Boko Haram ist eine islamistische terroristische Gruppierung im Norden Nigerias, die auch in den Anrainerstaaten Tschad, Niger und Kamerun aktiv ist.
Boko Haram setzt sich für die Einführung der Scharia in ganz Nigeria und das Verbot westlicher Bildung ein; auch die Beteiligung an Wahlen lehnt sie ab.Who are Nigeria’s Boko Haram Islamists? BBC online, 17. Juni 2011 Boko Haram ist bekannt für die Ermordung von Christen und von Muslimen, welche diese Gruppe nicht unterstützen. Ethnisch gehören die meisten Mitglieder von Boko Haram dem Volk der Kanuri an.
Die Gruppe bringt sich selbst mit den Taliban in Verbindung. Auch die lokale Bevölkerung nennt sie „die Taliban“.'Boko Haram attack’ frees hundreds of prisoners BBC online, 8. September 2010 Das Hauptquartier der Sekte befand sich bis zum Tod des Sektenchefs Ustaz Mohammed Yusuf in Maiduguri. Ein Rat (Shura) aus 20 Männern leitet Boko Haram, der Rat pflegt auch Kontakte nach Tschad und Kamerun.https://web.archive.org/web/20111228070713/http://www.tagesschau.de/ausland/faqchristen100.html Ihr Sprecher war Abubakar Shekau. Der Gruppe werden Verbindungen zu Al-Qaida im islamischen Maghreb, Al-Shabaab in Somalia und zu Terrorcamps in Afghanistan nachgesagt.https://web.archive.org/web/20120107201347/http://www.tagesschau.de/ausland/bokoharam102.html Außerdem soll Boko Haram sich zusammen mit Al-Qaida an Ansar Dines Besetzung Timbuktus, Gaos und Kidals in Mali beteiligt haben. Boko Haram hat keine Verbindung zur Aufstandsbewegung Movement for the Emancipation of the Niger Delta, die im Nigerdelta seit 2006 gegen die Ölindustrie kämpft.David Smith: Nigerian 'Taliban' offensive leaves 150 dead. Guardian, 27. Juli 2008
Im Januar 2012 spaltete sich die Terrororganisation Ansaru von Boko Haram ab. Nachdem sich 2015 Boko Haram formell der Terror-Miliz Islamischer Staat (IS) anschloss,spiegel.de vom 7. März 2015: Boko Haram leistet IS den Treueschwur kam es 2016 zu einer Spaltung der Gruppe: Ein Teil verblieb unter der Führung von Abubakar Shekau, ein anderer bildete unter der Führung des vom IS bestellten Abu Musab al-Barnawi die Provinz Westafrika des IS. Im Juni 2021 starb Abubakar Shekau bei Kämpfen mit der Provinz Westafrika des IS, die Führung von Boko Haram übernahm Bakura Modu.
Bei Angriffen der Gruppe wurden seit dem Jahr 2009 etwa 35.000 Menschen getötet; rund zwei Millionen Menschen machten sich wegen der Gruppierung auf die Flucht.
mini|Hauptaktionsgebiet von Boko Haram im nordöstlichen Grenzgebiet von Nigeria und Kamerun südlich des Tschadsees
Name und Ideologie Das Hausa-Wort boko bedeutet „unecht, falsch, Fake“. Verkürzt steht es für ilimin boko (Fake-Bildung), das Bildungssystem der westlichen Kolonialmächte. Arabisch ḥarām bedeutet „verboten“, aber auch „heilig“. Übersetzungen lauten „Westliche Bildung ist Sünde“, „Westliche Bildung verboten“,Dozens killed in Nigeria clashes. BBC News, 26. Juli 2009 (englisch) „Verwestlichung ist ein Sakrileg“Boko Haram. In: Encyclopædia Britannica. oder „Die moderne Erziehung ist eine Sünde“.https://web.archive.org/web/20100108210347/http://www.tagesschau.de/ausland/nigeria178.html Einen anderen Tenor setzt die umschreibende Übersetzung „Vorspiegelung falscher Tatsachen ist Schande“.
