Die Forschungsgemeinschaft Deutsches Ahnenerbe e. V. war eine Forschungseinrichtung der SS, die am 1. Juli 1935 von Heinrich Himmler (Reichsführer SS) und dem niederländischen Privatgelehrten Herman Wirth als „‚Deutsches Ahnenerbe‘ Studiengesellschaft für Geistesurgeschichte e. V.“ gegründet wurde.Amtsgericht Charlottenburg von Berlin, Vereinsregister, 95 VR 7996, Registerblatt. (Der Verein ist in dieser oben genannten amtlichen Schreibweise eingetragen worden. Bei Kater, Ahnenerbe, S. 11, findet sich hingegen die Schreibweise „Studiengesellschaft für Geistesurgeschichte ‚Deutsches Ahnenerbe‘“. Diese hat sich vermutlich als Kopierfehler in der Literatur verbreitet.) Sie firmierte ab 20. März 1937 als „Das Ahnenerbe e. V.“ Seit dem 17. März 1942 bestand die auch als SS-Ahnenerbe bezeichnete Gemeinschaft parallel als Amt A innerhalb des „Hauptamtes Persönlicher Stab Reichsführer-SS“. Es ist nicht zu verwechseln mit der Ahnenerbe-Stiftung. Diese 1937 ins Leben gerufene, „gemeinnützige“ Institution hatte das Ziel, als Finanzträger der Forschungsgemeinschaft zu fungieren. Dafür musste die Anton Loibl GmbH auf Anweisung Himmlers jährlich bestimmte Gewinnanteile an die Stiftung abführen.Enno Georg: Die wirtschaftlichen Unternehmungen der SS. Schriftenreihe der Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte 7, Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt, 1963, S. 19. mini|hochkant|Emblem der Forschungsgemeinschaft Deutsches Ahnenerbe
Nach außen standen archäologische, anthropologische und geschichtliche Forschungen sowie Expeditionen als Arbeitsgegenstand. Eigentlich jedoch war es ein Instrument nationalsozialistischer Kulturpolitik. Während des Zweiten Weltkrieges beteiligte sich das Ahnenerbe am systematischen Kunstraub. Seine Leitungsebene war identisch mit der aus dem Ahnenerbe hervorgegangenen „Institut für wehrwissenschaftliche Zweckforschung“, das für andere Einrichtungen wie die Luftwaffe, aber auch eigeninitiativ Menschenversuche in nationalsozialistischen Konzentrationslagern wie Natzweiler-Struthof und Dachau sowie dessen Außenlagern Schlachters, Forelle und Lochau durchführte. Daneben nutzte der stark an okkulten Themen interessierte Himmler das Ahnenerbe als Apparat für weitere Projekte im persönlichen Interesse.
Amtschef des Amtes A im Hauptamt Persönlicher Stab Reichsführer-SS war ab dem 17. März 1942 der Indologe und Ahnenerbe-Kurator Walther Wüst, sein Stellvertreter war der Reichsgeschäftsführer des SS-Ahnenerbes Wolfram Sievers. Ahnenerbe-Präsident Himmler war auch in dieser Konstellation formal Vorgesetzter. Über das Amt A wurden 197 von 281 angeforderten Planstellen (Stand 1943) des Ahnenerbes bezahlt, für die restlichen 84 Stellen kam Das Ahnenerbe e. V. auf.
Die Organisation ermöglichte einigen ariosophischRené Gründer: Germanisches (Neu-)Heidentum in Deutschland: Entstehung, Struktur und Symbolsystem eines alternativ-religiösen Feldes. Logos, Berlin 2008. -okkultistischen Protagonisten wie Herman Wirth und Karl Maria Wiligut eine zumindest zeitweise prestigeträchtige Integration in das nationalsozialistische System. Demgegenüber wurden etliche völkische Gruppierungen verboten, einzelne Vertreter wie der Runenokkultist Friedrich Bernhard Marby wurden verhaftet oder wie Ernst Wachler zunehmend marginalisiert. Im Laufe der Zeit entwickelte sich die Einrichtung zu einem berüchtigten Dreh- und Angelpunkt für Fiktion, Pseudoarchäologie und Verschwörungstheorien.
