mini|Jorge Sanjinés, 2011 Jorge Sanjinés (* 31. Juli 1936 in La Paz) ist ein bolivianischer Filmregisseur. Er war einer der bekanntesten Protagonisten des bolivianischen Films und eines militanten politischen Kinos in Lateinamerika. In seinen späteren Filmen ist seine Parteinahme für die indigene Bevölkerung in weniger agitatorischer Form ausgedrückt. Sie sind „nicht mehr einem revolutionären politischen Programm verpflichtet“.Näther 2009

Leben Schwierige Anfänge Sanjinés begann 1954 mit journalistischen Arbeiten in Arequipa, Peru, wohin er seinem Vater, einem Ökonomen, ins Exil gefolgt war. Schon als Jugendlicher schrieb er Kurzgeschichten, Gedichte und einen unveröffentlichten Roman.Sànchez-H 1999:77 In den 1950er Jahren studierte er Philosophie und Literatur in La Paz und später Film in Chile. Während seines Studiums in Chile konnten ihn seine Eltern nicht unterstützen. „Als ich dort war, machte ich Situationen durch, in denen ich hungerte, und erlebte die elenden Lebensbedingungen der Arbeiter. Ich lebte als Arbeiter. Ich hatte Freunde unter den Arbeitern, die unter schrecklichen ökonomischen Bedingungen lebten. Ich konnte nicht verstehen, wie sie überleben konnten. Ich bezahlte für meine Filmausbildung, indem ich wie sie arbeitete. Ich glaube, dass der Kontakt mit den Phänomenen der Armut, der Unterdrückung und Ausbeutung wichtig waren für mein zukünftiges Leben, insbesondere im Hinblick darauf, welche Art von Filmen ich nach der Ausbildung machen würde.“Sànchez-H 1999: 99

Nach seiner Rückkehr nach Bolivien in den frühen 1960er Jahren – das Land befand sich damals nach seinen Worten in einer „großen kulturellen Isolation“Sànchez-H 1999: 77 – gründete er zusammen mit dem Drehbuchautor Oscar Soria eine Reihe von Institutionen, darunter einen Filmclub, die Filmzeitschrift Estrenos, für die Sanjinés einige Artikel über die Theorie des Filmemachens schrieb, und die Escuela Fílmica Boliviana, die erste Filmschule Boliviens. Die Filmschule wurde von der Regierung, die die Kontrolle über die Filmproduktion behalten wollte, geschlossen.Sànchez-H 1999: 78-79

Nach einigen Werbefilmen drehten die beiden ihren ersten unabhängigen Film, den Kurzfilm Revolución, der beim Leipziger Dokumentarfilmfestival den Joris-Ivens-Preis gewann. Revolución zeigte Bilder des Elends und damit die Bedingungen, die zur Machtergreifung durch den Movimiento Nacionalista Revolucionario in der Revolution von 1952 geführt hatten, aber von dieser nicht überwunden worden waren. Revolución ist ein stummer Film und folgt der Montageästhetik Eisensteins. Er stand damit in deutlichem Kontrast zu den offiziösen Dokumentarfilmen mit voice-over-Ton, die am 1953 gleich nach der Revolution gegründeten Instituto Cinematográfico Boliviano (ICB) entstanden.Zu Revolución und Ukamau im Kontext der damaligen Bemühungen eine nationale Identität zu konstruieren vgl. Wood 2006 Es kam zu einer Vorführung im Präsidentenpalast. Präsident Víctor Paz Estenssoro meinte, der Film sei gut aber „sehr gefährlich“. Weitere öffentliche Vorführungen von Revolución wurden verboten.Sànchez-H 1999: 80-81 Darauf folgte der mittellange Film Aysa! [Bergrutsch!], den Sanjinés in der Bergbauregion drehte. Hauptfigur des Films ist ein Minenarbeiter, der auf eigene Rechnung eine von den Bergbauunternehmen aufgegebene Mine ausbeutet und an den Folgen eines Arbeitsunfalls stirbt.Sànchez-H 1999: 81-82

