Als Restaurierung bezeichnet man bei Kulturgütern die Wiederherstellung eines alten Zustands, welcher oft im Laufe der Zeit verloren gegangen ist. Die an einer Restaurierung zu beteiligenden Fachgebiete richten sich nach den zu restaurierenden Objekten (z. B. Baudenkmale, Tafelbilder, Wandmalereien, archäologische Funde, Musikinstrumente, Oldtimer, Filme), den verwendeten Materialien (Holz, Textilien, Malfarben, Stein, Keramik, Papier, Leder, Metall, Glas) und den angewendeten Techniken.
450px|mini|Restaurierung eines Freskos von Michelangelo in der Sixtinischen Kapelle (1509): Der Prophet Daniel, vor und nach der zwischen 1980 und 1994 durchgeführten Restaurierung.
Neben der akademischen Restaurierung ist der Bereich der handwerklichen Restaurierung als rein beruflich gebildeter, wirtschaftlich orientierter Tätigkeitsbereich im Handwerk etabliert. Insbesondere in der Altbausanierung und Baudenkmalpflege, aber auch in der Objektrestaurierung (Musikinstrumente, Bücher, Archivalien, Fahrzeuge und andere technische Objekte) im privaten Markt spielen Handwerker eine wichtige Rolle, wo sie mithilfe traditioneller handwerklicher Techniken auf der Grundlage einer beruflichen Ausbildung Restaurierungsleistungen erbringen. Akademische und handwerkliche Restaurierung haben jeweils spezielle Anwendungsgebiete und Methoden, ergänzen sich aber vielfach.
Akademische Restaurierung Begriff Restaurierung mini|Restaurierungswerkstatt des Niedersächsischen Landesmuseums Hannover mini|Instandsetzungsbericht des Stuttgarter Buchrestaurators Hans Heiland zur Restaurierung der spätmittelalterlichen Handschrift Cod. Pal. germ. 13 (1962) Nach der Definition des internationalen Museumsverbands ICOM beschreibt der Begriff „Restaurierung“ alle Handlungen, die die Wahrnehmung, Wertschätzung und das Verständnis für das Objekt fördern. Diese Maßnahmen werden nur dann ausgeführt, wenn ein Objekt durch vergangene Veränderungen oder Zerstörung Teile seiner Bedeutung oder Funktion verloren hat. Es gelten dabei die Grundsätze des Respekts für das Original und seine Geschichte sowie der Reversibilität. Beispiele für eine Restaurierung sind etwa das Zusammensetzen einer zerbrochenen Skulptur und die Rückformung eines Korbs.
Restaurierung unterscheidet sich damit von der Konservierung, die alle Maßnahmen umfasst, die den Zustand eines Objekts stabilisieren und das Eintreten künftiger Schäden verlangsamen sollen. Dabei spielen auch geeignete Umgebungsbedingungen eine Rolle (Präventive Konservierung). Des Weiteren kann z. B. eine Reinigung eine konservatorische Maßnahme darstellen, da eventuell aufliegende Schadstoffe entfernt werden.
Darüber hinaus gibt es Maßnahmen, die beide Bereiche umfassen können, z. B. das Entsalzen einer Keramik, die Entsäuerung von Papier oder das Aufbringen eines Schutzüberzugs.
Die Richtlinien für Restaurierung und Konservierung sind festgeschrieben im international gültigen Code of ethics.ICOM – Internationaler Museumsrat (Hrsg.): Ethische Richtlinien für Museen von ICOM. überarbeitete 2. Auflage der deutschen Version, ISBN 978-3-9523484-5-1 (PDF, 848 kB)Restauration, die Wiederherstellung [bes. von Kunstwerken und historischen Objekten] (Der Große Duden, VEB Bibliographisches Institut, Leipzig 1978)Restauration … (Wiederherstellung eines Kunstwerkes; Wiederherstellung der alten Ordnung nach einem Umsturz); Duden, Rechtschreibung der deutschen Sprache und der Fremdwörter, 18., neu bearbeitete und erweiterte Auflage, Bibliographisches Institut Mannheim/Wien/Zürich, Dudenverlag 1980, ISBN 3-411-20925-9
Geschichte und Restaurierungstheorie Entwicklung der Leitvorstellungen In den Anfängen der Restaurierung verstand man die Wiederherstellung eines Bauwerks oder eines Kunstwerks in einen früheren als ursprünglich betrachteten Zustand. Die Vorstellung dieses Zustands orientierte sich teilweise am materiellen Bestand, teilweise aber auch an einer dem Objekt zugeschriebenen Bedeutung, die in einer neuen Gestaltung vermittelt werden sollte (Neugestaltung des Speyerer Doms in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts). Diese bis ins frühe 20. Jahrhundert hinein geltende Vorstellung der Restaurierung führte letztlich zu den Ausbauten etwa des Kölner Doms oder des Ulmer Münsters, aber auch zahlreicher weniger prominenter Objekte. Im Rahmen dieser Auffassung wurden Bedeutung und ästhetische Bewertung eng verknüpft.
