mini|hochkant|Willigis Jäger (2010) Willigis Jäger OSB (* 7. März 1925 in Hösbach; † 20. März 2020 in Holzkirchen), mit dem Zen-Namen Koun-ken, war ein deutscher Benediktinermönch und Zen-Meister.
Leben Willigis Jäger trat 1946 in die Abtei Münsterschwarzach ein.Ralf Tooten: Augen der Weisheit. Das spirituelle Gesicht der Religionen. Herder, Freiburg im Breisgau 2002, ISBN 3-451-27011-0, S. 86. Ab 1948 studierte er Philosophie und Theologie in Sankt Ottilien und an der Universität Würzburg. 1952 wurde er zum Priester geweiht und war bis 1964 Präfekt und Lehrer im Internat der Abtei Münsterschwarzach. Ab 1960 war er Referent für „Mission und Entwicklung“ beim Bund der deutschen katholischen Jugend in Düsseldorf. Reisen führten ihn in die Dritte Welt, nach Asien und besonders Japan, wo er erstmals mit Zen in Kontakt kam. Ab 1969 übte er Zen in Japan, zuerst im Zentrum von Hugo Makibi Enomiya-Lassalle in Shinmeikutsu, dann ab 1972 als Schüler des Zen-Meisters Yamada Kōun der Schule Sanbō Kyodan, heute Sanbō Zen.
Jäger lebte sechs Jahre in Japan. 1980 erhielt er von Yamada Rōshi die Erlaubnis, Zen zu lehren. Yamadas Nachfolger Kubota Rōshi übertrug Jäger 1996 die volle Lehrerlaubnis Inka shōmei, die Jäger als 87. Nachfolger von Buddha Shakyamuni ausweist. Dadurch war er als Zen-Meister ermächtigt, andere in dieser Übertragungslinie zu bestätigen.
Das inzwischen leerstehende Internat der Abtei Münsterschwarzach wurde 1983 zum Meditationszentrum St. Benedikt umgebaut und von Willigis Jäger bis ins Jahr 2001 geleitet. Um 1990 war unter seiner Leitung der Ökumenische Arbeitskreis kontemplatives Gebet gebildet worden, aus dem Mitte der 1990er Jahre die von ihm gegründete Würzburger Schule der Kontemplation entstand, mit dem Ziel, das kontemplative Gebet und die Mystik in den Kirchen zu beleben.
2003 wurde Jäger Leiter des überkonfessionellen Bildungshauses Benediktushof auf dem Gelände der ehemaligen Benediktinerpropstei in Holzkirchen. 2007 zog er sich aus der operativen Leitung des Benediktushofs zurück und übergab dieses Amt an Doris Zölls und Alexander Poraj. Im selben Jahr gründete er die West-östliche Weisheit – Willigis-Jäger-Stiftung mit Sitz auf dem Benediktushof. Im Juni 2009 gründete er eine eigene Zen-Linie mit Namen Leere Wolke. Im Oktober 2009 erhielt er vom chinesischen Chan-Großmeister Jing Hui die Bestätigung als Chan-Meister und 45. Nachfolger von Lin-Chi (japanisch Rinzai). 2010 übertrug Jäger die Meister-Befugnis Inka shōmei an Doris Zölls und Alexander Poraj. Des Weiteren ernannte er Jef Boeckmans, Marsha Linehan, Paula Weber, Manfred Rosen und Gisela Drescher zu Zen-Meistern in seiner Nachfolge.
Im Juni 2012 wurde eine von ihm gegründete Kontemplationslinie mit dem Namen Wolke des Nichtwissens Willigis Jäger eingeweiht, benannt nach einem alten Text über den mystischen Weg.
Jäger starb im März 2020 im Alter von 95 Jahren.
Willigis Jägers Denken
Mystik Jäger begreift die Mystik als Kern aller Religionen. Auch im Christentum findet er diesen Kern, etwa in der Wolke des Nichtwissens, in der Lehre Meister Eckharts, Cusanus, Johannes Taulers, Jakob Böhmes und anderer. Im Judentum findet sich die Mystik in der Kabbala, im Islam im Sufismus.
