Sport in den Vereinigten Staaten spielt unter kulturellen, gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Aspekten eine bedeutende Rolle in der US-amerikanischen Gegenwart und Geschichte. Sport diente und dient in der Imagination des amerikanischen Volkes seiner moralischen Bestimmung und verkörperte seine Selbstsicht und die seiner Einwanderer und seiner gesellschaftlichen Klassen. Im Sport kulminiert das Selbstverständnis und die gesellschaftlichen Moral- und Rollenvorstellungen der amerikanischen Gesellschaft, teilweise in Opposition zur herkömmlichen Sporterziehung.

Geschichte Die Ursprünge des Sports in den Vereinigten Staaten gehen auf das hawaiianische Wellenreiten, das Chunkey-Spiel der präkolumbischen Mississippi-Kultur von Cahokia im Südosten und im mittleren Westen sowie das 1634 erstmals erwähnte Lacrosse-Spiel der First Nations an den Großen Seen und der Ostküste zurück. Die Puritaner der Neuengland-Staaten hingegen übten sich im Reitsport, Springen, Ringen, Gewichtheben, jeder Art von Rennsport, Kegeln und Schießen in moderater Intensität. Gesellschaftlich akzeptabel waren produktive Aktivitäten wie Jagen und Fischen sowie alles, was die Arbeitskraft aufrechterhielt und Melancholie abhielt. Kritisch betrachtet wurden Tennis und Handball wegen ihrer Verknüpfung mit der etablierten Kirche und der müßiggehenden englischen Elite sowie Mannschaftssportarten, da sie geeignet waren, die Sabbatregeln zu verletzen. Sie waren jedoch nicht so geächtet wie das Theater, während promiskuitiver Tanz unter Umständen sogar akzeptiert war.Bruce C. Daniels: Sober Mirth and Pleasant Poisons: Puritan ambivalence toward Leisure and recreation in Colonial New England, in: Sport in America. From Colonial Leisure to Celebrity Figures and Globalization. Volume II, herausgegeben von David K. Wiggins. Champaign, IL; Windsor, ON; Leeds, UK; Lower Micham, SA; Albany, North Shore City, Auckland, NZ, 2010: Human Kinetics. ISBN 978-0-7360-8561-8 (Seiten 5–21, in Englisch).

In den südlichen Bundesstaaten setzte sich dagegen die anglikanische Kirche und damit die wilden und exzessiven, dem englischen Klassenbewusstsein folgenden Sportarten des englischen Landlebens von Virginia ausgehend durch, also Pferderennen, Fuchsjagd, verstümmelnde Kneipenkämpfe einer urbanen Junggesellen-Kultur und Tiersportarten wie Hahnenkampf, Bear- und Bullbaiting oder Gänsereiten, die mit Ausnahme des Pferderennens in der englischen Sprache als sport im Gegensatz zu den moderneren sports bezeichnet werden. In einer von Grund auf liberalen und individualistischen Abstraktion der britischen Aristokratie hatte sich ein „Adel“ aus vielleicht einhundert Pflanzerfamilien gebildet. Untereinander duellierten sie sich in quarter horse races über die Länge einer Viertelmeile und in Kartenspielen wie Put, Piquet und Whist sowie Backgammon mit Haupt- und Nebenwetten in absurder Höhe, die den ökonomischen Risiken des Tabakanbaus glichen.T. H. Breen: Horses and Gentlemen: the Cultural Significance of Gambling among the Gentry of Virginia, in: Sport in America. From Colonial Leisure to Celebrity Figures and Globalization. Volume II, herausgegeben von David K. Wiggins. Champaign, IL; Windsor, ON; Leeds, UK; Lower Micham, SA; Albany, North Shore City, Auckland, NZ, 2010: Human Kinetics. ISBN 978-0-7360-8561-8 (Seiten 23–39, in Englisch).

Die Mittelatlantikstaaten folgten zunächst dem kalvinistischen Ideal der nördlichen Staaten, bildeten aber auf der Grundlage sich ausdehnender urbaner Ballungszentren in Pennsylvania und New York die ersten sensationsheischenden Sportspektakel heraus, bei denen sich zuweilen des publikumswirksamen Exzesses der englischen Südstaaten-Sportarten bedient wurde, das ihnen innewohnende Klassenbewusstsein aber durch Professionalisierung und Kommerz ersetzt wurde. So hielt sich Blutsport in Form von Hahnen- und Hundekämpfen sowie Ratbaiting in New York durch alle Schichten hindurch bis in die 1880er Jahre und wurde erst dann durch die Ächtung der 1866 gegründeten American Society for the Prevention of Cruelty to Animals (ASPCA) ins gesellschaftliche Aus gedrängt.

