Das Zentrum für Medien und Interaktivität (ZMI) ist ein interdisziplinäres medienkulturwissenschaftliches Forschungszentrum der Justus-Liebig-Universität Gießen, das sich mit dem Begriff der Interaktivität und den vielfältigen Aspekten interaktiver digitaler Medien auseinandersetzt.
Das ZMI 300px|mini|Das Zentrum für Medien und Interaktivität Das ZMI befasst sich mit anwendungsorientierter und praxisnaher Grundlagenforschung zu medienbezogenen Fragestellungen aus medienkulturwissenschaftlicher Perspektive. Im Mittelpunkt stehen der Begriff der Interaktivität und die vielfältigen Aspekte interaktiver digitaler Medien in Wissenschaft, Gesellschaft, Politik, Wirtschaft und Kultur. Als fächerübergreifende Forschungseinrichtung der Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU) umfasst es ein breites Spektrum an Fachgebieten, z. B. aus den Fächern Soziologie/Mediensoziologie, Allgemeiner Gesellschaftsvergleich, Politikwissenschaft, Geschichte/Neuere Geschichte, Zeitgeschichte, Osteuropäische Geschichte, Didaktik der Geschichte, Fachjournalistik Geschichte; Kunstgeschichte; Turkologie; Slavistik/Slavische Sprach- und Kulturwissenschaft, Slavistische Sprachwissenschaft; Germanistik/Historische Sprachwissenschaft und Sprachgeschichte des Deutschen, Sprachtheorie und Sprachbeschreibung, Germanistische Linguistik und Sprachdidaktik, Germanistische Sprach- und Mediendidaktik, Angewandte Sprachwissenschaft und Computerlinguistik, Deutsch als Fremd- und Zweitsprache, Neuere deutsche Literatur- und Kulturwissenschaft, Arbeitsstelle Holocaustliteratur; Romanistik/Spanische und Portugiesische Sprachwissenschaft, Didaktik der romanischen Sprachen; Anglistik/Didaktik des Englischen, Angewandte Linguistik, Englische Sprachwissenschaft und Geschichte der englischen Sprache; Angewandte Theaterwissenschaft.
Des Weiteren bietet das ZMI Wissenschaftlern der geisteswissenschaftlichen Disziplinen, die an der JLU forschen, Beratung im Bereich „Digital Humanities/Digitale Geisteswissenschaften“ (im Spezielleren: computergestützte Textanalyseverfahren) an.
Die Beratung und Begleitung von wissenschaftlichen Projektteams, Bildungsinstitutionen, Unternehmen und Organisationen bei ihren digitalen und webbasierten Aktivitäten wird vom unternehmerischen Netzwerk ZMI-Transfer umgesetzt, einem Zusammenschluss von Forschern, die ihre wissenschaftliche Kompetenz gebündelt, gezielt und transparent für Lösungsansätze im Bereich Internet und Neue Medien zur Verfügung stellen.
Leitung Geschäftsführende Direktorin des ZMI ist (Stand Sommer 2023) Katrin Lehnen, Professorin für Germanistische Medien- und Sprachdidaktik, ihre Stellvertreterin ist Greta Olson. Wissenschaftliche Geschäftsführerin ist Dr. Jutta Hergenhan.
Geschichte Etwa 1998 trafen sich erstmals Lehrende der Gießener Universität aus verschiedenen Fachbereichen, die auf unterschiedliche Weise mit kommunikations- und medienwissenschaftlichen Fragen befasst waren. Gemeinsam war ihnen das Interesse an allen Fragen, die sich aus dem Einsatz und der Nutzung von Medien, und insbesondere der digitalen, über Computer vermittelten Kommunikation ergeben hatten. Aus dem universitären Alltag heraus entstand die Idee, diese Aktivitäten in einem Zentrum zu bündeln. Nach dreijährigem Planungsvorlauf wurde das ZMI im April 2001 von Claus Leggewie und Henning Lobin gegründet. Bis 2007 war Claus Leggewie geschäftsführender Direktor des ZMI. Nach Leggewies Weggang an das KWI-Essen übernahm Henning Lobin diese Funktion. 2016 wurde Katrin Lehnen Direktorin des ZMI.
In den ersten Jahren wurden Fragestellungen der individuellen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und künstlerischen Gestaltung und Wirkung von Medien, jeweils unter dem Gesichtspunkt der Interaktivität, behandelt. Zu diesem Zeitpunkt war die Fokussierung der Forschungsaktivitäten auf neue Medien und das Phänomen „Interaktivität“ etwas völlig neuartiges. Daneben initiierte und koordinierte das ZMI Aktivitäten in Lehre, Fort- und Weiterbildung sowie Wissenschaftstransfer.
