mini|Karte der Drei Bünde mit ihren Untertanengebieten Als Bündner Wirren (Scumbigls grischuns in Rumantsch Grischun, Scumpigls grischuns im Ladinischen und Sgurdins grischuns in Sursilvan) werden die von 1618 bis 1639 dauernden kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen den Koalitionen Frankreich-Venedig und Spanien-Österreich um den heutigen Schweizer Kanton Graubünden im Rahmen des Dreissigjährigen Krieges bezeichnet. Dabei ging es hauptsächlich um die Kontrolle der Bündner Alpenpässe, aber auch um die konfessionelle Ordnung in Graubünden. Der Konflikt um Graubünden drohte zeitweilig auch die Eidgenossenschaft in den Dreissigjährigen Krieg hineinzuziehen.

Parteien mini|hochkant|Erzherzog Leopold V. von Österreich, Regent von Vorderösterreich und Tirol mini|hochkant|Der spanische Gouverneur von Mailand, Pedro Henriquez de Acevedo, Graf von Fuentes Im Kampf um die Vorherrschaft in Europa standen sich zu Beginn des 17. Jahrhunderts die Grossmächte Frankreich und die von verschiedenen Seitenlinien des Hauses Habsburg beherrschten Länder gegenüber. In die Bündner Wirren direkt verwickelt waren davon insbesondere das Königreich Spanien (zu dem zu dieser Zeit auch das Herzogtum Mailand gehörte) sowie Tirol und die Vorlande (→ Habsburgermonarchie). An der Seite Frankreichs stand die Republik Venedig. Das habsburgische Vorderösterreich und die Grafschaft Tirol wurden seit 1618 von Erzherzog Leopold V. zuerst als Statthalter, dann als Landesfürst regiert. Er war Bischof von Passau und Strassburg und dem Jesuitenorden sowie der Gegenreformation besonders zugetan. Spanien wurde in Mailand durch Gouverneure vertreten, bis 1610 durch den wegen seiner masslosen Strenge in den Niederlanden berüchtigten Pedro Henriquez de Acevedo, Graf von Fuentes, dann nach einigen Wechseln von 1618 bis 1627 sowie von 1631 bis 1634 durch Gómez Suárez de Figueroa, Herzog von Feria.

Im Kanton Graubünden, bzw. in den Drei Bünden, unterhielten die tonangebenden Adelsfamilien einträgliche Beziehungen zu den verschiedenen Höfen Europas, die mit Pensionen, Bestechungsgeldern und Soldverträgen einflussreiche Personen und Familien an sich banden. Die eine Gruppe hielt zu Österreich-Spanien, die andere zu Frankreich-Venedig. Zu den Freunden Österreichs gehörte der katholische Teil der Familie der Planta, auf der Seite Frankreichs stand die reformierte Familie Salis.Hansruedi Näf: Jenatsch − Kurz & Bündig! Samedan 2017, S. 9–15

Ausgangslage Die Reformation fand in Graubünden nach dem Gemeindeprinzip Eingang, d. h. jede Gemeinde konnte über ihre Konfession entscheiden. Etwa zwei Drittel der Gemeinden schlossen sich der Reformation an, rund ein Dutzend wählten die Parität, der Rest blieb katholisch. Die reformierten Gemeinden lagen schwerpunktmässig im Zehngerichtebund, in der Stadt Chur sowie im Engadin, so dass der Gotteshausbund religiös gemischt war. Im Grauen Bund waren die Katholiken in der Mehrheit. Die Abtei Disentis wurde neben dem bischöflichen Hof in Chur zu deren kulturellen und politischen Zentrum. Die anfänglich friedliche Reform machte mit dem Einsetzen der Gegenreformation einer angespannten Stimmung Platz, der konfessionelle Gegensatz wurde neben den Streitigkeiten zwischen den Talschaften, den wirtschaftlichen, politischen und den dynastischen Konflikten zu einer zusätzlichen Dimension im undurchsichtigen Kampf der Grossparteien und ihrer Exponenten um Einfluss im Freistaat der Drei Bünde.

Zwei Umstände begünstigten die Auseinandersetzungen der Bündner Wirren: Einerseits schwächten die im Zusammenhang mit der Gegenreformation fanatisch ausgetragenen Kämpfe zwischen den Konfessionen das Land, anderseits verhinderte die lockere politische Struktur Graubündens mit den Teilstaaten der Drei Bünde ohne eigentliche Zentralgewalt ein gemeinsames Auftreten gegenüber den Krieg führenden Mächten. Der Gotteshausbund und der Zehngerichtebund waren überwiegend reformiert, der Graue Bund überwiegend katholisch. Familienfehden und Rivalitäten zwischen den Talschaften erschwerten die Lage zusätzlich.

