Der Bristol Blenheim ist ein viersitziges Oberklasse-Coupé des britischen Automobilherstellers Bristol, das von 1993 bis 2008 in drei Baureihen produziert wurde. Der vielfach als eigenwillig empfundene Blenheim verband ein vor dem Zweiten Weltkrieg entwickeltes BMW-Chassis mit einem bis zu 294 kW (400 PS) starken Chrysler-Motor. Seine Ausstattung war hochwertig und wurde den Wünschen der Kunden individuell angepasst. Er wurde in Handarbeit hergestellt und erreichte nur eine sehr geringe Verbreitung. Genaue Stückzahlen sind nicht bekannt; nach unterschiedlichen Schätzungen entstanden in 15 Jahren weniger als 100 Exemplare des Wagens. Eine gleichnamige Speedster-Version nutzte die Technik des Coupés, hatte aber eine eigenständige Karosserie. Neben dem Fighter war der Blenheim das letzte Modell der 1946 gegründeten Marke, die die Automobilherstellung infolge einer Insolvenz im Frühjahr 2011 aufgab.

Überblick: Unternehmens- und Modellgeschichte Automobilproduktion mit BMW-Konstruktionen mini|Belegt die BMW-Bezüge früher Bristol-Modelle: Bristol-Logo über nierenförmigem Kühlergrill

Das in Gloucestershire ansässige Unternehmen Bristol Cars hatte seine Wurzeln in der Bristol Aeroplane Company, die 1910 in Bristol als Flugzeughersteller gegründet worden war. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gingen die Aufträge für Neuflugzeuge erheblich zurück. Um die Kapazitäten auszulasten, expandierte das Unternehmen – ähnlich wie Saab – in die Automobilbranche.Zur Frühgeschichte der Car and Light Engineering Division der Bristol Aeroplane Company vgl. Bristol Enterprise in: Autocar vom 9. Januar 1948. Das erste Fahrzeug der neuen Marke, der Bristol 400, basierte auf technischen Komponenten der noch vor dem Krieg entwickelten BMW-Modelle 326, 327 und 328. Die Hintergründe für die Übernahme von BMW-Plänen sind nicht vollständig geklärt. Einige Autoren gehen davon aus, dass Bristol die BMW-Konstruktionen als Reparationsleistungen übernahm (so die Vermutung bei D. Günther, Oldtimer Markt, Heft 9/1996, S. 230), andere meinen, BMW habe finanzielle Gegenleistungen erhalten (vgl. Balfour: Bristol Cars, S. 48 f.). Vgl. zu den Einzelheiten auch die Darstellung im Artikel Bristol Cars. Bristol übernahm das Chassis des BMW 326 nahezu unverändertClassic and Sportscars, Heft 8/2006, S. 133 und nutzte es gleichermaßen für alle späteren Modelle. Bis 1961 verwendete Bristol zudem einen auf einer BMW-Entwicklung beruhenden Sechszylindermotor, der mit der Einführung des Modells 407 durch Achtzylindermotoren von Chrysler ersetzt wurde. Danach änderte sich die Ausrichtung der Marke. Die anfänglich hervorgehobene SportlichkeitDie Modelle 400, 401 und 404 wurden bis in die 1950er Jahre hinein regelmäßig von privaten Fahrern bei Langstrecken- und Bergrennen sowie bei Rallyes eingesetzt; vgl. Balfour: Bristol Cars, S. 163, 170. trat zugunsten von Komfort und äußerlicher Zurückhaltung zunehmend in den Hintergrund.Das langjährige Firmenmotto lautete: “Nicely understated but never underrated” (übersetzt etwa: „Unauffällig, aber nicht zu unterschätzen“).

