Virgil Ivan „Gus“ Grissom (* 3. April 1926 in Mitchell, Indiana; † 27. Januar 1967 in Cape Canaveral, Florida) war ein US-amerikanischer Astronaut. Er war nach Alan Shepard der zweite US-Amerikaner und dritte Mensch im Weltraum und auch der erste Mensch, der zweimal in den Weltraum reiste. Gus Grissom kam bei einem Test des Raumschiffs Apollo 1 ums Leben.

Frühe Jahre

Gus Grissom wuchs mit seinen zwei jüngeren Brüdern Norman und Lowell sowie seiner jüngeren Schwester Wilma bei seinen Eltern Dennis und Cecile Grissom in seiner Geburtsstadt Mitchell, Indiana auf. Die Stadt liegt etwa zehn Kilometer südlich von Bedford im südlichen Zentralteil des US-amerikanischen Bundesstaates Indiana. Sein Vater arbeitete zu diesem Zeitpunkt bei der Baltimore and Ohio Railroad. Von früher Jugend an wollte Grissom Pilot werden und interessierte sich daher auch verstärkt für die naturwissenschaftlichen Schulfächer Mathematik und Physik, privat baute er damals schon kleine Modelle von Flugzeugen aus Balsaholz. Er hatte einen IQ von 145, war sehr sportlich und spielte schon in der Schule aktiv und erfolgreich Basketball und Handball. Des Weiteren war er in seiner Jugend auch als Pfadfinder (Scout) aktiv.

Während des Besuchs der Mitchell High School lernte er seine zukünftige Frau Betty Moore kennen, die er am 6. Juli 1945 heiratete. Zu dieser Zeit war er Flugschüler bei den United States Army Air Forces, in die er 1944 eingetreten war. Weil er dort nach Ende des Zweiten Weltkrieges einen Schreibtischjob erhielt, verließ er die Army Air Forces.

Im Jahr 1950 machte Grissom seinen Bachelor of Science in Maschinenbau an der Purdue University in West Lafayette (Indiana). Das Studium finanzierten er und seine Frau, indem Grissom nach dem Unterricht in einem Schnellrestaurant Hamburger zubereitete oder diverse Nebenjobs ausführte und seine Frau Betty als Telefonvermittlerin für Ferngespräche arbeitete. Einen zweiten Bachelor in Aeromechanik erhielt er 1956 am Air Force Institute of Technology.

Testpilot und Koreakrieg mini|links|F-86 mini|F-104A der USAF Da Gus Grissom aber immer Testpilot werden wollte, trat er nach der erfolgreichen Beendigung seines Studiums wieder in die US Air Force ein und bestand die Pilotenprüfung an der Williams Air Force Base in Arizona. Ein knappes Jahr später wurde er zur 334th Fighter Squadron nach Korea abkommandiert, die auf der Kimpo Air Force Base stationiert war und später in Suwon, die nahe der damaligen Front lag. Dort flog er im Koreakrieg mit der North American F-86 in einem halben Jahr hundert Kampfeinsätze, die ein Jagdpilot dort bis zu seiner Ablösung in der Regel geflogen haben musste. Er selbst konnte keinen feindlichen Abschuss verzeichnen, war jedoch Flügelmann des Geschwaderkommandanten und wurde hoch ausgezeichnet, da er über überdurchschnittliches Fliegertalent verfügte.

In seiner Einheit war es üblich, dass die Piloten, die noch nie von einer MiG beschossen wurden, auf dem Transport zum Flugplatz im Bus stehen mussten. Grissom durfte sich schon nach seiner zweiten Mission hinsetzen, da er schon bei der ersten beschossen wurde.

Nach dieser Zeit arbeitete er als Flugausbilder, was nach seiner eigenen Aussage schwerer war, als in Korea gegen feindliche Jäger zu kämpfen. Er war auf der Craig Air Force Base in Alabama stationiert, daraufhin auf der Bryan Air Force Base in Texas und beendete 1957 seine Testpilotenausbildung an der Edwards Air Force Base. An der Wright-Patterson Air Force Base testete er daraufhin neue Kampfflugzeuge. Sein Lieblingsflugzeug wurde bei dieser Tätigkeit die Lockheed F-104.

Das Mercury-Programm mini|Die Mercury-Seven-Astronauten, Grissom in der hinteren Reihe in der Mitte mini|Wernher von Braun mit den 7 Mercury-Astronauten, Grissom ganz links mini|Das Innere eines Mercury-Raumschiffs Kurz darauf erhielt Gus Grissom eine Top-Secret-Mitteilung, in der er aufgefordert wurde, in Zivilkleidung an einer bestimmten Adresse in Washington, D.C. zu erscheinen. Dort wurde ihm eröffnet, dass er zu den einhundertzehn Testpiloten gehöre, deren Auszeichnungen sie dazu befähige, mehr über das amerikanische Weltraumprogramm und im Besonderen über das Mercury-Programm zu erfahren.

