Als 1998 entschieden wurde, Körperstrafen in England und Wales auch an Privatschulen zu verbieten, bildete sich eine Initiative christlicher Privatschulen zur Wiedereinführung der Züchtigung in Großbritannien, hinter der die Leiter, Eltern und ehemalige Schüler standen. Die Initiative versuchte vergeblich, dieses Verbot rückgängig zu machen oder eine Ausnahme zu erhalten, und argumentierte mit der These, das Züchtigungsrecht der Eltern sei an die Schule weitergegeben worden, sowie mit dem Recht auf freie Religionsausübung. Die Rechtsverfahren durch alle Instanzen dauerten bis 2005.
Beginn Am 22. Juli 1986 wurde in Großbritannien die körperliche Züchtigung („corporal punishment“) in staatlich unterstützten Schulen verboten; das Verbot trat 1987 in Kraft. Die Privatschulen, welche traditionell in Großbritannien eine große Rolle spielenBremer Nachrichten, 3. November 2001; Kopie bei schmidt-salomon (3073), verteidigten ihr Recht auf Körperstrafe noch längere Zeit. Das Verbot wurde in England und Wales im Jahre 1998 (in Kraft seit September 1999) auf alle Schulen ausgedehnt. Schottland folgte im Jahr 2000 und Nordirland im Jahre 2003. endcorporalpunishment.org, Version: Oktober 2008.
Daraufhin bildete sich eine Initiative christlicher Privatschulen, um diese Einschränkung wieder aufzuheben. Als klagende Institution wurde die Christian Fellowship School in Liverpool mit ihrem Direktor Philip Williamson auserkoren, unterstützt von dem Anwalt Paul Diamond. Im Februar 1999 wurde sie von 20 Privatschulen unterstützt, die hofften, noch vor Inkrafttreten des Verbots ihre Klage beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) einzureichen.Education – Schools demand right to corporal punishment. news.bbc.co.uk, 1. Februar 1999 Anfang Juli 1999Education - Heads fight caning ban. news.bbc.co.uk, 3. Juli 1999 lag die Zahl der unterstützenden christlichen Privatschulen laut Ofsted bei vierzig, von denen die meisten dem Christian Schools’ Trust angehören.Judith Judd: Islington schools attacked by Ofsted. The Independent, 18. Mai 1999 Als das Verbot im September 1999 in Kraft trat, wurde angekündigt, bald die Klage beim EGMR einzubringen.Education – Schools take caning case to Europe. news.bbc.co.uk, 30. August 1999
Argumente Die Befürworter glauben, als: „… Teil ihrer religiösen Anbetung und Teil ihres religiösen Glaubens, dass körperliche Züchtigung Teil ihrer christlichen Doktrin ist.“ Wenn das Gesetz die Verwendung physischer Strafen in Privatschulen völlig verbiete, verletze es effektiv die Rechte von Christen, ihre religiöse Überzeugung zu praktizieren.School wants right to spank, Associated Press, 2. November 2001; Kopie bei nospank.net „Eltern sollten das Recht haben, ihre Kinder christlich zu erziehen.“ Die körperliche Züchtigung sei eine liebevolle, von Gott gewollte Disziplinierung. „Körperliche Züchtigung ist Teil des jüdisch-christlichen Erbes seit uralter Zeit.“ Die Verwendung körperlicher Züchtigung ist dazu gedacht „einen Moralkodex beizubringen, so dass Kinder eine moralische Entscheidung treffen können und später geachtete Erwachsene werden.“ Nach Williamson hätten auch die Richter des EGMR gesagt, dass das Verbot das Recht auf freie Religionsausübung verletze. (Artikel 9 der Europäischen Menschenrechtskonvention) Körperliche Züchtigung ist nach Williamsons Meinung effektiver als andere Strafen, nützlicher als Arrest: „Sie wirkt unmittelbar, sie richtet keinen psychischen Schaden an.“ Seit dem Verbot der körperliche Züchtigung 1987 sei ein beklagenswerter Niedergang der Disziplin zu beobachten, die Zahl der Angriffe auf Lehrer habe zugenommen, ebenso die Zahl der Schulausschlüsse und die Teenagerkriminalität. Williamsons Schüler seien auch besser als der englische Durchschnitt. „Wir zielen nicht auf ein unterdrückendes ‚Dickensian regime‘ (Regime wie in den Büchern Charles Dickens'). Wir wollen, dass sich die Kinder sicher fühlen, wenn sie in die Schule kommen und ihnen moralische Grenzen setzen.“Victoria Combe: Forty private schools ask judges to back caning. telegraph.co.uk, 2. November 2001 „Wir glauben, dass die Regierung in ein vollständiges soziales Experiment involviert ist welches schiefläuft und sie sollten die warnenden Vorzeichen beachten.“
Für die biblische Untermauerung ihrer Ansichten wird aus dem Buch der Sprichwörter zitiert, wie etwa , , oder . (Weitere entsprechende Bibelzitate → Körperstrafe).
