Die Rote Liste gefährdeter Arten, auch nur Rote Liste oder im Original Red Data Book genannt, ist die von der IUCN (International Union for Conservation of Nature and Natural Resources) veröffentlichte Liste weltweit vom Aussterben gefährdeter Tier- und Pflanzenarten. Sowohl von der IUCN als auch von anderen internationalen Organisationen, Staaten, politischen Gliederungen wie Bundesländern oder von Naturschutzverbänden werden ähnliche Listen mit geographischer oder taxonomischer Beschränkung veröffentlicht, die ebenfalls Rote Liste genannt werden. Heute gibt es neben Roten Listen gefährdeter Arten auch solche gefährdeter Biotoptypen.

Rote Listen gelten als wissenschaftliche Fachgutachten zum Aussterberisiko von Arten, die Gesetzgebern und Behörden als Grundlage für ihr Handeln in Bezug auf den Arten-, Natur- und Umweltschutz dienen sollen. Nur in wenigen Staaten, so in der Schweiz, sind sie rechtswirksam.

Nationale und regionale Listen Von Staaten oder Bundesländern für ihr Gebiet herausgegebene Rote Listen haben einen regionalen Bezug und dadurch eine andere Bedeutung als die internationalen Roten Listen der IUCN. Sie können auf geografische Besonderheiten eingehen und ermöglichen dem Artenschutz vor Ort eine umfassendere Darstellung.

In Deutschland werden die nationalen Roten Listen vom Bundesamt für Naturschutz in Bonn herausgegeben. Aktuell ist die seit 2009 erscheinende und auf sechs Bände angelegte Rote Liste gefährdeter Tiere, Pflanzen und Pilze Deutschlands. Die Rote Liste der Brutvögel Deutschlands wird vom Nationalen Gremium Rote Liste Vögel im Auftrag des Deutschen Rats für Vogelschutz herausgegeben. Sie liegt in der fünften Fassung vom 30. November 2015 vor. Alle Bundesländer veröffentlichen eigene Rote Listen, sie werden von den für Umwelt- und Naturschutz zuständigen Ministerien oder Landesbehörden herausgegeben. Nach dem Grundsatz „Gefährdung heißt nicht Schutz“ haben die Roten Listen in Deutschland lediglich den Status von Sachverständigengutachten, sie dienen dem Gesetzgeber und den Behörden als Informationsquelle.Margret Binot-Hafke et al.: Einleitung und Einführung in die neuen Roten Listen. In: Bundesamt für Naturschutz (Hrsg.): Rote Liste gefährdeter Tiere, Pflanzen und Pilze Deutschlands (= Naturschutz und Biologische Vielfalt, Heft 70 (1)), Bundesamt für Naturschutz (BfN), Bonn 2009, S. 9–18.

In Österreich werden die nationalen Roten Listen vom Umweltbundesamt herausgegeben. Mehrere österreichische Bundesländer veröffentlichen regionale Rote Listen.

In der Schweiz veröffentlicht das Bundesamt für Umwelt (BAFU) die nationalen Roten Listen. Hier sind die Roten Listen seit 1991 nach Artikel 14 Absatz 3 der Bundesverordnung über den Natur- und Heimatschutz ein rechtswirksames Instrument des Natur- und Landschaftsschutzes: „Biotope werden als schützenswert bezeichnet aufgrund (…) der gefährdeten und seltenen Pflanzen- und Tierarten, die in den vom BAFU erlassenen oder anerkannten Roten Listen aufgeführt sind“.Francis Cordillot, Gregor Klaus: Gefährdete Arten in der Schweiz. Synthese Rote Listen, Stand 2010, Bundesamt für Umwelt (BAFU), Bern 2011 (online), abgerufen am 15. Dezember 2013.

Eine ständig zunehmende Zahl weiterer Staaten veröffentlicht nationale Rote Listen. Daneben gibt es auch Rote Listen zwischenstaatlicher Organisationen wie der Europäischen UnionEuropean Redlist. Europäische Kommission, abgerufen am 8. April 2023. und der HELCOM. Die IUCN veröffentlichte bislang mehrere regional begrenzte Listen wie beispielsweise zur Süßwasserfauna Ostafrikas.

