Das ehemalige Kaliwerk Siegfried-Giesen der K+S AG förderte Kalisalze aus dem südöstlichen Teil des Salzstocks von Sarstedt. Das Bergwerk mit angeschlossener Düngemittelfabrik lag in der Nähe der Gemeinde Giesen im Landkreis Hildesheim (Niedersachsen). Der untertägige Teil wird seit der Stilllegung im Jahr 1987 als Reservewerk offengehalten. Die K+S betreibt inzwischen Planungs- und Genehmigungsverfahren zur Wiedereröffnung.
Geologie Die Entstehung des Salzstocks von Sarstedt Der Salzstock von Sarstedt ist eine von etwa 200 bekannten Lagerstätten dieser Art in Norddeutschland. Die Salzschichten, aus denen dieser entstand, bildeten sich zur Zeit des Zechsteins vor rund 260 Millionen Jahren, als Meerwasser in einem flachen Becken verdunstete. Später wurden die Salzschichten durch weitere Ablagerungen überdeckt und liegen heute in einer Teufe von circa 3000 m. Von einer Schwächezone des Grundgebirges aus haben die Salze die Hangendschichten des Buntsandsteins durchstoßen (→ Halokinese). Das Salz im oberen Teil des Salzstockes wurde durch das Grundwasser gelöst und fortgeschwemmt. Zurück blieben schwerlöslicher Anhydrit und Ton. Diese bildeten den sogenannten Gipshut über der eigentlichen Salzlagerstätte.
Geographische Lage und Ausdehnung Der Salzspiegel des Salzstockes Sarstedt, also die obere Begrenzung, liegt in einer Teufe zwischen 120 und 150 Metern. Der Salzstock erstreckt sich in einem Gebiet zwischen den Ortschaften Hasede, Groß Förste, Giesen, Ahrbergen, Sarstedt, Giften, Barnten, Rössing und Emmerke. Früher wurde angenommen, dass sich der Salzstock von Sarstedt bis Lehrte bei Hannover fortsetzt (Salzstock von Sarstedt-Sehnde). Bei Untersuchungen im nördlichen Bereich wurde aber der Buntsandstein angetroffen, so dass wahrscheinlich keine Verbindung mit den Lagerstätten unter anderem der Kaliwerke Friedrichshall und Bergmannssegen-Hugo besteht.
Mineralogie Die Masse des Salzstocks bestand aus Steinsalz. Bei den abgebauten Kalilagern handelte es sich überwiegend um Hartsalz. Das zuletzt geförderte Rohsalz enthielt etwa 19 % KCl, 24 % MgSO4, 52 % NaCl und 4 % Wasser sowie CaSO4, MgCl2 und Ton. Der Reinkali-Gehalt (K2O) lag im Mittel bei 12 %. Es bestanden auch Vorkommen mit hohem Anteil von Sylvinit, die vereinzelt bis zu 94 % KCl enthalten konnten.
Geschichte und Technik Aufschlussgeschichte Erste Kaligewinnungsverträge bestanden 1896 zwischen den Giesener Grundbesitzern und der Aktiengesellschaft für Bergbau und Tiefbohrungen zu Goslar, der späteren Salzdetfurth AG. Weitere Verträge besaß 1903 der Bergingenieur Dziuk. Die Kaligewinnungsverträge der Salzdetfurth AG wurden vom Bankhaus Gumpel aus Hannover erworben und in die Bergbaugesellschaft Wodanshall mbH eingebracht, die daraufhin in Siegfried-Gotha umbenannt wurde. Die Berechtsame des Dziuk wurden über Gumpel an die Kaliwerke Giesen GmbH zu Hannover verkauft, so dass zwei Gesellschaften das spätere Bergwerk Siegfried mit einer Gesamtfläche von rund 11 km² (5 preußische Normalfelder) besaßen. Zu Koordinierung der Aktivitäten bestand außerdem die Bergbaugesellschaft Hannovera mbH. An die Grubenfelder markscheideten die Berechtsamen des Kaliwerks Glückauf in Sarstedt und der Nachbargesellschaften Fürstenhall und Rössing-Barnten.
Zur Erkundung der Lagerstätte brachten die Betreibergesellschaften vier Flach- und eine Tiefbohrung von 1008 Meter Teufe nieder. Nach Durchteufen der Schichten des Pleistozäns, Buntsandsteins und des Gipses erreichte die Bohrung bei 146 Meter das Steinsalz. Kalilager wurden zwischen 459 und 502 Metern, zwischen 570 und 573 Metern sowie zwischen 754 und 794 Metern Teufe erbohrt.