Auch sei es nach dem britischen Gesetz den Eltern gestattet, ihre Kinder zu züchtigen. Dieses Recht müsse auf Lehrer übertragen werden können. Nachdem für die Christian Fellowship School ein hohes Schulgeld bezahlt wird, könnten nach Williamson die Eltern und Kinder dafür auch „die Festlegung von moralischen Grenzen“ erwarten. „Ich glaube die Regierung soll sich nicht einmischen, wie Eltern ihre Kinder aufziehen. Dies ist diktatorisch und ein Beispiel für einen Bevormundungsstaat.“Ban on corporal punishment now applies to Britain's private schools. Reuters, 2. September 1999; Kopie bei nospank.net Die Regierung behindert Eltern, Schulen für ihre Kinder auszuwählen, welche „ihre philosophischen Überzeugungen widerspiegeln.“
Weiterer juristischer Verlauf Im November 2001 entschied das High Court of Justice, dass Artikel 548 des Education Act 1998 klar den parlamentarischen Willen wiedergibt, die körperliche Züchtigung an allen Schulen abzuschaffen, inklusive der Privatschulen, und lehnte eine Überprüfung des Verbots ab.School smacking case thrown out. news.bbc.co.uk, 15. November 2001 Das Urteil stellt auch fest, dass das Verbot keine Menschenrechte der Kläger verletzte. Da nicht alle Christen an die körperliche Züchtigung glauben, könne es kein integraler Bestandteil der Religion sein.Nick Britten: Christian schools' smacking plea fails. telegraph.co.uk, 16. November 2001
Im Mai 2002 fand eine Anhörung vor dem Court of Appeal statt. Lord Justice Buxton sagte dabei: „Ich kann nicht akzeptieren, dass Christentum körperliche Züchtigung braucht.“ Hugo Keith vom Department for Education and Skills sagte, dass der Akt der körperlichen Züchtigung keine irgendwelche religiöse Prinzipien ausdrücke.School waits for smacking judgement. news.bbc.co.uk, 14. Mai 2002. Im Dezember 2002 bestätigte das Court of Appeal das Urteil des High Court. Das Gericht erklärte auch, dass Lehrer bei Problemen mit den Kindern deren Eltern kontaktieren könnten, die dann eine etwaige Bestrafung selber ausführen könnten. Williamson meinte dagegen, sie hätten keine wirklich faire Anhörung gehabt.Schools lose legal fight over smacking. news.bbc.co.uk, 12. Dezember 2002
Anfang Dezember 2004 brachten vier Schulen den Antrag auf eine Sondergenehmigung zur Wiedereinführung der körperlichen Züchtigung im britischen Oberhaus ein, dessen fünf Lordrichter die höchste Rechtsinstanz im Vereinigten Königreich darstellen. Bis zu diesem Zeitpunkt wurden etwa 100.000 Euro ausgegeben, welche durch Spenden von Schülern, Lehrern und Gleichgesinnten stammten.School smacking ban ‘should go’. news.bbc.co.uk, 1. Dezember 2004 Im Februar 2005 wurde der Antrag abgewiesen. Lord Nicholls of Birkenhead sagte, dass eine Aufhebung des Verbots nicht im besten Interesse der Kinder sei.Smacking ban challenge rejected. news.bbc.co.uk, 24. Februar 2005, House of Lords, 2005 Die klagenden Schulen in diesem Fall waren: Christian Fellowship School in Edge Hill, Liverpool Bradford Christian School in Idle, Bradford Cornerstone School in Epsom, Surrey Kings School in Eastleigh, Hampshire.
Schulen und Personen
Christian Schools’ Trust Die Initiative ist keine offizielle Aktion des CST, aber die meisten unterstützenden Privatschulen sind Mitglieder in dieser Organisation. Teilweise wird auch angegeben, dass alle Mitglieder des CST wären.
