Der Begriff Neosexuelle Revolution bezeichnet einen tiefgreifenden kulturellen Wandel der Sexualverhältnisse und der Sexualmoral in den Ländern der „westlichen Welt“, der nach der sexuellen Revolution der Jahre der 68er-Bewegung einsetzte und nach wie vor andauert.
Ursprünge – Volkmar Sigusch Die Bezeichnung Neosexuelle Revolution stammt von dem Frankfurter Sexualforscher, Arzt und Soziologen Volkmar Sigusch. Er verwendete sie zum ersten Mal 1996 in einem Essay in Der Spiegel sowie in einem Essay in Die Zeit.Volkmar Sigusch: Die Trümmer der sexuellen Revolution. Die Zeit, 51. Jg., Nr. 41 vom 4. Oktober 1996, S. 33–34. Wissenschaftlich hat er 1998 seine Thesen ausführlich begründet in der Fachzeitschrift Archives of Sexual BehaviorVolkmar Sigusch: The neosexual revolution. In: Archives of Sexual Behavior 27, 331–359, 1998 und in der psychoanalytischen Zeitschrift Psyche,Volkmar Sigusch: Die neosexuelle Revolution. Über gesellschaftliche Transformationen der Sexualität in den letzten Jahrzehnten. Psyche – Zeitschrift für Psychoanalyse 52, 1192-1234, 1998 sowie 2001 in Sexuality & CultureVolkmar Sigusch: Lean sexuality: On cultural transformations of sexuality and gender in recent decades. In: Sexuality & Culture 5, 23-56, 2001 (Nachdruck einer deutschen Version in: Zeitschrift für Sexualforschung 15, 120-141, 2002) und schließlich 2005 in seinem Buch Neosexualitäten.
Inhalte der neosexuellen Revolution Sigusch argumentiert, dass sich gegenwärtige kulturelle Sexual-, Intim- und Geschlechtsformen, die er Neosexualitäten, Neoallianzen oder Neogeschlechter nennt, den alten Vorurteilen und Theorien ebenso entziehen wie den alten Ängsten und Lüsten. Grundsätzlich sei die hohe symbolische Bedeutung, die die Sexualität am Ende der sechziger Jahre hatte, in den letzten Jahrzehnten wieder reduziert worden. Heute werde die Sexualität nicht mehr mit einer Mächtigkeit ausgestattet, die nach den Vorstellungen der damaligen Theoretiker eine ganze Gesellschaft hätte stürzen können. Heute sei das Sexuelle nicht mehr die große Metapher des Rausches und des Glücks. Von diesen Verheißungen sei heute keine Rede mehr. Heute sei die Sexualität banal wie die Mobilität. Ihre permanente und übertriebene kulturelle Inszenierung zerstreue offenbar wirksamer als alle Unterdrückungen das Begehren.
Die Neosexuelle Revolution eröffnete zwar neue Freiräume, sie installierte aber zugleich neue Zwänge. Nach Sigusch waren die Freiräume noch nie so groß und vielgestaltig. Das Paradoxe daran aber sei: Je brutaler der Turbo- und Casino-Kapitalismus ökonomische Sicherheit und soziale Gerechtigkeit beseitige, also Unfreiheiten produziere, desto größer würden die sexuellen und geschlechtlichen Freiräume. Offensichtlich bleibe den Mechanismen der Profitwirtschaft vollkommen äußerlich, was die Individuen tun, solange sie nur ihre sexuellen Orientierungen, ihre geschlechtlichen Verhaltensweisen, überhaupt ihre kleinen Lebenswelten pluralisierten. Vor allem Personen, die selbst nach den sexuellen Revolutionen des 20. Jahrhunderts als abnorm, krank, pervers und moralisch verkommen angesehen worden seien, profitierten von dieser Freistellung.
Aber auch Heterosexuelle könnten heute sehr unterschiedliche Beziehungsformen wählen, ohne aus dem Rahmen zu fallen. Durch die Neosexuelle Revolution sei es zu einer historischen Renaissance der weiblichen Sexualität als eigenständige Sexualform gekommen, die die alte Missachtung und Pathologisierung über Generationen weitgehend beseitigt habe. Jetzt würden Geschlechterdifferenzen dekonstruiert und neu konstruiert, gebe es bei den jüngeren Generationen überwiegend ein Frau-Mann-Verhältnis, in dem die Geschlechter moralisch gleichwertig und zum Beispiel nicht mehr voneinander finanziell abhängig seien. Liebesbeziehungen könnten jederzeit von beiden Seiten beendet werden. Die Selbstbefriedigung sei bei beiden Geschlechtern nach empirischen Studien zu einer selbstständigen, nicht mehr verpönten Sexualform aufgestiegen.
