mini|hochkant=1.1|Rheinpanorama von Hans Rudolf Manuel Deutsch, 1548 mini|hochkant=1.1|Alter Markt mit Rathaus und Rathausturm. Im Hintergrund der noch unvollendete Kölner Dom. (Stahlstich, um 1850)
Die historische Kölner Rheinvorstadt entstand auf einem der befestigten Römerstadt vorgelagerten Gelände. Dieses um 300 n. Ch. nur mit wenigen Bauwerken bestandene Areal wird heute durch eine Rekonstruktion des Kölner Römisch Germanischen Museums verdeutlicht. Die Weiterentwicklung zum bedeutendsten Handelsplatz der Stadt verdankte die sich entwickelnde Vorstadt der Kaufleute vor allem dem Privileg des Marktrechts, das die Stadtherren erhalten hatten. Im Gegensatz zur römischen Zeit, als Handel überwiegend an den Heer- oder Fernstraßen stattfand, etablierte er sich nun an zentraler Stelle, unterhalb der Kernstadt am Rhein.
Topografie und archäologische Befunde mini|Römische Vorgängerbauten auf dem Gelände von Kloster und Kirche Groß St. Martin im Verhältnis zur späteren Bebauung
Grundrisszeichnungen nach Gerta WolffGerta Wolff: Das römisch-germanische Köln. 5. Auflage, S. 242–245, J. P. Bachem.
Das östlich, unterhalb der Befestigung, gelegene Vorland war durch eine Mauer und einen in einiger Entfernung folgenden Wallgraben befestigt. Ein damals dort stehendes, dem frühen Stift St. Aposteln zugehöriges Haus kann für das Jahr 1106 belegt werden.Hermann Keussen: Topographie der Stadt Köln im Mittelalter. Band I, S. 35: Dem zum Rhein stark abfallenden Gelände war eine von einem seit etwa der Mitte des 2. Jahrhunderts nicht mehr schiffbaren Rheinarm getrennte, schmale lang gestreckte Rheininsel vorgelagert. Der Zeitraum, zu dem das insgesamt sumpfige Gelände (Landstreifen und Insel) vor der alten Stadt, von einem Überschwemmungsgebiet zu einem als Bauland nutzbaren Teilbereich der Altstadt wurde, ist nach den Ausgrabungen anlässlich des U-Bahnbaus 2000/12 wahrscheinlich schon um 200 anzusetzen.Marcus Trier zum Ende der archäologischen Grabungen rund um den Kölner U-Bahn-Bau, Kölner Stadt-Anzeiger vom 12. April 2012, S. 25 (ksta.de).
Grabungen im Bereich des ehemaligen und 2009 erneut zur Klosterkirche gewordenen Bauwerks Groß St. Martin belegten mit ihren archäologischen Befunden dortiger römischer Vorgängerbauten eine frühe Besiedlung des Terrains der Rheinvorstadt. Die ursprünglich kleine und anfänglich gering dotierte Kirche wurde von den Nachfolgern Erzbischof Brunos äußerst großzügig bedacht. Sie wurde in späterer Zeit zu einem das Viertel dominierenden Bauwerk.
Untersuchungen des 1965/66 aufgefundenen Ubiermonuments der römischen Hafenanlage berichten von in den Boden gerammten Eichenpfählen. Demnach erfolgten die ersten Trockenlegungen wahrscheinlich durch Stein- und Holzmaterial in Form von als „congries“ bezeichneten Aufschüttungen. Diese werden im Lauf der Zeit südöstlich der Römermauer zu einigen Metern Geländeanhebung geführt haben. Die Anhebungen müssen sich (nach Keussen) einem aufgeworfenen Wall entlang der zum Rhein führenden Trankgasse angeschlossen haben, da dortige Bodenuntersuchungen nicht auf Schwemmland einer Insel hinwiesen.Hermann Keussen: Topographie der Stadt Köln im Mittelalter. Band I, S. 35, Verweis auf: Schwöebel: Bonner Jahrbuch. 82, 25, S. 17.
