Die Schlacht an der Neretva (serbokroatisch Bitka na Neretvi / Битка на Неретви) war eine der größten Schlachten des jugoslawischen Kriegsschauplatzes des Zweiten Weltkriegs. Da der Operation von deutscher Seite der Deckname „Weiß“ gegeben wurde, ist die Schlacht an der Neretva auch als Operation Weiß, als Fall Weiß, als Unternehmen Weiß oder als Operationszyklus Weiß bekannt. Letzterer Name bezieht sich darauf, dass zwei voneinander separate Operationen, „Weiß I“ und „Weiß II“, aufeinanderfolgend durchgeführt wurden.

Zu Beginn des Jahres 1943 befürchteten die Achsenmächte eine Invasion der Alliierten auf dem Balkan. Vor diesem Hintergrund sollten die jugoslawischen Partisanen möglichst vollständig vernichtet werden, insbesondere auch das Oberkommando der Partisanenbewegung, das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Jugoslawiens. Ferner war geplant, das Hauptlazarett der Partisanen zu zerstören. Der Beginn der Offensive wurde für den 20. Januar 1943 angesetzt und konzentrierte sich auf das Gebiet Bosnien-Herzegowinas. Sie wurde nach dem nahegelegenen Fluss Neretva benannt. Die Operation endete am 15. März.

Im jugoslawischen Sprachgebrauch war für die Schlacht an der Neretva die Bezeichnung „vierte feindliche Offensive“ () gebräuchlich. Auch die Bezeichnung der Schlacht für die Verwundeten () wurde wiederholt genutzt.

Hintergrund Am 4. November 1942 hatten die Partisanen die Stadt Bihać erobert und als Zentrum ihrer Republik Bihać zur Hauptstadt ihrer Bewegung gemacht. Hier trat Ende November 1942 erstmals der Antifaschistische Rat der Nationalen Befreiung Jugoslawiens zusammen.

Mehrere Faktoren spielten bei der Entwicklung von Weiß eine Rolle: Das deutsch-italienische Verhältnis in Jugoslawien war vor dem Hintergrund der schrittweisen Rückzüge der italienischen 2. Armee sowie der engen Kollaboration der Italiener mit den serbisch-nationalistischen Tschetniks angespannt. Die Tschetniks waren mit dem mit Deutschland und Italien verbündeten Unabhängigen Staat Kroatien tief verfeindet und nutzten italienische Waffenlieferungen, um gegen die Kroaten und vereinzelt gegen die Deutschen zu kämpfen, weshalb die deutschen Truppenführer seit langem eine Entwaffnung der Tschetniks anstrebten. Im Vorjahr hatte das Unternehmen Trio (Frühling 1942) der Deutschen, Italiener und Kroaten zumindest Teilerfolge gebracht, wodurch sich eine Wiederholung anzubieten schien.

Vorbereitungen

Achsenmächte Erste Absprachen zwischen den Deutschen und Italienern bezüglich Weiß wurden beim Besuch des italienischen Außenministers Galeazzo Ciano im Führerhauptquartier vom 18. bis zum 20. Dezember 1942 getroffen. Militärische Planungen folgten in Gesprächen zwischen dem deutschen Oberbefehlshaber Südost Alexander Löhr und dem italienischen Armeebefehlshaber der 2. Armee Mario Roatta am 3./4. Januar 1943 in der italienischen Hauptstadt Rom.

Das Angriffskonzept für Weiß bestand im Originalkonzept aus drei Phasen: „Weiß I“, Weiß II, Weiß III. Die Truppen der Achsenmächte sollten sukzessive in die Partisanrepublik Bihać eindringen und dabei die Truppen der Volksbefreiungsarmee zerschlagen. Weiß I sollte hierbei das Gebiet westlich der Una ins Visier nehmen und dabei Teile Westbosniens in einer Zangenbewegung erobern, Weiß II als Nachfolgeoperation in das Gebiet Bosanski Petrovac–Livno–Donji Vakuf–Ključ eindringen und schließlich Weiß III die Eroberung der Herzegowina ermöglichen. An Weiß III sollte sich handstreichmäßig die Entwaffnung der mit Italien verbündeten Tschetnik-Verbände in der Herzegowina anschließen.

Am 16. Dezember 1942 erließ die Wehrmachtsführung in Jugoslawien einen am Kriegsgerichtsbarkeitserlass von 1941 orientierten präventiven Amnestiebefehl, der deutsche Soldaten von allen Kriegsverbrechen freisprach, die sie während der Schlacht begehen könnten. Die Kriegführung war ausdrücklich mit „allerbrutalsten Mitteln“ zu führen.

