mini|Grab von Eugen Kalkschmidt auf dem Waldfriedhof in München-Solln Eugen Kalkschmidt (* 10. Dezember 1874 in Buddelkehmen, (heute: Budelkiemis); † 1. Februar 1962 in München) war ein deutscher Schriftsteller, Redakteur, Kunsthistoriker und Schauspieler. Am 3. Juli 1905 heiratete er die Malerin Olga Therese Batsch.Familie Batsch e. V. Verein der Angehörigen der Familie Batsch e. V. Abgerufen am 25. Juli 2011. Seine Tochter Beate Kalkschmidt (1933–2013) wurde ebenfalls schriftstellerisch tätig.. Abgerufen am 25. Juli 2011. Eugen Kalkschmidt ist auf dem Waldfriedhof in München-Solln beigesetzt.

Leben Kindheit und Herkunft Eugen Kalkschmidts Kindheit spielte sich größtenteils auf dem elterlichen Hof südlich der Stadt Memel im gleichnamigen Memelgebiet in Ostpreußen ab. Der an damaligen Verhältnissen gemessene mittlere Besitz der Familie grenzte direkt an das Gut der Großeltern mütterlicherseits, die dort schon seit dem 18. Jahrhundert ansässig waren. Der Vater (geb. am 2. September 1832), ein armer Sohn aus der Tilsiter Niederung, hatte seinen Rang als Gutsbesitzer der beachtlichen Mitgift seiner ersten Frau zu verdanken. Kalkschmidt selbst beschreibt seine Kindheit als einsam und „unter [den] trüben Gestirnen elterlicher Zwietracht“.Eugen Kalkschmidt: Von Memelland bis München. Erinnerungen. Stromverlag, Hamburg-Bergedorf 1948, S. 51. Die leibliche Mutter war wenige Tage nach seiner Geburt gestorben. Kalkschmidt wuchs zusammen mit vier Geschwistern bei Vater und Stiefmutter auf. Trotz der häuslichen Situation und der ländlichen Abgeschiedenheit entwickelte er während seiner frühen Kindheitsjahre auf dem Gut eine starke Heimatverbundenheit, die ihn sein Leben lang prägen sollte.

Schuljahre Nach dem Besuch der Dorfschule wechselte Kalkschmidt aufgrund seiner guten Leistungen auf das Gymnasium in Memel. Damit begann auch sein Leben fernab des Hofes und des familiären Umfelds in wechselnden Pensionen, denn der Ort war zu weit weg, um jeden Tag wieder nach Hause fahren zu können. Zwei Jahre wurde er unter anderem auch in Latein und Französisch ausgebildet, bis ein vorsätzlich gelegtes Feuer das Wirtschaftsgebäude der Eltern samt dem nicht versicherten Inhalt vernichtete. Die finanzielle Notsituation zwang den wissbegierigen Schüler auf eine Bürgerschule mit sechs Klassen, später konnte er jedoch wieder auf ein Gymnasium in Tilsit wechseln.

Lehrjahre Im Alter von 14 Jahren wurde Eugen Kalkschmidt durch den Selbstmord der Stiefmutter zum Halbwaisen. Der Vater kam aufgrund des Verdachts auf Brandstiftung am eigenen Besitz in Haft, die Schuldenlast der Familie führte zu einer Zwangsversteigerung des Guts. Durch die finanzielle Hilfe der Großmutter wurden Kalkschmidt zwei weitere Ausbildungsjahre ermöglicht. Er entschied sich gegen die von ihm ersehnte höhere Bildung und fügte sich notgedrungen in eine berufliche Ausbildung. Trotz des Freispruchs des Vaters ging das Gut samt Versicherungssumme nun an den Onkel, wodurch Kalkschmidt eine landwirtschaftliche Ausbildung versagt blieb. Er verließ die Heimat und ging nach Berlin, um dort eine kaufmännische Ausbildung zu beginnen.

Der darauffolgende berufliche Werdegang war wechselhaft. Auf eine Lehrstelle als Buchhalter folgte eine Stelle bei einem Kolonial- und Delikatessenladen. Beide kündigte er. Nach kurzer Hilfsarbeit in einem Sargmagazin begann Kalkschmidt seine dritte Lehre in einem Papiergeschäft mit Druckerei und Buchbinderei in der Nähe von Insterburg, wo er bei seiner Schwester unterkam. Die Nähe zu Büchern übte einen großen Reiz auf ihn aus, dennoch wollte er im Alter von 15 Jahren nicht mehr „lernen wie man Geschäfte macht, sondern wie man geistige Schätze sammelt“.Eugen Kalkschmidt: Von Memelland bis München. Erinnerungen. Stromverlag, Hamburg-Bergedorf 1948, S. 116. Für seine vierte Lehrstelle ging er zurück nach Tilsit. Dort bemühte er sich während seiner Ausbildung in der „Buch-, Kunst- und Musikalienhandlung Lohauß“ verzweifelt um das Selbststudium, wozu ihm jedoch weder Zeit noch Geld blieb. Der Buchhandel und die damit verbundenen Journal-Lesezirkel sagten ihm zwar mehr zu als die bisherigen Lehrstellen, dennoch vermisste Kalkschmidt eine genügende Stillung seines Bedürfnisses nach Wissen.