Geschichte mini|hochkant|Erzbischof Hildebold hält den „Alten Dom“ in Händen, Mosaik um 870
Historiker gehen davon aus, dass spätestens im 10. Jahrhundert eine Intensivierung der Bebauung erfolgte. Schon 948 war die Rheinvorstadt durch den südlich an ihrem Rand nach Westen führenden „Filzengraben“ (civitas fossa) gegen den Severinsbezirk abgegrenzt worden. Um diese Zeit wurde an der Nordseite, parallel zur Römermauer, entlang des späteren bischöflichen Gartens ein Graben ausgeworfen, nach dem die heutige Trankgasse ihre erste Bezeichnung als Grabengasse erhielt. Da die nördliche Seitenwand des alten Domes die Römermauer als Fundament nutzte, soll der Graben an der „Pfaffenpforte“ beginnend, so auch dem Dom Schutz geboten haben. Dass Wall und Graben über die an der Nordostecke des Domgeländes nach Süden abknickende Römermauer hinaus zum Rhein führten und dort ihren Endpunkt mit dem Frankenturm hatten, belegt eine Schreinskarte, in der die auf der Westseite der Maximinenstraße errichtete Kapelle des Hospitals (als solches Bestand von 1183 bis 1398) der Almosenbrüder von St. Lupus,Ludwig Arentz, H. Neu, Hans Vogts: Paul Clemen (Hrsg.): Die Kunstdenkmäler der Stadt Köln. S. 65: „Die Einrichtung der ‚Schreibrüder‘ (Volksmund) verehrten von alters her den heiligen Kunibert als Stifter“. als „auf dem Walle gelegen“ bezeichnet wurde.Hermann Keussen: Topographie der Stadt Köln im Mittelalter. Band II, 160b 5: 1163/8 . Der Frankenturm, im Mittelalter auch Franken- thoirn, thorn genannt (s. Mercator), stand neben dem Trankgassentor. Namensgeber des Turmes war vermutlich ein Burggraf „Franco“ des 12. Jahrhunderts.Adam Wrede, Band I, S. 245–246. mini|hochkant|Waffen Kölner Turmschützen Am südlichen Ende des Wallgrabens, wo der zusätzlichen Schutz bietende Hürther- oder Duffesbach in den Rhein mündete, stand der „Saphirturm“. Dieser war zum Anfang des 12. Jahrhunderts im Besitz der Abtei „S. Trond“ (vermutlich aus der Tuchstadt Sint-Truiden) in Flandern, der damit auch die Verteidigungspflicht des dortigen Abschnittes, dem Unterbezirk „Saphiri“, oblag. Der Turm wurde später im Zusammenhang mit dem Namen der „Hardefust“, einem Kölner Patriziergeschlecht, erwähnt.
Der Zugang aus der Kernstadt in das wachsende Siedlungsgebiet erfolgte im Süden durch die Kornpforte am „Malzbüchel“, an der Westseite war es das Tor an der Königstraße und als weitere Möglichkeit des Zugangs die Marktpforte. Die Mauernordseite soll vor der Errichtung der Stiftskirche St. Maria ad Gradus über kein Tor in das Vorgelände verfügt haben. Lediglich vor dem Nord- und Südturm am Rhein war der Graben über Brücken zu überqueren.
Wirken der Stadt- und Landesherren mini|hochkant|Bruno, Herzog von Lothringen, Erzbischof von Köln mini|hochkant|Stapelhaus (1571) am Fischmarkt vor Groß St. Martin
Als König Otto seinen durch den hohen Kölner Klerus zum Erzbischof gewählten Bruder Brun (953–965) wenig später auch zum Herzog von Lothringen ernannte, erhielt die Stadt in diesem einen der jüngsten Regenten ihrer Geschichte. Er sprach stellvertretend für den König Recht, zog die Abgaben (Hofzins) ein und regelte die wirtschaftlichen Belange der Stadt. Bruno baute die Domschule zu einer führenden Einrichtung des Reiches aus, um so die Ausbildung eines reichstreuen Nachwuchses zu gewährleisten. Als weitere Zeugnisse seines Wirkens sind seine Kölner Stiftsgründungen anzusehen, die neben St. Pantaleon und St. Andreas mit der Gründung von St. Martin zu einem wesentlichen Faktor in der Entwicklung der Rheinvorstadt wurden.Carl Dietmar: Die Chronik Kölns. S. S. 53. Auch der Beginn einer wirtschaftlichen Entfaltung Kölns, ausgehend von der Rheinvorstadt (später auch Kaufmannsviertel genannt), ist wohl einem Privileg zu verdanken, welches Bruno von seinem königlichen Bruder überlassen wurde. Es war das Privileg des Marktrechts, das für lange Zeit unangefochten im Besitz seiner Nachfolger verblieb, und für die Stadt von entscheidender Bedeutung sein sollte.
