Vokalen genutzt wurden.
Schrift und Sprache des Hebräischen unterscheiden sich nicht wesentlich von der heutigen offiziellen Schriftsprache Israels, dem Iwrit. Neben einer Druckschrift werden für das alltägliche Schreiben Kursivbuchstaben verwendet.
Arabische Schrift Die ersten arabischen Inschriften werden auf 512/513 n. Chr. datiert, die Verbreitung der Schrift begann aber erst, als die Nachfolger des Religionsstifters Mohammed den Koran niederschrieben. Mit der Flucht des Propheten nach Medina beginnt im Jahr 622 n. Chr. die moslemische Zeitrechnung und mit der Verkündung der Worte Mohammeds durch seine Nachfolger verbreitet sich auch die arabische Schrift.
Siehe auch: Geschichte der arabischen Schrift, arabische Schrift, arabisches Alphabet, kufi, nastaliq, naschi, pehlevi, thuluth, alefba
Afrika südlich der Sahara Äthiopische Schrift Eine afrikanische Schrift mit längerer Tradition ist die äthiopische Schrift, eine Abugida-Silbenschrift, die sich aus dem Altsüdarabischen entwickelte und für verschiedene Sprachen Äthiopiens verwendet wird.
Lokale Schriftarten Die Nsibidi-Schrift besteht aus Logogrammen und Piktogrammen, aber auch ganz eigenen Zeichen des Igbovolkes im Südosten Nigerias. Erstmals erfunden wurde die Schrift von den Frauen der Crossriver Frauen weiter im Süden.
Weitere afrikanische Schriften wie Vai, Mende, Bassa Vah, Kpelle, Bété, N’Ko (in Westafrika), Osmaniya (für Somali) oder Mandombe (Demokratische Republik Kongo, Angola) bzw. Mwangwego (Malawi) wurden im 19. und 20. Jahrhundert entwickelt, um die Verschriftung bis dahin nur mündlich überlieferter Sprachen zu ermöglichen und zu fördern.
Das Afrika-Alphabet ist eine Erweiterung des lateinischen Alphabets mit Sonderzeichen, die die Eigenheiten afrikanischer Sprachen besser erfassen sollen.
Europa und Nordasien Ausgangspunkt der meisten europäischen Schriften ist die griechische Schrift (Alphabetschrift), aus der sich die lateinische Schrift, die kyrillische Schrift und letzten Endes auch die Runenschrift entwickelte.
Griechische Schrift Aufgrund der unterschiedlichen Struktur semitischer und indoeuropäischer Sprachen hinsichtlich der Rolle der Vokale haben die Griechen bei Übernahme der phönizischen Schrift um 800 v. Chr. dann einige von ihnen nicht benötigten Konsonanten verwendet, um stattdessen mit diesen Zeichen Vokale zu schreiben. Sie übernahmen aber noch die semitischen Buchstabennamen (Alpha, Beta, Gamma …), deren Verwendung die Etrusker und in ihrer Folge die Römer aufgaben (a, be, ce …).