mini|Technische und stilistische Basis des Blenheim: der Bristol 603 von 1976

Mit der Einführung des Bristol 603 1976 begann eine neue Ära für das Unternehmen. Der 603 war mit kleineren Motoren lieferbarVon 1976 bis 1978 erhielt der 603E einen 5,2 Liter großen Achtzylindermotor, der 118 kW (160 PS) abgab und der leistungsschwächste Bristol der sogenannten Chrysler-Ära war. Zum 603E vgl. Long, narrow and British: Vorstellung des Bristol 603 S1 in: Autosport, 14. Oktober 1976. und hatte erstmals seit 18 Jahren eine gänzlich neu gestaltete Karosserie, die das Werk vollständig selbst herstellte. Der 603 wurde zur technischen und stilistischen Grundlage aller späteren Bristol-Coupés.Eine Ausnahme bildete der 2004 vorgestellte Flügeltür-Sportwagen Fighter. Der 1982 eingeführte Britannia und sein mit einem Turbomotor versehener Zwilling Brigand waren lediglich äußerlich überarbeitete Abwandlungen des 603, die attraktiver warenBalfour: Bristol Cars, S. 345. als das ursprüngliche Modell, das Kritiker als „nicht besonders schön“,Motor vom 2. September 1978. „verschroben“Balfour: Bristol Cars, S. 348. oder wie selbstgemacht aussehend“A blacksmith’s special” (wörtlich: „Eigenbau eines Dorfschmieds“). Einschätzung eines 603-Eigners; zitiert nach Balfour: Bristol Cars, S. 331. empfunden hatten. Der Britannia und der Brigand blieben elf Jahre lang in Produktion, waren aber angesichts strenger werdender Abgasbestimmungen mit ihren Vergasermotoren zuletzt veraltet. Zu Beginn der 1990er Jahre war es unumgänglich, das Angebot neu aufzustellen. Tony Crook, der damalige Alleineigentümer von Bristol Cars, erwog zunächst, den geschlossenen Viersitzer durch eine verkürzte und technisch aktualisierte Version des offenen, von Zagato gestalteten Bristol Beaufighter zu ersetzen. Nach dem Tod des Entwicklungsleiters Dennis Sevier und im Hinblick auf finanzielle Schwierigkeiten des UnternehmensAutokatalog Nr. 36 (1992/93), S. 98. wurden diese Pläne allerdings aufgegeben. Crook entschied sich stattdessen dafür, zunächst das bestehende Saloon-Modell weiterzuentwickeln, um kurzfristig ein aktualisiertes Fahrzeug anbieten zu können.Balfour: Bristol Cars. S. 347. Das Ergebnis dieser Entwicklung war der Bristol Blenheim, der im September 1993 der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Er nutzte erneut Chrysler-Motoren und hatte eine Karosserie, deren Grundstruktur an die Vorgängermodelle erinnerte. Mit seiner Einführung endete die Produktion des Britannia, des Brigand und des Cabriolets Beaufighter, von dem in 13 Jahren lediglich 30 Exemplare hergestellt worden waren.

15 Jahre Blenheim Der Bristol Blenheim war 18 Jahre lang im Angebot. Noch Anfang 2011, kurz bevor Bristol Cars zahlungsunfähig wurde, enthielt die Internetseite des Unternehmens einen Eintrag zum Blenheim, der als weiterhin verfügbar beschrieben wurde. Tatsächlich aber wurde der letzte Blenheim bereits im Sommer 2008 komplettiert, sodass sich die Produktionszeit auf 15 Jahre beläuft.bristolcars.co.uk:

Die lange Produktionsdauer des Blenheim war maßgeblich auf Toby Silverton zurückzuführen, der seit 1997 Eigentümer des Unternehmens war. Sein Vorgänger Tony Crook hatte in dem Blenheim lediglich ein Übergangsmodell gesehen, das bis zur Fertigstellung eines neu entwickelten, als Buccaneer bezeichneten Nachfolgers angeboten werden sollte. Silverton hingegen entschied sich für die schrittweise Modifizierung des Blenheim und legte sein Augenmerk auf den neuen Flügeltür-Sportwagen Fighter,Zum Ganzen: Balfour: Bristol Cars. S. 353, 354. dessen Entwicklung viel Kapital band und der vielfach als wesentliche Ursache für die 2011 eingetretene Insolvenz des Unternehmens angesehen wird.Octane Classic and Performance Cars, Heft 4/2012, S. 100.

Bedeutung für das Unternehmen Bristol konnte den Blenheim nicht kostendeckend verkaufen.“It’s not a big earner” (Toby Silverton). Zitiert nach Balfour: Bristol Cars, S. 356. Angesichts aufwendiger Produktionsprozesse und sehr geringer Stückzahlen brachte das Modell Bristol Cars regelmäßig Verluste, die in den 1990er Jahren zunächst durch Gewinne aufgefangen wurden, die das Unternehmen mit der Restauration älterer Bristol-Fahrzeuge und dem Verkauf von Gebrauchtwagen erzielte. Ab 2000 waren zudem wiederholt Zuschüsse des neuen Inhabers Toby Silverton erforderlich. Silverton bestätigte die mangelnde Rentabilität des Modells und sah den Blenheim in erster Linie als Investition in die Zukunft: Mit jedem neuen Blenheim werde ein Auto fertiggestellt, das später bei Bristol Services gewinnbringend gewartet und restauriert werden könne.Balfour: Bristol Cars. S. 356.

