Das Sumatra-Nashorn (Dicerorhinus sumatrensis) ist das kleinste und urtümlichste der fünf heute lebenden Arten aus der Familie der Nashörner (Rhinocerotidae). Es ist durch zwei Hörner charakterisiert und besitzt als einzige Nashornart eine mehr oder weniger dichte Behaarung. Entgegen seinem Namen ist das Vorkommen des Tieres nicht auf die Insel Sumatra beschränkt, vielmehr kam es in weiten Teilen Südostasiens vor, ist aber inzwischen dort weitgehend ausgerottet. Die gegenwärtige Population wird auf weniger als 80 Individuen geschätzt. Zwei engagierte Schutzprogramme in Indonesien und Malaysia versuchen den Nashornvertreter vor dem Aussterben zu bewahren. Die letzten Vorkommen in Malaysia wurden aber Ende 2019 für erloschen erklärt, sodass die Art nur noch in Indonesien verbreitet ist. Die Nashornart lebt weitgehend einzelgängerisch in tropischen Regenwäldern und ernährt sich von weicher Pflanzenkost. Bekannt ist das Sumatra-Nashorn für seine umfangreiche Lautkommunikation.

Merkmale links|miniatur|Das Sumatra-Nashorn, die kleinste und ursprünglichste rezente Nashornart. Zahlreiche Merkmale unterscheiden das Sumatra-Nashorn von anderen Nashörnern. Mit einer Kopf-Rumpf-Länge von 2,5 bis 3,2 m (hinzu kommt ein bis zu 60 cm langer Schwanz), einer Schulterhöhe von 1,2 bis 1,4 m und einem Gewicht von 500 bis 800 kg ist es die kleinste noch heute lebende Nashornart. Es weist einen im Vergleich kurzen, aber kräftigen Körper auf. Die Haut ist zwischen 1 und 1,6 cm dick, sehr weich und rötlich-braun gefärbt. Zwei charakteristische Hautfalten umlaufen den Körper vertikal hinter den Vorder- und vor den Hinterbeinen. Kleinere Falten befinden sich auch im Nacken und im oberen Bereich der Gliedmaßen. Insgesamt ist die Hautfaltung aber weniger ausgeprägt als bei den anderen asiatischen Nashornarten. Auffällig ist weiterhin die verhältnismäßig starke Behaarung des Körpers, die bei Jungtieren sehr dicht, aber auch bei jungen Alttieren noch vorhanden ist und ebenfalls eine rotbraune Färbung besitzt. Bei älteren Individuen färbt sich das Haar häufig schwarz und wird spärlicher. Weitere Haarbüschel befinden sich an den Ohrenspitzen und am Ende des Schwanzes. Unterhautfett tritt bei wild lebenden Tieren nur äußerst selten auf. Auffällig ist auch die spitz zulaufende und bewegliche Oberlippe, die zum Abrupfen der Pflanzennahrung dient.Colin P. Groves und Fred Kurt: Dicerorhinus sumatrensis. Mammalian Species 21, 1972, S. 1–6Nico van Strien: Sumatran Rhinoceros. In: R. Fulconis: Save the rhinos: EAZA Rhino Campaign 2005/6. Info Pack, London, 2005, S. 70–74

Im Unterschied zu den anderen asiatischen Nashornarten (Java-Nashorn, Panzernashorn) hat das Sumatra-Nashorn zwei Hörner, die in der Regel dunkelbraun oder schwarzbraun gefärbt sind. Das vordere Horn (Nasalhorn) ist dabei 15 bis 25 cm lang und weist überwiegend eine konische Form auf mit einer teils rückwärts gerichteten Spitze. Das längste jemals gefundene Horn besaß eine über die Krümmung gemessene Länge von 81 cm. Das hintere Horn (Frontalhorn) dagegen ist meist nur eine stumpfe Erhöhung. Die Hörner bestehen wie bei allen Nashörnern aus Keratin, das sich aus tausenden fadenartigen Strängen (Filamente) zusammensetzt und so eine hohe Festigkeit erhält. Ähnlich wie Hufe oder Haare wächst es das gesamte Leben lang, auch wenn es beschädigt wird.Colin P. Groves: Species characters in rhinoceros horns. Zeitschrift für Säugetierkunde 36 (4), 1971, S. 238–252 (245f)

