Herbert F. W. Tengelmann (* 1. Mai 1896 in Bickern; † 22. Februar 1959Uwe Westphal: Berliner Konfektion und Mode. 2. Auflage. Berlin 1992, S. 197; Walter Habel: Wer ist wer? Berlin 1955.Im Habel von 1955 wurde sein Todesdatum mit dem 30. März 1954 angegeben, was auch in anderen Quellen mit dem Todesjahr 1954 bestätigt wird. Allerdings dürfte das Sterbedatum in allen älteren Quellen irrtümlich falsch abgedruckt worden sein, denn der Vater von Herbert Tengelmann, Ernst Tengelmann, verstarb am 30. März 1954 in Essen (siehe Bundesarchiv). Neue Quellen nennen 1959 als Todesjahr.) war ein deutscher Jurist, Kaufmann und Industrieller der Textilindustrie. In der NS-Zeit wurde er zum Leiter der Deutschen Bekleidungsindustrie ernannt.Herrmann A. L. Degener: Wer ist wer? Berlin 1935. Laut Das Deutsche Führerlexikon 1934/1935. S. 486: „Führer der Deutschen Bekleidungsindustrie“, Berlin C2, Fischerstraße 3. Beim Reichsministerium für Bewaffnung und Munition wurde er Produktionsbeauftragter für Bekleidung und Rauchwaren. Es folgte weiterhin seine Ernennung zum Wehrwirtschaftsführer.Rainer Eckert: Die Leiter und Geschäftsführer der Reichsgruppe Industrie, ihrer Haupt- und Wirtschaftsgruppen. (II). In: Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte. 1980. Teil I, S. 216. Als erster Produzent von Bekleidungsstücken führte er in Deutschland die Fließfertigung ein.Brunhilde Dähn: Berlin – Hausvogteiplatz – Über 100 Jahre am Laufsteg der Mode. Göttingen 1968, S. 192.

Hinweis: Herbert Tengelmann steht nicht in Verbindung mit der Firma Kaiser’s Tengelmann.

Leben Ausbildung, Studium und berufliche Laufbahn Als Sohn des Generaldirektors der Essener Steinkohlenbergwerke Ernst Tengelmann und seiner Ehefrau Luise Romberg besuchte Herbert Tengelmann von 1902 bis 1906 die Volksschule in Essen. Danach absolvierte er von 1906 bis zum Jahr 1914 das städtische Realgymnasium Essen. Im Ersten Weltkrieg diente er ab dem 4. August 1914 im Königlich Preußischen Eisenbahn-Regiment Nr. 3 in Hanau. Die Kriegseinsätze führten ihn ab September 1914 an die Fronten in Belgien und Frankreich. Später kamen Abordnungen nach Galizien, im Süden von Polen, nach Lettland und Litauen.Heinrich Hauser: Begegnung mit Herbert Tengelmann. Düsseldorf o. J. Ab Ende 1916 wechselte er zu den Fliegern als Flugbeobachter in die Feldflieger-Abteilung 9. Danach kam er zur 11. Staffel des Bombengeschwaders 2.Herrmann A. L. Degener: Wer ist wer? Berlin 1935. Im Jahre 1917 wurde er zur Fliegerschule bei Breslau versetzt. Im Jahre 1918 endete für ihn der Kriegseinsatz als Oberleutnant.

Tengelmann begann von 1918 bis 1920 ein Studium der Rechtswissenschaften in Berlin und Münster. Ab 1920 nahm er eine kaufmännische Ausbildung bei der Aktiengesellschaft für Lokomotivbau Hohenzollern in Düsseldorf als Volontär auf. Danach ging er zur Sekuritas AG in Bochum. Es folgte eine Tätigkeit bei der Westlignose AG in Büchen bei Hamburg. Im Jahre 1921 wurde er Prokurist bei der Gewerkschaft Marie-Luise in Essen und heiratete Martha Rehbock. Im folgenden Jahr gründete er die Handelsgesellschaft Westfalen mbH in Essen, die aus der Gewerkschaft Marie-Luise hervorging. Die Firma gehörte zum Familienunternehmen Tengelmann & Co. GmbH.Reichshandbuch der Deutschen Gesellschaft. 2. Band. Berlin 1931, S. 1891.