Religionen Nach Jäger sind alle Religionen auf eine „letzte Wirklichkeit“ gerichtet.Willigis Jäger, Wohin unsere Sehnsucht führt: Mystik im 21. Jahrhundert. Via Nova, Petersberg 2003, ISBN 3-936486-21-2. S. 261, 308, 229, 231. Sie sollen auf diese Wirklichkeit hinführen, als Verstehenshilfen, Landkarten, Modelle. Diese Hilfestellungen veralten, wenn sie nicht vom religiösen Erleben her immer neu belebt werden. Er erachtet alle Religionen als wichtige und notwendige Errungenschaften, bemängelt aber, dass Religionen sich schwertun, ihre Starre zu überwinden, um den Menschen Antwort auf die ganz neu gestellten alten Menschheitsfragen zu geben, und dass das mystische Gebet nicht gelehrt werde. Er ist der Ansicht, dass die Evolution neue Bewusstseinsebenen hervorbringen werde. Außerdem meint er, dass Gotteserfahrung Erfahrung von Liebe sei. Das sagten zwar alle Religionen; solange aber dies ein Gebot bleibe, entfalte es keine Wirkung, wie die Geschichte der Religionen und ihre Irrwege zeigten. Jede Religion solle transzendiert werden zur Sophia perennis, der ewigen Weisheit, die heute nur von einer Minderheit gelebt werde, die aber eines Tages als das wahre Ziel jeder Religion erkannt werde. Mystik werde immer dann lebendig, wenn die spirituellen Erfahrungen der Religionsstifter in objektiven, rechtlichen und dogmatischen Formen erstarrt seien. Wenn das "Recht" über das Leben und das Dogma über die persönliche Erfahrung zu dominieren beginne, entstünden mystische Bewegungen, die einen direkten Kontakt mit Gott suchten. Deshalb hätten sich die theistischen Religionen mit der Mystik immer schwer getan.
Der christliche Glaube Für die Interpretation und Bewertung christlicher Glaubenslehren betrachtet Willigis Jäger das zen-buddhistische Weltbild als maßgebend. Von diesem Weltbild aus interpretiert er auch die biblischen Schriften und den christlichen Glauben, etwa die Gotteslehre.
Der Begriff „Gottheit“ gewinnt bei seinen Ausführungen eine besondere Bedeutung. Für ihn existiert kein persönlicher, von der Schöpfung unabhängiger, allmächtiger personaler Gott, der Himmel und Erde erschaffen hat und sich dem Menschen offenbart, weder als Dreifaltigkeit noch im Sinne Jesu als unigenitus Dei filius. Vielmehr versteht er unter dem Begriff „Gottheit“ ein Letztes, nicht Beschreibbares. Für ihn gibt es keinen fundamentalen Unterschied zwischen Gottheit, Kosmos, Natur und Mensch. Sie sind nichts anderes als die Erscheinung des einen Göttlichen, Das Gottliche offenbare sich „im Baum als Baum, im Tier als Tier und im personhaften Bewusstsein der Menschen als personhaftes Bewusstsein“, im Gras als Gras. Die Evolution des Kosmos ist der sich selbst entfaltende Gott als kosmische Kraft. Es gebe auch keinen absolut guten Gott. Jägers Gott ist gut und böse zugleich. Das Böse habe auch in dieser letzten Wirklichkeit seinen Ursprung. Und da es keinen personalen Gott gibt, könne man das ES auch nicht ansprechen, ebenso wenig könne das ES zu uns sprechen, uns lieben und für uns sorgen. Daher gebe es kein Gebet im Sinne des christlichen Glaubens. Jedes Gebet sei nichts anderes als positive Energie. Jägers Standpunkte werden kontrovers diskutiert.Klaus von Stosch, Einführung in die systematische Theologie. 2. Auflage. Schöningh UTB, Paderborn 2009, S. 264.
Jesus – Sohn Gottes
Jäger spricht immer wieder von Jesus, auch als dem Sohn Gottes. Er zählt ihn zu den großen, erleuchteten und heiligen Religionsstiftern der Menschheit, die zu den Tiefendimensionen des menschlichen Bewusstseins vorgedrungen sind. Doch nach Jäger war Jesus ausschließlich ein Mensch. Andererseits hat er keine Schwierigkeiten, Jesus „Gottes Sohn“ zu nennen. Doch das ist für ihn nichts Besonderes. Denn für ihn gibt es nichts, was nicht Gottes Sohn wäre. Alles was existiere, sei Sohn Gottes. Denn die ganze Welt sei etwas unfassbar Göttliches.