Geschichte IUCN Die ersten als Red Data Book bezeichneten Publikationen der IUCN erschienen 1966. Es gab zwei Bände, einen für Säugetiere, herausgegeben von Noel Simon,Red data book. Volume 1. Mammalia, a compilation. IUCN Library System. und einen für Vögel, herausgegeben von Jack Vincent.Red data book. Volume 2. Aves IUCN Library System. Beide Bände waren im Schuber gelieferte Loseblatt-Sammlungen.Marit Ruge Bjærke: Little Red Ring Binders. Early Red List Temporalities. Chapter 5 in Anders Ekström, Staffan Bergwik (editors): Times of History, Times of Nature doi:10.3167/9781800733237 (Series Time and the World: Interdisciplinary Studies in Cultural Transformations, Vol. 5). Berghahn Books, New York + Oxford 2022, ISBN 978-1-80073-323-7 Dieses Werk hatte verschiedene Vorläufer, deren Geschichte etwas unklar ist. Die Idee wird allgemein dem britischen Ornithologen und Naturschützer Peter Markham Scott zugeschrieben, damals Chairman der IUCN Survival Service Commission. Dieser initiierte eine zuerst 1962, ebenfalls noch als Loseblatt-Serie konzipierte Sammlung Animals and plants threatened with extinctionAnimals and plants threatened with extinction. IUCN Library System., wie die späteren Editionen bereits in einem roten Einband, aber noch nicht danach benannt. Sie ging zurück auf ältere Sammlungen, die aber wohl zum internen Gebrauch bestimmt waren und nie publiziert wurden. Diese erste Zusammenstellung enthielt zunächst fast ausschließlich Datenblätter zu Säugetierarten.J.A. Burton: The Context of Red Data Books, with a Complete Bibliography of the IUCN Publications. In H.H. de Iongh, O.S. Banki, W. Bergmans M.J. Van der Werff ten Bosch (2003): The harmonization of Red Lists for threatened species in Europe. Bakhuijs Publishers, Leiden 2003. S. 291–301. Der Name Red Data Book geht auf den Versicherungskatalog für vermisste Schiffe der Londoner Versicherung Lloyds zurück. Die erste Version enthielt detaillierte Beschreibungen von 211 Säugetierarten und 312 Vogelarten. In der 2. Version, die von 1966 bis 1971 erschien, wurden 528 Säugetierarten, 628 Vogelarten, 119 Reptilienarten und 34 Amphibienarten klassifiziert. Außerdem wurde erstmals die Einteilung in vier verschiedene Gefährdungskategorien vorgenommen. Die 3. Auflage erschien 1972. Die 4. Auflage erschien 1981 und enthielt 305 Säugetier-, 258 Vogel-, 90 Reptilien-, 40 Amphibien- und erstmals 193 Fischarten. Ab der 5. Auflage 1982 wurden gesonderte Listen für einzelne Tiergruppen erstellt (z. B. Primaten und Schmetterlinge). Ab der 6. Auflage 1988 wurden die Artbeschreibungen aus der Liste gestrichen. Weitere Ausgaben sind 1990, 1992, 1994 und 1996 erschienen. 1992 wurde die heute gültige Einteilung der Arten in acht Kategorien eingeführt (EX, EW, CR, EN, VU, NT, LC, DD). 1994 wurden erstmals Wirbellose eingestuft: 1.205 Weichtierarten und 1.184 Insektenarten.Evžen Kůs, Václav Pfleger: Seltene und bedrohte Tiere. S. 7, ISBN 3-8112-1830-1 Verlag Gondrom 2000, dt. 2001.

Die letzte Ausgabe in Buchform erschien 1996 und enthielt 5.205 Arten, davon 1.891 wirbellose Arten. Außerdem wurde erstmals die Kategorie EX aufgeführt.Miloš Anděra, Vladimir Zadraž: Bedrohte Tiere Werner Dausien. Hanau 1998, S. 14–17, ISBN 3-7684-2800-1.

Die erste Onlineausgabe (nur Tiere) erschien im Jahr 1996; 1998 wurden auch erstmals Pflanzen aufgenommen. 2000 erschien die erste Rote Liste, die Pflanzen und Tiere enthielt.

Die 2007 veröffentlichte Ausgabe der IUCN enthielt 16.308 bedrohte Arten.

Ein besonderer Schwerpunkt bei der Präsentation der Roten Liste 2008 der IUCN wurde auf die Säugetiere gelegt. In der ersten umfassenden Studie dieser Art nach über zehn Jahren (an ihr waren 1.800 Wissenschaftler aus 130 Ländern beteiligt) galten mindestens 1.141 von 5.488 Säugetierarten (21 Prozent) als „bedroht“ (Kategorien CR, EN oder VU).