Die Anhänger der Gruppierung selbst nannten sich anfangs zunächst Al Sunna Wal Jamma (in etwa: Anhänger der Lehren des Propheten). Eine andere anfängliche Selbstbezeichnung war ahl al-sunna wa'l jama'a ala minhaj al-salaf (in etwa: Gemeinschaft der Anhänger der Sunna bzw. der Sunniten für die Rückbesinnung auf die Salaf bzw. die Vorgänger), welche die ideologische Rückbesinnung auf ultrakonservative Lehren des Islam (Salafismus) betont. Eine weitere in den Anfangsjahren gebräuchliche Selbstbezeichnung lautete ahl al-sunna wa-l-jama'a wa-l-hijra (in etwa: Gemeinschaft der Anhänger der Sunna bzw. der Sunniten, welche die Hidschra bzw. Auswanderung aus heidnischen Gebieten befolgen) und vergleicht indirekt die eigene Situation im nigerianischen Staat mit Mohammeds Auszug aus Mekka. Nach ersten Zusammenstößen mit nigerianischen Sicherheitskräften 2003 wurde die Gruppierung in den Medien als nigerianische Taliban bezeichnet.
Erst seit dem Tod ihres Gründers Mohammed Yusuf 2009 nennt sich die Gruppierung jama'at ahl al-sunna li-l-da'wa wa-jihad 'ala minhay al-salaf (in etwa: Gemeinschaft der Anhänger der Sunna bzw. der Sunniten, die mit den Mitteln des Dschihad im Sinne der Salaf für die Sache des Islam kämpfen); in arabischer Schreibweise wiedergegeben als , wörtlich „Vereinigung der Sunniten für den Ruf zum Islam und den Dschihad“. Die Umbenennung drückt eine veränderte Zielsetzung der Gruppierung aus, von der Forderung nach Emigration bzw. Rückzug aus einer als unislamisch erachteten Gesellschaft hin zur Befürwortung einer engen, salafistischen Auslegung des Dschihad im Sinne des bewaffneten Kampfes.
Vorgeschichte Der Islam wurde im Norden Nigerias anfänglich nicht mit Gewalt verbreitet, sondern kam mit muslimischen Händlern in die Region. Im 15. Jahrhundert traten die Königsfamilien der Hausa zum Islam über. 1804 rief der Prediger Usman dan Fodio zum Dschihad gegen die Hausa-Könige auf, deren Korruption und Tyrannei er als unislamisch geißelte. Sein Kampf fand daher auch die Unterstützung großer Teile der Landbevölkerung.
Im Norden Nigerias wurde soziale und politische Kritik seither immer wieder in und durch Bewegungen religiöser Erneuerung ausgedrückt. Zu den bekanntesten Beispielen der letzten Jahrzehnte zählen die Maitatsine- und die Yan-Izala-Bewegung.
Während ihrer Kolonialherrschaft stützten sich die Briten weitestgehend auf die alten Verwaltungsstrukturen – siehe hierzu Indirect rule. Die Briten verboten christliche Missionierung sowie Missionsschulen in Nordnigeria und ließen das Rechtssystem der Scharia fortbestehen.
Nach der Unabhängigkeit Nigerias ab 1960 kam es zwischen dem Süden und Norden des Landes zum Verteilungskonflikt um die Einnahmen aus der Rohölförderung im Nigerdelta. Auch ethnische Spannungen und soziale Ungleichheit nahmen zu. Nach dem Ende der Militärdiktatur und der Rückkehr zur Demokratie 1999 nutzten die Gouverneure der nördlichen Bundesstaaten ihre neuen Autonomierechte. Zur Festigung ihrer Macht führten sie ein weitestgehend auf der Scharia basierendes islamisches Strafgesetzbuch ein.
Erhard Kamphausen von der Missionsakademie der Universität Hamburg machte auch die Missionsarbeit bzw. den Proselytismus durch die in Nigeria sehr aktiven Evangelikalen für die Eskalation der religiösen Konflikte mitverantwortlich und sprach von einer „geistlichen Kriegführung“ in muslimischen Kerngebieten.Die Mähdrescher Gottes, Zeit Online vom 27. Mai 2004
Anfänge
mini|Bundesstaaten Nigerias, in denen die Scharia gilt
Der Gründer von Boko Haram, Mohammed Yusuf, wurde 1970 im Nordosten Nigerias geboren und studierte in Saudi-Arabien Theologie. Zurück in Nigeria nahm er in den 1990er Jahren eine kritische Haltung gegenüber dem demokratischen Staat und seinen Repräsentanten ein. Dabei berief er sich auf die salafistische Bewegung at-Takfir wa'l-Higra (in etwa: Die Erklärung zum Ungläubigen und der Auszug) des radikalen, ägyptischen Predigers Schukri Mustafa.
Als Prediger war Mohammed Yusuf zunächst im lokalen, salafistischen Milieu in Maiduguri an derselben Moschee wie sein Mentor Ja'far Mahmud Adam aktiv. Zwischen 2000 und 2003 kam es jedoch zum Bruch zwischen den beiden und Mohammed Yusuf gründete seine eigenen Strukturen. Als Prediger versammelte er eine Reihe von Koranschülern um sich, die seine extremen Einstellungen teilten.
