mini|Wohnhaus im Italianate-Stil in San Jose, Kalifornien; Erbaut 1870 Der Italienisierende Stil (auch Italianate-Stil, Aussprache englisch: []) ist ein historistisch geprägter Architekturstil, der als Erscheinungsform der frühen Viktorianischen Architektur im 19. Jahrhundert in den englischsprachigen Ländern verbreitet war.

Ursprünge und Entstehung mini|Das Landhaus Cronkhill (1805) gilt als die älteste im Italienisierenden Stil erbaute Villa Englands. Architekt: John Nash. Mit seinem asymmetrischen Grundriss bietet dieses Bauwerk – dem Ideal des „Pittoresken“ entsprechend – dem Betrachter immer neue Ansichten.

Der Italienisierende Stil vereinigt die Architektur der italienischen Renaissance des 16. Jahrhunderts, die auch den Palladianismus und den Klassizismus inspiriert hat, mit dem in der anglophonen Welt seit dem 18. Jahrhundert einflussreichen romantischen Ideal des „Picturesquen“, also der Forderung, das Landschaftsbild nach den Regeln der malerischen Schönheit zu betrachten. Unter diesen Vorzeichen entstand ein Architekturstil, der zwar auch als Neorenaissance beschrieben wird, aber charakteristische eigene Züge trägt, die sich nur in diesem speziellen geistesgeschichtlichen Kontext herausbilden konnten. Das Bekenntnis zur italienischen Architektur war für Gentlemen überall in der englischsprachigen Welt seit den 1820er Jahren ein Ausdruck des Bestrebens um kulturelle Verfeinerung.John Maass: The Gingerbread Age: A View of Victorian America. Greenwich House, New York 1983, ISBN 0-517-01965-5, S. 97ff.

Das früheste Beispiel für die italienisierende Architektur ist das von John Nash um 1802 entworfene und 1805 bei Shrewsbury erbaute Cronkhill. Der Stil, den er mit diesem frei den italienischen Originalen nachempfundenen und wenig förmlichen kleinen Landhaus schuf, regte bis in die viktorianische Zeit hinein Entwürfe zu einer Vielzahl von ähnlichen Villen an.; .

Weiterentwickelt und popularisiert wurde der Italienisierende Stil in den 1830er Jahren von Charles Barry, der sich enger als Nash an den Original-Bauwerken der italienischen Renaissance orientierte. So entwarf er Gebäude, die viel strenger und formaler gestaltet waren als Nashs halb-ländliche, romantische Villen.Michael Turner: Osbourne House. English Heritage, Osbourne House, ISBN 1-85074-249-9, S. 28.

Beide Ausprägungen des Italienisierenden Stils blieben nicht auf England beschränkt, sondern fanden in vielfältigen Formen in Nordeuropa und im britischen Empire auch dann noch immer weitere Verbreitung, als dieser Stil in England gar nicht mehr populär war. In den Vereinigten Staaten erlangte er – gefördert durch Alexander Jackson Davis – seit den späten 1840er Jahren große Beliebtheit.

England und Wales mini|Sandridge Park, Devon mini|Cliveden, Taplow: Herrenhaus im Stil der Neorenaissance (1851); Architekt: Charles Barry Um das Jahr 1805 entwarf John Nash den Landsitz Sandridge Park. Das bei Stoke Gabriel in Devon erbaute Haus zeigt stilistisch deutlich den Übergang zwischen William Gilpins Picturesque-Ideal und Nashs späterem voll entwickelten Italianismus. Obwohl das Gebäude noch viele Merkmale der Regency-Architektur aufweist, verweisen andere Elemente – ein asymmetrischer Grundriss, gemauerte und schmiedeeiserne Loggien und Balkone, ein Turm, eine flache Dachneigung – auf den voll entwickelten Italienisierenden Stil von Cronkhill. Spätere Beispiele des englischen Italienisierenden Stils lehnen sich stärker an den palladianischen Baustil an, wobei oft auch ein Aussichtsturm (belvedere) oder eine Dachbalustrade ergänzt wird. Bei dieser – eher stilistischen – Interpretation des italienischen Vorbildes wird mehr Bezug auf Motive der italienischen Renaissance als auf Nashs frühe Italianate-Entwürfe genommen.