Der Schädel des Sumatra-Nashorns ist mit 70 bis 80 cm sehr langgestreckt und zusätzlich schmal, seine Nasen-Stirn-Linie verläuft eher gerade und ist nicht so tief eingesattelt wie bei den anderen asiatischen Nashornarten. Das Hinterhauptsbein weist eine eher rechtwinklige Form auf und bewirkt eine deutlich aufrechte Kopfhaltung, die aber nicht so stark ausfällt wie bei den anderen asiatischen Nashörnern.Friedrich E. Zeuner: Die Beziehungen zwischen Schädelform und Lebensweise bei den rezenten und fossilen Nashörnern. Berichte der Naturforschenden Gesellschaft in Freiburg 34, 1934, S. 21–80 Die Augenhöhle befindet sich im Bereich des ersten Molaren. Charakteristisch ist eine im Vorderteil teilweise verknöcherte Nasenscheidewand, was bei den anderen rezenten Arten nur sehr selten auftritt. Wie alle asiatischen Nashörner besitzt auch das Sumatra-Nashorn eine, wenn auch reduzierte, vordere Bezahnung. Die Zahnformel für ausgewachsene Tiere lautet: , wobei im Milchgebiss noch ein weiterer Prämolar ausgebildet ist. Die unteren Schneidezähne ragen dolchartig nach vorn und sind sehr spitz, die oberen dagegen sind abgeflacht und stehen senkrecht im Kiefer. Manchmal finden sich noch Alveolen weiterer Schneidezähne bei ausgewachsenen Exemplaren. Die Molaren haben eher niedrige bis moderat hohe Zahnkronen und besitzen einen hohen Anteil an Zahnschmelz.Colin P. Groves: Die Nashörner – Stammesgeschichte und Verwandtschaft. In: Anonymous (Hrsg.): Die Nashörner: Begegnung mit urzeitlichen Kolossen. Fürth, 1997, S. 14–32

Das Sumatra-Nashorn vermag mit zahlreichen Lauten zu kommunizieren und ist allgemein sehr „gesprächig“. Vor allem während der Nahrungsaufnahme oder im allgemein zufriedenen Zustand gibt ein ungestörtes Tier ein ständiges und unentwegtes Quietschen von sich. Ein summender Laut wird bei Freude oder Vorfreude ausgestoßen und ist häufig bei schlammbadenden Tieren zu vernehmen. Ist das Tier verschreckt oder gestört, schnaubt es laut, bei Schmerz ertönt ein Wimmern oder ebenfalls ein Quietschen. Einige Laute liegen auch im Infraschallbereich bzw. ähneln den Gesängen von Buckelwalen. Die Vielzahl der Laute gilt als wichtig für eine Kommunikation im dichten tropischen Regenwald.T. Hubback: The Asiatic two-horned rhinoceros. Journal of Mammalogy 20 (1), 1939, S. 1–20Elizabeth von Muggenthaler, Paul Reinhart, Brad Lympany und R. Barton Craft: Songlike vocalizations from the Sumatran rhinoceros (Dicerorhinus sumatrensis). Acoustics Research Letters Online 4 (3), 2003, S. 83–88

Weiterhin besitzt das Sumatra-Nashorn nur einen sehr eingeschränkten Sehsinn, während der Geruchssinn und das Gehör außerordentlich gut ausgebildet sind.

Verbreitung und Unterarten mini|hochkant|Vorkommen des Sumatra-Nashorns: mini|Das Weibchen Begum (Foto: Zoo London, um 1890) ist das Typusexemplar der ausgestorbenen Unterart D. s. lasiotis. Das Sumatra-Nashorn bewohnt dichten tropischen Regenwald und gemäßigt-warmen Bergwald. Es kommt somit sowohl im Tief- als auch im Hochland bis zu Höhenlagen über 2.000 m vor. Dabei ist es äußerst beweglich und vermag auch steile Berghänge zu erklimmen.Rudolf Schenkel und Ernst M. Lang: Das Verhalten der Nashörner. Handbuch für Zoologie 8 (46), 1969, S. 1–56 Das ursprüngliche Verbreitungsgebiet reichte vom Fuß des Himalajas in Bhutan und dem äußersten Osten Indiens über Bangladesch, Myanmar, Thailand bis auf die Malaiische Halbinsel und umfasste auch die Inseln Sumatra und Borneo.Anwaruddin Choudhury: The status of the Sumatran rhinoceros in north-eastern India. Oryx 31 (2), 1997, S. 151–152 Eine ursprüngliche Verbreitung auch von Kambodscha bis nach Vietnam ist fraglich.L. C. Rookmaaker: The distribution of the rhinoceros in Eastern India, Bangladesh, China and the Indo-Chinese region. Zoologischer Anzeiger 205 (3/4), 1980, S. 253–268

