Die Distribuierte Morphologie (, abgekürzt DM, auch: verteilte Morphologie) ist ein theoretisches Konzept der allgemeinen Sprachwissenschaft, bei der die Morphologie auf die Syntax und die Phonologie verteilt wird. Mit ihr sollen verschiedene Flexions- aber auch derivationelle Phänomene in den Sprachen der Welt erklärt werden.

Einleitung Die Distribuierte Morphologie umfasst ein konzeptuelles Framework verschiedener Modelle über die Prozesse, die an der Schnittstelle zwischen Syntax und Phonologie auftreten. Diese Modelle versuchen zu erklären, wie abstrakte morphosyntaktische und morphosemantische Merkmale durch ihre konkrete lautliche Realisierung ersetzt werden. Das Modell in seiner ursprünglichen Form geht auf zwei Aufsätze der amerikanischen Linguisten Alec Marantz und Morris Halle aus den Jahren 1993 und 1994 zurück.

Die Distribuierte Morphologie ist der Taxonomie von Greg Stump (2001) nach eine post-syntaktische realisational-lexikalische Theorie der Morphologie.

Post-syntaktisch bedeutet dabei, dass die Auswahl der bei der Einsetzung interpretierten morpho-syntaktischen Merkmale auf den Hierarchien der syntaktischen Derivation aufbaut. Dies bedeutet, dass der syntaktische Teil der Morphologie auf die gesamte übergeordnete Struktur des derzeit bearbeiteten Terminalknotens zugreifen kann.

Realisational bedeutet, dass die morpho-syntaktischen Merkmale eigenständige Entitäten der Struktur sind. In der Morphologie werden diese Merkmale realisiert, indem sie durch phonologische Merkmale ersetzt werden. Dazu im Gegensatz stehen die inkrementellen Theorien, bei denen die Morphologie die Merkmale erst in die Struktur einbringt.

Lexikalisch bedeutet, dass die Informationen, welche morphosyntaktischen Merkmale durch welche phonologischen ersetzt werden, morphemweise als eigenständige Entitäten im mentalen Lexikon gespeichert sind. Somit wäre beispielsweise die Assoziation [ Plural ↔ /-s/ ] ein Eintrag im mentalen Lexikon eines Englisch-Sprechers. Diese im Lexikon gespeicherten Einträge, welche morphosyntaktische mit Ketten phonologischer Merkmale assoziieren, werden in der DM als vocabulary items (etwa: Vokabulareinträge, im weiteren VI) bezeichnet. Bei inferentiellen Theorien dagegen wird die Wurzel eines Wortes durch spezielle Regeln mit einer separat im Lexikon gespeicherten Wortform, die sensitiv für bestimmte Merkmale ist, assoziiert.

Der Ablauf einer syntaktischen Derivation nach dem Modell der DM geht wie folgt vonstatten: Zunächst wird eine syntaktische Struktur auf abstrakten morphosyntaktischen Kategorien und Merkmalen generiert. Nach Abschluss der syntaktischen Derivation werden die Terminalsymbole der entstandenen Struktur durch Ketten phonologischer Symbole (das sind Laute oder die Repräsentation von Lauten) ersetzt. Dieses Verknüpfen von syntaktischen Kategorien und ihren phonologischen Entsprechungen wird gemeinhin als Morphologie bezeichnet. In der DM wird die Morphologie selbst nicht als eigenständige Komponente der Sprache betrachtet, sondern als Prozess, der sich auf die Ebenen der Syntax und der Phonologie verteilt, daher der Name distribuierte (=verteilte) Morphologie. Ziel der DM ist es, die Prinzipien, nach denen diese Ersetzung vor sich geht, zu erklären.

Die Distribuierte Morphologie ist dabei weniger als eigenständige Theorie zu verstehen, sondern vielmehr als Klasse von Ansätzen, die eine Reihe von Konzepten teilen. Die drei Grundbausteine, auf die jedes DM-Derivat zurückgreift, sind Späte Einsetzung (engl. late insertion), Unterspezifikation (engl. underspecification) und Syntaktische Struktur bis ganz nach unten (engl. syntactic structure all the way down). Diese werden im folgenden Abschnitt näher erläutert.

Grundkonzepte Die folgenden drei Konzepte werden als zu Grunde liegend für die Distribuierte Morphologie angesehen.