Der Christian Schools’ Trust (CST) wurde 1988 gegründet und ist mit Christians for Education verbunden, ein Teil des CARE Trust (Christian Action Research and Education).William Kay, Leslie J. Francis, Keith Watson: Religion in education 4, Gracewing Publishing, 2003, 0-85244-585-7, S. 401 Insgesamt gab es im Jahre 2007 48 Mitgliedsschulen. Davon sind jeweils eine in Nigeria und Sambia, fünf sind in Schottland und Nordirland, die restlichen 41 in England und Wales. (PDF; 796 kB) - Werbefolder, 30. Januar 2007
Die Vision der Mitgliedsschulen war es, Gott den rechten Platz in der Erziehung zurückzugeben. Heute sehen sie, wie ihr Werk nicht nur das Leben der involvierten Familien und Schüler verändert, sondern auch das Umfeld der erzieherischen Welt. Die Erziehung geschieht auf dem Fundament der Biblischen Wahrheit.
Die Schulen sind schon früher vor Gericht gezogen, um ihre ausgeprägte christliche Identität zu schützen. Sie haben sich das Recht erkämpft nur christliches Personal anzustellen und nur jene zu behalten, von denen sie der Meinung sind, dass sie einen christlichen Lebensstil leben.David N. Aspin, Judith D. Chapman: Values education and lifelong learning: principles, policies, programmes. Springer, 2007, 1-4020-6183-8, S. 189 Für Schüler wird keine Glaubensüberzeugung gefordert, in einigen Teilen des Landes haben die meisten Schüler einen asiatischen Hintergrund. Diese Eltern legen mehr Wert auf eine Schule mit starker Glaubensbasis, einwandfreie moralische Prinzipien, ausgeprägte Disziplin und einen „gesunden“ Respekt vor Autorität, als dass sie Angst vor Konversion zum Christentum hätten. Ein Plan, zusammen mit 60 Schulen der Association of Muslim Schools eine eigene Schulaufsicht für glaubensbasierende Schulen zu bekommen, scheiterte 2008.Graeme Paton: Government drops plan to allow Muslim schools to police themselves. Telegraph.co.uk, 21. Juli 2008
In einer Untersuchung aus dem Jahre 1994 fand man heraus, dass die Mitgliedsschulen zu 53 % keine staatlichen Förderungen akzeptieren würden, wenn dies die Abschaffung des Rechts auf körperliche Züchtigung mit sich brächte, zu 36 % keine staatlichen Förderungen akzeptieren würden, wenn damit ein Unterricht nach dem National Curriculum verbunden sei, und 19 % niemals staatliche Förderungen in Anspruch nehmen würden, da sie der Ansicht sind, dass Staat und Bildung getrennt sein müssten.Geoffrey Waldorf: The New Religious Grant-Maintained Schools. In: Educational Management and Administration, 1994, Vol. 22, Nr. 2, S. 123–130; & Waldorf, 1997, S. 31–43
Christian Fellowship School & Philip Williamson Philip Williamson (* 1943) war in den 1970er Jahren Lehrer für Mathematik, Physik und Chemie an staatlichen Schulen, was ihm nicht sehr behagte. „Die Lehrer glaubten nicht an Gott und hatten seltsame Ideen: es gab keine Disziplin, keinen Respekt und keine Strafen.“ Für ihn gibt es nichts Größeres als motivierte und disziplinierte Schüler. Er übersiedelte daraufhin nach Afrika, um an Bibelschulen zu unterrichten. Als er 1980 nach England zurückkehrte, konstatierte er moralischen Verfall in der Ausbildung und bei den Schülern
So gründete er 1981 eine Schule in einem von der Kirche zur Verfügung gestellten Gebäude; dort wurde die Bibel die Richtlinie für Verhalten und Moral. Sie sollte eine friedliche, sichere Lernatmosphäre bieten. Weil die Schule in einem sehr unsicheren Stadtteil liegt, wird sie videoüberwacht und die Eingänge werden während der Unterrichtszeit geschlossen.
Als Motivation führte Williamson ein Punktesystem ein, das für gutes Betragen, positive Einstellung zum Lernen und für Bemühungen bei der Schularbeit Punkte vergibt. Die Punkte gibt es nicht nur für gute Noten. Jedes Halbjahr gibt es Preise für die höchste Punktzahl in jeder Klasse. Die Gesamtschülerzahl ist in drei um einen Pokal wetteifernde Gruppen eingeteilt.