mini|Modell der Monumentalbauten im Kerngebiet Altinums im 1. Jahrhundert mini|Straße in Altinum, 2009 mini|Ausschnitt der wahrscheinlichsten Route der Via Claudia Augusta; bei Trient teilte sich der Weg in eine östliche und eine westliche Route Altinum war eine Stadt im Nordosten Italiens, an der Lagune von Venedig, die wohl schon im 8. Jahrhundert v. Chr. entstand, und die zwei Nekropolen aufweist. Ihre Blütezeit erlebte die Stadt während der römischen Kaiserzeit, als sie rund 20.000 Einwohner hatte., Heritage Key, 1. August 2009, abgerufen am 23. November 2015. Sie wurde im 5. und 6. Jahrhundert nach den Überfällen der Hunnen und der Langobarden partiell aufgegeben. Besiedelt blieb sie allerdings bis in die Zeit der Ungarnzüge, genauer um 900. Sie gilt als eine der Vorgängersiedlungen von Venedig.
An der seit 2007 unter Leitung des Paduaner Archäologen Paolo Mozzi und des Geographen Andrea Ninfo nach der Auswertung von Luftbildern erneut beforschten Fundstätte entstand bereits auf der Basis früherer Funde ein Museum unter der Leitung von Margherita Tirelli. Es handelt sich um das Museo Archeologico Nazionale di Altino.
Inzwischen gilt die Stadt mit einer Fläche von rund 100 ha als die größte antike Stadt Norditaliens und wird von Mozzi mit Pompeji verglichen. ()
Lage und Binnenstruktur Die gut erhaltenen Fundamente von Altinum liegen nördlich des Flughafens von Venedig unter einer etwa 100 ha großen Ackerfläche in der Nähe von Quarto d’Altino. Zwei bis drei Meter höher als die umgebende sumpfige Meeresbucht bot die Fläche günstigen Siedlungsraum und war schon mindestens sechs Jahrhunderte bewohnt, ehe sie zum römischen Reich kam. Der antike Ort war umgeben von Flüssen und Kanälen, darunter ein großer Kanal, der mitten durch die Stadt führte und sie mit der Lagune verband.
Geschichte mini|Teil eines römischen Mausoleums Vorrömische Zeit Der Beginn der Siedlung lag am Ende des 2. Jahrtausends v. Chr. Sie ist mit den Venetern verbunden, deren Handel bis zu den Mykenern reichte, wie zahlreiche Keramiken belegen. Nach Ptol. 3.1.30 lag die Siedlung nahe des Sile, eines Flusses, der in die Lagune von Venedig mündete. Über See kamen dementsprechend Waren aus Griechenland, wie attische Vasen aus dem 5. Jahrhundert v. Chr.
Der Name der Stadt geht möglicherweise auf einen Gott der Veneter namens Altino/Altno zurück, worauf eine lokale Kultstätte aus dem frühen 6. Jahrhundert v. Chr. hinweist.Anna Marinetti: Da Altno- a Giove : la titolarità del santuario. I. La fase preromana, in: Giovannella Cresci Marrone, Margherita Tirelli (Hrsg.): Altnoi. Il santuario altinate : strutture del sacro a confronto e i luoghi di culto lungo la Via Annia [Atti del Convegno, Venezia, 2006], Rom 2009, S. 81–127.
Römische Republik und Kaiserzeit mini|Foto einer Inschrift an der Via Claudia Augusta Altinate, das zwischen 1935 und 1938 während der Ausgrabungen unter Leitung von Alessio De Bon im Auftrag des Istituto Veneto di Scienze, Lettere ed Arti entstand. In römischer Zeit wird die Siedlung von Velleius Paterculus (2.72.2) in seinem Werk zum römischen Bürgerkrieg im Jahr 42 v. Chr. erwähnt; auch Vitruv (1.41.11) und Strabo (5.214), Plinius (3.126) sowie Tacitus (Hist. 3.6.) und Martial (4.25.1) erwähnen sie. Doch liefern sie nur äußerst knappe Hinweise zur städtischen Struktur und Entwicklung.
Ende des 2. Jahrhunderts v. Chr., als die Ansiedlung bereits fast tausend Jahre bestand (località Fornace), wurde die Region römisch. Ab 131 v. Chr. entstand die Via Annia, die Hadria mit Patavium und von dort ostwärts über Altinum und Concordia mit Aquileia verband. Wahrscheinlich erreichte auch die Via Popilia die Stadt. Die beiden Straßen wurden auf Dämmen errichtet, so dass sie sicher vor dem Überschwemmungen durch den Sile oder die Lagune waren, die auch die Stadt umgab.
Zwischen 89 und 49 v. Chr. begann die verstärkte Urbanisierung, nachdem die Bewohner der Region das volle Bürgerrecht erhalten hatten und aus der Stadt ein Municipium geworden war. Der Status einer Colonia gilt als nicht gesichert, wenn auch als wahrscheinlich.