Der Begriff wurde in den 1830er Jahren durch den „Vater der Restaurierung“ Eugène Viollet-le-Duc geprägt. Nach diesem war Restaurierung ein Vorgang der Herstellung eines ursprünglich gedachten, vollkommenen Zustands, der möglicherweise so nie existiert hatte.Restauration – Le mot et la chose sont modernes. Restaurer un édifice, ce n’est pas l’entretenir, le réparer ou le refaire, c’est le rétablir dans un état complet qui peut n’avoir jamais existé à un moment donné. Zitat aus: Viollet-le-Duc, Eugène Emmanuel: Dictionnaire raisonné de l’architecture française du XIe au XVIe siècle; 1886 Für Viollet-le-Duc war das Ziel der Restaurierung also die (Wieder-)Herstellung der ursprünglich geplanten Aussage eines Monuments. Dieser Auffassung widersprach in den 1840er Jahren der englische Gelehrte John Ruskin. Er sah in der Restaurierung die Verfälschung des vorgefundenen Zustands und damit des Denkmalwerts eines Gebäudes.Do not let us talk of restoration, the thing is a lie from beginning to end. That spirit which is given only by the hand and eye of the workman, can never be recalled. Zitat aus: Ruskin, John: The Seven Lamps of Architecture; 1849 Nach Ruskin sollte die Konservierung eine Restaurierung unnötig machen. Seine Auffassung prägte Kunsthistoriker und Denkmalpfleger: „Konservieren, nicht Restaurieren“ war um 1900 die Forderung Georg Dehios, der maßgeblich am Aufbau der Denkmalpflege in Deutschland beteiligt war.
Dennoch setzte sich in der Denkmalpflege die Auffassung vom Werk als historische Quelle nur langsam durch. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Restaurierung nach und nach auch als Konservierung verstanden. Ziel der Konservierung ist es, den angetroffenen Bestand zu sichern und gegebenenfalls zu erschließen. Die Bedeutung des Objekts wird nicht mehr nur an der ästhetischen Komponente gemessen, vielmehr wird versucht, das Objekt für möglichst viele Ansätze der Bedeutungszuweisung offen zu halten. Diese Auffassung wurde 1964 in der Charta von Venedig niedergelegt, die die Zielvorstellungen der modernen Restaurierung formuliert und verbindlich festsetzt.
Leitbilder Erhaltung der Originalsubstanz Objekt der Restaurierung ist die Originalsubstanz des Objekts. Der Begriff ist in der Praxis relativ eindeutig, in der Theorie aber nicht leicht einzugrenzen. Als Original sieht die moderne Denkmalpflege weder einen – zwangsläufig hypothetischen – Zustand zu einem gewissen Zeitpunkt, sei es der Moment, in dem der Künstler gesagt haben mag, das Werk „sei vollendet“, sei es der Moment, in dem es sich der kollektiven Erinnerung als „typisch“ eingeprägt hat, noch die „wertvollen“ Anteile am Objekt – wenn auch unstrittig in der Ausführung der Restaurierung solche Wertungen getroffen werden. Streng genommen bezeichnet der Ausdruck schlicht das Werk, wie es sich dem Restaurator im Moment des Restaurierungsbeginns präsentiert.
Rekonstruktion der Werkgeschichte Zu einem der zentralen Arbeitsschritte wird hier die Objektforschung, also die Rekonstruktion der Werkgeschichte. Aus ihr lässt sich im Einzelfall entscheiden, welche Teile unbedingt erhaltenswert sind, welche geopfert werden können und sollen, um den Zugang zu früheren Fassungen zu ermöglichen, was – zu entfernende – Verschmutzung, und was – als Zeitzeugnis erhaltenswerte – Patina des Objekts ist und welche Teile als entstellende Fremdkörper oder irreguläre Veränderung nicht übernommen werden sollen.