Der erste „Nationalsport“ der jungen Vereinigten Staaten war aber das Pferderennen. The Great Match Race (dt.: „Das große Wettrennen“) am 27. Mai 1823 auf Long Island in New York etwa zog 60.000 Zuschauer an, darunter Andrew Jackson, Daniel D. Tompkins und Aaron Burr.Cait Murphy: A History of American Sports in 100 Objects. New York City, 2016: Basic Books. ISBN 978-0-465-09774-6 (Seiten 7–37, in Englisch). In der Mitte des 19. Jahrhunderts etablierte sich in der Enge der Städte insbesondere im Norden vorübergehend das Trabrennen als beliebtester Zuschauersport sowie Ruhm und Geld verheißender Pedestriantismus und das Boxen mit bloßen Händen sowie Billard, denen trotz moderner Elemente jedoch nicht immer der Übergang in die Moderne gelang.Melvin L. Adelman: Pedestrianism, Billiards, Boxing, and Animal Sports, in: Sport in America. From Colonial Leisure to Celebrity Figures and Globalization. Volume II, herausgegeben von David K. Wiggins. Champaign, IL; Windsor, ON; Leeds, UK; Lower Micham, SA; Albany, North Shore City, Auckland, NZ, 2010: Human Kinetics. ISBN 978-0-7360-8561-8 (Seiten 45–83, in Englisch).

Auch wenn Körperlichkeit im Viktorianischen Zeitalter mit Misstrauen begegnet wurde, formte sich zunächst in England 1844 eine Allianz aus Religion, Moral und Sport, die 1851 von amerikanischer Seite aufgegriffen wurde, was in der Gründung der Young Men’s Christian Association (YMCA) auf beiden Seiten des Atlantik resultierte. Europäische und insbesondere britische Reisende, wie beispielsweise Charles Dickens hatten den bemitleidenswerten körperlichen und geistigen Zustand der zu schnell in die Arbeitswelt entlassenen amerikanischen Jugend kritisiert und dieser Kritik konnte nur schwer widersprochen werden. Am Beispiel des seinerzeit äußerst populären Romans Tom Brown’s School Days begannen junge Amerikaner deshalb, Sport als Vehikel einer ganzheitlichen Entwicklung zu begreifen, die Selbstkontrolle verlangte und Begriffe wie Ehre, Fairplay und Charakter vermittelte. So gab es 1852 die erste Ruderregatta zwischen den Universitäten Harvard und Yale und in derselben Dekade initiierten Studenten von Amherst, Brown, Harvard, Williams und Yale Baseballspiele zwischen ihren Universitäten.

Mitte des 19. Jahrhunderts hatte sich nämlich aus Schlagballspielen wie Rounders oder Stoolball das sogenannte New York Game entwickelt, der Baseball, wie wir ihn heute kennen. Er wurde ursprünglich von Familienvätern und Handwerkern betrieben, die sich in Clubs zusammenschlossen, die nach ihren Zünften und Gilden benannt waren und die die idealisierte Bruderschaft einer Amateursport-Elite propagierten. Sie grenzten sich aufgrund ihres gesellschaftlichen und ökonomischen Hintergrundes von der oben erwähnten Gangkultur der Junggesellen und Tagelöhner ab, waren in ökonomischer Hinsicht aber auch fern der Ruder- und Yachtclubs der Oberschicht. Während Sport ethnischen Einwanderergruppen erlaubt hatte, untereinander ihre Kultur zu pflegen – den Deutschen durch Turnen, den Schotten durch ihre die Leichtathletik vorwegnehmenden kaledonischen Spiele und den Briten durch Cricket – formte Baseball mit seinem Spielvokabular einen von Schicht und Kooperation geprägten Heim(at)begriff. Baseball erlaubte damit nicht nur die Domestikation des Mannes im Viktorianischen Zeitalter, sondern etablierte auch ein kulturelles Männerbild, das durch die Bewegung der Muscular Christianity in den YMCAs propagiert worden war, um als Gegengewicht zu den weiblichen Idealen jener Epoche einer Verweichlichung und Feminisierung der männlichen Jugend zuvorzukommen. Der YMCA diente aber genauso wie die später von Luther Gulick gegründete Playground Association der Etablierung einer angelsächsischen Leitkultur gegenüber den sich mittlerweile in der Mehrheit befindlichen Einwanderern und deren Kontrolle während ihrer Freizeit.