Der Bankrott seines Ausbilders führte ihn weiter zur Buchhandlung Lohberg nach Schmalkalden in Thüringen. Ca. 1892 wurde er dort im Alter von 17 Jahren Mitglied des kaufmännischen Vereins, der ihm im Rahmen von Ausflügen in die Natur etwas Bildung und ein Kennenlernen von Land und Leuten ermöglichte. Nach zwei Jahren in Thüringen schloss er seine fünfte, jedoch noch nicht letzte Lehrstelle erfolgreich ab. Ca. 1894 verließ Eugen Kalkschmidt nach der Militärausbildung seine neu gewonnene Heimat München in Richtung Hamburg. Es folgt eine Stelle als zweiter Gehilfe in einer Buch- und Seekartenhandlung, welche er nach zwei Jahren kündigte, um eine akademische Ausbildung zum Schauspieler zu machen.

Militärdienst Mit 18 Jahren begann für Eugen Kalkschmidt die militärische Dienstpflicht. Aus Angst vor dem für Misshandlungen berüchtigten preußischen Soldatentum meldete er sich bereits vor dem Dienstalter, um sich Garnison und Truppe selbst wählen zu können. Die Zeit für das Selbststudium hatte höchste Priorität und so fiel die Entscheidung gegen den Felddienst, auf die Ableistung des Dienstes im Bezirkskommando in München. Nach sechs Wochen Truppe trat er bereits seinen zweijährigen Schreiberdienst im Offiziersbüro an, welchen er 1894 mit dem Grad des Unteroffiziers abschloss.

Theaterleben Bereits während seiner Zeit beim bayrischen Militär entstand bei Kalkschmidt eine „höhere Sehnsucht [nach] den Gefilden der Kunst“Eugen Kalkschmidt: Von Memelland bis München. Erinnerungen. Stromverlag, Hamburg-Bergedorf 1948, S. 151.. Das Theater mit seinem „Kulissenzauber“, zog ihn dabei besonders an. 1896 begann Kalkschmidts Schauspielzeit im „Königlichen Konservatorium für Musik und Theater“ in Dresden und somit auch seine siebte Lehre. Nach mehreren Gastspielen, u. a. auch am Dresdner Residenztheater, brach er die Schauspielschule nach einjährigem Studium vorzeitig ab und unterzeichnete einen Kontrakt als „Schauspieler mit Chorverpflichtung“ am Stadttheater in Flensburg. Schnell fühlte sich Kalkschmidt, der sich selbst auch sehr intensiv mit Literatur und Lyrik auseinandergesetzt hatte, von der hiesigen Theaterdichtung unterfordert. Im Stadttheater schien ihm alles „ermüdend und kraftlos“.Eugen Kalkschmidt: Von Memelland bis München. Erinnerungen. Stromverlag, Hamburg-Bergedorf 1948, S. 191. Es gab für ihn nur „schematische Charaktere“ und „papierne Dialoge“. Erst nach einem Wechsel zur literarischen Gesellschaft in Leipzig im Januar 1898, wo er sich drei Monate mit dem "Ibsen-Theater" auf Wanderschaft befand, änderte sich dies. Er war unter Akademikern, die Erwartungen waren anspruchsvoll. Hier kam Kalkschmidt in Kontakt mit literarischen Größen wie u. a. Frank Wedekind, der die Truppe als dramaturgischer Sekretär begleitete.Vgl. Eugen Kalkschmidt: Von Memelland bis München. Erinnerungen. Stromverlag, Hamburg-Bergedorf 1948, S. 209.