Jesus – Erlöser der Menschheit durch seinen Tod am Kreuz
Willigis Jäger ist davon überzeugt, Jesu Tod sei die Konsequenz seines Wirkens als Prophet und seiner Auseinandersetzung mit der jüdischen Glaubensbehörde gewesen. Er glaubt sogar, Jesus sei gar nicht begraben worden und sein Leichnam wäre wie bei allen Verbrechern damals den Hunden überlassen worden. Entscheidend ist jedoch für Jäger „dass Jesus selber seinen Tod nicht als Erlösungstod verstanden habe“. Er habe wohl nicht daran gedacht, durch seinen Tod die Menschheit zu erlösen. Sein Kreuzestod sei von Theologen als Sühnetod gedeutet worden. Aber keiner der sogenannten Religionsstifter habe sich als Erlöser verstanden, auch Jesus nicht. Die Deutung des Todes Jesu als Loskauf der Menschen aus den Händen Satans oder zur Wiederherstellung der Ehre Gottes setze „ein primitives Gottesverständnis voraus.“ Bei der Deutung des Todes Jesu ginge es vielmehr um einen Evolutionsprozess im Bewusstsein des Menschen, von einem „archaischen Vorbewusstsein in ein personales Bewusstsein“. Ein notwendiger Schritt in der Menschheitsentwicklung. Nicht das böse Ich falle vom göttlichen Selbst ab, sondern Gott hätte sich vom Menschen zurückgezogen, damit dieser erwachsen würde. Willigis Jäger deutet damit die Erlösung bzw. den Erlösungstod Jesu Christi in einem anderen Sinne als die christliche Glaubenslehre.
Jesu Auferstehung
Jäger ist davon überzeugt, dass Jesus nicht wirklich nach seinem Tod auferstanden ist. Vielmehr sei Ostern ein Ereignis gewesen, das in der Erlebniswelt der Jünger stattfand Auferstehung ist eine Erfahrung der Jünger in dem Sinn, dass das Leben nicht alles ist, und dass auch sie, wie dieser Jesus in eine neue Existenz gegangen ist, auch in eine neue Existenz gehen werden. Beweise für eine Auferstehung im biblischen Sinne gebe es nicht. Die Auferstehungsberichte seien keine Berichte von äußeren, objektiven Erfahrungen, sondern innere Vorstellungen der Jünger, die dann in äußere Begebenheiten bzw. einen Mythos gekleidet worden seien. Dabei sei der antike Mythos des Sterbens und Auferstehens wirksam gewesen und es wirke sich der Wunsch nach einer zeitlosen Existenz aus. Eine Erfahrung dieser zeitlosen Existenz entspräche laut Jäger der Auferstehung. Die Auferstehung ist für ihn also kein spezielles Erlebnis Jesu, sondern eine allgemein menschliche Erfahrung.
Jesu Himmelfahrt
Himmel meint nach christlichem Glauben keine Auffahrt zu den Wolken des Himmels, sondern den endgültige Eintritt Jesu auch als Mensch in seine göttliche Herrlichkeit, dorthin, wo er mit dem Vater zusammen herrscht, und woher er wiederkommen wird (Apg 1,11).
Christi Himmelfahrt sei, so sagt dagegen Willigis Jäger, nur „ein Ausdruck mythologischer Sprachformen“. Wir seien gemeint mit der Himmelfahrt, und wir könnten dasselbe erfahren, was Jesus Christus erfahren habe. Himmel sei die Erkenntnis, dass wir göttlichen Ursprungs sind und dass wir göttliches Leben in uns tragen. Der Himmel bedeute das Hier und Jetzt und Auffahrt bedeute, das Heil im Hier und Jetzt erfahren.
Jesus und das Heil des Menschen
Nach Apostelgeschichte 4,12 schenkt Christus allein das Heil dem Menschen: „Durch keinen anderen gibt es das Heil als durch Jesus Christus. Es gibt auch keinen anderen Namen unter dem Himmel, der den Menschen dazu gegeben wäre. Durch ihn hat Gott unserer Rettung verfügt.“ Willigis Jäger distanzierte sich von diesem Heilsanspruch. Seine Distanzierung von Jesus Christus, der Kirche und dem Christentum überhaupt zeigten sich nach Auffassung seiner Kritiker vor allem:
a) in seinem Bekenntnis zum Zen-Buddhismus und seiner Heilslehre, das sich 1996 mit der offiziellen Berufung als Inka shōmei als bevollmächtigter Lehrer durch die Lehrautoritäten des Zen-Buddhismus und in der Übertragung der Würde des 87. Nachfolger von Buddha Shakyamuni in aller Öffentlichkeit manifestierte.
b) in seiner Lehrtätigkeit, die die Lehre und Lebensgestaltung des Zen-Buddhismus zur unbedingten Lebensorientierung hatte. Das illustriert in eindringlicher Weise Willigis Jäger selbst mit folgenden Worten. Er schreibt: „Wenn jemand sein Schüler werden möchte, er aber feststelle, dass diese Person noch stark im traditionellen religiösen Glauben“ – damit ist wohl der christliche Glaube gemeint – verwurzelt ist, würde er sie darauf hinweisen, „dass sie auf dem Weg, den sie bei ihm gehen lernt, vieles in einem anderen Licht sehen werde, was ihr bis dahin selbstverständlich erschienen sei.“
Willigis Jägers Bekenntnis