Im Gegensatz zum Baseball war Football ein Sport der Oberschicht. Wie auch andere studentische Aktivitäten, wurde er von Studenten organisiert und glich in den 1860er und 1870er Jahren eher dem britischen Rugby in Harvard und Fußball in Yale. Nachdem sich die Harvard-Variante durchgesetzt hatte, organisierte der Spieler Walter Camp als Stratege, Taktiker, Innovator und Repräsentant des Spiels das Yale-Team ab 1876 bürokratisch straff und sorgte in Regelkomitees für den Wandel von Rugby zum modernen Football, etwa durch die Line of Scrimmage, die Serie von Downs oder neue Formen des Tacklings. Camp entwickelte sich zur dominantesten Figur des Sports für beinahe fünfzig Jahre, blieb nach seinem Abschluss in Medizin zwei weitere Jahre an der Universität, um weiterspielen zu können und entwickelte nach seinem endgültigen Abschied zusammen mit seiner Frau Spiel- und Trainingsanalysen für Yale, das bis 1909 lediglich 14 Spiele verlor. Während im Baseball, der vom Football bis in die 1970er Jahre nicht als größter Zuschauersport abgelöst werden sollte, alle Mitglieder eines Teams dieselben Aufgaben und Fähigkeiten besitzen ähnlich dem Kollegium einer Handwerksmanufaktur, ist Football deutlich industrieller geprägt: Komplexe Prozesse werden in eine Vielzahl unterschiedlicher kleiner, sich wiederholender Aufgaben aufgeteilt, deren Funktion sich dem spezialisierten Fokus des einzelnen Spielers nicht mehr unmittelbar eröffnet. Das spiegelte sich nicht nur in einem unterschiedlichen Spielvokabular, sondern auch in der Tatsache, dass Uhrenfabrikant Camp Football zum ersten Zuschauerspiel mit einer Spieluhr gemacht hatte.

Die Oberschichts-Söhne der amerikanischen Brahmanen waren vom Curriculum ihrer Universitäten, das für sie in ihrer Erziehung als Erben des Familienbesitzes nur eine untergeordnete Rolle hatte, derart gelangweilt, dass sie sich stattdessen als Spieler oder Cheerleader im Football engagierten. Hier trafen sie zukünftig einflussreiche Geschäftspartner, mit denen sie sowohl emotionale als auch intime Momente teilten. Ein Slogan jener Zeit war: „Lass Bildung nicht deine Erziehung ruinieren“. Die Footballkultur umspannte Generationen von Anführern und Firmenbossen und war darüber hinaus lukrativ – das Spiel der beiden besten College-Teams an Thanksgiving in New York City (meistens Yale und Princeton) zog in den 1890er Jahren bis zu 40000 Zuschauer an. In diesen Jahren hatte der Football dermaßen an Bedeutung gewonnen, dass es zu einer lebensgefährlichen Brutalisierung gekommen war. Theodore Roosevelt forderte deswegen 1905 von Camp als Regelhüter die Gründung eines das Spiel regelnden Verbandes, dem Vorläufer der heutigen National Collegiate Athletic Association (NCAA). Zu diesem Zeitpunkt hatten sich die Machtstrukturen an den meist privaten Universitäten allerdings bereits massiv verändert.

Die Alumni hatten die vollständige Kontrolle über den College-Sport übernommen und damit über das wichtigste Public Relations-Instrument für die Spendenakquisition und die nach den Studiengebühren wichtigste Einnahmequelle. Yales jährlicher Football-Umsatz entsprach am Ende des 19. Jahrhunderts bereits einem Achtel der gesamten Universitätseinnahmen. Da die Universitäten auf den Nachwuchs der Eliten angewiesen waren, widersprachen auch Kuratorien und Board of Trustees allen Versuchen, die Athletikabteilungen wieder unter die Kontrolle der Universitäten zu bringen. Das Bündnis aus Studenten und Alumni hatte Colleges und Universitäten auf diese Weise zu einem Ort der Sozialisation gleich der Bildung gemacht.Elliott J. Gorn, Warren Goldstein: A Brief History of American Sports. Urbana, Springfield, and Chicago, 1993 und 2013: University of Illinois Press. ISBN 978-0-252-07948-1 (Seiten 3–169, in Englisch).