Eine aufgefundene Hofzinsliste des Martinsklosters, die mit ihren Angaben auf eine Schenkung Erzbischofs Everger († 11. Juni 999 in Köln) basierte, gab detaillierte Hinweise zu den zu dieser Zeit vorhandenen Örtlichkeiten des entstehenden Marktviertels. Nach dieser Urkunde überließ der Erzbischof den in der Rheinvorstadt erhobenen Hofzins (die ursprüngliche königliche Grundsteuer) zum größten Teil dem Kloster. Die Liste begrenzte den Hofzinsbezirk westlich durch die Römermauer, östlich mit den Straßen „Kühgasse“ und „Rothenberg“, schloss die Immunität des Klosters aus und nahm die Straßen „Am Bollwerk“ bis zur „Großen Neugasse als“ nördliche Begrenzung. Die südliche Grenzziehung markierten die hinter der Rheingasse stehenden Häuser, dort begann der Bezirk der Martinspfarre. Innerhalb dieses Umrisses erhielt das Martinskloster den Hofzins und erhob ihn auch noch im 14. Jahrhundert. Ausnahmen, deren Zins an den Bischof ging, bildeten kleinere Teilbereiche der Rheinvorstadt. Es waren die hinter „Rothenberg“ und der „Kühgasse“ gelegenen kleineren Märkte wie der Buttermarkt und Bereiche des Fisch- und Thurnmarktes, sowie die an der Westseite des (späteren) Heumarktes aufgestellten „Gaddenen“ (Verkaufsbuden), die sich auch an der Straße „Unter Hut- und Seidmacher“ befanden. Weiter gingen geringe Zinsaufkommen an St. Kunibert, und an St. Aposteln später auch an St. Ursula.
Das Marktviertel mini|hochkant|Säulenmarkierung des Inselmittelpunktes: die Schmitz-Säule
Unterhalb, östlich der Judengasse schloss sich hinter der vorerst nur an wenigen Stellen durchbrochenen Römermauer eine im Südosten des Gebietes, vornehmlich an der Rheingasse beginnende, immer dichter werdende Bebauung des Viertels an. Das gesamte Areal der Rheinvorstadt bildete bald mit seinen kleinen Gassen und Gässchen, die da und dort in einen sich weitenden Platz übergingen, ein zusammenhängendes Marktviertel mit einer relativ hohen Einwohnerdichte. Dies dürfte, wie an vergleichbaren Orten der Städte damaliger Zeit häufig von den Marktgemeinden praktiziert, zur Errichtung einer Marktkirche in einer neuen Parochie geführt haben, die dann das Patrozinium des heiligen Martin wählte. Wenig später wurde das neue Viertel urkundlich erwähnt, man bezeichnete es im Jahr 992 als mercatus coloniae.Hermann Keussen: Topographie der Stadt Köln im Mittelalter. Band I, S. 37, Verweis auf: Beyer, Mittelrhein. Urkundenbuch, I n.263.l, Bonner Jahrbuch 82, 25 S. 17.
Dies zeigt auf, dass Handel und Handwerk zu stark ausgeprägten Erwerbszweigen geworden waren. Der im neuen Viertel stattfindende Warenumschlag und der Besucherstrom, auch auswärtiger Anbieter und Kunden, muss enorm gewesen sein, sodass in der Folgezeit der Neumarkt entstand. Der dann „Aldermart“ genannte gesamte Marktbereich behielt, nachweislich der topografischen Auswertungen Keussens, in sämtlichen Einzelbeschreibungen, auch im Heumarktbereich bis in das 14. Jahrhundert die Bezeichnung Altermarkt bei.Hermann Keussen: Topographie der Stadt Köln im Mittelalter. Band I, S. 37.
mini|hochkant|Münzgeld des Kölner Erzbischofs Konrad von Hochstaden (Köln, Xanten, Soest) Vom Altermarkt, auf dessen Mitte die erzbischöfliche Münze stand (1474 Neubau der städtischen Münze neben dem Gürzenich), führten schon im 11. Jahrhundert enge von Buden bestandene Gassen zu einer weiteren freien Marktfläche. Die Ansammlung dieser Bebauung zerlegte mit der Zeit den Gesamtmarkt in zwei ungleich große Abschnitte. Der Bereich dieser Gassen bildete den Bezirk „Unterlan“Hermann Keussen: Topographie der Stadt Köln im Mittelalter. Band I, S. 37 . der dem Immunitätsbereich des Erzbischofs Anno gehörte, und dem Zöllner „Ludolf“ zu Lehen gegeben worden war. Ein festes Domizil nutzten die Erbgenossen des Bezirks „Unter Lan“, sie hatten bis 1360 als Gerichtsgebäude das Haus der Gürtelmacher auf der Straße „Unter Käster“ in Pacht.
Stift und Pfarrkirchen mini|hochkant|Anno II. mit Modellen von ihm gestifteter Klöster und Stifte mini|hochkant|Auf dem Rothenberg, Detail. Nach dem Aufstand der Bürger gegen Anno sollten abschreckende Grinköpfe an den Hausmauern der Altstadt vermutlich verurteilte Aufständische darstellen
Nicht nur die ansteigende Bevölkerung war ausschlaggebender Grund, weitere Gotteshäuser zu errichten. Die Geistlichkeit der Stiftskirchen sah sich in ihren rituellen Tagesabläufen durch die Laien beeinträchtigt und sorgte für Abhilfe.