Die Geschichte der Ökologie als wissenschaftlicher Disziplin innerhalb der Biologie setzt im frühen 19. Jahrhundert ein, als durch Forscher unterschiedlicher Ausrichtung, wie den Naturreisenden Alexander von Humboldt, den Chemiker Justus von Liebig oder den Biologen Charles Darwin, zahlreiche neue Erkenntnisse und Zusammenhänge in der Natur erarbeitet wurden. Die Ökologie als Wissenschaft entwickelte sich daraufhin zunehmend weiter, blieb allerdings bis in die 1960er Jahre eine nur speziellen Akademikerkreisen vertraute Disziplin. Dies änderte sich in den 1970er Jahren, als die Beschäftigung mit der durch die Menschen überlasteten Natur und Umwelt zu einer zentralen Menschheitsaufgabe erklärt wurde.
Frühe Verwendungen des Terminus Ökologie mini|Einblick in das Ökosystem Great Barrier Reef, Australien Lange Zeit ging man davon aus, dass der deutsche Biologe Ernst Haeckel das Wort „Ökologie“ 1866 geprägt und als erster verwendet und in die Wissenschaftssprache eingeführt hat. Wortgeschichtliche Forschungen zeigen jedoch, dass der Begriff in den Jahren von 1838 bis 1850 bereits mindestens in drei bedeutenden deutschsprachigen Enzyklopädien auftrat, wenngleich in anderer Bedeutung: Es steht in einem humanmedizinisch-kulturellen Zusammenhang und lehnt sich an die eigentliche Bedeutung des ursprünglich altgriechischen Wortes für Haus (οἶκος) an. Unter „Oecologie“ wurde „die Lehre von der Anlage von Wohnungen, natürlich ebenfalls nur in Rücksicht auf Hygiene“ verstanden.
Die Aufnahme des Fachworts Ökologie in drei Allgemein- und Fachlexika lässt weitere und zeitlich parallele oder sogar frühere Verwendungen des Wortes in anderen wissenschaftlichen Publikationen vermuten, da lexikalische Begriffe meist erst dann aufgenommen werden, wenn sie eine gewisse Gebräuchlichkeit erfahren haben. Auch wenn ein solcher Nachweis bisher nicht gelungen ist, legen die genannten Zitate den Schluss nahe, es habe sich in den dreißiger bis fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts bei „Oecologie“ in der hier genannten Bedeutung um einen zumindest in entsprechenden Fachkreisen eingeführten und in seiner Bedeutung einigermaßen klar umrissenen Begriff gehandelt, noch bevor die Haeckelsche Definition in den naturwissenschaftlichen Sprachgebrauch Eingang fand. Unklar ist, ob Haeckel die damalige Verwendung des Begriffs gekannt hat, als er ihn für seine Zwecke neu definierte.
Von Einzelbeobachtungen zur ökologischen Wissenschaft mini|Malerei einer Wanderheuschrecke in der Grabkammer des Horemhab (Ägypten, 15. Jh. v. Chr.) Forschungen und Ausführungen, die man aus heutiger Sicht als „ökologisch“ bezeichnen kann, gab es seit dem Altertum. So handelte es sich bei den historischen Beschreibungen von Massenvermehrungen von Wanderheuschrecken und deren Auswirkungen auf die Landwirtschaft in frühen Hochkulturen um ökologische Beobachtungen, deren Ursachen allerdings meist in überirdischen, göttlichen Phänomenen gesehen wurde.
Aristoteles (384–322 v. Chr.) und sein Schüler Theophrastos (um 371–287 v. Chr.) beobachteten und beschrieben Organismen in direktem Zusammenhang mit ihrem Lebensraum und auch mit anderen Arten. Plinius der Ältere (23/24-79) beschrieb biologisch-ökologische Naturbeobachtungen, wie jene über den Sommerschlaf der Schnecken im Mittelmeergebiet sowie über das Zusammenleben der Muschelwächter (Nepinnotheres), einer Krebsgattung, und der Steckmuschel (Pinna nobilis). Albertus Magnus (um 1200–1280) rezipierte im Mittelalter die Werke Aristoteles mit eigenen Anmerkungen zur Lebensweise der Tiere. In der Neuzeit mehrte sich die Zahl der uns bekannten Naturbeobachter merklich: Antoni van Leeuwenhoek (1632–1723), August Johann Rösel von Rosenhof (1705–1759), Jacob Christian Schäffer (1718–1790) sowie vor allem der als Taxonom bekannt gewordene Carl von Linné (1707–1778) sowie Georges-Louis Leclerc de Buffon (1727–1775) fügten in ihre Werke Angaben zur Ökologie der Pflanzen und Tiere ein. Die Allgemeine Naturgeschichte von Lorenz Oken (1779–1851) und auf mehr populärwissenschaftlicher Ebene Das Thierleben von Alfred Brehm (1829–1884) enthielten zahlreiche ökologische Beschreibungen der behandelten Organismen.