Späte Einsetzung Das Prinzip der späten Einsetzung (engl. late insertion) besagt, dass das Ersetzen morphosyntaktischer Eigenschaften und Merkmale durch ihre phonologischen Entsprechungen erst spät in der Derivation erfolgt. In der Theorie findet die Einsetzung nach Abschluss des syntaktischen Strukturaufbaus statt. Im T-Modell der generativen Grammatiktheorie wird der Zeitpunkt der Einsetzung auf den Beginn des PF-Pfades angesiedelt, somit wird im DM-Modell die Morphologie als Schnittstellenphänomen zwischen Syntax und Phonologie angesehen.

Unterspezifikation Das Prinzip der Unterspezifikation ergibt sich aus einer Reihe von Annahmen, welche selbst nicht spezifisch für die DM sind und teilweise so alt sind wie die moderne theoretische Sprachwissenschaft selbst. Erst in ihrer Zusammenführung bilden sie einen wesentlichen Grundbestandteil einer jeden DM-ähnlichen Theorie. Zu diesen Annahmen gehören das Teilmengenprinzip, das Prinzip der Merkmalsdekomposition sowie das Konzept der Spezifität.

Das Teilmengenprinzip Die Einsetzung, also das Ersetzen der morphosyntaktischen und morphosemantischen Merkmale durch ihre phonologischen Entsprechungen, erfolgt nach der Derivation der syntaktischen Struktur unter Berücksichtigung des so genannten Teilmengenprinzips. Dieses Prinzip besagt, dass ein VI in einen Terminalknoten eingesetzt wird, sobald die Menge der Merkmale auf diesem Knoten eine Obermenge der Merkmale sind, die in dem VI angegeben sind. Man sagt, dass die Merkmale auf den VI unterspezifiziert sind.

Trägt ein Terminalknoten beispielsweise die Merkmale [1. Person, Singular, Aktiv, Präsens, Indikativ], so kann ein Marker /e/, welcher für die Merkmale [1. Person, Singular, Aktiv, Indikativ] spezifiziert ist, in diesen Terminalknoten eingesetzt werden, da seine Merkmalsmenge eine Teilmenge der Merkmalsmenge auf dem Terminalknoten ist.

Ein Effekt des Teilmengenprinzips ist, dass mit ihm Synkretismen systematisch abgeleitet werden können. Synkretismen sind Vorkommen desselben Markers in unterschiedlichen morphosyntaktischen Kontexten. So kann der obige Marker /e/ sowohl in Indikativ, als auch in Konjunktiv-Kontexten auftauchen, da er in beiden Kontexten das Teilmengenprinzip erfüllt.

Merkmalsdekomposition Merkmale werden in der Theorie meist aus kleineren Einheiten zusammengesetzt. Im Deutschen, wie in allen germanischen Sprachen, gibt es einen Synkretismus zwischen den Verbformen der ersten und der dritten Person Plural (zum Beispiel wir/sie geh-en). Da mit privativen Merkmalen diese Synkretismen nicht abzuleiten wären, nimmt man an, dass diese Merkmale etwas gemeinsam haben. Die genannten Personenmerkmale haben beispielsweise gemeinsam, dass sie nicht den oder die Adressaten eines Sprachaktes (2. Person) einschließen. Diese Personenmerkmale können sich also wie folgt zusammensetzen: erste Person: [+1, -2] zweite Person: [-1, +2] dritte Person: [-1, -2] Dieses Aufspalten der Merkmale in kleinere Einheiten heißt Merkmalsdekomposition. Der Marker /-en/, der im Deutschen an Verben in der ersten und dritten Person Plural angehängt wird, kann nach diesem Merkmalssystem für die Merkmale [-2, Plural] spezifiziert werden. Nach dem Teilmengenprinzip kann er sowohl in erste Plural- als auch in dritte-Plural-Kontexte eingesetzt werden. Diese Art der Merkmalskomposition lässt sich auf nahezu alle konventionellen Merkmale anwenden, wenngleich sich die Art der zugrundeliegenden Merkmale von Ansatz zu Ansatz unterscheidet.

Spezifität Durch Merkmalsdekomposition und Teilmengenprinzip kann es vorkommen, dass mehrere VI in einunddenselben Kontext eingesetzt werden können. Ist beispielsweise ein VI für [+1, -pl] spezifiziert, ein anderer für [+1], so könnten beide in einen Knoten mit den Merkmalen [+1, -pl, Indikativ] eingesetzt werden. Um solche Fälle zu steuern nimmt man das Prinzip der Spezifität an, welches vorhersagt, welcher der beiden Marker nun eingesetzt wird. Wie dieses aussieht hängt vom gewählten Ansatz ab. In der ursprünglichen Version der DM wurde der Marker eingesetzt, welcher für die meisten Merkmale spezifiziert ist. In vorgenannten Beispiel würde der erste Marker eingesetzt werden, da er für zwei Merkmale spezifiziert ist, während der zweite es nur für ein Merkmal ist. Das System stößt an seine Grenzen, wenn ein drittes VI hinzukommt, der beispielsweise für [+1, Indikativ] spezifiziert ist. In solchen Fällen sind weitere Annahmen bezüglich der Spezifität nötig. Die meisten Ansätze bringen an dieser Stelle Merkmalshierarchien ins Spiel. Demnach wird der Marker eingesetzt, dessen Merkmale höher in der Hierarchie stehen als die des anderen Markers. Wie diese Hierarchien aussehen, hängt ebenfalls stark vom gewählten Ansatz ab, meist basieren diese Hierarchien aber auf typologisch empirischen Daten.

