mini|Verbrennung von Templern wegen angeblicher Sodomie
Als Sodomiterverfolgung wird die strafrechtliche Verfolgung und Hinrichtung von Männern bezeichnet, denen im Mittelalter und der frühen Neuzeit vorgeworfen wurde, das „sodomitische Laster“ (vitium sodomiticum) praktiziert zu haben. Darunter wurden Sexualpraktiken verstanden, die nicht der Fortpflanzung dienten, insbesondere der Analverkehr.
Begriff Mit dem Begriff der Sodomie wurden im Mittelalter verschiedene „widernatürliche“ Sexualpraktiken bezeichnet, hauptsächlich jedoch der Analverkehr. Sodomie wurde als die „stumme Sünde“, die „Sünde ohne Namen“ oder „jene schreckliche Sünde, die unter Christen nicht genannt werden darf“ bezeichnet. Am häufigsten gebraucht wurde die Wendung „Laster wider die Natur“ (vitium contra naturam).
Etymologisch leitet sich das Wort Sodomie von den biblischen Erzählungen im 1. Buch Mose, Kap. und von der Stadt Sodom ab, deren Bewohner der Sünde anheimgefallen waren und daher von Gott unter einem Regen aus Feuer und Schwefel begraben wurden.
Theologischer Diskurs Im alten und im neuen Testament wurde die Sodom-Erzählung im Allgemeinen als Inbegriff der menschlichen Sündenverfallenheit und vor allem als mahnendes Beispiel der göttlichen Strafe rezipiert.
Die Erzählung des versuchten Übergriffs der Sodomiten auf die Engel, die bei Lot zu Gast waren , weist auffallende Ähnlichkeiten mit der des Leviten aus Ephraim in , auf: Beide Erzählungen thematisieren kollektive sexuelle Gewalt gegenüber fremden Gästen, und in beiden Fällen wird diese Gewalt mit der Vernichtung der Stadt bestraft. Als Unterschiede sind zu nennen, dass in Sodom alle Männer beteiligt waren, in Gibea jedoch nur „übles Gesindel“ aus der Stadt. Während nun an Sodom Gott selbst das Strafgericht vollzog, nachdem es bereits zuvor beschlossen war, sollte das Strafgericht Israels sich im Affekt () und über die Täter () erstrecken. Doch Benjamin zog durch sein Verhalten das Strafgericht auf sich als ganzes. In Richter 19 wird also eine Geschichte der Eskalation der Gewalt, in Genesis hingegen ein Beispiel für jenes Verhalten, das zu Gottes Reaktion geführt hat, beschrieben.
In wird ein Motiv allgemeinerer Gewalt gegen fremde Gäste mit klaren Analogien zu Gen 19 erwähnt. Diese Tatsache dient als Grundlage dafür, auch die Sünden Sodoms stärker von homosexueller Gewalt zu trennen.
Die Assoziation der Sünden der Sodomiten mit der Unzucht zwischen Männern geht mit der Deutung in sexuellem Sinn der Aufforderung der Sodomiten an Lot einher: „...Führe sie zu uns heraus, dass wir sie erkennen“ . Diese Bedeutung des Wortes „erkennen“ bestätigt sich aus der Bibel und wird unter anderem in den Geschlechtsregistern verwendet: „Und Adam erkannte seine Frau Eva, und sie ward schwanger und gebar den Kain“ , . Sie wird insbesondere auch durch bestätigt.
Die Kirchenväter mini|Die Zerstörung von Sodom (Mosaik, 12. Jh.)