Die Ablösung von Ugo Cavallero als italienischem Generalstabschef durch Vittorio Ambrosio am 30. Januar 1943 bedrohte sofort die Absprachen der gerade angelaufenen Operation, da sich Ambrosio von allen Versprechungen freisprach, die Cavallero gemacht hatte. Dies betraf insbesondere die Entwaffnung der mit Italien verbündeten Tschetnik-Verbände, die für die Deutschen ein unerlässlicher Teil von Weiß III sein sollte.

Volksbefreiungsarmee Die Truppen der jugoslawischen Volksbefreiungsarmee erhielten etwa um den 10. Januar herum Kenntnis von den gegen sie laufenden Angriffsvorbereitungen. In der folgenden Woche bauten sie Straßensperren auf und zerstörten Brücken, um den Vormarsch der Achsenmächte zu verlangsamen.

Operationsgeschichte

Weiß I mini|Weiß I „Weiß I“ begann am 20. Januar 1943. Den ersten Angriffsstoß führten die 7. SS-Freiwilligen-Gebirgs-Division „Prinz Eugen“ und die 717. Infanterie-Division. Die Division Prinz Eugen rückte von Karlovac und die 717. Infanterie-Division von Banja Luka aus vor, bis die beiden Divisionen bei Ključ aufeinandertrafen. Von Norden rückte über Prijedor die 369. (kroatische) Infanterie-Division vor, womit die Wehrmacht erstmals eine der aus Kroaten aufgestellten Legionsdivisionen in einer größeren Operation im Kampf einsetzte. Drei italienische Divisionen beteiligten sich mit Kampfgruppen in Regimentsstärke, wobei die Kampfgruppe der Division „Lombardia“ von Ogulin in Richtung Slunj, die Kampfgruppe der Division „Re“ von Gospić in Richtung Bosanski Petrovac, und die Kampfgruppe der Division „Sassari“ von Gračac in Richtung Drvar vorstieß. Es war nach Truppenstärke der größte Aufmarsch der Achsenmächte in Jugoslawien seit April 1941.

In den folgenden Wochen entbrannten die heftigsten Gefechte seit Kriegsbeginn, bei denen die Tito-Partisanen trotz einer Typhusepidemie mindestens 25.000 Truppen aufbringen konnten. Den Partisanen gelangen lokale Gegenangriffe, sodass ein Bataillon der 717. Infanterie-Division drei Tage lang eingekesselt war und aus der Luft versorgt werden musste, bis es am 31. Januar von Truppen der 714. Infanterie-Division entsetzt wurde. Die Partisanen gaben langsam Raum, infiltrierten mit versprengten Gruppen aber wiederholt die Gebiete, die von den Achsenmächten nur Tage oder sogar weniger Stunden zuvor durchkämmt worden waren. Lediglich die 4. Krajina-Stoßdivision erlitt während der letzten Tage von „Weiß I“ schwerste Verluste, die den Fortbestand des Verbands in Frage stellten.

Zwischen dem 23. und 28. Januar kam es zu schweren Gefechten zwischen der Volksbefreiungsarmee und den Tschetniks von Momčilo Đujić, die den Italienern mit etwa 2000 Kämpfern zur Seite standen. Hierbei erlitten die Tschetniks eine schwere Niederlage.

Mitte Februar kam es bei Kulen Vakuf zu schweren Gefechten zwischen der Kampfgruppe der Division Sassari und Verbänden der Volksbefreiungsarmee. Hierbei erlitten die Italiener mindestens 159 Gefallene und 650 Verwundete.

„Weiß I“ wurde am 15. Februar abgeschlossen.

Zwischenzeit Am 16. Februar richtete Adolf Hitler ein dringendes persönliches Schreiben an Benito Mussolini, in dem er erneut auf die Entwaffnung und Auflösung der italienfreundlichen Tschetniks in Jugoslawien drängte. Zwischen dem 25. und 28. Februar reisten Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop und der stellvertretende Wehrmachtsführungsstabschef Walter Warlimont nach Rom, um weitere Unstimmigkeiten zwischen Deutschland und Italien zu klären. In den Gesprächen mit italienischen Truppenführern behauptete Ribbentrop mit Nachdruck, dass alle Tschetniks in Wirklichkeit unter dem Kommando von Draža Mihailović stünden, der mit den Alliierten kooperierte. Mussolini erklärte sich zwar prinzipiell bereit, einer Entwaffnung der Tschetniks zuzustimmen, wollte diesen Schritt aber bis zum finalen Sieg über die kommunistische Volksbefreiungsarmee hinauszögern. mini|Weiß II Die ursprüngliche Planung für Weiß II wurde durch Gegenbewegungen der Volksbefreiungsarmee hinfällig, da die deutschen Truppenführer am 13. Februar einen Angriff auf das Bauxitgebiet westlich der Stadt Mostar zu erkennen glaubten. Daraufhin wurde die für Weiß II vorgesehene 718. Infanterie-Division kurzerhand in zwei Kampfgruppen (Kampfgruppe Vogel, Kampfgruppe Annacker) geteilt, die in Richtung Mostar geschickt wurden. Zwischenzeitlich hatten die beiden Verbände der Volksbefreiungsarmee, die 2. Division und die 9. Division, den Vorstoß in Richtung Mostar abgebrochen und waren zum Rest der Hauptgruppe mit der 1. Division, 3. Division und 7. Division zurückgekehrt.

