mini|Kirche Betschwanden, 2010
Die Reformierte Kirche zu Betschwanden, die im schweizerischen Kulturgüter-Inventar als Objekt von regionaler Bedeutung verzeichnet ist, ist ein im Kern spätromanischer Bau. Das Gotteshaus wurde womöglich schon um 1300Karl Hasler: Archäologische Grabung in der Kirche Betschwanden In: Neujahrsbote für das Glarner Hinterland 1977. errichtet. Die Kirche wird in einem Markenbuch des Bistums Konstanz erstmals 1370 urkundlich erwähnt.J. Davatz: Die Kirche Betschwanden als Bauwerk. Zeitungsausschnitt aus einer nicht angegebenen Zeitung vom 1. April 1975 im Archiv der Reformierten Kirchgemeinde Grosstal, Betschwanden. J. Davatz, langjähriger Kulturbeauftragter des Kantons Glarus und Konservator des historischen Museums im Freulerpalast Näfels, meint, der älteste Baubestand könne in die erste Hälfte des 14. Jahrhunderts zurückreichen.J. Davatz, Die Kirche Betschwanden vor der Innenrenovation, In: unbekannter Zeitung im Kirchenarchiv. Eine archäologische Grabung im Spätsommer 1975 ermöglichte die Klärung der Baugeschichte, die sich in drei Phasen vollzog.
Erste Bauphase miniatur|Aussenansicht um 1300 miniatur|Innensicht um 1300 Die Kirche ist nicht wie sonst üblich gegen Osten hin gerichtet, sondern gegen Süden. Der Grund dafür ist wahrscheinlich die unterschiedliche Beschaffenheit des Baugrundes: im Osten weicher Baugrund aus Schwemmmaterial und im Westen recht stabiler Boden. Hätte man die Kirche quer zum Tal gebaut, wäre sie mit der Zeit auseinandergebrochen.
Die Grösse der Kirche – das Kirchenschiff ist über 20 Meter lang und 12,5 Meter breit – liess lange vermuten, dass sie, wie andere Kirchen in der Gegend, aus einer kleineren Kapelle durch Vergrösserungen und Ausbauten schliesslich ihre heutige Gestalt erhalten hat. Die Grabung hat gezeigt, dass kein älterer Bau bestanden hat, ausser er wäre ausserhalb der heutigen Anlage gelegen gewesen. Grundriss und ein Grossteil des Mauerwerks gehören zur ältesten Anlage.
Der Chor, der sich heute im Erdgeschoss des Chorturms befindet, war ursprünglich von einem Satteldach bedeckt, das tiefer als das damals flacheres Kirchendach lag. Der Turm wurde erst in einer zweiten Bauetappe über dem Chor erbaut. Die Grabung konnte keinen Grund dafür liefern, warum der Chor 70 cm nach Osten verschoben ist.
Die spätromanische Kirche wurde durch je drei kleine, meterhohe, rundbogige Fenster mit schmalen Öffnungen in den Längsmauern spärlich erhellt. Eines dieser Fenster ist fast ganz erhalten geblieben. Es befindet sich hinter dem Bibelspruch links vom grossen Fenster neben der Kanzel und ist von aussen noch sichtbar.
Auf der Ostseite zwischen dem dritten heutigen Fenster und der Chorwand ist eine Sockelmalerei mit Rautenmuster zum Vorschein gekommen. Dieser Fund lässt Emil Brunner vermuten:.(Glarner Volksblatt, 13. November 1975).
Im Chor befanden sich zwei rundbogige Fenster in der Süd- und Ostmauer. In der Stirn- sowie in der Westmauer waren zwei einfache Nischen eingelassen. Chor und Schiff waren durch eine stattliche Mauer voneinander abgetrennt, deren Höhe schwer feststellbar ist. Der Chor war 60 cm höher als das Schiff und konnte über je zwei 1,20 m breite und 90 cm in das Schiff hineinragende dreistufige Treppen erreicht werden. Der Hauptaltar stand 2,20 m vor der Stirnmauer. Erst später wurde ein kleinerer Altar vor die Chorschranke, die Trennmauer zwischen Chor und Schiff, gestellt. Die Decke des Chores in der Form eines Klostergewölbes gehört zur ursprünglichen Anlage.
Von der ältesten Decke im Schiff sind alle Spuren verwischt. Anzunehmen ist eine Flachdecke, die sich auf der Höhe der heutigen Mauerkronen befunden haben dürfte. Dadurch ergab sich ein recht gedrungener und niedriger Kirchenraum mit nur 5,50 m Höhe bei einer Breite von 12,60 m.