Zum selbständigen Kaufmann wurde Tengelmann am 1. Juni 1922. Weitere zwei Semester der Rechtswissenschaften studierte er im Jahre 1927 an der Universität Bonn und legte am 1. Juli 1928 das erste Staatsexamen ab. Danach übernahm er die Textilfirma Alfermann u. SöhneIn der Literatur ist eine Firma Alfermann und Söhne nicht nachweisbar. Vielmehr gibt es eine Firma für Kleider „Alfermann & Jakobi AG“ in Herford. Es folgte der Kauf der Firma Carl Hoth, die ebenfalls in Herford tätig war. Die Werke wurden zusammengeführt als Vereinigte Kleiderwerke. Als sich die Gelegenheit bot, übernahm er im Jahre 1929 die Firma Hans Bäumler AG in München, die Lodenmäntel herstellte.Übernahme der Aktien der Firma Hans Bäumler AG durch Herbert Tengelmann im Jahre 1929

Als die Berliner Firma Bernward Leineweber im Zuge der Weltwirtschaftskrise in Schwierigkeiten geriet, kaufte er diese im Jahre 1931 auf und verlagerte die Produktion im Jahre 1932 nach Herford. Nach der Umorganisation seiner Betriebe, die auch die Fertigung betraf, wurde der Name Leineweber in Herford übernommen.Lutz Graf Schwerin von Krosigk: Alles auf Wagnis – Der Kaufmann gestern, heute und morgen. Tübingen 1963, S. 355.Lutz Graf von Krosigk: Die grosse Zeit des Feuers – Der Weg der deutschen Industrie. 3. Band. Tübingen 1953, S. 248. In der Fertigung von Bekleidungsstücken löste er das herkömmliche Prinzip der Werkstattfertigung durch die Einführung des Fließbandes ab. Weiterhin baute er ein Labor mit neuartigen Prüfgeräten zum Prüfen von Textilien auf. Im sozialen Bereich richtete er ein Erholungsheim für die Belegschaft ein und bot ihr eine Lebensversicherung an.

Zeit des Nationalsozialismus Zum 1. März 1933 trat er der NSDAP bei (Mitgliedsnummer 1.506.207)Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/44230339 und wurde später Förderndes Mitglied der SS.Irene Guenther: Nazi Chic? Fashioning Women in the Third Reich. Oxford 2004, S. 176. Noch im Jahre 1933 wurde er Leiter des neuen Reichsverbandes der Bekleidungsindustrie und Vorsitzender vom Reichsbund des Texttileinzelhandels. Diese Einrichtungen waren integriert in der Reichsgruppe Industrie (RI) bzw. der Reichsgruppe Handel (RH). In der RI, Hauptgruppe VI, leitete er im Jahre 1936 die Wirtschaftsgruppe Bekleidungsindustrie mit Sitz in Berlin W 62, Kielganstraße 1.Hermann Teschemacher (Hrsg.): Handbuch des Aufbaus der gewerblichen Wirtschaft. Band I. Leipzig 1936, S. 179. Der Geschäftsführer war der Kaufmann Otto Jung.

Später gehörte Tengelmann dem Großen Beirat der RI an.Gliederung der Reichsgruppe Industrie. Geschäftsführung Reichsgruppe Industrie (Hrsg.). 3. Ausgabe 1941, Berlin 1941, S. 20. In der RH leitete er 1936 in der Wirtschaftsgruppe Einzelhandel die Fachgruppe Textil-Einzelhandel.Hermann Teschemacher (Hrsg.): Handbuch des Aufbaus der gewerblichen Wirtschaft. Band II: Reichsgruppe Handel. Leipzig 1936, S. 44.

Am 18. Juli 1940 tagte der Große Beirat der RI, wobei Tengelmann mit namhaften Leitern der deutschen Industrie zusammentraf wie Wilhelm Zangen, Rudolf Stahl, Rudolf Bingel, Georg von Schnitzler, Gottfried Dierig, Philipp F. Reemtsma, Helmut Poensgen und Hermann Schmitz. Auf dieser Tagung sollten Richtlinien zur „künftigen Stellung des Unternehmers“ und zur „künftigen Lohnpolitik“ festgelegt werden. In einer Denkschrift für das Reichsarbeitsministerium wurde als Ergebnis der Beratung auf die „nach dem siegreichen Kriege zu erwartende europäische Großraumwirtschaft unter Führung des Großdeutschen Reiches … Probleme politischer, wirtschaftlicher und sozialer Art“ hingewiesen.Wolfgang Schumann, Gerhart Hass: Deutschland im Zweiten Weltkrieg. Band 1. Köln 1974, S. 394.

miniatur|Logo ADEFA Als im Mai 1933 die Arbeitsgemeinschaft deutsch-arischer Fabrikanten der Bekleidungsindustrie (ADEFA) in Berlin gegründet wurde, gehörte er zu den Mitbegründern. Zwischen der ADEFA und der Wirtschaftsgruppe Bekleidungsindustrie bestand eine personelle Verflechtung. Weiterhin hatten beide Einrichtungen den gleichen Sitz in Berlin.Gloria Sultano: Wie geistiges Kokain … – Mode unterm Hakenkreuz. Wien 1995, S. 141.