Indes setzte die Hauptgruppe ihren Marsch nach Südosten fort, da Tito einen Angriff auf die Tschetnik-Hochburg in Montenegro plante. Am 17. Februar nahmen die 1., 3. und 7. Division die Ortschaft Prozor ein, die von der italienischen Armee zur Festung ausgebaut worden war und deren Verteidiger zur 154. Infanteriedivision „Murge“ gehörten. Der Verlust von Prozor war die bis dahin schwerste Niederlage der italienischen Armee in Jugoslawien.

Am 17. Februar entschied der Tschetnik-Führer Mihailović vor dem Hintergrund der jüngsten Niederlagen der Tschetniks und der Italiener, einen massiven Aufmarsch von mindestens 20.000 Tschetnik-Kämpfern entlang des Flusses Neretva durchzuführen. Es versammelten sich bis Ende Februar die Abteilungen des herzegowinischen Tschetnik-Führers Dobroslav Jevđević ebenso wie die montenegrinischen Truppen unter Pavle Đurišić und Bajo Stanišić. Die Sammlung der Tschetniks erregte zunächst das Misstrauen der Wehrmacht, doch die Deutschen waren zuletzt gezwungen, die Anwesenheit der Freischärler zu akzeptieren. Die Đurišić-Tschetniks begingen brutale Massaker an der lokalen muslimischen Bevölkerung. Wo solches Vorgehen im Jahr 1942 noch von den Italienern gestoppt worden wäre, sah sich die italienische Armee diesmal als zu schwach, um den verbündeten Tschetniks mit Nachdruck zu begegnen.

Die Partisanen versuchten jetzt, weitere italienische Garnisonen im Neretvabogen zu erobern, um den eigenen Verbänden und insbesondere den eigenen Feldlazaretten eine Übergangsstelle über den Fluss zu sichern. Am 23. Februar überrannten die Truppen der 2. Proletarischen Division etwa 700 italienische Verteidiger in Jablanica. Gleichzeitig griff die 1. Proletarische Division eine italienische Garnison bei Konjic an, die Unterstützung von der deutschen Kampfgruppe Annacker der 718. Division erhielt. Die 1. Proletarische Division wurde schließlich zurückgeworfen und brach den Angriff ab. Bereits seit dem 20. Februar bildeten Partisanenvorhuten auf dem linken Ufer der Neretva einen Brückenkopf, um die Flussüberquerung zu erleichtern. Dadurch hatten sich Titos Truppen der ursprünglich geplanten Umzingelung der Operation „Weiß II“ von vornherein entzogen.

Rudolf Lüters fragte deshalb am 23. Februar bei Löhr den Abbruch der Operation an, was Löhr aber ablehnte. Stattdessen sollte der Plan angepasst werden. Die 717. Infanterie-Division erhielt jetzt Anweisung, nach dem Erreichen von Gornji Vakuf scharf ostwärts einzudrehen und den Anschluss an die rechte Flanke der Kampfgruppe Vogel der 718. Division zu suchen. Die Marschrouten der Divisionen 369 und „Prinz Eugen“ blieben weitgehend unverändert, aber die Auskämmung des durchschrittenen Gebiets wurde aufgrund der Partisanenbewegungen vernachlässigt.

Weiß II „Weiß II“ begann am 25. Februar. Am 27. Februar fand die 717. Infanterie-Division Anschluss an die rechte Flanke der Kampfgruppe Vogel, wodurch ein Teil der Partisanen nördlich der Neretva-Linie eingekesselt werden konnte. Daraufhin begannen die Partisanen in hohem Tempo, die Neretva zu überschreiten, um den Kampfgruppen der 718. Infanterie-Division aus Norden sowie den sich aus Westnordwest nähernden drei Divisionen 369, 717 und „Prinz Eugen“ zu entkommen.