Nach Grissoms eigener Einschätzung hätte er nie damit gerechnet, für das Programm ausgewählt zu werden, aber er entschloss sich trotzdem, einige der NASA-Tests mitzumachen. Nachdem Ärzte festgestellt hatten, dass Gus Grissom an Heuschnupfen litt, schied er fast aus dem Programm aus. Er konnte die Ärzte allerdings dahingehend überzeugen, dass es im All keine Pollen gäbe und somit seine Allergie ihn nicht an einem Weltraumflug hindern würde.

Von allen Tests empfand er die psychologischen Tests als größte Belastung, er selbst nannte später in einem Buch die Psychologen abwertend Schrumpfköpfe, wohingegen ihm die physischen Tests, die an die Grenze der Kraft eines Menschen gingen, eher weniger ausgemacht haben.

Am 13. April 1959 wurde die erste amerikanische Astronautengruppe, unter ihnen Gus Grissom, ausgewählt. Die anderen sechs Astronauten waren: Scott Carpenter, Gordon Cooper, John Glenn, Walter Schirra, Alan Shepard und Deke Slayton. Sie wurden als die Mercury Seven quasi über Nacht weltweit bekannt und berühmt, da die NASA mit großem Presserummel ihre ersten Astronauten der Öffentlichkeit vorgestellt hatte.

Grissom war der kleinste aus der Astronautengruppe, konnte sich jedoch jederzeit mit den anderen Astronauten messen. Gus Grissom zog daraufhin mit seiner Familie (er hatte mittlerweile zwei Söhne) auf die Langley Air Force Base nach Virginia um. Die nächsten Jahre waren ausgefüllt mit weltweiten Trainingsflügen, Überlebenstraining, Planungsarbeiten und viel Pressearbeit. Ein 16-Stunden-Tag war die Regel. Grissom bekam als Spezialgebiet das neue Drei-Achsen-Steuersystem des Mercury-Raumschiffs zugewiesen.

Mercury-Redstone 4 – Liberty Bell 7 mini|Grissom vor der Liberty Bell 7 mini|Liberty Bell 7 nach der Bergung 1999 durch Curt Newport Der Konkurrenzkampf mit der Sowjetunion um die Eroberung des Weltraums begann durch den Satelliten Sputnik und wurde durch Gagarins ersten Weltraumflug am 12. April 1961 noch weiter verschärft. Grissom selbst wurde für den zweiten bemannten Mercury-Flug ausersehen. Da das Raumschiff wie eine Glocke aussah, taufte Gus Grissom es Liberty Bell 7. Im Gegensatz zur ersten Mercury-Mission von Alan Shepard wurde das Raumschiff etwas modifiziert. Ein größeres Fenster, das schon vor Shepards Flug in Planung gewesen war, wurde eingebaut. Installiert wurden auch eine Sprengluke, die es dem Astronauten erleichtern sollte, die Landekapsel schneller und einfacher zu öffnen, ein neues Armaturenbrett, eine neue Steuerung des Raumschiffes und ein neuer Raumanzug mit anderen Mikrophonen und größerem Nylonanteil. Gleichzeitig wurden neue Raketen für die Bergungsmannschaft an Bord der Liberty Bell 7 eingebaut. Diese Änderungen waren Forderungen der Astronauten gegenüber der NASA und deren Technikern gewesen. Grissom verbrachte deshalb auch viel Zeit bei der Montage des Raumschiffs im Werk von McDonnell in St. Louis und kümmerte sich persönlich um Detailfragen.

Am 21. Juli 1961 beim zweiten Startversuch des Wetters wegen, startete Gus Grissom in seine erste Weltraummission Mercury-Redstone 4 nach drei Countdown-Stopps, die durch einen falsch angebrachten Sprengbolzen der Luke, durch das Löschen der Scheinwerfer und durch kurzfristige Wolkenbildung bedingt waren. Der Start zu diesem suborbitalen Flug mit der von Chrysler gebauten Redstone-Rakete verlief problemlos. Der Wiedereintritt in die Erdatmosphäre erfolgte mit über 11 g. Nach einem ballistischen Flug, bei dem das erste Mal ein Astronaut die Bremsraketen des Raumschiffs von Hand zündete, öffnete sich der Landefallschirm und Liberty Bell 7 landete im Atlantik.