Zweite Bauphase miniatur|Zweite Bauphase Der Turm wurde erst in einer zweiten Bauetappe in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts dem ursprünglichen Bau beigefügt. Wie hoch der ursprüngliche Turm war, kann nicht mehr festgestellt werden. Es ist jedoch anzunehmen, dass er nicht weit über die Schalllöcher der jetzigen Glockenstube mit den beiden Säulchen hinausragte. Offenbar stellen die beiden wesentlich kleineren Fenster darunter die Schalllöcher des einstigen Glockengeschosses dar.
Dritte Bauphase miniatur|Dritte Bauphase Aussenansicht miniatur|Dritte Bauetappe Innenansicht In einer dritten Bauetappe 1486/87 wurde das flache Dach durch ein steileres ersetzt, dessen Dachstuhl heute noch in grossen Teilen erhalten ist. Zusammen mit der Erhöhung des Firstes erfolgte eine Erhöhung des Turmes.
Im südlichen Teil des Schiffes wurden zwei neue, grössere Fenster ausgebrochen. Die beiden kleinen romanischen neben den neuen Fenstern wurden zugemauert. Diese zwei Fenster erhellten den durch eine Mauer vom Schiff abgetrennten Vorchor, der in dieser Bauetappe entstand. Der Chorbezirk konnte vom Schiff her über zwei Stufen betreten werden. Die Erweiterung des Chorbezirks ist wahrscheinlich auf eine vergrösserte Anzahl der Priester zurückzuführen. Vorchor und Chor waren durch eine Stufe voneinander getrennt. An der Stelle der heutigen Kanzel wurde ein Seitenaltar errichtet.
Zur neuen Vorchoranlage gehörte eine neue Anordnung der Bänke. Ein östliches Bankfeld reichte von der Vorchorschranke bis 4,70 m vor die Nordmauer. Ein wesentliches Bankfeld begann erst auf der Höhe des heutigen Westeinganges und reichte bis an die Nordmauer. Diese Anordnung der Bänke weist darauf hin, dass die alte Kanzel in der Südwestecke der Kirche stand.
Der neue Dachstuhl erforderte eine neue Decke: eine spätgotische, geschnitzte Flachdecke, die nur wenig über den heutigen Fenstern angebracht wurde. Der Kirchenraum war mit knapp 5,5 m Höhe im Verhältnis zu seiner Länge und Breite eher gedrückt. Reste dieser Decke sind an der heutigen Emporenbrüstung erhalten. Laut einer Mitteilung der Restaurierung von 1857 trug die Decke die Inschrift: . Es ist möglich, dass es bei diesem Peter um Peter Winsdanner handelt, der später die Decken in den Kirchen von Matt und Elm schnitzte.
Spätere Veränderungen und Ergänzungen zur Anlage Drei miniatur|Federzeichnung von P. Joos, Kirche mit altem Pfarrhaus 1856 In der Zeit zwischen 1486/87 und 1857 wurden insgesamt neun Fenstern im Schiff ausgebrochen: die einen sind mit Stichbogen, die anderen mit Rundbogen abgeschlossen. Es ist möglich, dass die rundbogigen Fenster zusammen mit der Renovation von 1857 entstanden.
1491 kam eine grössere Glocke in den Turm mit der Inschrift: „S. Joannes ora pro nobis. M.CCCC.LXXXXI“ (Hl. Johannes bitt für uns. 1491).
Im Zug der Reformation wurden am 29. März 1529 die Bilder aus der Kirche entfernt und verbrannt.Gottfried Heer, Die Reformation im Lande Glarus, 1919, S. 48.
Der Korb der heutigen Kanzel ist eine Renaissancearbeit, die 1619 entstanden ist. Treppe, Rückwand und Deckel fertigte man 1915 nach einem Entwurf von Architekt Streiff an. Die Kanzelsäule wurde bei der Innenrenovation 1976 gestaltet.
Caspar Lang schrieb 1698 über ein früher entstandenes Christophorus-Bild an einer Aussenwand der Kirche:
Innenrenovation von 1857 Ende April 1856 beschloss die Kirchgemeinde den Bau von Empore und Orgel sowie die dazu notwendigen Veränderungen bzw. die Erhöhung der Decke. Unter der Leitung von Baumeister Caspar Leuzinger, Glarus, wurde eine Empore zur Aufnahme der ersten Orgel erstellt. Verziert wurde die Brüstung mit einem spätgotischen Masswerkfries, der der Holzdecke von 1486 entnommen wurde. Über dem Kirchenschiff wurde ein Tonnengewölbe hergestellt, und damit wurde die Raumhöhe von knapp 5,5 m auf 8,5 m erhöht. Über der neuerrichteten Empore wurden in der Nordmauer drei Fenster ausgebrochen und ein Rundfenster in den Giebel gesetzt.
