Unter dem Begriff kaukasische Sprachen werden die Sprachen des Kaukasusgebietes zusammengefasst, die dort schon vor der Einwanderung indogermanischer, turkischer und semitischer Bevölkerungsgruppen gesprochen wurden. Es gibt etwa 40 kaukasische Sprachen aus drei Sprachfamilien mit zusammen rund 9 Millionen Sprechern. Die nach Zahl der Sprecher bedeutendste kaukasische Sprache ist Georgisch (rund 4 Millionen Sprecher), gefolgt von Tscherkessisch (zwei gegenseitig verständliche Standard-Schriftsprachen mit gemeinsamer Identität von über 2 Millionen Sprechern, zum größeren Teil in der Türkei und anderen Ländern der Diaspora), von Tschetschenisch (über eine Million Sprecher) und Awarisch (knapp eine Million Sprecher).
Die Lehre von den kaukasischen Sprachen wird als Kaukasistik, Kaukasologie oder Kaukasiologie bezeichnet, ihre Fachvertreter heißen Kaukasologen oder Kaukasiologen.
mini|Ethnolinguistische Gruppen im Kaukasus
Alternative Bezeichnungen
Alternative Bezeichnungen für die kaukasischen Sprachen sind ibero-kaukasisch, paläokaukasisch oder altkaukasisch; die erstere Bezeichnung erklärt sich aus der griechischen Bezeichnung „Iberer“ für die Bewohner des Südkaukasus, sie ist aber wegen ihres scheinbaren Bezuges zur iberischen Halbinsel missverständlich und heute unüblich.
Sprachgeschichtlicher Überblick Autochthone kaukasische Sprachen
Über die Zuwanderung von Sprechern kaukasischer Sprachen in das Kaukasusgebiet gibt es keine archäologischen und historischen Belege. Sie muss also vor einem sehr langen Zeitraum erfolgt sein, so dass die „autochthonen“ Bevölkerungsgruppen ihre linguistische Identität gegen spätere historisch belegbare Zuwanderer indogermanischer, turkischer und semitischer Herkunft behaupten konnten.
Ausgestorbene Sprachen des Kaukasus
Einheimische kaukasische Völker werden in vorderasiatischen Quellen seit dem 12. Jh. v. Chr. erwähnt. Inschriftenfunde belegen, dass östlich der damaligen griechischen Hafenstädte am Schwarzen Meer in den proto-georgischen Königreichen Kolchis und Iberia – wohl neben der Frühform kartwelischer Sprachen – als Lingua Franca die aramäische Sprache und die aramäische Schrift verwendet wurde. Weiter südlich mit Zentrum um den Van-See und mit südlicher Ausdehnung bis Nordsyrien befand sich von ca. 1270 bis 612 v. Chr. das Reich Urartu. Dort wurde das mit dem Hurritischen verwandte Urartäische gesprochen; die meisten urartäischen Texte sind in einer Variante der mesopotamischen Keilschrift überliefert.
Die Sprachenvielfalt des Kaukasus
Der Kaukasus war bereits im Altertum für seine Sprachen- und Völkervielfalt bekannt (Belege bei Herodot, Strabo, Plinius u. a.). Die Angaben schwanken zwischen 70 und 360 Sprachen und Dialekten. Als Ursache für die Vielfalt auf engstem Raum ist sicherlich die starke Zerklüftung des Kaukasusgebiets in viele kleine, schwer zugängliche Täler mit bis über 5000 m hohen Gipfeln (Elbrus) verantwortlich, in die sich die verschiedensten Gruppen zurückziehen konnten und so ihre angestammten Sprachen behielten. Darüber hinaus trug die geografische Situation zur Abspaltung von Dialekten bei, aus denen sich nach einiger Zeit – begünstigt durch erschwerte Kommunikation – selbstständige Sprachen entwickelten.
Heutige sprachliche Situation des Kaukasus Der Kaukasus gehörte bis zum Jahre 1991 ganz zur Sowjetunion und nach deren Zerfall zu den Staaten Russland, Georgien, Armenien und Aserbaidschan. Außer den eigentlichen kaukasischen werden heute im Kaukasusgebiet Sprachen aus drei Sprachfamilien gesprochen: dem Indogermanischen, Turkischen und Semitischen.
Das Indogermanische ist mit dem Armenischen, den iranischen Sprachen Ossetisch, Kurdisch (Kurmandschi), Zazaisch, Tatisch und Talyschisch, den slawischen Sprachen Russisch und Ukrainisch und dem Griechischen vertreten. Die Turksprachen im Kaukasusgebiet sind Aserbaidschanisch, Kumykisch, Karatschai-Balkarisch, Nogaisch und die Sprache Urum (siehe Volk der Urum). Die einzigen semitischen Sprachen sind das neuostaramäische Aisor (Assyrisch-Neuaramäisch) und das neuostaramäische Bohtan-Neuaramäisch, die von etwa 13.000 Menschen in Georgien und Armenien gesprochen werden.
