Die polnische Kultur wurde im Zweiten Weltkrieg von den beiden Besatzungsmächten Polens, dem Dritten Reich und der Sowjetunion, die beide der polnischen Bevölkerung und Kultur feindlich gesinnt waren, brutalRose (2001): keine Seitenangabe. unterdrückt.Olsak-Glass (1999), Originalzitat: „The prisons, ghettos, internment, transit, labor and extermination camps, roundups, mass deportations, public executions, mobile killing units, death marches, deprivation, hunger, disease, and exposure all testify to the ‚inhuman policies of both Hitler and Stalin‘ and ‚were clearly aimed at the total extermination of Polish citizens, both Jews and Christians. Both regimes endorsed a systematic program of genocide.‘“ Durch eine Politik des „kulturellen Völkermordes“ kamen tausende Wissenschaftler und Künstler zu Tode. Unzählige kulturelle Andenken wurden Opfer von Raub und Zerstörung.Schabas : keine Seitenangabe.
Während sie die Mitglieder der polnischen Kulturelite verfolgten und ermordeten, plünderten oder zerstörten die Besatzer einen Großteil des kulturellen Erbes aus Polen. Polnische Schulen wurden zum Großteil geschlossen und diejenigen, die geöffnet blieben, mussten erhebliche Veränderungen in ihren Lehrplänen hinnehmen.
Dennoch gelang es Untergrund-Organisationen und Einzelpersonen – vor allem dem Polnischen Untergrundstaat – viele der wertvollsten kulturellen Erbstücke Polens zu retten und so viele kulturelle Institutionen und Stücke wie möglich zu erhalten. Die katholische Kirche und wohlhabende Einzelpersonen trugen zum Überleben einiger Künstler und ihrer Werke bei. Trotz schwerer Vergeltungsmaßnahmen der Nationalsozialisten und der Sowjetunion überlebten polnische kulturelle Aktivitäten im Untergrund den Zweiten Weltkrieg, einschließlich Veröffentlichungen, Konzerte, Theater, Bildung und wissenschaftliche Forschung.
Hintergrund
Am 1. September 1939 fielen Hitlers Truppen in Polen ein und begannen damit den Zweiten Weltkrieg. Im Rahmen des Hitler-Stalin-Pakts marschierte die Rote Armee der Sowjetunion am 17. September ein. Infolgedessen wurde Polen zwischen diesen beiden Mächten aufgeteilt und blieb den größten Teil des Krieges über Besatzungszone.Raack (1995): 58. Bis zum 1. Oktober hatten Deutschland und die Sowjetunion Polen völlig überrannt, obwohl die polnische Regierung niemals offiziell kapitulierte und der polnische Untergrundstaat, der polnischen Exilregierung untergeordnet, sich schnell bildete. Am 8. Oktober annektierte das Deutsche Reich die westlichen Gebiete des ehemaligen Polen und richtete in den übrigen besetzten Gebieten das Generalgouvernement ein. Die Sowjetunion musste wegen der deutschen Invasion in ihr eigenes Territorium (1941) ihre Gebietsgewinne von 1939 aufgeben, re-annektierte diese jedoch dauerhaft, nachdem sie sie Mitte 1944 zurückgewann. Im Verlauf des Krieges verlor Polen im Vergleich zur Vorkriegszeit 20 % seiner Bevölkerung durch die Besetzung, die das Ende der Zweiten Polnischen Republik markierte.Piotrowski (1997): 295.
Zerstörung polnischer Kultur Deutsche Besetzung
Politik Die deutsche Politik gegenüber dem polnischen Staat und seiner Kultur veränderte sich im Laufe des Krieges. Anfangs erhielten deutsche Beamte und Offiziere keine klaren Richtlinien für den Umgang mit polnischen kulturellen Einrichtungen, jedoch änderte sich dies rasch.Madajczyk (1970): 127–129. Unmittelbar nach dem Überfall auf Polen im September 1939 setzte die deutsche Regierung erste Schritte zum Generalplan Ost um (den „kleinen Plan“).Madajczyk (1980): keine Seitenangabe. Die Grundidee wurde vom Rassenpolitischen Amt in Berlin in einem Dokument mit dem Titel „Über den Umgang mit den Bewohnern der ehemals polnischen Gebiete aus einem rassenpolitischen Standpunkt“ skizziert.Redzik (2004) Slawen, die östlich der deutschen Grenze vor Kriegsausbruch lebten, sollten germanisiert, versklavt oder ausgerottet werden, je nachdem, ob sie direkt in den von Deutschland annektierten Gebieten lebten oder im Generalgouvernement.
