Das Kraftwerk Niederaußem ist ein von der RWE Power mit Braunkohle betriebenes Grundlastkraftwerk in Bergheim-Niederaußem (Rhein-Erft-Kreis). Es besteht aus neun Blöcken, die zwischen 1963 und 2003 gebaut wurden. Davon befinden sich noch drei Blöcke im Regelbetrieb. Die übrigen Blöcke wurden vollständig stillgelegt.

Mit einer Gesamtleistung von 2.220 MW netto ist es seit 31. März 2024 nach Boxberg das zweitgrößte Kraftwerk Deutschlands. Mit einem CO2-Ausstoß von 16,1 Mio. Tonnen verursachte das Kraftwerk im Jahr 2021 zugleich die dritthöchsten Treibhausgasemissionen aller europäischen Kraftwerke.

Zum Kraftwerk gehört der mit 200 Metern zweithöchste Kühlturm der Welt. Der Kühlwasserausfluss des Kraftwerks bildet die heutige Quelle des Gillbachs, dessen ursprüngliches Quellgebiet, der Bethlehemer Wald, durch die Tagebaue Bergheim und Fortuna-Garsdorf zwischen den 1950er und 1980er Jahren abgebaggert wurde.https://heimbiotop.de/Erft-Gillbach-Exkursionen.html

Aufbau und technische Daten Seit Einführung der Rauchgasreinigung werden die Abgase der Blöcke A–C über je zwei 198 Meter hohe Schornsteine und die Abgase der Blöcke D–H über die entsprechenden Kühltürme ins Freie geleitet.Broschüre RWE Power: Kraftwerk Niederaußem – Ein Standort voller Energie (; PDF; 1,1 MB)

BlockABCDEFGHK – BoA 1 Nettoleistung 125 MWel 125 MWel 295 MWel (2 Kessel) 297 MWel 295 MWel 299 MWel 628 MWel 648 MWel 944 MWel Inbetriebnahme 1963 1965 1968 1970 1971 1974 2003 Sicherheitsbereitschaft / Versorgungsreserve - - 1. Oktober 2018Einigung zu Ausstieg aus der Braunkohle: Umweltschützer: Mogelpackung. Auf: www1.wdr.de, 25. Oktober 2015. Abgerufen am 20. August 2019. - - Stilllegung 2012 31. Dezember 2021 31. Dezember 2021 31. März 2024 31. Dezember 2029 (1 fix, 1 geplant) 31. März 2030 (geplant) Wirkungsgrad (elektrisch) 31 % 32–34 % 37 % 43,2 % / 44,2 % (bei 25 % TBK) spez. Kohleverbrauch 1,3 kg/kWh 1,2 kg/kWh 1,1 kg/kWh 0,9 kg/kWh / 0,865 kg/kWh (bei 25 % TBK) Kamin (Höhe) 1 × 100 m 1 × 100 m 3 × 130 m 2 × 160 m — Kühlturm 6 × 40 m(Ventilatorkühler) 3 × 106 m(Naturzug-Nasskühlturm) 2 × 128 m(Naturzug-Nasskühlturm) 200 m(Naturzug-Nasskühlturm) Erläuterungen: BoA: Braunkohlekraftwerk mit optimierter Anlagentechnik, TBK: Trockenbraunkohlefeuerung (Versuchsanlage mit Wirbelschichttrocknung an BoA 1)

Der Netzanschluss erfolgt in das Stromnetz des Übertragungsnetzbetreibers Amprion. Für die Blöcke A bis D erfolgte der Netzanschluss über die Schaltanlage Brauweiler und für die Blöcke E und F über die Schaltanlage Opladen in das 220-kV-Höchstspannungsnetz. Für die Blöcke G, H und K erfolgt der Netzanschluss über die Schaltanlage Rommerskirchen in das 380-kV-Höchstspannungsnetz.

Geschichte und Aufbau des Kraftwerks Blöcke A – B Im Herbst 1960 begannen zwischen Niederaußem und Auenheim die Bauarbeiten für die Blöcke A und B (150 MW) des heutigen Kraftwerks Niederaußem, das als Werk Fortuna IV die früheren Kraftwerke Fortuna I bis III, die „auf der Kohle saßen“, ersetzen sollte. Der Standort wurde wegen der Möglichkeit einer Erweiterung ausgewählt. Die Versorgung mit Braunkohle wird über eigene Bahnlinien (Nord-Süd-Bahn) gewährleistet.

Die Blöcke A und B wurden Ende 2012 stillgelegt.

Blöcke C – H Noch bevor die Blöcke A und B 1963 den ersten Strom produzierten, begannen die Bauarbeiten für den ersten 300-Megawatt-Kraftwerksblock Standort Niederaußem. Der Block ging im Sommer 1965 bei großem Interesse der Öffentlichkeit als modernster seiner Art ans Netz. Zwischen 1968 und 1971 entstanden drei weitere Kraftwerksanlagen mit verbesserter Technik.