Modellbezeichnung mini|Namensgeber: der Bomber Bristol Blenheim von 1939

Anders als in einigen Publikationen behauptet,L’AutoJournal: Salon 2003. Tous les voitures du monde. August 2002. S. 356. bezieht sich die Bezeichnung Blenheim nicht auf das Schloss Blenheim Palace, sondern auf das gleichnamige Kampfflugzeug der Bristol Aeroplane Company, von dem nur noch ein flugfähiges Exemplar existiert.Ausdrückliche Bezugnahme auf das Flugzeug z. B. im Verkaufsprospekt von 1993 (abgerufen am 29. Januar 2013). Dort wird das Auto neben dem Flugzeug abgebildet. Bristol knüpfte damit an die 1980 mit dem Beaufighter begonnene Tradition an, die eigenen Fahrzeuge nach historischen Flugzeugen des ehemaligen Mutterkonzerns zu benennen. Diese Praxis sollte einerseits den Fahrzeugen eine besondere Identität geben.J.L.K. Setright: Bristol Fashion. Präsentation des Bristol Fighter und Geschichte der Marke. In: Autocar vom 1. Dezember 1999. Andererseits vermied Bristol damit die Vergabe einer numerischen Modellbezeichnung, die bei konsequenter Fortsetzung 603 S4Der 1982 vorgestellte Britannia, der den in zwei Serien produzierten 603 ablöste, wird in einigen Publikationen als Bristol 603 S3 („Series 3“) bezeichnet. Vgl. z. B. Martin Buckley, Chris Rees: Cars. An encyclopedia of the worls’s most fabulous automobiles. Anness Publishing Limited, London 2002 (ohne ISBN), S. 285. oder 604 hätte heißen müssen, und umging so einen Rechtsstreit mit dem französischen Automobilhersteller Peugeot, der sich dreistellige Typenbezeichnungen mit einer Null in der Mitte hatte schützen lassen.Vgl. Bristol Beaufighter: An English Gentleman’s very high speed sporting carriage. In: Motor Sport, Heft 10/1981.

Technik und Aufbau Der Bristol Blenheim wurde unter der Leitung von Eric Ager entwickelt. Ager war ein langjähriger Bristol-Mitarbeiter, der in den 1980er Jahren in den Ruhestand getreten war und der für das Blenheim-Projekt ins Arbeitsleben zurückkehrte. Detailarbeiten erledigte Sydney „Syd“ Lovesy, der bei der Vorstellung des Autos bereits 73 Jahre alt war.

Bristol verfolgte bei der Konstruktion des Blenheim unterschiedliche Ziele. Zu ihnen gehörte eine möglichst hohe Alltagstauglichkeit, mit der sich das Werk von anderen Kleinstserienherstellern wie Aston Martin, De Tomaso oder Lamborghini abheben wollte, deren Fahrzeuge in dieser Hinsicht vielfach von der Presse kritisiert wurden.Zu dem von De Tomaso entwickelten Qvale Mangusta vgl. z. B. Autobild vom 4. August 2005.Zum Vergleich mit dem Monteverdi High Speed 375/L, einem Konkurrenten früherer Jahre, vgl. Alpentraum: Test eines 375/L in: auto motor und sport, Heft 12/1972.Der ehemalige Sportwagenhersteller Peter Monteverdi reagierte auf die Bemängelung undichter Scheiben und unpraktischer Bedienung mit den Worten: „Was wollen Sie? Das Auto ist handfertigt, und wir sind ein kleines Unternehmen“. Zitiert nach Rob Scorah: The full Monte. Fahrbericht zum Monteverdi High Speed 375/L in: Thoroughbred & Classic Cars, Heft 2/2013, S. 58 ff. Zudem war der Blenheim auf einen langen Nutzungszeitraum angelegt und so konstruiert, dass er möglichst einfach und ohne spezielles Werkzeug repariert werden konnte. Die Umsetzung dieser Vorgaben führte an manchen Stellen zu ungewöhnlichen technischen oder stilistischen Ergebnissen,Die Einzelheiten hierzu werden im nachstehenden Abschnitt dargestellt. die in der Presse mitunter kritisch gewürdigt wurden.Siehe hierzu den Abschnitt Bristol „Rezeption“. Ungeachtet dessen hielt Bristol an der eigenen Linie fest und wies die Kritik zurück:

Rahmen und Fahrwerk Der Bristol Blenheim war wie seine Vorgänger auf einem separaten Kastenrahmen mit Längsträgern und Quertraversen aufgebaut. Die Form des Chassis ging in den Grundzügen auf die Konstruktion des BMW 326 zurück.Autocar vom 7. August 1996.BBC Top Gear, Heft 8/1998. Bristol betrachtete das separate Chassis als Beitrag zur Erhöhung der passiven Sicherheit.Ausführungen im Verkaufsprospekt von 1993 (abgerufen am 29. Januar 2013).