Naturgeschichte im 19. Jahrhundert Der Geograph und Naturforscher Alexander von Humboldt (1769–1859) analysierte die räumliche Verbreitung von Gesteinsformationen, Pflanzen und Tieren und versuchte Zusammenhänge herzustellen, vielfach auch auf statistischer Grundlage. Seine fünfjährige Exkursion (1799 bis 1804) auf den südamerikanischen Kontinent trug dazu bei, aufzuzeigen, wie Menschen und andere Organismen an die jeweiligen Umweltbedingungen angepasst sind und diese wechselseitig beeinflussen. Damit erarbeitete er auch Erkenntnisse, die den heutigen Disziplinen der Ökologie oder Biogeographie zuzuordnen sind.Hans Gebhard u. a. (Hrsg.): Geographie: physische Geographie und Humangeographie. Spektrum, Akad. Verlag, München 2007, ISBN 978-3-8274-1543-1, S. 72f.
mini|hochkant=0.8|On the origin of species Einen großen Einfluss auf ökologisches Denken und ökologische Forschung hatte Charles Darwin (1809–1882), der in seiner Reisebeschreibung The Zoology of the Voyage of H.M.S. BeagleCharles Darwin (Hrsg.): The Zoology of the Voyage of H.M.S. Beagle. Smith, Elder & Co., London 1838–1843. (digitalisierte Fassung) und weiteren Schriften eine Fülle von ökologischen Beschreibungen veröffentlichte und vieles auch in seiner 1859 erschienenen Evolutionstheorie in On the origin of species einfließen ließ.Charles Darwin: On the origin of species by means of natural selection, or the preservation of favoured races in the struggle for life. John Murray, London 1859. Das Konzept der „natürlichen Zuchtwahl“ (natural selection), das im „Kampf ums Dasein“ (struggle for life) von ständiger Interaktion mit der Umwelt geprägt ist, wurde durch das Buch einer breiten Öffentlichkeit vorgestellt und als Darwinismus (mit etlichen Abweichungen von Darwins eigenen Aussagen) populär. Weitere seiner ökologischen Werke betrafen die Bestäubung von Pflanzen durch Insekten,Charles Darwin: On the various contrivances by which British and foreign orchids are fertilised by insects, and on the good effects of intercrossing. John Murray, London 1862. (digitalisierte Fassung) fleischfressende PflanzenCharles Darwin: Insectivorous Plants. John Murray, London 1875. (digitalisierte Fassung) und die Bodenbildung durch die Aktivität von RegenwürmernCharles Darwin: The formation of vegetable mould, through the action of worms, with observations on their habits. John Murray, London 1881. (digitalisierte Fassung).
Das naturgeschichtliche Werk Man and Nature (1864) von George Perkins Marsh, in dem er die Folgen historischer und aktueller menschlicher Eingriffe durch Landwirtschaft und Industrie in die Natur behandelt, hatte großen Einfluss auf die ökologische Forschung und den Naturschutzgedanken in den USA.
Ernst Haeckels Begriffsdefinition und die Folgen Die erste Definition des Begriffes „Ökologie“ in heutigem Verständnis stammt von Ernst Haeckel (1834–1919), der selber allerdings nicht ökologisch arbeitete, sondern ein führender Zoologe und Vertreter des Darwinismus in Deutschland war:
mini|Ernst Haeckel im Jahre 1874, Professor der Universität Jena Haeckel griff die Definition der Ökologie in diesem und mehreren nachfolgenden Werken immer wieder auf und modifizierte sie mehrfach vor allem vor dem Hintergrund der Evolutionstheorie, womit er die Grundsätze der im 20. Jahrhundert entwickelten Evolutionsökologie teilweise bereits vorwegnahm.Günther Leps: Ökologie und Ökosystemforschung. 2000, S. 601. Bereits in den Darstellungen Haeckels lassen sich zwei wesentliche Bestandteile der Ökologie erkennen, für die von Carl Schroeter 1902 in einem Werk über Die Vegetation des Bodensees die Begriffe „Autökologie“ (Ökologie der Organismen) und „Synökologie“ (Ökologie der Lebensgemeinschaften) eingeführt wurden.