1974 gingen zwei weitere Blöcke mit jeweils 600 MW ans Netz. Insgesamt wurde damals am Standort Niederaußem mit einer Leistung von 2.700 Megawatt Strom produziert. Durch Verbesserungsmaßnahmen konnte Mitte der 90er Jahre die Leistung noch einmal gesteigert werden.

Um die Grenzwerte der neuen Umweltschutzauflagen zu erreichen, begannen 1986 die Arbeiten für eine Rauchgasentschwefelungsanlage, die seit 1988 in Betrieb ist. Durch die weithin sichtbaren roten Rohre werden die Rauchgase in die Rauchgasentschwefelungsanlage geleitet. Dort werden sie mittels Sprühdüsen mit einer Kalk-Wasser-Suspension beaufschlagt. Der im Rauchgas gebundene Schwefel reagiert mit dem Kalk und fällt schließlich als Gips im Wäschersumpf aus. Erst die gereinigten und abgekühlten Abgase werden dann auf 75 Grad wieder aufgewärmt und entweder durch Schornsteine an die Umwelt abgegeben oder in den Kühlturm eingeleitet, was durch den enormen Sog eine feine Verteilung in der Abluft zur Folge hat. Der entstehende Gips wird neben dem Kraftwerk in Auenheim durch die Firma Pro Mineral weiterverarbeitet.

Der Ausstieg aus der Kohleverstromung in Deutschland verlangte die Abschaltung der Kraftwerksblöcke C, D, E und F. Die Blöcke E und F befinden sich seit dem 1. Oktober 2018 für jeweils vier Jahre nur noch für Versorgungsengpässe in der Sicherheitsbereitschaft. Danach sollten sie endgültig stillgelegt werden. Die Energiekrise seit 2021 machte die Aktivierung der Braunkohlereserve zum 1. Oktober 2022 erforderlich. Die beiden Blöcke wurden befristet bis zum 30. Juni 2023 aus der Sicherheitsbereitschaft in eine sogenannte Versorgungsreserve (§ 50d EnWG) überführt und konnten wieder am Strommarkt teilnehmen. Mit Verfügung zum 4. Oktober 2023 hat das Bundeskabinett die Verlängerung der Versorgungsreserve bis zum 31. März 2024 beschlossen.

Block D ist am 31. Dezember 2020 um 23:59 Uhr und Block C ist am 31. Dezember 2021 um 23:59 Uhr endgültig stillgelegt worden.RWE legt zuerst Block D im Kraftwerk Niederaußem still. In: Aachener Nachrichten, 23. Januar 2020. Abgerufen am 25. Januar 2020. Bereits am Abend des 18. Dezember 2020 wurde die reguläre Stromproduktion eingestellt. Block D hat in seiner gesamten Betriebszeit seit der Inbetriebnahme im Jahr 1968 etwa 115 TWh Strom erzeugt. Die Blöcke E und F wurden im Zuge des Kohleausstiegs am Ostersonntag 2024 (31. März) abgeschaltet.Sieben Blöcke von Kohlekraftwerken stillgelegt n-tv.de, 31. März 2024

Großbrand Ein Zwischenfall im Kraftwerk Niederaußem ereignete sich am 9. Juni 2006. Um 1:15 Uhr fing die Bekohlungsanlage des in Revision befindlichen Blockes H Feuer. Das Feuer schlug auf zwei weitere Kraftwerksblöcke über. Später ergriffen die Flammen fast die gesamte Bekohlung des „alten Kraftwerks“. Eine große Rauchwolke stieg auf und zog viele Kilometer Richtung Nord-West.

Die Werkfeuerwehr selbst konnte den Brand nicht löschen, so wurde gegen 3 Uhr Großalarm ausgelöst und die Feuerwehren aus der Umgebung sowie Fahrzeuge der Werkfeuerwehr Bayer und Flughafenfeuerwehr Köln/Bonn alarmiert. Zeitweise waren etwa 300 Einsatzkräfte aus ganz Nordrhein-Westfalen im Einsatz. Durch die erst kurz vorher erneuerten Brandschutzvorkehrungen konnte eine weitere Feuerausbreitung verhindert werden, trotzdem ging der Sachschaden in den zweistelligen Millionenbereich.

Block K („BoA“) Mit dem Bau des Blocks K (RWE-Bezeichnung BoA = „Braunkohlekraftwerk mit optimierter Anlagentechnik“) am Kraftwerk Niederaußem entstand zwischen 1997 und 2002 der damals modernste Braunkohlenkraftwerksblock der Welt mit einer Wärmeleistung von 2.306 Megawatt, elektrischen Bruttoleistung von 1.027 Megawatt (950 MW netto) und einem elektrischen Wirkungsgrad von 43 %, der damit wesentlich höher als bei älteren Anlagen ist (im Bereich 31–35 %). RWE investierte in den Bau 1,2 Mrd. Euro. Die offizielle Indienststellung des neuen Blocks fand im Sommer 2002 statt. Im Beisein des damaligen NRW-Ministerpräsidenten Wolfgang Clement und des Bundeskanzlers Gerhard Schröder ging das neue Kraftwerk ans Netz.