Soria hatte in den fünfziger Jahren wie die meisten anderen bolivianischen Filmleute für die United States Information Agency bzw. für die US-amerikanische Botschaft gearbeitet. Ohne finanzielle Unterstützung aus den USA war es damals aufgrund der schwierigen ökonomischen Situation praktisch unmöglich, Filme zu drehen. Die Filmemacher nutzten ihre oft autodidaktisch entwickelten Talente in diesen Koproduktionen, was von Sanjinés scharf kritisiert wurde. „Schuld an dieser Situation waren das fehlende politische Bewusstsein dieser Filmemacher, eine[r] klare[r] Haltung gegenüber den Interessen des Volkes, obwohl die Ziele der Nordamerikaner bekannt waren. Sie wurden Opfer ihrer mangelhaften ideologischen Schulung und ihrer Berufsblindheit. So überließen sie dem Feind des Landes ihr Wissen, ihre Erfahrungen, ihr Talent, all das, was sie sich in den vielen Jahren des Filmemachens unter größten Schwierigkeiten angeeignet hatten, als sie den Schnitt noch von Hand machten, das Licht mit den Augen maßen und ihre Familien weniger aßen, damit sie Filmmaterial kaufen konnten.“ (Sanjinés)Sanjinés 1976: 144-145

Aus der Zusammenarbeit von Soria und Sanjinés ging das Kollektiv, das sich später nach seinem ersten Spielfilm UKAMAU nannte, hervor; zu seinem Kern gehörten auch der Kameramann Antonio Eguino und der Produzent Ricardo Rada.Sanjinés 1986: 48

Über seine ersten Filme äußerte sich Sanjinés, der das politische Filmemachen stets als einen Lernprozess, der beständige Selbstkritik der Filmemacher erfordert, ansah, recht kritisch. Diese Filme hätten die Armut gewisser Schichten der Bevölkerung gezeigt, das Bürgertum an die Existenz dieser Schichten erinnert, den Armen selbst aber nichts Neues gesagt. „Erst die Vorführungen in Bergwerken und Randgebieten haben uns die Augen geöffnet und uns den richtigen Weg gewiesen. Da entdeckten wir nämlich, dass dieses Kino unvollkommen, ungenügend, begrenzt war, dass es neben technischen Mängeln auch Fehler in der Konzeption, im Inhalt enthielt. […] Wir mussten lernen: das Volk interessiert viel mehr zu wissen, wie und weshalb das Elend entsteht; wer es verursacht; wie und auf welche Weise es zu bekämpfen ist.“Sanjinés 1976: 147

Erste Erfolge Ukamau, der erste Spielfilm des Kollektivs, der ihm den Namen gab, entstand mit staatlichen Geldern. General Barrientos, der 1964 geputscht hatte, ließ das Instituto Cinematográfico Boliviano gleich nach seinem Putsch schließen, aber 1965 wieder eröffnen. Sanjinés wurde technischer Direktor.Sanjinés 1986: 48 Die Premiere fand daher in Gegenwart der Spitzen des Staates statt, die aber von dem Ergebnis gar nicht begeistert waren und es als „Verrat“ ansahen, aus ihrer Sicht verständlich, da Sanjinés ein falsches Drehbuch eingereicht hatte. Die Geschichte eines Aymara-Indianers, der sich für die zum Tod seiner Frau führende Vergewaltigung durch einen spanischsprachigen Zwischenhändler an diesem gewaltsam rächt, wäre sonst wohl kaum finanziert wurden. Sanjinés wurde entlassen und das nationale Filminstitut geschlossen. Ukamau brach alle Zuschauerrekorde des kleinen Landes. „Erst später wurden die Kopien zerstört. Aber da hatten mehr als 300 000 Bolivianer Ukamau gesehen.“Sanjinés 1976: 147 Im Kontext des von einer tiefen kulturellen und sozialen Kluft geprägten Landes war es klar, dass mit dieser Rache nicht nur die Reaktion auf ein durch eine einzelne Person erlittenes Unrecht gemeint war. Obwohl Ukamau aufgrund „seiner strukturellen Begrenzungen, seiner Konzessionen an eine ästhetisierende Tendenz noch nicht als Film-Waffe bezeichnen konnte“, sei er doch bereits ein Aufruf „den Kampf des Volkes in einer bewusst gewalttätigen Form zu führen“Sanjinés 1976: 148 gewesen, meinte Sanjinés.