Ihre größte Ausdehnung erreichte die Stadt im 1. Jahrhundert, ihre Blütezeit lag zwischen dem 1. Jahrhundert v. und dem 2. Jahrhundert n. Chr. Im 1. Jahrhundert umfasste das Pomerium der Stadt eine Fläche von 120 ha.M. Tombolani: Altino, in: G. Cavalieri Manasse (Hrsg.): Il Veneto nell'età romana. Note di urbanistica e di archeologia del territorio, Verona 1987, S. 311–344, hier: S. 324. Sie hatte, wie es in dieser Zeit üblich war, keine Stadtmauern; stattdessen war sie von sumpfigem Gebiet und Kanälen umgeben.
Die Pferde der Veneter wurden nach und nach durch Schafe abgelöst, denn Altinum wurde eine wichtige Produktionsstätte und eine Handelsdrehscheibe für Wolle. Zahlreiche Funde von Gewichten für Webrahmen deuten darauf hin, dass hier in größerem Maßstab Wolle produziert und verarbeitet wurdeCottica 2003., zumal Martial die dortige Wolle hervorhebtJinyu Liu: Collegia Centonariorum. The Guilds of Textile Dealers in the Roman West, Brill 2009, S. 82. vor allem wohl die weiße Wolle, die schon Plinius lobte (Naturalis historia VIII 190). Derselbe meint, die Villen von Altinum könnten sich mit denen von Baiae messen (Mart. 4,25).Jochen Werner Mayer: Imus ad villam: Studien zur Villeggiatur im stadtrömischen Suburbium in der späten Republik und frühen Kaiserzeit, Franz Steiner Verlag, 2005, S. 75. Auf der heutigen Insel Lio Piccolo und anderen Inseln ließen sich archäologisch Wirtschaftsbauten und Villen nachweisen, die belegen, dass Altinum dieses Gebiet, das zu dieser Zeit den Lagunenrand darstellte, als Hafen nutzte, aber auch zur Gewinnung von Meersalz.
Unter Tiberius entstanden einige öffentliche Gebäude, genannt werden Tempel, Porticus und Gärten.Marietta Horster: Bauinschriften römischer Kaiser. Untersuchungen zu Inschriftenpraxis und Bautätigkeit in Städten des westlichen Imperium Romanum in der Zeit des Prinzipats, Steiner, Stuttgart 2001, S. 227, Anm. 19.
Unter Claudius wurde die Stadt zum Ausgangspunkt einer bereits von Drusus ins Auge gefassten Straßenverbindung zur Donau, der Via Claudia Augusta. Im dortigen Abschnitt befand sich ein Damm, der in den 1920er Jahren abgetragen wurde. Vor dem Hintergrund der großen Bedeutung der Stadt ist es vielleicht kein Zufall, dass Lucius Verus, der Mitkaiser Marc Aurels, hier die letzten Tage seines Lebens verbrachte. Eine kaum noch lesbare Inschrift deutete darauf hin, dass möglicherweise unter Hadrian Renovierungsmaßnahmen durchgeführt wurden.Marietta Horster: Bauinschriften römischer Kaiser. Untersuchungen zu Inschriftenpraxis und Bautätigkeit in Städten des westlichen Imperium Romanum in der Zeit des Prinzipats, Steiner, Stuttgart 2001, S. 68, Anm. 174 und S. 334 f.
Ab dem 2. Jahrhundert lässt sich ein Rückgang erkennen, der wahrscheinlich auch ökologische Ursachen hatte und sich im 3. Jahrhundert verstärkte.
Bistum (vor 400), Niedergang mini|Altar mit den Reliquien des hl. Heliodorus, Santa Maria Assunta auf der Laguneninsel Torcello Als erster Bischof gilt Heliodorus (* um 330/340 in Dalmatien; † nach 404), der das Amt vor 381 übernahm.Friederike Werner: Heliodorus von Altinum, in: Lexikon der christlichen Ikonographie Tl. 6, Sp. 492 f. Heliodorus nahm im Jahr 381 an jenem Konzil in Konstantinopel teil, das den Arianismus verdammte. Zuvor war er Militäroffizier gewesen, um danach als Asket und Mönch in Syrien, dann in Aquileia zu leben.Sandro Piussi: Cromazio di Aquileia, 388-408. Al crocevia di genti e religioni, Silvana, 2008, S. 309.
Allerdings begann die Umgebung der Stadt bereits seit dem 3. Jahrhundert zu versumpfen, der Hafen der Stadt wurde zunehmend unbenutzbar. Einen derartigen Niedergang erlebten ab dem 4. Jahrhundert allerdings zahlreiche andere Städte ebenfalls.