Schachtanlage Siegfried mini|Abraumhalde Wetterberg
Am 6. Dezember 1906 wurde mit dem Abteufen des Schachtes begonnen. Trotz anfänglicher Schwierigkeiten mit starken Wasserzuflüssen erreichte der Schacht drei Jahre später, am 25. November 1909, seine vorläufige Endteufe von 765 m. Im oberen Bereich der Schachtröhre kam das Kind-Chaudron-Verfahren zum Einsatz. Der Schacht wurde die ersten 173 m mit eisernen Tübbings bei einem lichten Durchmesser von 4,10 m ausgebaut, darunter stand er in Mauerung und hatte 4,50 m Durchmesser. Füllorte wurden auf der 400-, 650- und 750-m-Sohle angesetzt.
Von diesen Sohlen aus wurden die zuvor erbohrten Kalilager angefahren und dabei ein Sylvinitlager von 52 Meter Mächtigkeit und einem Chlorkaliumgehalt von bis zu 50 % aufgeschlossen. 1910 wurde der Schacht auf 803 Meter vertieft, und über einen Blindschacht wurde bei 850 Meter unter Tage ein Unterwerksbau angelegt. Im selben Jahr ereignete sich am 18. Oktober unter Tage eine Sprengstoffexplosion, durch die 18 Bergleute ums Leben kamen.
Während der Teufarbeiten wurden die Tagesanlagen in Angriff genommen. 1909 waren das Fördermaschinenhaus mit einer 735 kW starken Tandemverbunddampf-Fördermaschine, das Kesselhaus, die Verwaltung mit Kaue und die Werkstätten fertiggestellt. Es folgte der Bau einer Werksbahn nach Harsum, die gemeinsam mit den Schwesterwerken Rössing-Barnten und Fürstenhall betrieben werden sollte.
Der Bau der Chlorkaliumfabrik wurde 1913 abgeschlossen. Hier sollten die Rohsalze aller drei benachbarten Kaliwerke der Gumpel-Gruppe, der sogenannten Siegfried-Gruppe, zu Düngemitteln verarbeitet werden. Als Gemeinschaftsunternehmen entstanden die Elektrizitäts- und Salzaufbereitungswerke Hannover GmbH, die neben der Fabrikanlage auf der Schachtanlage Siegfried ein Dampfkraftwerk zur Versorgung aller drei Schachtanlagen mit elektrischer Energie errichteten.
Hermann Gumpel an der Spitze der Gewerkschaft Siegfried-Gotha gelang es, die Kaliwerke Giesen GmbH und die Bergbaugesellschaft Hannovera unter einem Dach mit Siegfried-Gotha zusammenzuführen. Die neue Gewerkschaft Siegfried-Giesen erwarb nach ihrer Gründung Anteile an den Werken Rössing-Barnten und Fürstenhall, so dass sich die Entwicklung zu einem späteren Verbundbergwerk abzeichnete. Bereits 1913 wurde mit dem Auffahren untertägiger Verbindungen zu den beiden Schachtanlagen begonnen.
Beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs konnte der Förderbetrieb zunächst aufrechterhalten werden. Die Belegschaft von 217 Mann und 185 Kriegsgefangenen ermöglichte sogar die Übernahme fremder Quoten am Deutschen Kalisyndikat. Erst anhaltender Kohlen- und Materialmangel sowie schwindendes Personal sorgten im Jahr 1917 für eine Einstellung des Fabrikbetriebes, der erst 1920 wieder anlief. Die Zeit des Stillstandes wurde genutzt, um die Kapazität von 300 Tonnen auf 750 Tonnen Tagesleistung zu vergrößern. Die neue bergrechtliche Gesetzgebung der Weimarer Republik ermöglichte den Anschluss aller bisherigen Gewerkschaften der Siegfried-Gruppe an die neugegründete Siegfried-Giesen Bergwerksgesellschaft mbH, womit die Schachtanlagen Fürstenhall und Rössing-Barnten ihre rechtliche Eigenständigkeit einbüßten.
Die Jahre 1922 bis 1925 brachten einen wirtschaftlichen Aufschwung durch hohe Nachfrage nach Kalidüngern. Wegen der zahlreichen Hartsalzaufschlüsse im gesamten Grubengebäude war der Bau einer Sulfatfabrik zur Verarbeitung der kieseritreichen Salze unumgänglich. Die Anlage mit einer Tagesleistung von 40 Tonnen ging 1924 in Betrieb. Im gleichen Jahr wurde mit dem Bau einer neuen, leistungsfähigeren Chlorkaliumfabrik begonnen. Die Durchschnittsbeteiligung am Deutschen Kalikartell lag 1924 bei 107 %. Zum Absatz der Produkte wurde ein Stichkanal zum Mittellandkanal mit Hafenbecken gebaut, der 1928 fertiggestellt wurde. In den Jahren 1926 und 1927 war der Absatz wieder rückläufig, so dass es zu mehreren Betriebspausen kam.