Den Erfolg von Ukamau sah das Kollektiv als Verantwortung an. Der nächste Film, Das Blut des Condors (Yawar Mallku), sollte daher den aus ihrer Sicht zentralen Konflikt thematisieren. Da die herrschende Klasse Boliviens nach ihrer Überzeugung letztlich ein Instrument des US-Imperialismus war, wollte sie diesen frontal angreifen. Dazu griffen sie die Sterilisierung indigener Frauen (ohne deren Einwilligung) durch Mitarbeiter des Peace Corps der USA auf. Sie sahen darin „[…] auch die Gelegenheit, dem Imperialismus, der für unser Volk immer nur etwa ungreifbar Abstraktes gewesen war, konkrete Gestalt zu verleihen.“Sanjinés 1976: 149 Der US-Botschaft gelang es nicht, die Vorführung von Das Blut des Condors, der überwiegend auf Quechua und zum kleineren Teil auf Spanisch gedreht wurde, zu verhindern. „Als direkte Folge der Vorführung von Yawar Mallku kann die Tatsache angesehen werden, dass die Nordamerikaner die Massenverbreitung von Empfängnisverhütungsmitteln einstellten, alle Mitarbeiter ihrer Organisation in den drei Sterilisierungszentren des Landes abberiefen. Auch wagten sie nicht, die Anklage zurückzuweisen, die gegen sie sogar von konservativen Zeitungen wie ‚Presencia’ erhoben wurde.“Sanjinés 1976: 150 1971 wurde das Peace Corps des Landes verwiesen.vgl. den Artikel von Ken Rustad peacecorpsonline.org abgerufen am 15. Mai 2009

Trotz dieser praktischen Auswirkungen war das Kollektiv nicht der Meinung, mit UKAUMAU einen adäquaten filmischen Ausdruck für ihr politisches Anliegen gefunden zu haben. „[…] obwohl YAWAR MALLKU ca. 550 000 Zuschauer erreichte, besaß der Film noch keine zu aktiver Beteiligung führende Kommunikationsfähigkeit. Seine für einen Spielfilm typische Handlungsstruktur verlieh der in ihm enthaltenen Aussage einen gefährlichen Grad von Unglaubwürdigkeit.“Sanjinés 1976: 151

Auf der Suche nach einem „revolutionären Kino“ Die traditionelle Fixierung des Spielfilms auf einen oder mehrere individuelle Helden zu überwinden, sah das Kollektiv nunmehr als entscheidende Aufgabe. Viaja a la independencia por los caminos de la muerte [Reise zur Unabhängigkeit auf den Wegen des Todes] entstand als Koproduktion mit der deutschen katholischen Fernsehproduktionsgesellschaft ‚provobis’ und kam aufgrund der fehlerhaften Entwicklung in einem Berliner Kopierwerk nie in die Kinos.Sanjinés 1976: 167 Dennoch war er ein aus der Sicht Sanjinés für die Entwicklung der Gruppe entscheidender Film. „Zum erstenmal gingen wir daran, die Geschichte unseres Volkes darzustellen. […] Natürlich gibt es einige Hauptpersonen, aber sie sind eng mit dem handelnden Kollektiv verbunden. Das ist ein qualitativer Sprung, ein Bruch mit den früheren Filmen.“ Der Film zeigt einen Konflikt zwischen zwei Gruppen von Campesinos in der Regierungszeit Víctor Paz Estenssoros.

Die US-Botschaft soll diesen Konflikt bewusst geschürt haben, um die damals sehr mächtige Gewerkschaftsbewegung zu schwächen. „Unter dem Vorwand, die Ruhe wiederherzustellen, hätte so die Armee ganz nahe an das Minengebiet herangeführt werden und es mit Hilfe der manipulierten Campesinos im Handstreich nehmen können. Doch die Bergarbeiter durchschauten das Spiel. Sie umzingelten die aufmarschierende Armee und bemächtigten sich ihres Befehlshabers. Sie organisierten ein Volksgericht, das ihn zum Tode verurteilte. […] Er wurde dadurch hingerichtet, das man sechs Dynamitstangen an seinen Gürtel band und sie zündete.“Sanjinés 1976: 153