Die folgende Tabelle zeigt exemplarisch, wie viel Prozent der derzeit untersuchten Arten einer Gruppe die IUCN als bedroht, ausgestorben oder mit zu wenigen Daten vorhanden einstuft:IUCN Red List of Threatened SpeciesIUCN Red List of Threatened Species - Summary Statistics +Bedrohte Arten weltweit (Stand: Juni 2024) Gruppe Anzahl deruntersuchtenArten davon bedroht(KategorienCR, EN oder VU) davon ausgestorbenoder in der Wildnis ausgestorben(Kategorien EX oder EW) davon ungenügende Datengrundlage(Kategorie DD) Vögel 11.195 12,2 % 1,4 % 0,3 % Säugetiere 6.437 24,5 % 1,4 % 12,6 % Reptilien 10.374 18,4 % 0,3 % 14,4 % Amphibien 8.011 35,9 % 0,5 % 11,3 % Fische 32.004 15,4 % 0,3 % 17,1 % Schleimaale 80 10,7 % 0 % 39,3 % Neunaugen 38 21,4 % 0 % 4,8 % Fleischflosser 21 19,0 % 0 % 15,8 % Weichtiere 9.952 25,8 % 3,2 % 23,9 % Nesseltiere 980 30,5 % 18,9 % 18,9 % Stachelhäuter 373 4,6 % 0 % 65,4 % Krebstiere 3.245 23,2 % 0,3 % 36,0 % Insekten 18.473 22,4 % 0,5 % 23,7 % Spinnentiere 774 35,1 % 1,2 % 8,7 % Pfeilschwanzkrebse 4 50,0 % 0 % 50,0 % Stummelfüßer 11 81,9 % 0 % 9,1 % Ringelwürmer 372 10,0 % 0,6 % 55,9 % Schnurwürmer 6 50,1 % 16,7 % 16,7 % Plattwürmer 2 0 % 50,0 % 50,0 % Schwämme 24 0 % 0 % 95,8 % Gefäßpflanzen 74.843 40,4 % 0,3 % 8,1 % Palmfarne 347 68,9 % 1,4 % 0,3 % Koniferen 614 33,5 % 0 % 1,3 % Moose 1.951 23,8 % 0,2 % 5,8 % Pilze 818 41,6 % 0 % 20,0 % Flechten 837 40,6 % 0 % 19,4 % Algen 113 8,9 % 1,3 % 59,6 % Chromista 18 33,4 % 0 % 66,7 % Charophyta 14 0 % 0 % 21,4 %

Es wurden bis dahin offiziell 181.931 Tierarten und Pflanzenarten untersucht. mini|Feldhamster Vier der obigen Gruppen (taxonomische Klassen Amphibien, Säugetiere, Vögel und Knorpelfische) sind zugleich die einzigen, deren Bedrohungsstatus auf der Evaluierung von zumindest drei Viertel der bekannten Arten beruht. Es ist daher anzunehmen, dass in anderen, weniger umfassend untersuchten Gruppen von Tierarten oder Pflanzenarten (zum Beispiel Wirbellose, Baum oder Gräser) weit mehr Arten bereits ausgestorben sind, als bisher bekannt ist, und viele Arten aussterben, bevor sie entdeckt werden.

Von den Säugetieren haben mittlerweile 6.387 Arten einen eigenen IUCN-Gefährdungsstatus (Stand: IUCN Red List 2023-1): 86 Arten gelten als ausgestorben (Extinct), 1 Art gilt als in der Wildnis ausgestorben (Extinct In The Wild), leben also nur noch in Gefangenschaft (der Davidshirsch. 325 Arten halten die Forscher dabei für akut vom Aussterben bedroht (Critically Endangered), so beispielsweise den Feldhamster, von dem behauptet wird, dass der Bestand pro Jahr um 50 Prozent zurückgeht, was zu einem Aussterben bis 2050 führen wird, wenn sich nichts ändert.[ Feldhamster (Cricetus cricetus) in der Roten Liste 2021 der IUCN] Die Zahl der tatsächlich bedrohten Säugetier-Spezies könnte sogar noch höher sein, da zu 846 weiteren Arten nicht genügend Informationen vorliegen (Data Deficient). Damit wäre es möglich, dass bis zu 38 Prozent aller von der IUCN beschriebenen Arten von Säugetieren bedroht sind.

Die Roten Listen der IUCN werden in unregelmäßigen Abständen, mindestens aber zweimal jährlich, aktualisiert und fortgeschrieben. Die zum jeweiligen Zeitpunkt aktuelle Rote Liste ist über die Website der IUCN abrufbar.The IUCN Red List of Threatened Species. International Union for Conservation of Nature and Natural Resources

Entwicklung in Deutschland Erste kommentierte Verzeichnisse gefährdeter Pflanzen- und Vogelarten wurden in Deutschland 1951,W. Kreh (1951): Verlust und Gewinn der Stuttgarter Flora im letzten Jahrhundert. Jahreshefte des Vereins für vaterländische Naturkunde in Württemberg 106: 69–124. 1966R. Drost (1966): Liste der Deutschland besonders zu schützenden Vogelarten. Berichte der Deutschen Sektion des Internationalen Rates für Vogelschutz 6: 47–49. und 1967W. Erz (1967): Besonders gefährdete Vogelarten in Nordrhein-Westfalen. Ornithologische Mitteilungen 19, S. 133–138. veröffentlicht. Sie enthielten Schutzanweisungen und können als Vorläufer der Roten Listen angesehen werden.