Zerstörung durch Attila (452), Besiedlung Torcellos, Ostgoten Altinum wurde 452 durch Attilas Truppen zerstört. Folgt man der venezianischen Historiographie, so gründeten Flüchtlinge aus Altino die Siedlung auf Torcello, ebenso wie Ammiana, das im 7. Jahrhundert unterging.
Langobarden und Ostrom (ab 568) mini|Das oströmische Gebiet im Osten Venetiens um 600 Der ersten Welle der langobardischen Landnahme ab 568/69 konnte die Stadt widerstehen, fiel jedoch wenige Jahre später an die neuen Herren Oberitaliens. 590 gelang es einem gemeinsamen Unternehmen von Franken und Oströmern, die Stadt zurückzuerobern.Roberto Cessi: Venezia ducale, Bd. I, S. 49–51; Paulus Diaconus, Historia Langobardorum, IV, 8 (ed. Schwarz: S. 226). Zunächst wurde Altinum Sitz der Provinzverwaltung, die allerdings inzwischen auf den schmalen Küstenstreifen geschrumpft war.
Der Bischofssitz von Altino wurde auf die leichter zu schützende Insel Torcello verlegt, deren Bischof Maurus behielt allerdings den Titel eines Bischofs von Altinum. 639/640 eroberten Langobarden die Stadt, die Bevölkerung floh auf die Insel. 639 begann auf Torcello der Bau der Kirche Santa Maria Assunta, die die Reliquien des Heliodorus, des ersten Bischofs von Altinum aufnahm.
Die archäologischen Untersuchungen ergaben zum einen, dass die Langobarden die Stadt nicht besiedelten, sondern, dass sie erneut von Oströmern besiedelt wurde. Dies geschah allerdings in wesentlich reduziertem Umfang.
Zum anderen zeigte sich, dass die auf Torcello errichtete Insel eine Besonderheit aufwies, die man sonst nur von zwei Befestigungswerken in Altinum kennt: Ihr Fundament ruht ausnahmsweise nicht auf den sonst üblichen, in den Untergrund getriebenen Holzpfählen und einem Schwellrost, sondern die acht Säulen der Kirche sowie ihre Front lagern auf Steinplatten, die ihrerseits auf Ziegeln und mit Kalk und Sand versetztem Mörtel ruhen. Zwischen diesen Blöcken der Säulen wurden Kanäle gezogen, die mit Sand und Keramikscherben verfüllt wurden. Erst diese Lage konnte aufgrund ihrer Porosität auf den stark schwankenden Feuchtigkeitsgehalt des Untergrunds reagieren, womit eine Art Drainage-System entstand, das Bauten auf Untergrund zuließ, der dafür ansonsten ungeeignet war. mini|Reliefs des 2. Jahrhunderts nebst Inschriften des 8. Jahrhunderts, heute in Ss. Maria e Donato auf Murano Da die Langobarden um diese Zeit auch Oderzo (Opitergium) eroberten, reduzierte sich die oströmisch-byzantinische Herrschaft endgültig auf die Inseln in der Lagune. Der Sitz der Provinzverwaltung ging nach Herakleia, die Bevölkerung von Altinum zog nach Torcello. Wohl 643 kam es zur Schlacht an der Scultenna, in der Langobarden die Truppen des Exarchen Isaakios (624/25–643) schlugen und in der die Oströmer nach Paulus Diaconus 8.000 Mann verloren.Paulus Diaconus, Historia Langobardorum, liber IV, 45.
Endgültige Zerstörung durch Ungarn (um 900), Spolien 899/900 erreichten ungarische Plünderer die Lagune und zerstörten die Stadt, deren Überreste auf dem Gebiet des Ortes San Michele del Quarto liegen. Noch eine Urkunde Ottos I. vom 13. Juli 960 nennt die Straße von Altino über Concordia nach Aquileia die „via Ungarorum“.
Das Gebiet einschließlich der Stadt wurde vollständig aufgegeben, erst Bonifikationen des 20. Jahrhunderts gestatteten wieder eine landwirtschaftliche Nutzung. Allerdings wurde die Ruinenstadt über mehrere Jahrhunderte als Steinbruch benutzt, bis sie unter Schwemmland bedeckt war.
Jacopo Filiasi behauptet in seinem 1796 erschienenen Opus Memorie storiche de' Veneti primi e secondi, aus einer Chronik in Volgare, der venezianischen Volkssprache, sei zu entnehmen, dass der legendäre Reichtum der Familie Ziani auf Gold zurückgehe, das in Altinum gefunden worden sei.Jacopo Filiasi: Memorie storiche de' Veneti primi e secondi, Bd. 3, 1. Aufl., Modesto Fenzo, Venedig 1796, S. 255 (Digitalisat, S. 255); 2. Aufl., Bd. 2, Padua 1811, S. 243 (Google Books).