Der Kartell-Convent der Verbindungen deutscher Studenten jüdischen Glaubens (K.C.) war von 1896 bis 1933 ein deutschnationaler Korporationsverband jüdischer Studentenverbindungen. Im Jahr 1913 hatte er etwa 930 Mitglieder in zehn VerbindungenFAZ, 2. Dezember 2008., 1925 waren es 26 Verbindungen.Ernst Hans Eberhard: Handbuch des studentischen Verbindungswesens. Leipzig 1924/1925.
Gründung und Selbstverständnis mini|Heidelberger K.C.-Studenten (1906) Der K.C. wurde 1896 gegründet. „Als erste K.C.-Verbindung war die Viadrina Breslau von jungen Medizinern und einem jüdischen Theologen gegründet worden. Die Denkschrift offenbart eine ungewöhnliche Urteilskraft und persönliche Reife der Gründer. Sie wollte das stark durch antisemitische Propaganda erschütterte Selbstvertrauen der jüdischen Bevölkerung im allgemeinen und der jüdischen Studenten im besonderen stärken.“Adolph Asch: Der Kampf des Kartellverbandes jüdischer Korporationen (K. C.) gegen den Antisemitismus. In: Einst und Jetzt. Jahrbuch des Vereins für corpsstudentische Geschichtsforschung, 1971, Jg. 16, S. 147–154, hier S. 150; eine ausführlichere Fassung des Beitrags in englischer Spreche findet sich im Leo Baeck Institute Yearbook (LBIYB), 1958, Jg. 3, S. 122–139. „Diese Ziele lassen erkennen, daß ihre Mitglieder zu den Juden zählten, die sich bewußt als deutsche Staatsbürger fühlten und durch die gesellschaftliche Entwicklung ins Hintertreffen gekommen waren. Diese Gruppe hätte von vornherein ihre Bedeutung gehabt, wenn nicht die Verleihung von Staatsbürgerrechten an Juden so stürmisch bei der sogenannten Emanzipation durchgeführt worden wäre.“Siegfried Schindelmeiser: Die Albertina und ihre Studenten 1544 bis WS 1850/51 und Die Geschichte des Corps Baltia II zu Königsberg i. Pr. (1970–1985). Erstmals vollständige, bebilderte und kommentierte Neuausgabe in zwei Bänden mit einem Anhang und zwei Registern. Hrsg.: R. Döhler und G. v. Klitzing. München 2010, ISBN 978-3-00-028704-6, Band 2, S. 18. In Königsberg, der nach Berlin und Breslau größten jüdischen Gemeinde, gehörte die Friburgia (1912) zum K.C. Die Friburgia lehnte den Zionismus ab.Robert Albinus: Königsberg-Lexikon. Stadt und Umgebung. Flechsig, Würzburg 2002, ISBN 3-88189-441-1.
Indem er sich zur Genugtuung mit der Waffe bekannte, stand der Kartell-Convent in Gegensatz zu den Verbindungen im Verband jüdischer Studentenvereine (in Königsberg die Makkabäa von 1904). Der K.C. pflegte das Säbelfechten in besonderer Weise und erstrebte die Anerkennung seiner Waffen. Der Allgemeine Deutsche Waffenring lehnte das ab, verweigerte aber nicht die persönliche Genugtuung.Deutsche Corps-Zeitung, 37. Jg., S. 185
mini|Handzettel (1920) vom Reichsbund jüdischer Frontsoldaten Als 1919 in der gesamten Studentenschaft die sogenannte Judenfrage erörtert und in Hannover und München der Ausschluss aller jüdischen Studenten aus der Deutschen Studentenschaft gefordert wurde, gab der Kartell-Convent seine Verluste im Ersten Weltkrieg und die Zahl der verliehenen Auszeichnungen bekannt.Deutsche Corpszeitung, 36. Jg., S. 24
Aus zionistischer Sicht war der K.C. Teil des „Abwehrjudentums“, das sich als Reaktion auf den zunehmenden deutschen Antisemitismus gebildet hatte und dessen patriotische Deklarationen und Identitätserklärungen an das Deutschtum als „würdelos“ empfunden wurden.
Nachleben Noch Jahrzehnte nach der Auflösung des Kartell-Convents 1933 pflegten einige der Alten Herren, die aus Deutschland emigriert waren, dessen Traditionen fortzuführen. So hielt der K.C. 1957 in New York eine Gedächtnisfeier anlässlich des 80. Geburtstages von Ludwig Holländer.Leo Baeck Institute Archives, New York, Ludwig Holländer Collection, Bestand AR 186; .
