Der Begriff Volition (von lateinisch velle „wollen, wünschen“) bezeichnet in der Managementwissenschaft in Bezug auf Unternehmen (sich selbst steuernde Systeme) den Prozess der Willensbildung (Zielsetzung, Planung) und Willensdurchsetzung (Organisation, Kontrolle);E. Heinen: Betriebswirtschaftliche Führungslehre. 2. Auflage. Wiesbaden 1984. in Bezug auf die Führungskräfte bezeichnet dieser Begriff die Willenskraft, die notwendig ist, um gegebenenfalls widerstrebende Motive, Zielkonflikte oder Unlustgefühle zu überwinden. Die dazu notwendigen Kompetenzen bewirken eine höhere Effizienz bei der Umsetzung von Zielen und Motiven in Ergebnisse, die man mithilfe von Kennzahlen messen kann.H. Bruch, S. Ghoshal: Entschlossen führen und handeln. Wiesbaden 2006, S. 30 f.
Theorie und Bedeutung der Volition In der englischen Alltagssprache (zum Beispiel Oxford Dictionary) versteht man unter Volition den Gebrauch des Willens für Entscheidungen oder einfach die Kraft (power) des Wollens. In den Neurowissenschaften, in der Psychologie und im Management (Management-Zyklus) bezieht sich der Wille auf die Steuerung des gesamten Handlungsablaufs – von der Zielsetzung bis zum Ergebnis (siehe Abbildung 1). Dieses abstrakte Modell des Zusammenspiels von Handlungen und Willen ist einer der wichtigsten Schlüssel zum Verstehen menschlichen Verhaltens. Das reicht von der Erklärung des Konsumentenverhaltens im MarketingW. Kroeber-Riel, P. Weinberg, A. Gröppel-Klein: Konsumentenverhalten. 9. Auflage. München 2009. über die Führung von Mitarbeitern im Vertrieb (Ergebnisorientierung),S. P. Brown u. a.: Effects of Goal-Directed Emotions on Salesperson Volitions, Behavior, and Performance. In: Journal of Marketing. Vol. 61, 1997, S. 39–50. unternehmerische Entscheidungen im ManagementH. Bruch, S. Ghoshal: Entschlossen führen und handeln. Wiesbaden 2006. bis hin zur Behandlung von Verhaltensstörungen in der Psychologie.R. F. Baumeister, J. L. Alquist: Self-Regulation as a Limited Resource. In: R. F. Baumeister u. a. (Hrsg.): Psychology of Self-Regulation. New York 2009. Durch neuere Erkenntnisse in der Hirnforschung (siehe den Beitrag von Haggard und die dort angegebene Fachliteratur)P. Haggard: Human Volition: Towards a Neuroscience of Will. In: Nature Reviews Neuroscience. 9, Dezember 2008, S. 934–946. hat das Thema in den vergangenen Jahren großes Interesse auf sich gezogen. Versucht man, ein disziplinübergreifendes Fazit aus den wichtigsten wissenschaftlichen Beiträgen zu ziehen, kann man folgendes Bild zeichnen (Abbildung 1): mini|hochkant=2.0|Abb. 1: Definition der Volition als Umsetzungskompetenz Am Anfang eines Handlungsablaufs steht die Auswahl und Festlegung von Zielen. Darauf folgt die Planung als gedankliche Vorwegnahme des Geschehens einschließlich der Auswahl geeigneter Mittel zur Zielerreichung. Danach kommt die Durchführung der geplanten Aktionen (Prozess oder Organisation) um schließlich eine Erfolgskontrolle durchzuführen. Bei Soll-Ist-Abweichungen sind korrigierende Maßnahmen notwendig. Damit dieser Prozess autonom (oder selbstgesteuert) abläuft, sind in jeder Phase willentliche Entscheidungen notwendig. Es handelt sich also um eine durch den Willen beeinflusste, ergebnisorientierte Steuerung, die trotz vielfältiger Störungen aus dem Umfeld und aus dem internen Ablauf zur Realisierung von Zielen führt. Je größer die Störungen oder Soll-Ist-Abweichungen (Probleme) sind, desto mehr Willenskraft ist erforderlich. Damit diese aufrechterhalten bleibt, sind bestimmte Kompetenzen ((1) bis (5) in der Abbildung 1) erforderlich, die weiter unten beschrieben werden. Zusammenfassend kann man den Begriff Volition (im Management) somit als die Fähigkeit definieren, Motive und Absichten in Ergebnisse umzusetzen (Umsetzungskompetenz).W. Pelz: Fokussieren statt verzetteln: Willenskraft und Umsetzungskompetenz sind ein gutes Vorzeichen für beruflichen Erfolg. In: Personal, Zeitschrift für Human Resource Management. Nr. 4/2010, S. 30 f. Diese Kompetenz ist vor allem für (selbstständig) tätige Unternehmer oder Manager von entscheidender Bedeutung, weil sie den gesamten Prozess aus eigenem Antrieb und gegen zahlreiche Widerstände gestalten müssen (Selbststeuerung oder Selbstführung bzw. Selbstmanagement).R. S. D’Intino u. a.: Self-leadership: A process of entrepreneurial success. In: Journal of Leadership and Organizational Studies. Vol. 13, 2007. Das Gegenteil, nämlich extrem schwach ausgeprägte Volitionskompetenzen äußern sich in der traditionellen Diagnose psychischer Störungen unter anderem in Willensschwäche (Akrasia), Willenshemmung und Willenssperrung. Willensschwäche ist an mangelndem Antrieb, Inkonsequenz der Zielverfolgung und einer starken Abhängigkeit von äußeren Einflüssen erkennbar. Das besondere Merkmal der Willenshemmung sind Entschlussunfähigkeit, starke emotionale Ambivalenzen auch bei einfachen Entscheidungen, Unlustbetonung von Zielsetzungen und eine depressive Hemmung alltäglicher Aktivitäten. Willenssperrung bezeichnet die Unterbrechung von Handlungen in Richtung auf den gefassten Entschluss.H.-U. Wittchen: Volitionsunfähigkeit bei psychischen Störungen. In: H. Heckhausen u. a.: Jenseits des Rubikon, Der Wille in den Humanwissenschaften. Berlin u. a. 1987. Die wichtigsten Forschungsergebnisse der letzten 20 Jahre zu diesem Aspekt der unternehmerischen Selbststeuerung haben Neck und Houghton zusammengestellt.C. P. Neck, J. D. Houghton: Two decades of self-leadership theory and research. In: Journal of Managerial Psychology. Vol. 21, 2006.
Entstehung Das Thema wurde bereits durch den Philosophen Arthur Schopenhauer in seinem Werk aus dem Jahr 1819 unter dem Titel „Die Welt als Wille und Vorstellung“ behandelt. Zwei weitere wichtige Beiträge stammen von Friedrich Nietzsche („Der Wille zur Macht“) aus dem Jahre 1899 und von Narziß Ach, der seine Gedanken in einem Vortrag mit der Überschrift „Über den Willen“ im Jahre 1910 veröffentlichte.N. Ach: Über den Willensakt und das Temperament. Leipzig 1910. Sein Kerngedanke ist der „Wirkungsgrad des Wollens“, der den über den Erfolg menschlichen Handelns Auskunft gibt, nämlich die „Verwirklichung dessen, was wir wollen“ angesichts von Widerständen.N. Ach: Über den Willensakt und das Temperament. Leipzig 1910, S. 5. Später wurde das Thema Volition aus verschiedenen Gründen kaum beachtet und erhielt neuen Aufschwung durch die Verbreitung der kybernetischen Systemtheorie nach dem Zweiten Weltkrieg und neuerdings durch Fortschritte in den Neurowissenschaften.J. Beer u. a.: Insights into Emotion Regulation from Neuropsychology. In: J. J. Gross (Hrsg.): Handbook of Emotion Regulation. New York 2007.K. N. Ochsner, J. J. Gross: The Neural Architecture of Emotion regulation. In: J. J. Gross (Hrsg.): Handbook of Emotion Regulation. New York 2007. Einen weiterführenden Überblick über die Entwicklung der Theorie enthält der Beitrag von Paul Karoly.P. Karoly: Mechanisms of Self-Regulation: A Systems View. In: Ann. Rev. Psychol. Vol. 44, 1993, S. 23–52. Hervorzuheben ist dabei die Entdeckung des Bereitschaftspotentials durch Hans Helmut Kornhuber (1928–2009) im Jahr 1965 als physiologische Grundlage der Volition.H. H. Kornhuber, L. Deecke: Hirnpotentialänderungen beim Menschen vor und nach Willkürbewegungen. In: Pflügers Archiv für die gesamte Physiologie. 