Ein großer Teil der deutschen Politik gegenüber der polnischen Kultur wurde am 31. Oktober 1939 bei einem Treffen zwischen dem Gouverneur des Generalgouvernements, Hans Frank, und Reichspropagandaminister Joseph Goebbels in Łódź festgelegt. Goebbels erklärte, dass „die Polnische Nation es nicht wert sei, eine zivilisierte Nation genannt zu werden“.Czocher (2005): 227–252. Er und Frank kamen zur Übereinkunft, dass die Möglichkeiten der Polen, ihre Kultur zu erfahren, massiv eingeschränkt werden sollten: keine Theater, Kinos oder Kabaretts; kein Zugang zu Radio oder Presse und keine Bildung. Frank schlug vor, dass den Polen regelmäßig Filme zu zeigen seien, die die Errungenschaften des Dritten Reiches hervorhoben, und dass sie eventuell ausschließlich über Megaphone angesprochen werden sollten. In den folgenden Wochen wurden alle polnischen Schulen mit höheren Bildungsgängen als der mittleren Berufsstufe geschlossen, ebenso alle Theater und viele andere kulturelle Einrichtungen. Auch die einzige polnischsprachige Zeitung, die im besetzten Polen veröffentlicht wurde, musste schließen und man begann polnische Intellektuelle zu verhaften.
Ab März 1940 wurden alle kulturellen Aktivitäten von der Abteilung für Volksaufklärung und Propaganda des Generalgouvernements, die später in Hauptabteilung Propaganda umbenannt wurde, kontrolliert. Weitere Richtlinien, die im Frühjahr und frühen Sommer erlassen wurden, spiegelten diejenige Politik, die von Frank und Goebbels im vorausgehenden Herbst skizziert wurde, wider.Madajczyk, Czesław (1970): 130 Eines der frühesten Dekrete der Abteilung verbot die Organisation aller, aber vor allem der „primitivsten“ kulturellen Aktivitäten ohne vorherige Genehmigung der Abteilung.
Schauspiele von „niedriger Qualität“, einschließlich solcher mit erotischem oder pornographischem Charakter, wurden jedoch ausgenommen – diese sollten veröffentlicht werden, um die Bevölkerung zu beschwichtigten, um der Welt die „echte“ polnische Kultur zu zeigen sowie um den Eindruck zu erzeugen, dass Deutschland die Polen nicht daran hinderte, sich selbst auszudrücken. Deutsche Propagandaspezialisten luden Kritiker aus neutralen Ländern zu speziell organisierten „polnischen“ Darstellungen ein, die gezielt langweilig oder pornographisch gestaltet waren, und präsentierten diese als typisch polnische kulturelle Aktivitäten.Madajczyk, Czesław (1970): 137 Polnisch-deutsche Zusammenarbeit im kulturellen Bereich, wie beispielsweise gemeinsame öffentliche Auftritte, war streng verboten.Madajczyk, Czesław (1970): 130–132. Im August 1940 wurde währenddessen ein verpflichtendes Registrationssystem für Schriftsteller und Künstler eingeführt. Im Oktober wurde dann der Druck neuer polnischsprachiger Bücher verboten; existierende Titel wurden zensiert sowie oft auch konfisziert und eingezogen.
1941 entwickelte sich die deutsche Politik dahingehend weiter, dass sie die komplette Vernichtung der Polen forderte, welche von den Nationalsozialisten als Untermenschen betrachtet wurden. Innerhalb von 10 bis 20 Jahren sollten die polnischen Gebiete unter deutscher Besatzung von der polnischen Bevölkerung bereinigt und mit deutschen Kolonialisten besiedelt werden.Berghahn (1999): keine Seitenangabe Diese Politik lockerte sich in den letzten Jahren der Besetzung (1943/44) etwas im Angesicht der militärischen Niederlage der Deutschen und der sich nähernden Ostfront.Madajczyk (1970): 133–134. Die Deutschen hofften, dass eine mildere Kulturpolitik Unruhen mindern und den polnischen Widerstand schwächen würde. Polen wurde es wieder gestattet, diejenigen Museen zu besuchen, die die deutsche Propaganda und Indoktrination förderten, wie das neu geschaffene Chopin-Museum, das die erfundenen deutschen Wurzeln des Komponisten betonte. Auch Einschränkungen in den Bereichen Bildung, Theater und Musik wurden gelockert.