Am 20. Januar 1938 wurde die Arbeitsgemeinschaft deutscher Unternehmen der Spinnstoff-, Bekleidungs- und Lederwirtschaft (ADEBE) gegründet. Während Otto Jung zum Direktor der ADEBE ernannt wurde, führte Tengelmann die Untergruppe Bekleidung.Irene Guenther: Nazi Chic? – Fashioning Women in the Third Reich. Oxford 2004, S. 158.

Als Kurt Schmitt Ende Juni 1933 aus der IHK Berlin ausschied, wurde Tengelmann einer der Vizepräsidenten. In der Kammer leitete er den Fachausschuss Oberbekleidung und den Fachausschuss Textilindustrie jeweils als Vorsitzender.Gloria Sultano: Wie geistiges Kokain … – Mode unterm Hakenkreuz. Wien 1995, S. 140/141. In der Wirtschaftskammer Berlin-Brandenburg gehörte er 1937 dem engeren Beirat an und leitete die Handelsabteilung.Hermann Teschemacher: Handbuch des Aufbaus der gewerblichen Wirtschaft. Band III. Leipzig 1937, S. 62, 64 und 153.

Als die IHK am 7. Februar 1934 die Satzung zur Gründung eines Einzelhandelsamts verabschiedete, wurde Tengelmann zum Vorsitzenden und Präsidenten des Amtes ernannt, das er gemeinsam mit dem Präsidenten des Provinzialausschusses des Regierungsbezirks Potsdam Karl Gelpcke am 19. Juni 1934 in der Öffentlichkeit vorstellte. Damit stand Tengelmann an der Spitze der handelskammerlichen Vertretung der Berliner Einzelhändler und der Minderkaufleute.Thomas Hertz: Die Industrie- und Handelskammer zu Berlin – Ein Beitrag zur Wirtschaftsgeschichte Berlins. Berlin 2008, S. 70.

Im Zuge der Vereinheitlichung der Lehrverhältnisse durch das NS-Regime gründete die IHK Berlin im Jahre 1934 den Hauptausschuß für kaufmännische Berufserziehung, der 1936 in ein Prüfungsamt für Kaufmannsgehilfeprüfungen umgewandelt wurde. Tengelmann wurde Leiter dieses Amtes und unterbreitete dazu schriftliche Vorschläge zur Anpassung der Ausbildung des kaufmännischen Nachwuchses an die Erfordernisse der modernen Wirtschaft.Thomas Hertz: Die Industrie- und Handelskammer zu Berlin – Ein Beitrag zur Wirtschaftsgeschichte Berlins. Berlin 2008, S. 88.books.google.de Im Dezember 1933 trat die IHK Berlin geschlossen der Deutschen Arbeitsfront (DAF) bei. Da Tengelmann Ehrenamtlicher Richter beim obersten Ehren- und Disziplinarhof der Deutschen Arbeitsfront war, ergab sich dadurch eine Beziehung der IHK Berlin zur DAF.Uwe Westphal: Berliner Konfektion und Mode. 2. Auflage. Berlin 1992, S. 124–125.

1936 warf Tengelmann in seinem Beitrag zur Organisation der gewerblichen Wirtschaft den Vertretern der Wirtschaftskammern vor, sie wären keine vollwertigen Vertreter des Einzelhandels, weil ihre Funktionsträger zu sehr mit der Schreibtischarbeit beschäftigt sein würden. Er forderte deshalb eine größere, gesetzlich festzuschreibende Selbstständigkeit der Abteilungen und Unterabteilungen. Diese Vorwürfe führten in Kreisen der Industrie- und Handelskammern zu entschiedenen Protesten. So wollten die Vertreter der IHK Duisburg, der IHK Bielefeld und der IHK Bochum/Dortmund dagegen öffentlich Stellung beziehen, aber sie waren für eine öffentliche Stellungnahme zu schwach.Rald Stremmel: Kammern der gewerblichen Wirtschaft im „Dritten Reich“. Dortmund 2005, S. 175.

Die Bedeutung Tengelmanns in der deutschen Wirtschaft wurde 1938 deutlich, als es vor dem Ehrengericht der Wirtschaftskammer Berlin-Brandenburg zu einem Ehrengerichtsverfahren gegen den Direktor der Deutschen Ammoniak-Verkaufvereinigung GmbH Bochum, Oskar Ruperti, kam. Vor Beginn des Verfahrens konnte Tengelmann zwischen den Kontrahenten vermitteln und den Streit im November 1938 gütlich beenden.Daniele Kahn: Die Steuerung der Wirtschaft durch Recht im nationalsozialistischen Deutschland – Das Beispiel der Reichsgruppe Industrie. Frankfurt am Main 2006, S. 332.