Zu Beginn des 17. Jahrhunderts erlangten die Bündner Alpenpässe als kürzeste Verbindung zwischen dem spanisch-habsburgisch beherrschten Mailand und dem österreichisch-habsburgischen Tirol zunehmend strategische Bedeutung. Vor allem das bündnerische Untertanenland Veltlin erweckte das Interesse der Krieg führenden Mächte Frankreich und Spanien. Das Tal war der kürzeste und bequemste Verbindungsweg zwischen Ost und West, ein Einfallstor ins Herzogtum Mailand und als Grenzland der Konfessionen von grosser geopolitischer Bedeutung. Für Spanien waren die Alpenpässe zusätzlich wichtig, weil König Philipp III. von Spanien bestrebt war, eine Verbindung zwischen den spanischen Besitzungen in den Niederlanden und in Norditalien herzustellen und sich dazu 1617 im Oñate-Vertrag von Erzherzog Ferdinand von Österreich auch schon die Abtretung des Elsass hatte zusichern lassen.Stadler: Das Zeitalter der Gegenreformation. 1972, S. 621. Andererseits war für die protestantische Seite der Gotthardpass durch die katholische Innerschweiz gesperrt und der Splügenpass- bzw. der Septimerpass der einzige offene Verbindungsweg nach Venedig, dem Haupt der anti-habsburgischen Koalition in Italien.

Zuletzt bildeten die ungeklärten staatsrechtlichen und landesherrlichen Verbindungen der Drei Bünde zum Reich, zum Bischof von Chur sowie zu den Erzherzögen von Österreich die Basis für langwierige Rechtsstreitigkeiten. Der Bischof von Chur war als Reichsfürst in weiten Teilen des heutigen Graubündens eigentlich der Inhaber der landesherrlichen Rechte, die er aber seit der Gründung der Drei Bünde und der Reformation nur noch eingeschränkt ausüben konnte. Mit der Unterstützung Österreichs versuchten verschiedene Bischöfe im 17. Jahrhundert, ihren alten Vorrechten wieder Geltung zu verschaffen. Weiter besass das Haus Habsburg die Landesherrschaft in acht der zehn Gerichte des Zehngerichtebundes, der Herrschaft Rhäzüns im Oberen Bund sowie in Konkurrenz zum Bischof von Chur als Grafen von Tirol die Gerichtsbarkeit im Unterengadin und im Münstertal. Die Erbeinung von 1518 zwischen den Drei Bünden und Kaiser Maximilian I. hatte zwar den Konflikt vorerst entschärft, dennoch hielt Habsburg an seinen Rechten fest und setzte sich 1608 im Vinschgau endgültig durch, so dass das Gericht Untercalven dem Gotteshausbund verloren ging. Nach der Reformation erhielten die Rechte Habsburgs in Bünden neue Bedeutung, weil sie als Hebel zur Rekatholisierung der betroffenen Gebieten dienten.

Strafgerichte mini|hochkant|Nicolò Rusca mini|Die Festung Fuentes bei Colico, 1603 vom spanischen Gouverneur in Mailand, dem Grafen von Fuentes, als Talsperre gegen die Bündner erbaut Gegenseitig versuchten die Parteien, sich den Durchgangsweg offen zu halten bzw. zu sperren. Mit Geld, Versprechungen und Drohungen beeinflussten sie die Politik der Bündner. Am 15. August 1603 brachte der venezianische Gesandte Giovanni Battista Padavino eine Allianz zwischen den Drei Bünden und der Republik Venedig zustande, die dieser unter anderem das Recht einräumte, in Rätien bis zu 6000 Mann anzuwerben.Peter Dürrenamt: Schweizer Geschichte. Band 1. 1976. Schon im folgenden Jahr erreichte aber auch der spanische Botschafter Alfonso Casati eine Allianz der Bündner mit Spanien. Seine Partei hatte in Bünden mächtige Fürsprecher, unter anderem Rudolf von Planta, der damals als der reichste Bündner galt.

Pedro Henriquez de Acevedo, Graf von Fuentes, der spanische Gouverneur im Herzogtum Mailand, reagierte wiederholt mit einem Handelsembargo gegen die Drei Bünde, um Druck zugunsten der spanischen Partei auszuüben. Da der wichtigste Handelsweg zwischen Graubünden und Italien über den Comersee durch das Herzogtum Mailand führte, konnte Spanien dadurch beträchtlichen Druck ausüben. Zur Sicherung des Zugangs nach Graubünden liess er am Eingang zum Veltlin die Festung Fuentes erbauen, von der aus Spanien die Nord-Süd-Verbindung nach Belieben unterbrechen konnte.