Gegenwärtig kommt das Sumatra-Nashorn nur in weit verstreuten Populationen in Indonesien vor. Experten schätzen, dass die gesamte Bestandszahl weniger als 80 Tiere umfasst, möglicherweise weniger. Dabei leben drei größere Gruppen im Gunung Leuser Nationalpark (18–30 Tiere), im Bukit Barisan Selatan Nationalpark (4–15 Tiere) und im Way Kambas Nationalpark auf Sumatra (15–30 Tiere).Richard H. Emslie, Tom Milliken, Bibhab Talukdar, Gayle Burgess, Karyn Adcock, David Balfour und Michael H. Knight: African and Asian rhinoceroses – status, conservation and trade. A report from the IUCN Species Survical Commission (IUCN/SSC) African and Asian Rhino Specialist Groups and TRAFFIC to the CITES Secretariat pursuant to Resolution Conf. 9.14 (Rev. CoP17). In: Report to CITES. 17th meeting, Colombo, CoP 18 Doc.83.1 annex 3, 2019, S. 1–38 () Bis in die 2000er Jahre hinein gab es auch noch eine kleine Population von 20 bis 35 Tieren im Taman Negara auf der Malaiischen Halbinsel, was ungefähr die Hälfte des Gesamtbestandes der Halbinsel ausmachte. Allerdings fehlen hier weitgehend bis auf AusnahmenAnonymous: Rare rhino sighting in Malaysia. International Zoo News 55 (2), 2008, S. 102 konkrete Nachweise aus der Zeit ab dem Jahr 2008. Eine Studie aus dem Jahr 2015 kam zu dem Schluss, dass das Sumatra-Nashorn auf der Malaiischen Halbinsel mittlerweile aufgrund von Wilderei ausgestorben ist.Rasmus Gren Havmøller, Junaidi Payne, Widodo Ramono, Susie Ellis, K. Yoganand, Barney Long, Eric Dinerstein, A. Christy Williams, Rudi H. Putra, Jamal Gawi, Bibhab Kumar Talukdar und Neil Burgess: Will current conservation responses save the Critically Endangered Sumatran rhinoceros Dicerorhinus sumatrensis? Oryx; 50 (2), 2016, S. 355–359, doi:10.1017/S0030605315000472 Im Jahr 2019 wurde das Sumatra-Nashorn in Malaysia für ausgestorben erklärt, nachdem das letzte Exemplar in Gefangenschaft verendete.BBC: Malaysia's last known Sumatran rhino dies. (), abgerufen am 23. November 2019

Räumlich weit getrennt lebte im Jahr 2011 noch ein kleiner Bestand von rund 15 Tieren im Tabin-Wildreservat und möglicherweise ebenso viele Individuen im Schutzgebiet Lembah Danum im Nordosten von Borneo.Bibhab Kumar Talukdar: Asian Rhino Specialist Group report. Pachyderm 49, 2011, S. 16–19 (online)Abdul Wahab Ahmad Zafir, Junaidi Payne, Azlan Mohamed, Ching Fong Lau, Dionysius Shankar Kumar Sharma, Raymond Alfred, Amirtharaj Christy Williams, Senthival Nathan, Widodo S. Ramono und Gopalasamy Reuben Clements: Now or never: what will it take to save the Sumatran rhinoceros Dicerorhinus sumatrensis from extinction?. Oryx 45 (2), 2011, S. 225–233 Im März 2016 wurde im indonesischen Teil Borneos ein Sumatra-Nashorn gesichtet und eingefangen, das allerdings nach kurzer Zeit in Gefangenschaft verstarb.WWF: Nashorn wiederentdeckt: WWF entdeckt ausgestorben geglaubte Nashorn-Art in Kalimantan/Indonesien. (), abgerufen am 30. April 2016 Diese Gebiete umfassen teilweise natürliche Sumpflandschaften und sekundäre Wälder. Das Biotop ist dabei ähnlich jenem letzten Refugium des Java-Nashorns (Rhinoceros sondaicus), die Schutzgebiete für das Sumatra-Nashorn werden aber nur zum Teil als optimal für die Tierart angesehen.

Im Jahr 2015 wurde geschätzt, dass die Gesamtzahl aller in freier Wildbahn lebenden Sumatra-Nashörner weniger als 100 Tiere ausmacht. Diese Population verteilt sich auf drei weit auseinanderliegende Schutzgebiete. Zusätzlich zur Wildpopulation gab es sechs Sumatra-Nashörner in zwei Zoos (eines im Zoo von Cincinnati in den USA und fünf weitere im Sumatran Rhino Sanctuary auf Sumatra). Wissenschaftler argumentieren, dass ein Überleben des Sumatra-Nashorns aufgrund von dessen geringer natürlicher Reproduktionsrate und der bisher nicht wirklich gelungenen Nachzucht in Zoos nur dann gewährleistet ist, wenn die verbliebenen kleinen Populationen (einschließlich der in Menschenobhut gehaltenen Tiere) im Rahmen eines Gesamtkonzeptes „gemanagt“ werden.

Man unterteilt das Sumatra-Nashorn in zwei rezente Unterarten:Colin Groves und Peter Grubb: Ungulate Taxonomy. Johns Hopkins University Press, 2011, S. 1–317 (S. S. 23–24) Dicerorhinus sumatrensis sumatrensis (, 1814) Westliches Sumatra-Nashorn auf dem Festland Südostasiens und auf Sumatra, stellt die körperlich größte Unterart dar, besitzt aber relativ kleine Zähne; Dicerorhinus sumatrensis harrissoni (, 1965) Östliches Sumatra- oder Borneo/Sabah-Nashorn auf Borneo, ist deutlich kleiner als die westliche Unterart.

Daneben werden zwei ausgestorbene Unterarten unterschieden: †Dicerorhinus sumatrensis lasiotus (, 1872) Nördliches Sumatra-Nashorn in Bangladesch, Indien und Myanmar, ähnelte D. s. s., hatte jedoch größere Zähne;