Übrig bleiben die rund 40 autochthonen kaukasischen Sprachen mit zusammen fast 9 Mio. Sprechern, um die es in diesem Artikel ausschließlich geht. Diese Sprachen zerfallen in über hundert Dialekte, wobei die Dialekte mancher kaukasischer Sprachen kaum wechselseitig verständlich sind, obwohl nur einige Kilometer Luftlinie zwischen ihren zu Lande schwer erreichbaren Dörfern liegen. Die antiken Schätzungen mit 300 Sprachen, die zunächst übertrieben erscheinen, könnten also doch nahe an der Wahrheit gelegen haben.
Klassifikation der kaukasischen Sprachen mini|Hauptverbreitungsgebiete der südkaukasischen oder kartwelischen Sprachen mini|Heutige Hauptverbreitungsgebiete der nordwestkaukasischen oder abchasisch-adygischen Sprachen in Kaukasien. mini|Im 19. Jahrhundert flüchteten die meisten Sprecher abchasisch-adygischer Sprachen ins Osmanische Reich, in dessen Nachfolgestaaten sie bis heute leben. Hier die Verbreitungsgebiete der größten Diaspora-Gruppe in der Türkei. mini|Hauptverbreitungsgebiete nordostkaukasischer oder nachisch-dagestanischer Sprachen in Kaukasien. Eine Minderheit lebt ebenfalls in Nachfolgestaaten des Osmanischen Reiches.
Es ist nach heutigem Forschungsstand äußerst unwahrscheinlich, dass die kaukasischen Sprachen eine genetische Einheit (eine Sprachfamilie) bilden. Die Mehrheit der Forscher geht heute von drei unabhängigen genetischen Einheiten oder kaukasischen Sprachfamilien aus, die wie folgt bezeichnet werden:
Kartwelisch oder Südkaukasisch Abchasisch-Adygisch oder Nordwestkaukasisch Nachisch-Dagestanisch oder Nordostkaukasisch
Die südkaukasischen Sprachen werden südlich, die nordwest- und nordostkaukasischen Sprachen hauptsächlich nördlich des von Nordwest nach Südost verlaufenden Kaukasus-Hauptkamms gesprochen.
Manche Forscher fassen das Nordwest- und Nordostkaukasische zu einer genetischen Einheit „Nordkaukasisch“ zusammen. Die früher oft vertretene Hypothese einer Einheit aller kaukasischen Sprachen findet heute kaum noch Anhänger. Einige Wissenschaftler halten neuerdings sogar die Einheit der nordostkaukasischen Sprachen für fraglich und teilen sie in eine nachische und dagestanische Familie auf. Es folgt die Klassifikation der kaukasischen Sprachen nach dem aktuellen Forschungsstand in den drei Sprachfamilien Südkaukasisch, Nordwestkaukasisch und Nordostkaukasisch.
Die südkaukasischen oder kartwelischen Sprachen Südkaukasisch (Kartwelisch) Swanisch (35.000) Georgisch (4 Mio.) Sanisch Lasisch (35.000) Mingrelisch (500.000)
Die nordwestkaukasischen oder abchasisch-adygischen Sprachen Nordwestkaukasisch (Abchasisch-Adygisch) Abchasisch-Abasinisch Abchasisch (105.000) Abasinisch (45.000) Tscherkessisch-Ubychisch Tscherkessisch Kabardinisch (Ost-Tscherkessisch) (650.000) Adygeisch (West-Tscherkessisch) (300.000) Ubychisch Ubychisch †
Die nordostkaukasischen oder nachisch-dagestanischen Sprachen Nordostkaukasisch (Nachisch-Dagestanisch) Nachisch Vejnachisch Tschetschenisch (1 Mio.) Inguschisch (230.000) Batsisch Batsisch (3.000) Dagestanisch Awarisch-Andisch-Didoisch Awarisch Awarisch (600.000) Andisch Achwachisch (5.000) Andisch (10.000) Bagwalalisch (6.000) Botlichisch (1.000) Godoberisch (3.000) Karatinisch (6.000) Tindisch (5.000) Tschamalalisch (6.000) Didoisch Beschtinisch (3.000) Chwarschinisch (2.000) Hinuchisch (200) Hunsibisch (2.000) Tsesisch (Didoisch) (15.000) Lakisch-Darginisch Darginisch (370.000) Lakisch (110.000) Lesgisch Samurisch Aghulisch (20.000) Lesgisch (450.000) Rutulisch (20.000) Tabassaranisch (95.000) Tsachurisch (20.000) Schah-Dagh-Gruppe Buduchisch (2.000) Krysisch (6.000) Udisch Udisch (9.000) Artschinisch Artschinisch (1.000) Chinalugisch Chinalugisch (1.500)