Angesichts der Tatsache, dass die Zweite Polnische Republik ein multikultureller Staat war,Davies (2005): 299. bemühte sich die deutsche Politik und Propaganda auch um die Schaffung und Förderung von Konflikten zwischen den ethnischen Gruppen, indem sie Spannungen zwischen Polen und Juden sowie zwischen Polen und Ukrainern anheizte.Madajczyk (1970): 169 f.Madajczyk (1970): 171–173. In Łódź wurden Juden von den Deutschen dazu gezwungen, bei der Zerstörung eines Denkmals des polnischen Helden Tadeusz Kościuszko mitzuhelfen, und wurden dabei gefilmt. Kurz darauf setzten die Deutschen eine Synagoge in Brand und filmten polnische Zuschauer, welche sie in Propaganda-Veröffentlichungen als „rachsüchtigen Mob“ porträtierten. Diese Politik der Spaltung spiegelte sich auch in der Entscheidung der Deutschen wider, das polnische Bildungssystem zu zerstören, während gegenüber dem ukrainischen Schulsystem zugleich relativ viel Toleranz gezeigt wurde.Madajczyk (1970): 162 f. Wie Gauleiter Erich Koch erklärte: „Wir müssen alles nur mögliche tun, damit wenn ein Pole einen Ukrainer trifft, er den Ukrainer umbringen will und umgekehrt, der Ukrainer den Polen umbringen will.“Kiriczuk (2003)
Plünderungen mini|links|Deutsche plündern die Galeria Zachęta in Warschau (Sommer 1944) 1939, als die Besatzungsregierung eingerichtet war, beschlagnahmten die Nationalsozialisten das polnische Staatseigentum und große Teile von Privateigentum.Madajczyk (1970): 122. Unzählige Kunstobjekte wurden geplündert und nach Deutschland verschleppt, in Einklang mit einem Plan, der im Vorfeld der Invasion gut ausgearbeitet wurde. Die Plünderungen wurden von der SS-Ahnenerbe überwacht, Einsatzgruppen, die für Kunst zuständig waren, sowie von Experten der Haupttreuhandstelle Ost, die für eher profane Objekte zuständig waren. Zu den erwähnenswerten Gegenständen, die von den Nationalsozialisten geraubt wurden, gehören der Krakauer Hochaltar sowie Gemälde von Raffael, Rembrandt, Leonardo da Vinci, Canaletto und Bacciarelli.Likowska (2001) Die meisten der wichtigen Kunstwerke wurden von den Nationalsozialisten innerhalb von sechs Monaten ab September 1939 „gesichert“; Ende 1942 gingen deutsche Beamte davon aus, dass „über 90 %“ der ehemals polnischen Kunst sich in ihrem Besitz befänden. Einige Kunstwerke wurden an deutsche Museen, wie das geplante Führermuseum in Linz, gesandt, während andere Kunstwerke in den Privatbesitz von nationalsozialistischen Beamten übergingen. Über 516.000 einzelne Kunstwerke wurden geraubt, darunter 2.800 Werke der europäischen Malerei, 11.000 Werke von polnischen Malern, 1.400 Skulpturen, 75.000 Handschriften, 25.000 Karten und 90.000 Bücher (darunter 20.000, die vor 1800 gedruckt wurden) sowie hunderttausende andere Gegenstände von künstlerischem oder historischem Wert.MSZ (2008). Sogar exotische Tiere wurden aus den Zoos geraubt.Kisling (2001): 122–123.
Zerstörung mini|hochkant|Portrait eines jungen Mannes, von Raffael, ca. 1514. Möglicherweise ein SelbstporträtGrabski (2003): 221–261. und in diesem Fall das wertvollste Einzelkunststück, das von den Nationalsozialisten in Polen geraubt wurde. Vormals in der Sammlung des Czartoryski-Museums in Krakau, der Verbleib ist unbekannt. Viele Lernorte und kulturelle Einrichtungen – Universitäten, Schulen, Bibliotheken, Museen, Theater und Kinos – wurden entweder geschlossen oder als „Nur für Deutsche“ gekennzeichnet. Im Krieg wurden 25 Museen und eine Vielzahl anderer Institutionen zerstört. Einer Schätzung zufolge waren mit Kriegsende 43 % der Infrastruktur polnischer Bildungs- und Forschungseinrichtungen und 14 % der polnischen Museen zerstört.Salmonowicz (1994): 229. Nach einer anderen Schätzung überstanden nur 105 der ehemals 175 Museen in Polen den Krieg und nur 33 dieser Einrichtungen waren bei Kriegsende in der Lage, wieder zu öffnen.Madajczyk (1970):123. Von den 603 wissenschaftlichen Einrichtungen in Polen aus der Vorkriegszeit wurde etwa die Hälfte vollkommen zerstört und nur einige wenige überstanden den Krieg halbwegs intakt.Madajczyk (1970): 127.