Sir Charles Barry, dessen berühmteste Arbeit der – im Tudor- und neugotischen Stil erbaute – Palace of Westminster ist, war ein großer Vorkämpfer für den Italienisierenden Stil. Anders als Nash fand er seine Inspiration in Italien selbst. Barry schöpfte in hohem Maße aus den Entwürfen der echten römischen, latinischen und venetischen Renaissance-Villen – oder, wie er es formulierte: dem „charmanten Charakter der unregelmäßigen Villen Italiens“.Mark Girouard: Life in the English Country House. Yale University, S. 272. Eines der frühesten von Barry entworfenen Beispiele für diesen Stil ist der 1832 in London erbaute Travellers Club.John Milnes Baker: American House Styles Seine bedeutendste Arbeit war jedoch das Herrenhaus Cliveden, das Barry zur Mitte des Jahrhunderts für George Sutherland-Leveson-Gower entwarf. Obwohl behauptet worden ist, dass ein Drittel aller frühviktorianischen Landhäuser in England im klassischen Stil – überwiegend im Italienisierenden Stil – errichtet wurden,John Walton: Late Georgian and Victorian Britain. George Philip Ltd., 1989, ISBN 0-540-01185-1, S. 58. verlor dieser Stil von 1855 an seine Popularität und Cliveden galt bald als „untergehender Essay über eine zu Ende gehende Mode“.

mini|Osborne House, Isle of Wight: ehemaliger Landsitz von Königin Victoria, im Stil eines italienischen Renaissance-Palazzo erbaut und 1851 fertiggestellt; Architekt: Thomas Cubitt Der Londoner Bauunternehmer Thomas Cubitt verwendete einfache klassische Elemente, wie sie für den von Barry definierten Italienisierenden Stil charakteristisch waren, für viele seiner städtischen Reihenhäuser. Im Auftrag von Prinz Albert entwarf er Mitte des Jahrhunderts den Sommersitz Osborne House, eine Umwandlung seiner zweidimensionalen Straßenarchitektur in ein freistehendes Herrenhaus, das später italienisierende Villen im gesamten britischen Empire inspirierte.

Nach der Fertigstellung des Osborne House im Jahre 1851 wurde der Stil bei den wohlhabenden Bauherren der Zeit populär. Diese ließen sich, meist in den Städten, kleine Herrenhäuser errichten, zu denen große Gärten gehörten, die oft wie eine Terrasse im toskanischen Stil angelegt waren. Dieses Baukonzept wurde gelegentlich abgewandelt und der Villa statt eines flach geneigten Daches ein Mansarddach aufgesetzt; in diesem Fall spricht man vom Châteauesque-Stil („schlossartiger Stil“, englisch Châteauesque oder Château Style). Dennoch bildeten, „nach einer bescheidenen Flut von Italianate-Villen und französischen Schlössern“, bereits im Jahre 1855 der neugotische, der Tudor- und der Elisabethanische Stil die beliebtesten Baustile.

Eine besonders hohe Konzentration von erhaltenen Gebäuden im Italienisierenden Stil findet man heute z. B. in dem in Wales gelegenen Urlaubsort Portmeirion.

Vereinigte Staaten Geschichte mini|Blandwood, Greensboro, North Carolina; 1844 fertiggestellt; Architekt: Alexander Jackson Davis In den Vereinigten Staaten entstanden die ersten italianisierenden Häuser in den späten 1830er Jahren. Eines der frühesten Beispiele ist ein Haus im „italienischen Villenstil“, das der 1831 aus Schottland eingewanderte Architekt John Notman 1837 in Burlington erbaute.Marcus Whiffen, Frederick Koeper: American Architecture 1607–1860. MIT Press, Cambridge, Massachusetts 1984, ISBN 0-262-73069-3. Weiter popularisiert wurde er in den 1840er Jahren von Alexander Jackson Davis, der ihn als Alternative zum neugotischen und neugriechischen Stil förderte. 1844 baute Davis den Wohnsitz des Gouverneurs von North Carolina, John Morehead, im Italianate-Stil aus. Dieses Bauwerk, Blandwood, war eng am Vorbild von John Nashs formlosen Villen orientiert und gilt als das älteste erhaltene Italianate-Bauwerk in den Vereinigten Staaten. Ein noch glanzvolleres Beispiel für diesen Stil, der in den USA zunächst als „Italienischer“ oder „Toskanischer Villenstil“ und – direkt auf die Arbeiten von Davis bezogen – auch als „Hudson River Bracketed Style“ bezeichnet wurde, ist Davis’ 1854 im heutigen Prospect Park in Brooklyn erbaute Litchfield Villa.New Life for Litchfield Villa in Prospect Park Weitere führende Förderer des Stils waren neben Henry Austin drei aus England eingereiste Architekten: Richard Upjohn (Edward King House, Newport, 1845), Gervase WheelerGervase Wheeler und Calvert Vaux.Calvert Vaux