Auch die späteren patristischen Kommentatoren versäumten es zunächst, in der Interpretation der Sodom-Geschichte zwischen der Sünde der Wollust im Allgemeinen und der „widernatürlichen Unzucht“ im Besonderen zu unterscheiden. Selbst die älteren, nicht sexuell gefärbten Interpretationen der Geschichte hielten sich noch über Jahrhunderte. So erklärte Hieronymus im Einklang mit , Prinzen gelten dann als Sodomiten, wenn sie in einem anderen Land mit ihren Sünden prahlen. Ambrosius wiederum hebt an der Drohung der Sodomiter, die zwei Engel zu vergewaltigen, die Verletzung des Gastrechts hervor, führt aber gleichzeitig an anderer Stelle als Gründe für die Vernichtung der Stadt die Bosheit, Sündenverfallenheit und besonders die Wollust ihrer Einwohner an. Für Gregorius hingegen ist es bereits eindeutig, dass Sodom wegen seiner „ungesetzlichen Begierden“ bestraft wurde. „Vom brennenden Sodom zu fliehen heißt, die unerlaubten Feuer des Fleisches zurückzuweisen“. Unter den vier großen Kirchenlehrern ist es jedoch einzig Augustinus, der explizit darauf verweist, dass Sodom zerstört wurde, weil dort die Unzucht mit Männern aus Gewohnheit blühte. Die detaillierteste Beschreibung gleichgeschlechtlicher Handlungen findet sich bei den östlichen Kirchenvätern, insbesondere in den Kanones und dem Kanonikon von Johannes Nesteutes aus dem 6. Jahrhundert. Dort wird allerdings nur der Analverkehr (arsenokoitia) als perfekte Sünde verurteilt. Dabei ist bemerkenswert, dass der Analverkehr zwischen Eheleuten als verwerflicher angesehen wurde als der Analverkehr zwischen unverheirateten Männern. Die gegenseitige Masturbation unter Männern, Frauen und zwischen Mann und Frau wurden jedoch als gleichrangig angesehen und vergleichsweise milde geahndet. Der gleichgeschlechtliche Aspekt wurde also nicht als gravierend angesehen; im Gegenteil. Es ist deshalb fragwürdig, inwiefern der historische Begriff der Sodomie und das moderne Konzept von Homosexualität überhaupt gleichgesetzt werden können.
Scholastische Definitionen
mini|Dante und Vergil treffen die Sodomiten in der Hölle (Manuskript-Illustration, ca. 1345)Als Hauptwort taucht die Sodomie erstmals 1049 in einer kirchlichen Streitschrift auf, wo sie ihre Neukreation einer rhetorischen Analogie verdankt: In seinem Liber Gomorrhianus ruft der Benediktinermönch Petrus Damianus den damaligen Papst Leo IX. dazu auf, das sodomitische Laster aus der Kirche zu tilgen, indem diejenigen, die sich dessen schuldig gemacht haben, ihrer geistlichen Würde enthoben werden. In diesem Kontext prägt er das Substantiv sodomia mit Hilfe einer polemischen Parallelisierung: „Wenn Blasphemie die schlimmste Sünde ist, weiß ich nicht, auf welche Weise Sodomie besser wäre.“Georg Klauda: Die Vertreibung aus dem Serail: Europa und die Heteronormalisierung der islamischen Welt. Männerschwarm Verlag, München, 2008, ISBN 3-86300-029-3, Seiten 66ff.
Damian legt dem Begriff dabei eine Gruppierung gänzlich verschiedener sexueller Handlungen zugrunde. Ihre Gemeinsamkeit bestand lediglich darin, dass sie nichts zur Fortpflanzung beitrugen, dem für das traditionelle Christentum einzig legitimen Zweck und Grund menschlicher Sexualität. Vier Formen konstituieren für Damian daher in aufsteigender Reihenfolge die sodomitische Sünde: die Selbstbefleckung (Masturbation), das wechselseitige Umgreifen und Reiben der männlichen Genitalien, die Ejakulation zwischen den Schenkeln und der Analverkehr.
Einer anderen Logik der Unterteilung folgte Thomas von Aquin im 13. Jahrhundert. Ihm zufolge ist die „Sünde wider die Natur“ eine von sechs Arten der Wollust mit vier Unterarten, nämlich der Masturbation, dem Verkehr mit einem „Wesen einer anderen Art“, dem Verkehr mit einer Person, die nicht das geforderte Geschlecht besitzt, und dem unnatürlichen Vollzug des Beischlafs, etwa durch die Benutzung ungehöriger Instrumente oder auf andere „monströse und bestialische Weisen“. Am schwersten wiegt dabei die Unzucht mit einem Tier, am geringsten die „Unreinheit“, die einer mit sich allein begeht.