Externe Beziehungen der kaukasischen Sprachen Wenn man von der Existenz mehrerer genetisch unabhängiger kaukasischer Sprachfamilien ausgeht, sind sämtliche Hypothesen, die sich auf eine Verwandtschaft einer anderen Sprachfamilie mit ‚dem Kaukasischen‘ als Ganzem beziehen, von vornherein auszuschließen. Damit könnte man 90 % aller Hypothesen und Spekulationen über externe genetische Beziehungen der kaukasischen Sprachen ohne weitere Diskussion ablehnen. Dennoch sollen hier wenigstens einige der wichtigeren Vorschläge tabellarisch aufgezählt werden, um die Kreativität zu beleuchten, die diesem Thema in den letzten hundertfünfzig Jahren gewidmet wurde:
Forscher Jahr Hypothese – Sprachvergleich Franz Bopp 1847 Kartwelisch ist indogermanisch François Lenormant 1871 Urartäisch – KaukasischArchibald Henry Sayce 1882 Urartäisch – KaukasischFitz Hommel 1884 Alarodisch – KaukasischVilhelm Thomsen 1899 Etruskisch – KaukasischAlfredo Trombetti 1902 Afroasiatisch – KaukasischH. Winkler 1907 Elamisch – KaukasischNikolai Jakowlewitsch Marr 1908 Semitisch – KartwelischH. Winkler 1909 Baskisch – Altmediterran – KaukasischF. Bork 1924 Sumerisch – KaukasischRobert Bleichsteiner 1930 Burushaski – KaukasischEmil Forrer u. a. 1934 Hattisch – WestkaukasischR. Lafon 1934 Altmediterran – KaukasischA. Pajazat 1936 Urartäisch – Sinotibetisch – Ostkaukasisch K. Bouda 1949 Baskisch – Kaukasisch K. Bouda 1950 Tibetisch – Kaukasisch Antonio Tovar 1950 Baskisch – Kaukasisch R. Lafon 1951/52 Baskisch – Kaukasisch K. Bouda 1952/54 Burushaski – Kaukasisch J. Braun 1954 Urartäisch – Kaukasisch O.G. Tailleur 1958 Baskisch – Jenisseisch – Kaukasisch Wladislaw Markowitsch Illitsch-Switytsch 1964ff Kartwelisch ist nostratisch M. Cereteli 1966 Sumerisch – Kartwelisch S. Mufti 1978 Indogermanisch – WestkaukasischIgor Michailowitsch Djakonow 1978 Hurrisch-Urartäisch – Ostkaukasisch J. Braun 1981 Baskisch – Kartwelisch Sergei Anatoljewitsch Starostin 1982 Jenisseisch – Nordkaukasisch S.A. Starostin 1984 Sino-Tibetisch – Jenisseisch – Nordkaukasisch S. Nikolajew 1989 Nordkaukasisch gehört zum Dene-Kaukasischen
Klimov äußert zu den meisten dieser Hypothesen: „Charakteristische Züge der erwähnten Arbeiten sind ungenügende Kenntnis der Spezialliteratur, ungenaue Aufzeichnung des verwendeten Materials, willkürliche Gliederung der Lexeme, fehlerhafte Rekonstruktion von Vorformen, nicht selten auch das Operieren mit nicht echt kaukasischem Sprachmaterial, …“ (Lit.: Klimov, 1994).
Die baskisch-kaukasische Hypothese findet auch sonst in der seriösen kaukasologischen (Vogt, Dumezil, Deeters) und baskologischen Literatur (Lacombe, Etxaide, Mitxelena) deutliche Ablehnung; das baskische etymologische Lexikon von Löpelmann verzichtet völlig auf baskisch-kaukasische Gleichungen (Lit.: Löpelmann, 1968).
Hurritisch und Urartäisch nordostkaukasisch? Hurritisch und Urartäisch wurden in einem weiten Bereich vom Irak über Syrien bis in die Türkei und Armenien gesprochen. Ihre gegenseitige Verwandtschaft gilt heute als bestätigt, wobei beide aus einer gemeinsamen Quelle hervorgegangen sind. I.M. Djakonov legte 1978 eine Arbeit über eine Verwandtschaft des Hurritisch-Urartäischen (dessen genetische Einheit er maßgeblich belegt hatte) mit den nordostkaukasischen Sprachen vor. Einige hurritisch-nordostkaukasische Gleichungen Djakonovs (phonetisch vereinfacht, tschet. = tschetschenisch):
Hurritisch Bedeutung Nordostkaukasisch Bedeutungit gehen id (tschet.) laufenal-ayHerrin äla (tschet.) Fürstkerlang *q'ärgroß, altxil sprechen *χilsagensaw-alaJahr *šaw-nJahrseriTag, Abend seri (tschet.)Abend