Bekannte Mitglieder mini|Bünde des Kartell-Convents, Berlin 1931Ludwig Guttmann (1899–1980), deutscher Neurochirurg und Behindertensportlobbyist Ludwig Haas (1875–1930), Politiker, Mitglied des Reichstags, badischer Innenminister Magnus Hirschfeld (1868–1935), Arzt und Sexualforscher Ludwig Holländer (1877–1936), Jurist, Mitgründer des Philo-Verlags, Vorstandsmitglied des Central-Vereins Benno Jacob (1862–1945), Rabbiner, Mitgründer der Viadrina Breslau Julius Kleeberg (1894–1988), Mediziner Leo Löwenstein (1879–1956), Chemiker, Offizier und Vorsitzender des RjF Ludwig Marum (1882–1934), SPD-Politiker, KZ-Opfer
Mitgliedsverbindungen Die Sortierung erfolgt alphabetisch nach Hochschulort. Name Ort Gründung Farben Wappen ZirkelAnmerkungSpreviaBerlin 1894 gelb-weiß-schwarzVinetaBerlin 1919 orange-silber-blauSilesiaBerlin 1919 violett-silber-hellgrünRheno-SilesiaBonn 1899 hellblau-gold-schwarz ThuringiaBreslau 1901 schwarz-blau-rotViadrinaBreslau 1886 schwarz-gold-rot erste exklusiv jüdische Verbindung Deutschlands, 1894 durch Rektor und Senat wegen zu großer Fechtfreudigkeit aufgelöst, AHV bestand weiter und trat dem KC bei.SaxoniaBreslau1896 violett-weiß-rot 80px Teile gründeten 1901 die Thuringia Breslau.MacariaDanzig 1924 orange-weiß-violettViadrinaDarmstadt 1903 violett-silber-rot NassoviaFrankfurt a. M.1915 orange-weiß-schwarz „1915 gründete sich in Frankfurt am Main die Nassovia, eine deutschnational und konservativ ausgerichtete jüdische Organisation. Ihre Mitglieder pflegten Traditionen wie das Fechten mit scharfen Waffen. Sie bekundeten damit Mut und Ehre, die sie sich nicht nehmen lassen wollten. Ihr kämpferischer Wahlspruch lautete: »Niemand reizt mich ungestraft!«“Couleurband der Studentenverbindung Nassovia aus dem Besitz von Manfred Kaufmann (1910–1999). Jüdisches Museum Frankfurt.GhibelliniaFreiburg i.Br. 1897 schwarz-weiß-hellblau StaufiaGießen 1919 schwarz-gelb-blauVisurgiaGöttingen 1919 grün-silber-violettMakariaGreifswald violett-weiß-dunkelgrünAlbingiaHalle (Saale) 1918 violett-weiß-schwarz SaxoniaHamburg 1919 schwarz-silber-dunkelblau SueviaHannover 1919 dunkelrot-blau-gold BavariaHeidelberg 1890 violett-weiß-orange 80px|rahmenlos gegründet als Badenia, 1901 verboten, 1902 als Bavaria wiedergegründetBadeniaKarlsruhe 1905 grün-weiß-orangeRheno-GuestphaliaKöln 1919 hellblau-weiß-silberFriburgiaKönigsberg1912 schwarz-silber-rotSaxo-BavariaLeipzig 1912 grün-weiß-blauHassiaMarburg 1919 violett-weiß-grün Anfangs violettrote, später graue Mützen. Vertagte sich im Wintersemester 1921/22.Georg Heer: Marburger Studentenleben 1527 bis 1927. Eine Festgabe zur 400jährigen Jubelfeier der Universität Marburg. Marburg 1926, S. 179AV SueviaMannheim 1919 schwarz-gold-grünLicariaMünchen 1895 grün-weiß-schwarzRheno-BavariaMünster 1918 gold-rot-gold 80px|rahmenlosHanseaRostock schwarz-gold-grünIsariaStraßburg1903 schwarz-gold-grünRheno-PalatiaWürzburg 1919 grün-weiß-rosa
Literatur Kurt U. Bertrams: Der Kartell-Convent und seine Verbindungen. Hilden 2008, ISBN 3-933892-69-4 Ernst Hans Eberhard: Handbuch des studentischen Verbindungswesens. Leipzig 1924/1925. Bernhard Grün, Christoph Vogel: Die Fuxenstunde. Handbuch des Korporationsstudententums. Bad Buchau 2014, S. 223, ISBN 978-3-925171-92-5. Harald Lönnecker: „Demut und Stolz, … Glaube und Kampfessinn“. Die konfessionell gebundenen Studentenverbindungen – protestantisch, katholisch, jüdisch. In: R. C. Schwinges (Hrsg.): Universität, Religion und Kirchen. 2009 (Veröffentlichungen der Gesellschaft für Universitäts- und Wissenschaftsgeschichte). Fritz Roubicek: Von Basel bis Czernowitz – die jüdisch-akademischen Studentenverbindungen in Europa. Wien 1986 Miriam Rürup: Ehrensache. Jüdische Studentenverbindungen an deutschen Universitäten 1886–1937. Göttingen 2008 Siegfried Schindelmeiser: Die Albertina und ihre Studenten 1544 bis WS 1850/51 und Die Geschichte des Corps Baltia II zu Königsberg i. Pr. (1970–1985). Erstmals vollständige, bebilderte und kommentierte Neuausgabe in zwei Bänden mit einem Anhang und zwei Registern. Hrsg.: R. Döhler und G. v. Klitzing. München 2010, ISBN 978-3-00-028704-6, Band 2, S. 18 und 211 Harald Seewann: „Für Volkes Ehr´ und Wohl!“ Die Jüdisch-nationale akademische Verbindung Hasmonaea Czernowitz (1891–1940) und der Kampf um die Anerkennung der jüdischen Nationalität. In: Einst und Jetzt, Jahrbuch des Vereins für corpsstudentische Geschichtsforschung, 2007, Band 52, S. 163–198
Weblinks Christian Käselau: Der Kartell-Convent der Tendenzverbindungen deutscher Studenten jüdischen Glaubens als ein Beispiel für jüdische Korporationsverbände im Deutschen Kaiserreich und in der Weimarer Republik. uni-wuerzburg.de, 1999. Digitalisate der K.C.-Blätter. ub.uni-frankfurt.de
Einzelnachweise
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