Obwohl der Begriff 1866 geprägt wurde etablierte sich die Ökologie als umfassende Disziplin allerdings erst sehr viel später. Anfänglich wurde sie – vor allem aufgrund der strengen akademischen Trennung zwischen Zoologie und Botanik – vielmehr als wissenschaftliche Naturgeschichte der Tiere (Tierökologie) verstanden und hatte als solche in den etablierten Wissenschaften nur einen sehr schlechten Status. Obwohl eine Reihe von Wissenschaftlern die Bedeutung der Ökologie als Wissenschaft erkannten und entsprechend hoch einschätzten, wurde sie von der Mehrheit der etablierten Disziplinen der Naturwissenschaften als rein beschreibende Naturgeschichte abgewertet. Charles Sutherland Elton definierte die Tierökologie in seinem Werk Animal Ecology 1927 entsprechend als „scientific natural history“, wodurch er diese Sichtweise noch verstärkte.Geschichte der Ökologie. In: Hartmut Bick: Grundzüge der Ökologie. 1998, S. 1–7.
Die Pflanzenökologie und die daraus abgeleitete Richtung der Geobotanik entwickelten sich weitgehend getrennt hiervon. Ein sich ebenfalls bereits im 19. Jahrhundert entwickelnder Zweig war ferner die Hydrobiologie, die sich mit den Lebensumständen von wasserlebenden Organismen in ihrer Umwelt beschäftigte, während Tier- und Pflanzenökologie sich vor allem auf den terrestrischen Lebensraum, also ökologische Probleme auf dem Festland, beschränkten.
Entwicklung der wissenschaftlichen Tierökologie mini|Über die Lebensweise der Kieferneule (Panolis flammea) veröffentlichte Schwerdtfeger 1932 und 1935 zwei große Untersuchungen. Der Ökologiebegriff Haeckels wurde in der Anfangszeit fast ausschließlich auf die Ökologie der Tiere angewendet. Diese frühe Tierökologie beschäftigte sich primär mit der beschreibenden Darstellung der Lebensansprüche einzelner Arten (Autökologie) und wurde (für terrestrische Gemeinschaften) erst in den 1920er Jahren auf die Betrachtung von Lebensgemeinschaften im Sinne einer Synökologie ausgedehnt.
Letztere entwickelte sich gemeinsam mit den Ansätzen der Populationsökologie, von Schwerdtfeger Demökologie genannt, die in dieser Zeit ihre Wurzeln hat und in den 1960ern vor allem durch die Lehrbücher des Forstökologen Fritz Schwerdtfeger bekannt wurde und sich weiter entwickelte. Viele Populationsökologen beschäftigten sich mit praktisch anwendbaren Erkenntnissen, vor allem im Bereich der Schädlingsbekämpfung in der Land- und Forstwirtschaft, in der Fischereiwirtschaft sowie in der Medizin, hier vor allem in der Parasitologie. Die Bereiche Forstökologie, Agrarökologie und Fischereibiologie wurden hierdurch auch zu eigenen Wissenschaftsgebieten. Die Verbindung von Ökologie mit der Verhaltensbiologie (Ethologie) führte zudem zur Verhaltensökologie, die später (ab den 1970er Jahren) einsetzende Verbindung mit der Evolutionsbiologie zur Evolutionsökologie.
Pflanzenökologie, Forstwirtschaft und Vegetationskunde Parallel zur Tierökologie entwickelte sich die Pflanzenökologie als eigenständiges Forschungsgebiet, wobei ihre Ursprünge in Form ökologischer Standortangaben ebenfalls bis in die Antike zurückreichen. Auch hier standen die Umweltansprüche der einzelnen Arten, also die Autökologie, im Vordergrund. Diese waren vielfach mit Fragestellungen der Verbreitung und damit der Pflanzengeographie verbunden, deren Anfänge allerdings schon auf Carl von Linné, Alexander von Humboldt und Georg Forster Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts zurückgehen. Alphonse de Candolle begründete 1855 bereits die physiologische Ausrichtung der Pflanzenökologie in seinem Werk Géographie botanique raisonnée.Vera Eisnerova: Evolutionstheorie und Ökologie in der Botanik. In: Ilse Jahn (Hrsg.): Geschichte der Biologie. 3. Auflage. Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg 2000, S. 322–323. (Ausgabe Nikol-Verlagsgesellschaft, Hamburg 2004, ISBN 3-937872-01-9)