Syntaktische Struktur bis ganz nach unten Ein weiteres Prinzip hinter DM wird als Syntactic Hierarchical Structure All the Way Down (engl., sinngemäß: Syntaktische hierarchische Struktur bis ganz nach unten) bezeichnet. Es besagt im Wesentlichen, dass die morphologische und die syntaktische Komponenten einer Sprache auf denselben hierarchischen Strukturen aufbauen. Die Elemente, mit denen sowohl Morphologie als auch Syntax arbeiten, sind als diskrete Konstituenten zu verstehen, nicht als Ergebnisse von morphologischen ProzessenHeidi Harley und Rolf Noyer: Distributed Morphology. Glot International Band 4, Nummer 4, Seiten 3–9, 1999.

Weitere Konzepte und Hintergrundannahmen Die Struktur des Lexikons Das bis dahin gekannte Konzept eines mentalen Lexikons wird von den Autoren der distribuierten Morphologie zurückgewiesen. Phänomene, die bisher als lexikalisch erklärt wurden, wie beispielsweise das Bilden von Komposita oder Derivaten, werden in der DM auf andere Komponenten verteilt. Im mentalen Lexikon selbst sind nur noch die reinen Assoziationen von morphosyntaktisch interpretierbaren Einheiten und ihren Bedeutungen gespeichert. Um Überschneidungen mit anderen Konzepten des mentalen Lexikons zu vermeiden, spricht man in der DM daher von einer „Enzyklopädie“, in der diese Assoziationen gespeichert sind. Die darin gespeicherten Informationen sind dreigliedrig: Zum einen wird darin eine semantisch-konzeptionelle Bedeutung mit einem so genannten Vokabulareintrag (engl. vocabulary item, VI) assoziiert. Die VI sind wiederum Paare, welche morphosyntaktische und/oder morphosemantische Merkmale mit ihren jeweiligen phonologischen Entsprechung assoziieren. In der Literatur haben diese VIs meist die Form von kontextsensitiven Einsetzungsregeln: Lautentsprechung ↔ Merkmalskette Als Beispiel ist hier das VI für das Suffix angegeben, welches im Deutschen Verben in der ersten Person Singular Aktiv Präsens markiert (ich geh-e): /-ə/ ↔ [1. Person, Singular, Aktiv, Präsens] Die Schreibweise besagt, dass die Merkmalskombination [1. Person, Singular, Aktiv, Präsens] durch den Laut /ə/ ausgedrückt wird und dass dieser Laut ein Suffix ist (gekennzeichnet durch das Symbol „-“ vor dem Laut). Der Enzyklopädieeintrag für dieses Morphem beinhaltet demnach die Information, dass das Morphem, welches als /-ə/ realisiert wird und die Merkmale 1. Person, Singular, Aktiv, Präsens ausdrückt, mit der Bedeutung assoziiert ist, dass der Sprecher allein (1. Singular) zur Gesprächszeit (Präsens) der Ausführende (Aktiv) einer Handlung (Verb-Endung) ist.

Im Weiteren unterscheidet man zwei Arten von lexikalen Einträgen, zum einen die l-Morpheme und zum anderen die f-Morpheme. Während die funktionalen f-Morpheme fest sind, dienen die l-Morpheme als Platzhalter für beliebigen lexikalen Inhalt. So sind Stämme von Nomen, Verben oder Adjektiven (jeweils auf eine bestimmte Sprache bezogen) l-Morpheme. Diese können nach belieben ausgetauscht werden, ohne dass sich die grundlegende Grammatikalität eines Ausdrucks ändert. f-Morpheme dagegen sind fest mit der grammatischen Konstruktion verbunden, das heißt f-Morpheme können nicht ohne weiteres ausgetauscht werden, wenn man die zugrundeliegenden Merkmale nicht ändert. Zur Illustration soll folgendes Beispiel dienen: Maria sieh-t den Mann.