Erheblich gefördert wurde die Verbreitung des Italianate-Stils auch durch zwei Bücher, die der Architekt Andrew Jackson Downing in den 1840er Jahren veröffentlichte: Cottage Residences (1842) und The Architecture of Country Houses (1850). Diese beiden Vorlagenbücher waren stark nachgefragte Standardwerke, die von Bauherren studiert wurden, bevor sie sich auf ein bestimmtes Gestaltungskonzept festlegten. Nachdem seit der Gründung der Vereinigten Staaten der Greek-Revival-Stil allgemeinverbindlich gewesen war, boten die beiden Bücher erstmals eine Auswahl interessanter stilistischer Alternativen an. Der Italianate-Stil erwies sich als die erfolgreichste davon.Virginia und Lee McAlester: A Field Guide to American Houses.Cottage Residences (Online-Version des Buches); The architecture of country houses (Online-Version des Buches)

Der Italianate-Stil wurde in den Vereinigten Staaten in dem Maße heimisch, in dem er sich an die landesübliche Bauweise anpasste – die europäische Steinbauweise wurde z. B. in eine Holzkonstruktion „übersetzt“ – und dabei die Möglichkeit eröffnete, das italienische Original recht frei zu interpretieren. So ist sein Kennzeichen die betonte Übertreibung vieler Elemente der italienischen Renaissance: stark akzentuierte Dachtraufen, die von Konsolen gestützt werden, flach geneigte Dächer, die von unten kaum sichtbar sind, oder sogar Flachdächer mit weiter Auskragung. Oft ist ein Turm ergänzt, der einen italienischen Belvedere oder gar Campanile andeutet. Nur sehr selten waren Italianate-Häuser streng den förmlichen italienischen Stadthäusern der Renaissancezeit nachempfunden. Der Stil erlangte in den USA seit den späten 1860er Jahren noch größere Popularität als der Greek-Revival-Stil und verdrängte auch den um 1840 entstandenen Gothic-Revival-Stil, den die lokalen Bauunternehmer weniger gern umsetzten, weil er schwierig zu bauen war. Der Erfolg des Italianate-Stils lag nicht zuletzt daran, dass er das Know-how der Bauunternehmer nicht überforderte und auch nicht auf bestimmte wenige Baumaterialien oder auf ein bestimmtes Budget festgelegt war. Fortschritte in der Eisenguss- und Metallpress-Technik vereinfachten überdies die Herstellung der erforderlichen dekorativen Elemente, wie Konsolen und Gesimse. Ein weiterer Vorzug bestand darin, dass der Stil es erlaubte, an ein fertiges Haus nachträglich anzubauen. Beim Greek-Revival-Stil z. B. war das nicht möglich gewesen.

Welche Popularität die Italianate-Architektur von 1845 an erlangte, sieht man in Cincinnati, Ohio, der ersten Boomtown westlich der Appalachen. In dieser Stadt, deren Aufstieg an die Schifffahrt auf dem Ohio River geknüpft war, gibt es mehr Italianate-Bauwerke als irgendwo sonst in den USA. Die meisten davon liegen im Stadtteil Over-the-Rhine, der in der Entstehungszeit dicht von überwiegend deutschen Einwanderern bewohnt war. Eine eindrucksvolle Zahl von Bauwerken im Italianate-Stil bieten auch die Städte Newport, Kentucky, und Covington, Kentucky. Der Garden District in New Orleans beherbergt ebenfalls schöne Beispiele für diese Architektur, wie z. B. von Samuel Jamison entworfene Morris-Israel House (1869),Morris-Israel House das Van Benthuysen-Elms Mansion (1869)Van Benthuysen-Elms Mansion und das Armstrong-Danna House (1868).

Auch viele Bauwerke, die in der von James Bogardus in den 1850er Jahren erfundenen Gusseisentechnik errichtet waren, trugen eine Fassade im Italianate-Stil.

Der Untergang des Italianate-Stils, der übrigens parallel zu dem des nahe verwandten Second Empire verlief, fiel mit dem Zusammenbruch der Finanzmärkte im Jahre 1873 und der darauf folgenden Wirtschaftsdepression zusammen. Als die Wirtschaft sich in den späten 1870er Jahren wieder erholte, waren andere Baustile en vogue – besonders der Queen-Anne- und der Colonial-Revival-Stil.

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