mini|hochkant|Restauratorische Reinigungsprobe an der Büste des Johann Gans Edler Herr zu Putlitz aus der Siegesallee-Gruppe 3, August 2009
Reversibilität des Eingriffs → Hauptartikel: Reversibilität (Denkmalpflege)
Die moderne Restaurierung verfolgt das Ziel, durch möglichst auf ein Minimum beschränkte Eingriffe am Objekt die Erhaltungsbedingungen zu verbessern. Dabei ist heute die Reversibilität des Eingriffs eine der Hauptanforderungen: Diese strenge Forderung zieht die Lehren aus den Restaurierungen des 19. und 20. Jahrhunderts, die durchwegs schwerwiegende negative Folgen gezeigt haben: So machen bei einer heutigen Restaurierung im Allgemeinen das Rückgängigmachen von früheren Eingriffen in das Werk den Großteil des Arbeitsaufwandes aus, und auch ein Gutteil der Verluste ist nicht auf „natürliche“ Alterung, sondern seinerzeit wohlgemeinte Eingriffe zurückzuführen. Die enormen Entwicklungen der Werkstoffe und Methoden der Restaurierung haben gezeigt, dass jede – auch heutige – Restaurierung, die Substanzen in das Werk einbringt oder es mechanisch berührt, schon nach einigen Jahrzehnten nur mehr als „zeitgenössischer Kompromiss“ angesehen werden kann. Dort, wo Reversibilität nicht möglich ist, ist präzise Dokumentation gefordert, um wenigstens über einen Bericht die Werkgeschichte geschlossen zu halten.
Idealerweise bliebe ein zu restaurierendes Objekt vollkommen unberührt, wenn nicht das Aufhalten der alterungsbedingten Verfallserscheinungen und damit die Erhaltung des Werks an sich das Hauptziel jeder Konservierung wäre. Weil aber andererseits die Alterungserscheinungen aller Art im heutigen Verständnis als Werkgeschichte Teil des Objekts geworden sind, kann eine Restaurierung auch nicht das „Einfrieren“ eines Status quo sein. Zentrales Anliegen ist daher, das Werk in seiner Alterung – in welcher Weise auch immer – unter Kontrolle zu halten und sei es nur, um nachfolgenden Generationen zu ermöglichen, technisch heute noch nicht Leistbares am Objekt umzusetzen und ihnen dabei so wenig Probleme wie möglich zu bereiten, aber so viel wie möglich zu erhalten.
Der Begriff der Derestaurierung bzw. „Zurückrestaurierung“ bezeichnet den Versuch, eine als fehlerhaft erkannte „Restaurierung“ rückgängig zu machen.Siehe: „derestaurieren“, in: Das Baudenkmal: Denkmalschutz und Denkmalpflege. Systematisches Fachwörterbuch, hrsg. v. Rudolf Huber und Renate Rieth, K. G. Saur 2011, S. 48, doi:10.1515/9783110978872
Lesbarkeit des Werks Ergebnis einer Restaurierung sollte nach heutigem Verständnis – neben der im besten Gewissen der theoretischen Forderungen und nach Stand der Technik ausgeführten Konservierung – eine möglichst umfassende Lesbarkeit des Werks sein. Dieser Begriff umfasst wohl die Aussagen, die durch ein Objekt intendiert waren, seien sie der kontemporäre primäre Anlass oder sekundäre Nach- und Umdeutungen. Vielmehr aber bedeutet Lesbarkeit, den heute vorhandenen Zustand aus der Werkgeschichte heraus zu verstehen. Weiterhin hält er den Restaurator an, keinerlei interpretative Maßnahmen zu treffen, sondern jedem Betrachter zu ermöglichen, das Werk aus sich heraus zu begreifen – seien es materialwissenschaftliche Studien, die nicht verfälscht werden dürfen, seien es kunstgeschichtliche Schlüsse oder auch ästhetische Betrachtung. Dabei bezieht der Restaurator insbesondere seine eigene Arbeit mit ein: Alle Schritte, die er setzt, sollen möglichst von der Nachwelt aus dem Werk selbst ablesbar sein, um späteren Fehlinterpretationen vorzubeugen. Klassisches Beispiel dafür ist die Neutralretusche oder das Tratteggio, eine Retuschiermethode, die im Istituto superiore per la conservazione ed il restauro in Rom von Cesare Brandi entwickelt wurde, um Fehlstellen im Original so weit zurückzunehmen, dass sie den Blick des Betrachters nicht vom eigentlichen Bildinhalt ablenken, aber dem näher Hinschauenden sofort offenkundig werden. Daraus leiten sich heute auch die Präsentationsmethoden ab, die „schmerzliche“ Verluste am Original keinesfalls kaschieren, sondern nüchtern dokumentieren, aber doch ein geschlossenes Zustandsbild zeigen, in dem die Originalsubstanz selbst der vorrangige Eindruck ist.
Überholte Leitbilder