Neben dem neuen Kraftwerksblock entstand der seinerzeit mit 200 Meter Höhe höchste Kühlturm der Welt, der zugleich auch als Kamin für diesen Block dient. Der 2012 im indischen Kalisindh errichtete 202 Meter hohe Kühlturm des Kraftwerks Kalisindh überragte den Kühlturm allerdings um zwei Meter und nahm ihm den Titel abhttps://www.comansa.com/eng/news/act_088_Comansa-Jie-builds-the-worlds-highest-cooling-towers.htm. Das Kesselhaus des Blocks K war mit 172 Metern Höhe bis zum Bau der Blöcke F und G in Neurath, deren Kesselhäuser es um einen Meter überragen, das höchste Industriegebäude Deutschlands.

Braunkohletrocknungsanlagen Zwischen Block H und Block K hat RWE Power 2001 eine neuartige Versuchsanlage zur Trocknung von Braunkohle errichtet, die aber heute nicht mehr in Betrieb ist. Hier wurde auf mechanischem Wege (mit einer hydraulischen Presse) und auf thermischem Wege (durch Erhitzen in einer Wirbelschicht) das Wasser aus der Braunkohle ausgetrieben.Frank Buschsieweke: Dampfwirbelschichttrocknung von Braunkohle, Dissertation, Institut für Verfahrenstechnik und Dampfkesselwesen der Universität Stuttgart, 2006

Pilotanlage zur CO2-Abscheidung RWE betreibt am Standort eine Pilotanlage zur CO2-Abscheidung, die in Zusammenarbeit mit Linde und BASF entwickelt und errichtet wurde. Die Anlage wurde im August 2009 im Beisein des damaligen Bundeswirtschaftsministers Karl-Theodor zu Guttenberg und des NRW-Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers in Betrieb genommen.https://www.basf.com/global/de/media/news-releases/2017/12/p-CI-171227.html Die Anlage, die nach dem Grundprinzip der Aminwäsche funktioniert, trennt aus einem kleinen Teilstrom des Rauchgases aus dem Block K 90 % des Kohlendioxids ab. In der Versuchsanlage wurden verschiedene Waschflüssigkeiten getestet und weiterentwickelt. Das CO2 wird für Forschungsvorhaben genutzt.

Im Mai 2019 wurde im Rahmen des EU-Forschungsprojekts MefCO2 (Methanol-Treibstoff aus CO2, ) eine Demonstrationsanlage am Kraftwerk mit einer täglichen Produktionskapazität von einer Tonne Methanol in Betrieb genommen.

Eingestellte Erweiterungspläne: Block L („BoAplus“) RWE prüfte den Bau von mindestens einem weiteren BoA-Block am Standort Niederaußem nördlich des bisherigen Betriebsgeländes. Die hierfür notwendige Änderung des Regionalplanes wurde im Oktober 2011 bei der Bezirksregierung Köln beantragt und im Juli 2013 vom Regionalrat der Bezirksregierung beschlossen.Weg für neues Kohle-Kraftwerk ist frei. Kölner Stadt-Anzeiger, 5. Juli 2013 Im September 2012 beschloss der Stadtrat Bergheim, einen Bebauungsplan aufzustellen und den Flächennutzungsplan zu ändern.Bebauungsplan Nr. 261/NA „Anschlussfläche Braunkohlenkraftwerk Niederaußem“ im Stadtteil Niederaußem – Verfahrensschritte. Abgerufen am 19. Dezember 2014.Flächennutzungsplan – 125. Änderung – Stadtteil Niederaußem – „Anschlussfläche Braunkohlenkraftwerk Niederaußem“ im Stadtteil Niederaußem – Verfahrensschritte. Abgerufen am 19. Dezember 2014. Im November 2014 stimmte er dem Bebauungsplan Nr. 261/Na und der 125. Änderung des Flächennutzungsplans zu. Pressemitteilung von RWE, 25. November 2014. Abgerufen am 19. Dezember 2014. Seit Juni 2015 bereitet RWE das immissionsschutzrechtliche Genehmigungsverfahren vor. Am 14. Juli 2016 hat das Unternehmen die dafür notwendigen Unterlagen bei der Bezirksregierung Köln eingereicht. Parallel dazu wurde am 22. Juli der Antrag zur Anpassung der wasserrechtlichen Erlaubnis des Kraftwerks eingereicht. Eine Bauentscheidung soll erst erfolgen, wenn alle Genehmigungen vorliegen und die Wirtschaftlichkeit des Kraftwerks gesichert ist. Pressemitteilung von RWE, 14. Juli 2016. Abgerufen am 4. Oktober 2016.