Werner Stöckli, der mit der Leitung und Durchführung der archäologischen Grabungen beauftragt wurde, schreibt zur Renovation von 1857: Der Grabungsleiter, Peter Eggenberger, der auch den archäologischen Grabungsbericht schrieb, meint:
Unterhalt und Erneuerungen bis 1915 In diese Periode fällt der Einbau der zwei Eisenstangen, um den Bau zu befestigen.
1879 wurde eine neue Bestuhlung im Chor eingebaut.
In das südliche Chorfenster wurde 1890 ein Glasgemälde des auferstandenen Christus vom Glasmaler Friedrich Berbig (Zürich-Enge) eingesetzt.
Die Bestuhlung und Wandverkleidung, die als Vorbild für die heutige Gestaltung verwenden wurden, fertigte man in den Jahren 1892 bis 1894 an. Sie wurden aber im Gegensatz zu heute mit einer Eichenholzmaserung ausgeführt.
Die Firma Mäder, Andelfingen, lieferte 1899 eine neue Turmuhr und vier Zifferblättern.
Innenrenovation von 1915
Die Kirche erhielt Jugendstil- und Neubarock-Elemente, die bei der Renovation 1975 bis 1977 erhalten blieben.
Innenrenovation von 1975–1977 Schon 1964 befasste man sich in der Kirchgemeinde Betschwanden mit dem Gedanken einer Kirchenrenovation, doch erst die Kirchgemeindeversammlung vom 18. Juni 1967 bewilligte die Einholung eines ersten Projektvorschlags. In dieser Phase entstand ein Projekt, das einen wesentlichen Umbau vorsah: neue, tiefer angesetzte Empore und Orgel; an Stelle des Gipsgewölbes eine polygonale, mehrteilige Holzdecke zur Verbesserung der Verständlichkeit des gesprochenen Wortes; die Abtrennung des Raums unter der Empore für ein Foyer mit Küche. Aus Kostengründen sowie aus denkmalpflegerischer Sicht wurde von diesem ersten Projekt abgesehen.
„In erster Linie ging es nun [bei einer Neuprojektierung für die Renovation 1976 bis 1977 mit dem Architekten Oskar Bitterli] darum, die Ausstattung des Innenraums, der von den Architekten Streiff und Schindler 1914/1915 in der Formensprache der Jahrhundertwende in harmonischer Weise gestaltet wurde, nach Möglichkeit zu erhalten.“Oskar Bitterli: Reformierte Kirche Betschwanden Baubericht. In: Text vom 14. Oktober 1977 im Archiv der Kirchgemeinde Grosstal, Betschwanden.
Die archäologische Grabung brachte zu Tage, dass solide Fundamente bei den Aussenmauern fehlten. Der Dachstuhl musste saniert und mit Hilfe von Zugkabeln verstrebt werden. (Bei der Renovation 2001 war der Dachstuhl wieder ein Thema.) Auf die Gipsdecke wurde eine Isolationsmatte aus Steinwolle gelegt.
Im Chor und in den Gängen wurde ein Schieferplattenboden und unter den Bänken ein Tannenparkett auf einem isolierten Unterbau eingebaut. Neue Bänke nach dem Vorbild der alten Bänke wurde mit einem grösseren Abstand als früher montiert und mit Polstern zur Verbesserung der Akustik und der Bequemlichkeit versehen.
Das Holztäfer im Chor, die Bestuhlung, der Pfarrstuhl und der Taufstein wurden aus dem Chor entfernt. Der um drei Tritte erhöhte und gegen das Kirchenschiff erweiterte Chor bietet nun Platz für einen Abendmahlstisch und erlaubt eine Mehrfachbenutzung des Raums für kleine Gottesdienste oder kulturelle Anlässe.
Der für die Proportionen der Kanzel zu schmal geratene Kanzelhimmel (Schalldeckel) wurde um einen äusseren Kranz mit passenden Intarsien aus Stockmaser erweitert und oben mit einer schmiedeeisernen Stange versehen. Der hölzerne Kanzelfuss wurde stilgerecht nach dem Vorbild der Säule in der Kirche in Maur, Zürich ersetzt. Der Taufstein wurde aus der Mitte des Chors genommen und vor die Kanzel auf der erhöhten Plattform des Chors gut sichtbar platziert.
Beleuchtungskörper nach dem Vorbild der 1914 entworfenen Lampen wurden an die Seitenwände montiert, und die bestehende Beleuchtung im Chor ergänzt. Das Opalglas mit einer leicht gerippten, glockenartigen Form wurde in der Glasi Hergiswil hergestellt.
Weiter beteiligt an dieser Renovation waren der Bauingenieur Hans Aschmann, die Denkmalpfleger Josef Grünenfelder, Jürg Davatz und Hans Laupper.
Einige besondere Ergebnisse der archäologischen Untersuchung