Im Frühjahr 2005 trat das ZMI in eine zweite Phase ein. Im Grundlagenpapier Das ZMI im Umbruch wurden neue Zielsetzungen und Arbeitsweisen festgelegt, mit einer dauerhaften Etablierung avancierter Grundlagenforschung zum Generalthema „Interaktivität“ mit interregionaler Kooperation und internationaler Ausstrahlung. Das ZMI begann, sich mit der „digitalen Revolution“ und ihren Auswirkungen auseinanderzusetzen.
Bis zum Jahr 2012 bestimmten zwei Themen das Forschungsinteresse des ZMI: die Auswirkungen der „Medialisierung“ auf kommunikative Kulturtechniken im Projekt Kulturtechniken und ihre Medialisierung und auf die Folgen der Digitalisierung für die Wissenschaftskommunikation im Forschungsverbund Interactive Science – Interne Wissenschaftskommunikation über digitale Medien.
Von 2012 bis 2015 verlagerte sich der Forschungsschwerpunkt auf das Projekt GeoBib, die Schaffung einer georeferenzierten Online-Bibliographie der frühen deutsch- bzw. polnischsprachigen Holocaust- und Lagerliteratur (1933–1949), sowie auf news to use, eine Untersuchung zum Einfluss regelmäßiger Zeitungslektüre auf junge Menschen in der beruflichen Ausbildung.
Seit 2015 rückt das ZMI mit dem Forschungsschwerpunkt Literalität und Bildung in der Mediengesellschaft (LBM) den Einfluss der Medientechnologie auf die Bildung und die Praktiken im Umgang mit Schrift und Schriftlichkeit in den Fokus.
Zum Wintersemester 2015/2016 gründete die JLU die an das ZMI angegliederte Ludwig-Börne-Professur, die derzeit für eine Amtszeit von drei Jahren von Claus Leggewie besetzt ist.
Struktur Das ZMI ist ein institutionalisiertes Netzwerk von Forschungsbereichen innerhalb der Gießener Universität, die sich mit anwendungsbezogener und praxisorientierter Grundlagenforschung zu medienbezogenen Fragestellungen befassen. Es gliedert sich in fünf Sektionen, die die Durchführung kooperativer Forschungsvorhaben unterstützen, aber auch eigene Forschung betreiben und verschiedenste Aktivitäten durchführen: öffentliche Vorträge und Vortragsreihen, Workshops, Filmreihen, Tagungen, Publikationen und vieles mehr. Von einzelnen Sektionen werden auch Festivals, Theater- und Filmproduktionen von Studierenden unterstützt.
Sektion 1: Macht – Medium – Gesellschaft Die Sektion fokussiert interdisziplinär auf Machtverhältnisse in Dynamiken zwischen Medien und Gesellschaft. Darunter fallen Themen wie Medienmacht, der Schutz digitaler Daten, Formen partizipatorischer Potenziale in sozialen Medien und Mediengebrauch in sozialen Verhältnissen wie Familien und Haushalten.Sektion 1 Macht – Medium – Gesellschaft – ZMI
Sektion 2: Medien und Didaktik Das Interesse der Sektion gilt Fragen der „Medialität“ und „Medialisierung“ kultureller Prozesse in den Bereichen Literatur, Sprache und Geschichte sowie Aspekten ihrer didaktischen Vermittlung. Entwickelt werden theoretische und empirische Arbeiten zu Phänomenen und Artefakten in verschiedenen Medien, wie Literatur, Film, Fernsehen, Web usw. Im Fokus stehen außerdem Konzepte der Aneignung und Entwicklung von Medienkompetenz in unterschiedlichen Lernkontexten.Sektion 2 Medien und Didaktik – ZMI
Sektion 3: Educational Linguistics Die Forschungs- und Lehraktivitäten unter „Educational Linguistics“ behandeln sprachwissenschaftliche und -politische Fragestellungen, Konzepte und Modelle in Verbindung mit der Beschreibung und Analyse von Spracherwerbs- und Sprachvermittlungsprozessen. Schwerpunkte bilden dabei Mehrsprachigkeitskonzepte, digitale Medien und computerlinguistische Technologien bei Sprachanalysen und beim Fremdsprachenlehren und -lernen, sowie die Ausdifferenzierung nach Mündlichkeit und Schriftlichkeit beim Spracherwerb.Sektion 3 Educational Linguistics – ZMI