Ansichten in Ästhetik und Kunst Die „Arts and Crafts-Bewegung“ Die in England ca. 1890 einsetzende „Arts and Crafts Bewegung“ war Grundlage einer allgemeinen Kunsterziehungsbewegung, die auch Deutschland erfasste. Industrialisierung und Massenproduktion zogen eine Reformbewegung zur Verbesserung der Ästhetik (u. a. in Manufakturen für Wohnungseinrichtungen) hinter sich her, welche schnell auf einen allgemeinen kunstästhetischen Anspruch überging. Es entstand ein Drang zur eigenen „ästhetischen Selbstverbesserung“ durch Amateuraktivitäten in Poesie, Kunst und Bildherstellung.Vgl. Ulrich F. Keller: The Myth of Art Photography: A sociological analysis. In: History of Photography 8. 1984, S. 249–250. Diese Bewegung beeinflusste auch Kalkschmidt in seinem künstlerisch-ästhetischen Schaffen und bei seiner ästhetischen Weltanschauung. Zudem bereitet die „Arts and Crafts Bewegung“ den Weg für eine andere gleichgesinnte Reformbewegung, die des Piktorialismus: In der piktorialistischen Bewegung sollte die Amateurphotographie in ihrem ästhetischen Anspruch von der professionellen Photographie abgesetzt und als Kunst etabliert werden. Die Arts and Crafts Bewegung sowie der Piktorialismus bildeten die Grundlage für Zeitschriften mit künstlerisch – bzw. ästhetisch – erzieherischem Wirken, bei denen Kalkschmidt lange als Redakteur oder Schriftsteller tätig war.

Allgemeines Kunstverständnis Die Zeit in der Kulturhochburg München war für Eugen Kalkschmidt prägend. Die Stadt galt vor allen Dingen durch die Förderung der Künstler durch Prinzregent Luitpold als erste Kunststätte des Reiches. Kalkschmidts viele wechselnden Lehren hatten eine bestimmte Ursache: keine Tätigkeit war ihm "schöpferisch" oder „ursprünglich“ genug.Vgl. Eugen Kalkschmidt: Von Memelland bis München. Erinnerungen. Stromverlag, Hamburg-Bergedorf 1948, S. 161–162. Er betrachtete „die Kunst als wahre Oase des Lebens“. Dabei genügte ihm weder das rein Ästhetische noch das rein Moralische. „Das Wort von der Selbstverständlichkeit der Moral in der Kunst“ war ihm nach eigenen Aussagen „aus der Seele gesprochen“.Eugen Kalkschmidt: Von Memelland bis München. Erinnerungen. Stromverlag, Hamburg-Bergedorf 1948, S. 184. Ästhetisches Empfinden sah er stark mit der Bildung verbunden, weshalb er sich zeitlebens unermüdlich dem Selbststudium widmete.

Theater Kalkschmidt betrachtete in jungen Jahren gleich Schiller das Theater als Bildungsstätte, als moralische Anstalt zur Volkserziehung. Das Höhere, Ideale, nach dem er immer zu streben versuchte, war für ihn im Theater zu finden. Die Lehrmethoden am Konservatorium wurden seinen ästhetischen Ansichten jedoch nicht gerecht. Das Theater und somit auch die Kunst schienen hier mehr einen handwerklichen routinierten Charakter zu haben und nicht das höhere schöpferische Moment, das er der Kunst zuschrieb. Auch während seiner Zeit als Schauspieler im Dienste der "Literarischen Gesellschaft" in Leipzig stieß Kalkschmidt immer wieder an die Grenzen seiner Idealvorstellungen des Theaters, bezeichnet sie später, gemessen an der Realität, sogar als „Selbstbetrug“.Eugen Kalkschmidt: Von Memelland bis München. Erinnerungen. Stromverlag, Hamburg-Bergedorf 1948, S. 166.

Literatur Neben Theater und Museum sah Kalkschmidt gerade in der Literatur eine wichtige Bildungsquelle, der er sich von Kindheit an widmete. Als kaufmännischer Angestellter in einem Buchladen wurde Kalkschmidt sehr früh auf die beginnende Moderne in der Literatur aufmerksam, versuchte diese voranzutreiben und den Menschen näherzubringen. Neben Schillers Ausführungen zur Ästhetik und Bildung des Menschen, fand er das ersehnte Bildungsmodell besonders in den Werken Goethes, welche die Theorie entwickelten, sich ein Leben lang strebend zu bemühen.Vgl. Eugen Kalkschmidt: Von Memelland bis München. Erinnerungen. Stromverlag, Hamburg-Bergedorf 1948, S. 130. In den um die Jahrhundertwende immer präsenteren literarischen und künstlerisch-ästhetischen Zeitschriften schätze er neben der Jugend und dem Simplicissimus besonders den Kunstwart als kritische Instanz des deutschen Kunstlebens und ästhetische WeisheitsquelleVgl. Eugen Kalkschmidt: Von Memelland bis München. Erinnerungen. Stromverlag, Hamburg-Bergedorf 1948, S. 180., noch bevor er bei diesem als Redakteur tätig war.

Haltung zu kunsterzieherischen Aspekten