Gründungszweck und Institute Mit der Gründung der Forschungsgemeinschaft Deutsches Ahnenerbe 1935 in Berlin baute sich Himmler eine personenbezogene Institution auf, deren Aufgabe es sein sollte, „Raum, Geist, Tat und Erbe des nordrassischen Indogermanismus zu erforschen“.Ernst Klee: Deutsche Medizin im Dritten Reich. Karrieren vor und nach 1945. S. Fischer, Frankfurt am Main 2001, ISBN 3-10-039310-4, S. 168, Anm. 58. Das eigentliche Ziel jedoch bestand in der Infiltration der nationalsozialistischen Ideologie in- und außerhalb der bestehenden Strukturen des NS-Herrschaftsapparates, um Himmler letztendlich seine Stellung im nationalsozialistischen Machtapparat auf Dauer zu sichern. Das bezog die schrittweise Überstülpung der Weltanschauung und politischen Macht der SS auf das bestehende deutsche Kultur- und Geistesleben ein. So wurde bereits 1936 als unmittelbare Aufgabe formuliert, den „erbmäßigen Eigenwert der Deutschen Seele zu schützen, zu erhalten und vor Verkümmerung zu bewahren“.Was will das Deutsche Ahnenerbe? (vom Januar 1936), in: Michael H. Kater: Das „Ahnenerbe“ der SS 1935–1945 (Studien zur Zeitgeschichte 6). Oldenbourg Verlag, München 1997, S. 53f. Dazu hofften die Gründer, mit einer solchen Institution ihre weltanschaulichen Positionen für das zukünftige Deutsche Reich „wissenschaftlich“ absichern zu können, um ihnen mehr Gewicht zu verleihen. Das auf den ersten Blick verwirrende und abstruse Spektrum an Untersuchungsbereichen der Institute der Forschungsgemeinschaft Deutsches Ahnenerbe diente in seiner Gesamtheit dem Zweck, die NS-Rassenideologie des „Arischen Herrenmenschen“ wissenschaftlich zu untermauern und daraus abgeleitete Verbrechen wie ethnische und kulturelle Verfolgung pseudowissenschaftlich zu legitimieren. Himmler selbst ließ sich um die Jahreswende 1938/1939 zum Präsidenten der Forschungsgemeinschaft erheben.
Mittels einiger Institute – wie dem „Institut für wehrwissenschaftliche Zweckforschung“ oder dem später in dieses integrierte Entomologische Institut – wurde versucht, das Ahnenerbe zu erhalten, dessen Forschungen bislang eher weniger kriegswichtig waren. Insbesondere Wolfram Sievers strebte als faktischer Direktor des Instituts für wehrwissenschaftliche Zweckforschung danach, wehrmedizinische Erkenntnisse zu erlangen, um Himmler als Chef der Waffen-SS gegenüber den Chefs der anderen Teilstreitkräfte politisches Kapital zu verschaffen. Zudem versuchte er, über die geplanten Einkünfte, beispielsweise für das Hämostyptikum „Polygal“ oder das Rostschutzmittel „Sicabo“, das Ahnenerbe noch unabhängiger von bisherigen Finanzierungsstrukturen zu machen. In den unverdächtig erscheinenden Instituten für Volkskunde und Kunst gewann man wichtige Informationen für die Germanisierung eroberter Gebiete und das Erschließen von Geldquellen durch den Raub von Kunstschätzen.
Das Ahnenerbe der SS begann seine Tätigkeit im Sommer 1935 in Berlin C 2 (Berlin-Mitte), Brüderstraße 29/31, in doppelter Form abgedeckt durch das am gleichen Standort etablierte Kaufhaus „Rudolf Hertzog“ und als eingetragener Verein mit der Bezeichnung als „Studiengesellschaft für Geistesurgeschichte“. Herman Wirth war im April gleichen Jahres in eine Wohnung unter dieser Adresse gezogen und hatte hier mit der Organisation einer Freilichtschau „Lebensbaum im germanischen Brauchtum“ begonnen. Heinrich Himmler war Vorsitzender des Kuratoriums vom Ahnenerbe. Bereits ein Jahr später erfolgte eine Änderung des Namens in „Das Ahnenerbe“ und eine Satzungsänderung, die durch einen Brief auf dem Kopfbogen des Reichsführer-SS beantragt wurde. Auf Grund der Erweiterung des Arbeitsgegenstandes und Zugliederung von neuem Personal wurde 1937 ein weiterer Standort in die Raupachstraße 9 in Berlin eröffnet. Ab 1939 übernahm die Institution das arisierte Anwesen von Rudolf Löb in der Pücklerstraße 16 in Berlin-Dahlem. Unter Beibehaltung dieser Adresse zog die Führungsebene um Wolfram Sievers im August 1943 ins weniger bombengefährdete Waischenfeld in Oberfranken, wo es das ehemalige Rentamtsgebäude vom „SS-Hauptamt Volksdeutsche Mittelstelle“ übernahm.