Es kursieren unterschiedliche Gründungsdaten für Boko Haram. Manche Quellen sprechen von einer Gründung Anfang der 1990er Jahre. An den Namen ihres Anführers angelehnt nannte man sie teils Yusufiyya. Ob man bereits von einer festen Organisation oder Sekte sprechen kann, ist unklar. Einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde Mohammed Yusuf aber erst um 2003/04, als einige seiner Anhänger erstmals mit nigerianischen Sicherheitskräften aneinandergerieten. Viele Beobachter sehen daher erst hier die Entstehung einer festen Gruppierung.
Trotz seiner ablehnenden Haltung dem nigerianischen Staat und demokratischen Prinzipien gegenüber konnten sich einzelne Politiker anfangs die Unterstützung Mohammed Yusufs sichern. Im Bundesstaat Borno gelang es 2003 dem Kandidaten Ali Modu Sheriff auch aufgrund dieser Allianz, erfolgreich die Wahlen um die Position des Gouverneurs zu gewinnen. Er ernannte anschließend Alhaji Buji Foi, einen bekannten Unterstützer Mohammed Yusufs, zum Leiter der Kommission für religiöse Angelegenheiten.
Demgegenüber suchten einige Anhänger Mohammed Yusufs die gesellschaftliche Isolation. In Anlehnung an Mohammeds Auszug aus dem heidnischen Mekka ins Exil nach Medina, der Hidschra, verließen sie Maiduguri. Wie ihr Vorbild wollten sie damit einen reinigenden Bruch mit der als unmoralisch und ungläubig empfundenen Gesellschaft demonstrieren. Entsprechend nannten sie sich selbst Muhajirun. Nahe Kanamma im Bundesstaat Yobe, unweit der Grenze zur Republik Niger, errichteten sie ein Lager, das in der Gegend unter dem Namen Afghanistan bekannt wurde. Da die Muhajirun mehrheitlich aus jungen Koranstudenten bestanden, wurden sie auch als nigerianische Taliban – vom arabischen Begriff talib für Schüler – bezeichnet. Nachdem Regierungsvertreter und religiöse Autoritäten sie aufforderten die Gegend zu verlassen, überfiel die Gruppe die Polizeistation im nahegelegenen Kanamma. Mit den erbeuteten Waffen griffen sie weitere Polizeistationen in der Region an. Auf hinterlassenen Flugblättern kündigten sie an, die Gegend erobern und einen unabhängigen islamischen Staat ausrufen zu wollen. Das Lager wurde daraufhin Anfang Januar 2004 von der Armee zerstört, wobei mehrere der Fundamentalisten ums Leben kamen oder gefangen genommen wurden. Mohammed Yusufs genaue Rolle in der Errichtung des Lagers und den Angriffen ist unklar. Einige Quellen sehen die Muhajirun gar als radikale Abspaltung von Mohammed Yusufs Gruppierung, andere sehen ihn als Drahtzieher im Hintergrund.
Im September 2004 attackierten Anhänger von Mohammed Yusuf erneut Polizeistationen, diesmal im Bundesstaat Borno. Die nigerianische Armee tötete 27 der Angreifer, während andere sich nach Kamerun absetzen konnten. Mohammed Yusuf selbst floh zunächst in den Sudan und reiste anschließend nach Saudi-Arabien weiter. Von dort konnte er nach Vermittlung des stellvertretenden Gouverneurs des Bundesstaats Borno, Adamu Dibal, zurückkehren.
Über die Mittel zur Herbeiführung eines islamischen Staates basierend auf der Scharia kam es auch zum Bruch zwischen Mohammed Yusuf und dem etablierten salafistischen Milieu Nordnigerias, namentlich mit seinem bisherigen Mentor Ja'far Mahmud Adam. In der Folge lieferten sich die beiden öffentlich einen jahrelangen theologischen Disput in Form publizierter Predigten und Reden. 2007 wurde Ja'far Mahmud Adam während einer Freitagspredigt in seiner Moschee in Kano ermordet. Mehrere Analysten vermuteten Mohammed Yusufs Leute hinter dem Anschlag.
Zu Anfang beschränkte sich Boko Haram auf Angriffe auf Polizeistationen und Militär. Die Tötung des Gründers, Ustaz Mohammed Yusuf, im Juli 2009 durch Sicherheitskräfte war eine Initialzündung zur Intensivierung der Anschläge unter Abu Bakr Shekau.Eine Religion unter Verdacht: Die neuen Religionskriege.
mini|Lage von Bauchi