Sektion 4: Medien und Geschichte In der Sektion werden Forschungsprojekte zur Geschichte der Medien und zur Vermittlung und Inszenierung von Geschichte in den Massenmedien gebündelt. Der Schwerpunkt liegt auf der Interaktivität, wobei Mediengeschichte als (politische) Kulturgeschichte betrieben wird. Im Zentrum des Interesses: die Wechselbeziehungen zwischen den Medien und ihrer Wahrnehmung durch historische Akteure.Sektion 4 Medien und Geschichte – ZMI
Sektion 5: Kunst und Medien Die Sektion vereint Fachrichtungen, die an der Schnittstelle von Medientheorie, Medienkritik, kultureller Medienkompetenz und künstlerischer Praxis mit Medien tätig sind. Historisch wie systematisch werden hierzu theatralische, literarische und filmische Inszenierungsformen von Medialität aufgearbeitet. Das besondere Augenmerk gilt Inszenierungen in Neuen Medien, die als Ausprägung einer sich ständig aktualisierenden „Theatralisierung der Gesellschaft“ interpretiert werden.Sektion 5 Kunst und Medien – ZMI
Sektion 6: Medien und Gender Die Sektion „Medien und Gender“ befasst sich mit aktuellen Entwicklungen der Mediengesellschaft aus einer geschlechtersensiblen Perspektive, bei der Geschlecht als eine Kategorie betrachtet wird, die die Gesellschaft fundamental strukturiert (körperlich, sprachlich, rechtlich, sozial). Hierbei spielt die Kategorie Geschlecht auch bei der Analyse anderer gesellschaftlicher Ungleichheitsphänomene (Rassismus, Klassismus, Ableismus) und ihrer gegenseitigen Bedingtheit (Intersektionalität) eine wichtige Rolle. Bei der Betrachtung der Geschlechterdimension von Medien bezieht die Sektion Perspektiven der Medienproduktion, Mediennutzung und der Medieninhaltsforschung in ihre Arbeit mit ein. In diesem Zusammenhang sollen informelle Prozesse von Inklusion und Exklusion im Hinblick auf Geschlecht beleuchtet werden. Die Sektion „Medien und Gender“ wirkt am Interdisziplinären Forschungsnetzwerk „Geschlecht • Macht • Staat: Medialisierungen, normative Rahmungen und soziale Praktiken geschlechterbezogener Zuschreibungen“ in Kooperation mit den Universitäten Marburg und Münster sowie dem Herder-Institut Marburg mit.
Forschung Aktueller Forschungsschwerpunkt Literalität und Bildung in der Mediengesellschaft (FSP – LBM) Der Forschungsschwerpunkt Literalität und Bildung in der Mediengesellschaft (FSP – LBM) ist seit 2015 als längerfristiges Leitthema für Einzel- und Verbundforschung am ZMI und der Justus-Liebig-Universität (JLU) Gießen etabliert worden. Der mediale Wandel durch die Digitalisierung wirkt sich auf die kulturelle Deutung und die gesellschaftliche Aushandlung der Konzepte Bildung und Literalität aus. Dementsprechend ist das zentrale Thema des Schwerpunktes der Einfluss der Medientechnologien auf die Ausformungen von Bildungskonzepten und die Praktiken im Umgang mit Schrift und Schriftlichkeit. Untersucht wird der damit einhergehende technologische, gesellschaftliche und kulturelle Wandel in struktureller, historischer und angewandter Perspektive. Bezugssysteme der Untersuchungen stellen Medien der Bildung dar, Infrastrukturen und Institutionen sowie soziale Strukturen und Prozesse, die durch diesen Wandel betroffen sind. Näher betrachtet werden die vielfältigen Konstellationen formellen und informellen Lernens, der Wandel akademischer und wissenschaftsbasierter Bildungsauffassungen und -prozesse sowie die räumliche, historische und gesellschaftliche Diversität von Bildungspraktiken und -auffassungen. Diese und weitere Fragestellungen werden im Rahmen einer gemeinsamen Forschungstätigkeit von den etwa 20 beteiligten Wissenschaftler/-innen der JLU in drei Foren adressiert:
I: Bildungsmedien und Medien der Bildung
II: Medialisierung und Digitalisierung der Wissenschaft
III: Kulturalität und Kontextgebundenheit von Literalität und Bildung
Das ZMI übernimmt mit der wissenschaftlichen Administration und der Anbahnung von Forschungsprojekten die Organisation des Forschungsschwerpunktes.
Laufende Forschungsprojekte Virtuelle Rekonstruktionen in transnationalen Forschungsumgebungen