Mit der Übernahme der Gumpel-Gruppe durch die Burbach-Kaliwerke 1928 wurden alle Quoten auf das Kaliwerk Siegfried-Giesen übertragen und die übrigen Gewerkschaften liquidiert. Während der Weltwirtschaftskrise musste der Betrieb vom 22. Juni 1932 bis 14. Oktober 1935 komplett eingestellt werden.
Als Gegenleistung für die Übergabe des Schachtes Fürstenhall an die Wehrmacht am 1. Juli 1936 für eine militärische Nutzung errichtete die Reichsregierung 1940 Erweiterungen für die Kalifabrik, einschließlich einer Bromfabrik und einer Wohnsiedlung. Wegen Kohlenmangel und Beeinträchtigung des Schiffsverkehrs auf dem Mittellandkanal kam es im gleichen Jahr zu erneuten Betriebseinstellungen. Während des Zweiten Weltkrieges kam es immer wieder zu Störungen im Produktionsbetrieb und im Januar 1945 wurde das Werk schließlich stillgelegt. Im April 1945 wurde das Bergwerk durch alliierte Truppen besetzt, die Militärregierung sagte aber im Mai die Wiederinbetriebnahme zu.
In der Nachkriegszeit wurden umfassende Modernisierungsarbeiten durchgeführt. So wurde von 1946 bis 1949 die Fördermaschine auf elektrischen Antrieb umgebaut und die Kesselanlagen der Fabrik erweitert. 1959 wurde die Förderung von Gestell- auf Gefäßförderung geändert, gleichzeitig erhielt der Schacht Siegfried ein neues Fördergerüst mit Zweiseilförderung. Im Fabrikbereich entstand 1960 eine neue Bromgewinnung und 1965 eine Granulieranlage zur Produktion staubarmer Düngesalze. Unter Tage wurden die Schächte Rössing-Barnten und Fürstenhall auch auf allen übrigen Sohlen an das Grubengebäude von Siegfried-Giesen angeschlossen, Hauptfördersohle zwischen den drei Schächten wurde die 750-m-Sohle. Als tiefste Fördersohle kam 1967 die 1050-m-Sohle in Betrieb, die über einen Blindschacht mit Gefäßförderung erreicht wurde.
Schachtanlage Rössing-Barnten Die bergbaulichen Aktivitäten im Bereich des späteren Kaliwerk Rössing-Barnten begannen nahezu zeitgleich mit denen im Feld Siegfried. Ein Rechtsanwalt Mußmann schloss 1902 die ersten Verträge ab. Ohne selbst Aufschlussarbeiten durchgeführt zu haben, überließ dieser seine Berechtsame der Kali-Bohrgesellschaft Rössing-Barnten, die von dem Rittergutsbesitzer Dr. Max Schoeller, von Direktor Oskar Klauss aus Berlin und von dem Bergingenieur Lange geleitet wurde. Kapitalgeber waren die Firmen S. H. Oppenheimer, Max Marcus & Co. und Hermann Schüler aus Bochum sowie die Magdeburger Privatbank.
Ab 1905 führte die Gesellschaft insgesamt 15 Flachbohrungen und eine Tiefbohrung am Giesener Berg bei den Ortschaften Rössing und Barnten durch. Trotz anfänglicher Behinderung durch Kies und zähe Tonschichten konnte die Ausdehnung des Gipshutes über der Salzlagerstätte bestimmt werden. Der Ansatzpunkt der Tiefbohrung bei Barnten wurde durch ein geologisches Gutachten von Professor Wilhelm Hoyer festgelegt. Die Bohrung wies im Jahre 1906 bis zu einer Teufe von 903 Metern bauwürdige Kalilager einschließlich von Hartsalz mit einem maximalen KCl-Gehalt von 52 % nach.
Währenddessen gelang es Hermann Gumpel die Gesellschaft zu übernehmen und wandelte diese kurzerhand in die Bergbaugesellschaft Rössing-Barnten mbH um. Wie in der Gumpel-Gruppe üblich, entstand parallel dazu am 30. März 1907 die Rössing-Barnten Kalibergwerk GmbH als Trägerorganisation.