284, 1965. Damit bewegte sich das Thema weg von philosophischen Erörterungen hin zu einer naturwissenschaftlich fundierten Forschung.J. Beer u. a.: Insights into emotion regulation from neuropsychology. In: J. J. Gross (Hrsg.): Handbook of Emotion Regulation. New York 2007. Eines der ersten Instrumente zur Messung der Volition hat Frederick Kanfer (1925–2002) im Jahr 1970 entwickelt.F. H. Kanfer: Self-regulation, Research, issues, and speculations. In: D. Neuringer, J. L. Michael (Hrsg.): Behavior modification in clinical psychology. New York 1970. Es wurde später durch Albert Bandura im Jahr 1991 weiter verfeinert.A. Bandura: Social cognitive theory of self-regulation. In: Organizational behavior and human decision process. 50, 1991. Einen zusammenfassenden Überblick über die wichtigsten wissenschaftlichen Fachbegriffe im Zusammenhang mit dem Thema Volition soll die nebenstehende Abbildung 2 geben. mini|Abbildung 2: Die wichtigsten wissenschaftlichen Fachbegriffe zur Volition
Als weiterer wichtiger Meilenstein in der Entwicklung des Faches gelten sicherlich die Arbeiten von Baumeister, Carver, Scheier und Vohs, die die praktische Bedeutung der volitionalen Selbststeuerung in der Psychologie eindrucksvoll verdeutlichten. So meint zum Beispiel Baumeister, dass die meisten Probleme der Menschen in unserer Zeit auf eine mangelhafte Selbststeuerung zurückzuführen sind. Das reicht von Alkoholismus, Übergewicht, Drogensucht und Gewalt bis hin zur (geistigen) Verelendung breiter Bevölkerungsschichten in so genannten Wohlstandsgesellschaften.R. F. Baumeister, K. D. Vohs, D. M. Tice: The Strength Model of Self-Control, Current Directions. In: Psychological Science. 16, 2007. In der Managementlehre haben Heike Bruch (Universität St. Gallen) und Sumantra Ghoshal (London Business School) das Thema wieder in das Bewusstsein der Fachöffentlichkeit gerückt.H. Bruch, S. Ghoshal: Beyond Motivation: The Power of Volition. In: Sloan Management Review. Spring 2003. In einer Untersuchung fanden sie heraus, dass nur etwa 10 Prozent aller Manager ihre Aufgaben mit voller Energie und Fokussierung erledigen. Die anderen sind entweder hyperaktiv (aber erfolglos) oder distanziert und zögerlich (und somit unwirksam). Die Autoren stellen fest, dass ehrgeizige Ziele, hohe Unsicherheiten und extreme Widerstände sehr rasch an die Grenzen der Motivation führen. Somit reicht Motivation nicht aus, um den wachsenden Anforderungen zu entsprechen. Benötigt wird vielmehr Willenskraft. Es ist „… die Kraft, die hinter Energie und Fokus steckt – (sie) geht einen entscheidenden Schritt über Motivation hinaus.“Manager mit Willenskraft überwinden Hindernisse und Rückschläge und bleiben bis zu ihrem Ziel unbeirrt auf Kurs.“H. Bruch, S. Ghoshal: Entschlossen führen und handeln. Wiesbaden 2006, S. 31. Zuvor lieferte Peter Drucker im Jahre 1954 in seinem Buch „The Practice of Management“ einen wichtigen Baustein. Darin forderte er, das „Management by Domination“ durch das „Management by Objectives and Self-Control“ zu ersetzen.P. F. Drucker: The Practice of Management. New York 1986. Dabei bedeutet der englische Begriff „Control“ nicht „Kontrolle“, sondern Lenkung oder Steuerung („direct oneself and one’s work“). Dazu Peter Drucker wörtlich: „self-control means stronger motivation: a desire to do the best …Management by objectives and self-control asks for self-discipline. It forces the manager to make high demands on himself… it assumes that people want to be responsible, want to contribute, want to achieve…”P. F. Drucker: Management: Tasks, Responsibilities, Practices. New York 1974, S. 439 f.
Praxis und Anwendungsgebiete