Verfolgungspraxis Spätantike
Mitte des 6. Jahrhunderts verhängte der byzantinische Kaiser Justinian I. in seinen Gesetzesnovellen ein Totalverbot der „widernatürlichen Unzucht“, verwies dabei erstmals auf Sodom und Gomorra und warnte vor „Erdbeben, Hungersnot und Pest“ als Folgen solchen Treibens. In einem anonym erschienenen Pamphlet gegen das Kaiserehepaar, das an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig ließ, beleuchtete der zeitgenössische Historiker Prokopios von Caesarea den politischen Hintergrund dieses Gesetzes. Dabei legt er nahe, dass Justinian sowie seine Gemahlin und Mitregentin Theodora I. das Gesetz vor allem als Mittel gebrauchten, persönliche Feinde unter einem billigen Vorwand aus dem Weg zu schaffen und gezielt Personen auszuplündern, die große Reichtümer besaßen. Die Bestrafung habe dabei jeder Rechtsform entbehrt, „denn die Ahndung geschah ohne Kläger, und das Zeugnis eines einzigen Mannes oder Kindes […] erschien als vollgültiger Beweis“. Anhand zweier Fälle schildert Prokop schließlich auch den populären Widerstand, den die Verfolgung einzelner Personen wegen Päderastie oder angeblicher Beischlafbeziehungen mit Männern (gamoi andron) im „gesamten Volk“ hervorrief.Spyros N. Troianos: Ταυτοπάθεια, spiegelnde Strafen und Nasenabschneiden. In: Rainer Maria Kiesow, Regina Ogorek, Spiros Simitis (Hrsg.): Summa: Dieter Simon zum 70. Geburtstag. Klostermann, Frankfurt 2005, ISBN 3-465-03433-3, Seite 572.
Jedoch gibt es keine Hinweise, dass die Kirche Justinians Gesetz jemals unterstützt oder auch nur öffentlich befürwortet hätte. Vielmehr wurde sie sehr bald schon selbst zum Opfer des blutigen Treibens, zu dem sich das Kaiserehepaar mithilfe der beiden Novellen ermächtigt hatte. So sind die einzigen von Justinian Bestraften, deren voller Name uns bis heute überliefert ist, beides prominente Bischöfe der damaligen Zeit: der eine, Isaiah von Rhodos, wegen angeblicher Unzucht mit Männern gefoltert und exiliert, der andere, Alexander von Diospolis in Thrakien, gemäß den Bestimmungen des Gesetzes kastriert und öffentlich durch die Straßen geführt.
Mittelalter und frühe Neuzeit mini|Templer küsst Kleriker von hinten (Manuskript-Illustration, ca. 1350)
Bis zum 13. Jahrhundert war Sodomie in den Ländern Europas nicht strafbar, sondern lediglich eine von vielen Sünden in den kirchlichen Bußbüchern. Das änderte sich jedoch im Rahmen der Kreuzzugspropaganda gegen den Islam, die den Begriff der Sodomie politisierte. Mohammed, der „Feind der Natur“, habe die Sünde der Sodomiter unter seinen Leuten popularisiert, hieß es in den zeitgenössischen Pamphleten. Die Sarazenen würden Bischöfe vergewaltigen und christliche Knaben für ihre fleischlichen Begierden missbrauchen. Nur wenig später gehörte die Sodomie auch zu den Standardvorwürfen gegen die Häretiker, so dass ketzern im Mittelhochdeutschen zum Synonym für „sodomitisch verkehren“ wurde. Gleiches geschah in Frankreich mit bougrerie und in England mit buggery, die sich beide vom Namen der Bogomilensekte ableiten.Michael Brinkschröder: Sodom als Symptom: Gleichgeschlechtliche Sexualität im christlichen Imaginären – eine religionsgeschichtliche Anamnese. de Gruyter, Berlin / New York, 2006, ISBN 978-3-11-018527-0.
Im Rahmen dieser Hetze wandelte sich zwischen 1250 und 1300 die Sodomie von einer zwar sündigen, aber meist völlig legalen Praxis zu einer Handlung, die fast überall in Europa mit der Todesstrafe belegt wurde. Sie war jedoch weiterhin vor allem ein Mittel der Denunziation und der politischen Intrige, wie im Fall der Ermordung von König Eduard II. oder der Zerschlagung des Templerordens. Darüber hinaus wurde sie in der Regel nur geahndet, wenn eine Handlung den sozialen Frieden empfindlich gestört hatte, z. B. bei einer Vergewaltigung oder der Sodomitisierung von Kindern. Die Gerichte beschäftigten sich in der Realität viel öfter mit Fällen von außerehelichem Geschlechtsverkehr zwischen einem Mann und einer Frau als mit gleichgeschlechtlichen Handlungen unter Männern, bargen Letztere doch wenigstens nicht die Gefahr des illegitimen Nachwuchses.