In Graubünden wuchsen die Spannungen zwischen den Parteien. Im März 1607 trafen sich 6000 Männer in Chur zu einer bewaffneten Landsgemeinde, bei der die Meinungen hart aufeinander prallten. In einem Strafgericht wurden die Führer der französisch-venezianischen Partei verurteilt. In einem «Artikelbrief» wurde die Schliessung der Pässe für fremde Truppen verlangt und Geistlichen die Einmischung in weltliche Angelegenheiten untersagt. Gegen die Anführer wurden hohe Bussen verteilt, der Gerichtsschreiber Oberst Johannes Guler wurde in Abwesenheit zum Tod verurteilt. Zahlreiche Angeklagte flüchteten in die Eidgenossenschaft.

Im Frühsommer 1607 antwortete die venezianische Partei mit einem Gegengericht. Der Bischofssitz in Chur wurde gestürmt und die Anführer der spanisch-österreichischen Partei, der Landvogt auf Castels, Georg Beeli von Belfort, und der bischöfliche Schlosshauptmann Kaspar Baselgia aus Savognin, wurden Anfang Juli hingerichtet. Im November 1608 hob ein Strafgericht in Ilanz die in Chur ausgesprochenen Strafen auf und verhängte mildere Urteile. Das Ergebnis dieser Auseinandersetzungen bestand darin, dass die katholische Partei Österreich-Spanien gestärkt wurde und verhinderte, dass das 1603 abgelaufene Bündnis der Drei Bünde mit Venedig erneuert wurde. Spanien und Venedig begannen erneut nach Kräften für ihre jeweilige Partei zu werben.

Im Februar 1618 verhängte Spanien erneut ein Handelsembargo, um Druck auszuüben. An einer reformierten Synode in Bergün im April 1618, geleitet von Kaspar Alexius, wurde mit Unterstützung von im katholischen Veltlin wirkenden reformierten Prädikanten, unter anderen Blasius Alexander und Jörg Jenatsch, der sog. Hispanismus verurteilt und vor den katholischen Umtrieben Spaniens gewarnt. Jenatsch organisierte darauf im Juni 1618 eine erneute Verurteilung der katholischen Parteiführer als Landesverräter und führte einen Fähnlilupf gegen Schloss Wildenberg in Zernez, wo Rudolf von Planta residierte. Dieser konnte sich jedoch in österreichisches Gebiet retten. Darauf zog Jenatsch ins Veltlin und verhaftete in Sondrio den Erzpriester Nicolò Rusca, einen erklärten Gegner der Reformation mit dem Beinamen «Ketzerhammer». Nach weiteren Verhaftungen im Veltlin und im Bergell wurde in Thusis im August 1618 das sogenannte Thusner Strafgericht gebildet. Rusca wurde zu Tode gefoltert, der antivenezianisch gesinnte Landammann des Bergell, Baptist Prevost, wurde hingerichtet, Rudolf von Planta, sein Bruder Pompejus und der Bischof von Chur, Johannes V. Flugi, wurden für vogelfrei erklärt und des Landes verwiesen. Zudem wurden zahlreiche Bussen von teilweise sehr hohem Ausmass verhängt. Die Vertriebenen warben in der Eidgenossenschaft und in Österreich um Unterstützung. Weitere Strafgerichte folgten Schlag auf Schlag: Im Frühjahr 1619 hob ein von der katholischen Partei dominiertes Gericht in Chur die Urteile von Thusis wieder auf und verurteilte die Führer der reformiert-venezianischen Partei. Diese organisierten darauf im November 1619 ein Strafgericht in Davos, das die Urteile von Thusis bekräftigte.Stadler: Das Zeitalter der Gegenreformation. 1972, S. 622 f.

Dieses innere Chaos bewirkte eine starke Verschlechterung der diplomatischen Position der Drei Bünde. Rudolf und Pompeius von Planta warben in der katholischen Eidgenossenschaft, in Österreich und in Mailand um eine Intervention in Bünden. Frankreich brach die Beziehungen mit den Bünden ab und unterstützte schliesslich sogar die katholisch-spanische Seite in der Hoffnung, dadurch die Situation zu beruhigen. In dieser Situation plante Ferdinand II. von Österreich, der 1619 zum römisch-deutschen Kaiser gewählt worden war, mit französischer Duldung eine Invasion in Graubünden mit einem gleichzeitigen spanischen Angriff von Mailand und einem österreichischen unter Erzherzog Leopold aus dem Vinschgau.Stadler: Das Zeitalter der Gegenreformation. 1972, S. 623.

Erste österreichisch-spanische Invasion 1620 und Mailänder Verträge 1622