Verhältnis zu anderen Einrichtungen Durch den Fokus der ersten Jahre des Ahnenerbes auf germanische Geschichte und Vorgeschichte waren Konflikte mit anderen nationalsozialistischen „Forschungseinrichtungen“ abzusehen. An erster Stelle ist dabei das Amt Rosenberg zu nennen, dessen Leiter Alfred Rosenberg sich schon vor der Gründung des Ahnenerbes einen ideologischen Kleinkrieg mit Herman Wirth lieferte. Ein anderer Konkurrent war in den ersten Jahren Karl Maria Wiligut, der Leiter des Amtes für Vor- und Frühgeschichte im Rasse- und Siedlungshauptamt. Da Himmler ihn als eine Art persönliches Medium betrachtete, war das Ahnenerbe gezwungen, mit Wiligut zusammenzuarbeiten, dessen bizarre Gedankenwelt keinerlei Anspruch auf Wissenschaftlichkeit erheben konnte.
mini|„Heinrichsfeier“ 1938: Himmler legt einen Kranz am Grab von Heinrich I. in der Stiftskirche Quedlinburg ab. Die „Heinrichsfeiern“ wurden 1936 bis 1939 von der SS begangen, nachdem Archäologen des Ahnenerbes dort mit der Suche nach den Gebeinen Heinrichs I. begonnen hatten.
Vorkriegszeit Im Oktober 1936 wurde die „Pflegstätte für Germanenkunde“ in Detmold (Hermannsdenkmal) übernommen. Zur Pflegstätte gehörte auch der sogenannte „Führungsdienst Externsteine“, betreut durch Wilhelm Teudt. Diese Sandstein-Felsformationen wurden als „Kultstätte der Ahnen“ verehrt. Auch vermutete man dort den Ort einer Irminsäule, die von Karl dem Großen zerstört worden sei.
Gemäß Himmlers Befehl vom 11. August 1938 schieden Ende Oktober desselben Jahres alle mit wissenschaftlichen Forschungsfragen befassten Mitarbeiter aus dem Rasse- und Siedlungshauptamt aus. Die Abteilungsleiter wurden in den Persönlichen Stab Reichsführer-SS übernommen. Einige Mitarbeiter arbeiteten nebenberuflich für das Ahnenerbe. Mit der Satzungsänderung des Ahnenerbes vom 20. März 1937 war es Himmler gelungen, den Einfluss Walther Darrés auf das Ahnenerbe auszuschalten. Dieser hatte über den Reichsnährstand das Ahnenerbe in den ersten Jahren erheblich mitfinanziert und seine Gewährsleute George Ebrecht, Richard Hintmann und Erwin Metzner im Ahnenerbe als einflussreiche Gründungsmitglieder platziert.
In der Satzung wurde ebenfalls Wirth aus der Führungsebene des Vereins verdrängt. Dessen spekulative und skurrile Ideen standen im Widerspruch zu dem angestrebten Ideal echter Wissenschaftlichkeit. Unter der Leitung von Wolfram Sievers als Reichsgeschäftsführer und Walther Wüst als Präsident (bis 1. Januar 1939) expandierte das Ahnenerbe beträchtlich. Es umfasste bald mehrere Dutzend Forschungsabteilungen. Hinzu kamen Fotolabore, ein Museum, eine Bildhauerwerkstatt sowie mehrere Bibliotheken und Archive in München, Salzburg und Detmold. Die Finanzierung und Auswertung von Ausgrabungen (u. a. im Quedlinburger Dom, wo die Gebeine Heinrichs I. gesucht wurden, in Haithabu durch Herbert Jankuhn) sowie von Expeditionen wie der Tibet-Expedition unter Leitung von Ernst Schäfer 1938 machte sich der Verein ebenso zur Aufgabe wie die Veranstaltung von Tagungen und Kongressen. Für die Grabungen von Haithabu wurde über die Hälfte des zur Verfügung stehenden Ausgrabungsetats verwendet.Henning Bleyl: Wikinger jetzt nazifrei. Online auf www.taz.de vom 1. März 2013, abgerufen am 2. März 2013. Gleichzeitig versuchte man gemeinsam mit dem Sicherheitsdienst (SD) der SS Einfluss auf die offizielle Wissenschaftspolitik zu nehmen und die Besetzung von Lehrstühlen zu kontrollieren.
Aktivitäten während des Krieges