Gus Grissom bereitete den Ausstieg aus der Landekapsel vor, indem er seinen Helm öffnete, den Sauerstoffschlauch und die Sicherheitsgurte entfernte. Danach schaltete er den Absprengmechanismus der Luke scharf. Nach Absprache mit dem Rettungshubschrauber Hunt Club wartete Grissom darauf, dass dieser die Kapsel bergen würde. In der Zwischenzeit notierte er die Stellungen der Hebel und Knöpfe am Armaturenbrett, da Alan Shepard dies bei seinem Flug vergessen hatte.

Plötzlich jedoch explodierte der Lukensprengsatz, und sofort drang Wasser in das Innere der Liberty Bell 7. Instinktiv verließ er sofort die sinkende Landekapsel unter Zurücklassung aller Utensilien. Durch das eindringende Wasser wurde die Kapsel immer schwerer und der Helikopter wurde über seine Belastungsgrenze gefordert, sodass er das schon angebrachte Rettungsseil kappen musste und die Liberty Bell 7 im Meer versank.

Grissoms Raumanzug füllte sich immer mehr mit Wasser, da er das Anschlussloch für den Sauerstoffschlauch nicht verschlossen hatte. Zusätzliches Gewicht hatte er auch dabei, da er etliche Souvenirs im linken Hosenbein seines Raumanzuges mit auf seinen Flug genommen hatte, unter anderem zwei Rollen 50-Cent-Stücke für die Kinder von Freunden, drei Dollarnoten, ein paar Miniaturmodelle des Raumschiffs und zwei Pilotenabzeichen. Durch Winken der Arme versuchte er Hilfe von den Hubschraubern zu erhalten, die Besatzungen deuteten es aber erst als Grußwinken Grissoms und winkten ihm freundlich zurück. Ein zusätzlicher Rettungshubschrauber bewahrte ihn dann aber vor dem Ertrinken und zog ihn an Bord, wobei Grissom in Panik und unter körperlicher Erschöpfung die Bergungsschlinge falsch herum angelegt hatte. Auf dem Weg im Hubschrauber zum Bergungsflugzeugträger legte er sofort eine Schwimmweste an, da er Angst hatte, wieder im Wasser zu landen, wenn der Hubschrauber Probleme hätte. An Bord des Flugzeugträgers überreichte ihm dann ein Offizier seinen Helm, der aus der sinkenden Kapsel herausgeschwommen sein musste und von der Besatzung eines Zerstörers geborgen worden war.

Nach Grissoms eigener Aussage und Aussagen der NASA-Techniker lag ein Defekt im System vor, sodass die Luke vorzeitig abgesprengt wurde. Grissom hat den Verlust der Landekapsel nie überwunden. Auch wenn der Verdacht auf ein Fehlverhalten seinerseits nie zweifellos ausgeräumt werden konnte, blieb er doch weiter ein angesehenes Mitglied der Astronautengruppe.

Als aktuelle Theorie für den Hergang des Unglücks gilt folgende, jedoch wie alle anderen, unbewiesene Variante: Grissom beobachtete während des Sinkflugs ein Loch in einem der Fallschirme, das in etwa der Größe der äußeren Abdeckung des Auslösers für die Sprengbolzen der Tür entsprach. Man nimmt an, dass sich eine Leine des Fallschirms oder der Leuchtboje in dem Hebel verfangen haben könnte und ihn nach der Landung auslöste. Diese Theorie wird auch dadurch gestützt, dass John Glenn, Walter Schirra und Gordon Cooper leichte Verletzungen an ihrem Handgelenk trugen, nachdem sie die Sprengluke geöffnet hatten. Grissom hatte diese Verletzungen nicht, und Scott Carpenter verließ die Kapsel, ohne die Luke abzusprengen, durch das Recover-Compartment an der Spitze des Raumschiffs.

Grissom machte nach der Mission den Vorschlag, dass Taucher an Bord der Bergungshubschrauber sein sollten, die die Kapsel mit Auftriebskörpern sichern sollten. Dieser Vorschlag wurde seitens der NASA beim Gemini-Projekt angenommen und bis zum Ende der Apollo-Missionen ausnahmslos angewandt, da bis dahin alle Raumschiffe im Meer landeten. Erst mit der Einführung des Space Shuttles bei der Mission STS-1 unter dem Kommando von Grissoms Freund John Young wurde auf Wasserungen verzichtet, da dieser Raumschifftyp in der Lage ist, wie ein Flugzeug auf einer Landebahn zu landen. Mit Einführung des Raumschiffs Crew Dragon wurde die Praxis der Wasserung bemannter Raumkapseln wieder aufgenommen.

Grissom bastelte zu der Zeit zusammen mit John Glenn den ersten Urinbeutel der NASA aus Kondom, Gummischlauch und Plastiktüte.

Grissom war darauf bei mehreren Mercury-Missionen Verbindungssprecher (Capcom).

Späte Bergung der Liberty Bell 7