Allgemein verbindliche und durchgesetzte moralische Gebote existierten nicht mehr. Die Paare müssten selbst entscheiden, was auch in sexueller Hinsicht akzeptabel ist. Gunter Schmidt spricht von einer neuen Verhandlungsmoral, Volkmar Sigusch von einer neuen Konsensmoral.
Wenn heute Männer etwas „weiblicher“ und Frauen etwas „männlicher“ geworden seien, sodass es zu einer Annäherung der beiden großen Geschlechter komme, verweist das nach Sigusch auf die Vorreiterrolle der homosexuellen Männer im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts in Gestalt der Schwulenbewegung. Es sei nicht übertrieben, davon zu sprechen, dass die Heterosexualität in einem gewissen Ausmaß homosexualisiert worden sei. Jedenfalls hätten viele heterosexuelle Männer heute ein anderes Körpergefühl, das sich nicht mehr mit einer Dauerripp-Unterhose alle 14 Tage und mit einem Schmerbauch vertrage. Außerdem hätten die Homosexuellen erfolgreich eine Modifikation alter Treuegebote vorgelebt, sodass die „Vereinbarkeit von Beziehungs- und Drangliebe“ nicht mehr ausgeschlossen werde. Schließlich gehöre zu diesem Strukturwandel der kulturelle Bedeutungsverlust, den die Sphären Fortpflanzung und Herkunftsfamilie erfahren hätten.
Zu den neuen, anerkannten Formen gehörten zum Beispiel die Bisexualität, der Sadomasochismus und verschiedene Fetischformen. Um Anerkennung kämpften noch verschiedene neuartige Formen der Internetsexualität, die Sigusch E-Sex nennt, sowie Verhaltensweisen wie Polyamory, Objektophilie oder das, was Sigusch Neozoophilie nennt. In geschlechtlicher Hinsicht seien Transgender bzw. Transsexualismus mittlerweile in mehreren Ländern höchstrichterlich anerkannt. Demgegenüber müssten Intersexuelle noch um ihren kulturellen Status kämpfen. Von den Neoallianzen steche momentan besonders die eingetragene, das heißt staatlich anerkannte Lebenspartnerschaft (Eingetragene Partnerschaft) hervor.
Von Revolution wird gesprochen, weil inzwischen bekannt sei, dass Umwälzungen dramatisch oder undramatisch, schlagartig oder schleichend verlaufen können und dass sie nicht unbedingt in ein Reich der Freiheit führen. Vor allem aber sei diese Bezeichnung gewählt worden, weil die mit der Revolte von 1968 verbundene sexuelle Revolution zwangsläufig als Maß genommen werde, sobald Umbrüche der Sexualkultur beschrieben würden. Schließlich sei diese sexuelle Revolution ein realer Mythos unserer jüngeren Geschichte.
Drei sexuelle Revolutionen Sigusch unterscheidet drei sexuelle Revolutionen, die sich seit dem Ende des 19. Jahrhunderts in Europa und Nordamerika abgespielt haben. Alle drei wirkten auch heute noch in den Menschen fort. Deshalb sei es falsch anzunehmen, alle Menschen reagierten heute „neosexuell“. Es gebe vielmehr gleichzeitig sehr differente Zeit- resp. Strukturschichten der Sexualität und der Geschlechtlichkeit. Gegenwärtig seien vor allem drei Strukturschichten der allgemeinen Formen bedeutsam, die sich kombinieren und einander überlappen könnten:
die Schicht, die für die erste sexuelle Revolution am Beginn des 20. Jahrhunderts charakteristisch sei, eine Schicht, mit der Sigmund Freud (1905) beim Abfassen seiner Sexualtheorie konfrontiert war; die Schicht, die für die zweite, teils kommerziell-antiautoritäre, teils regierungsamtlich-sozialliberale Revolution der sechziger und frühen siebziger Jahre typisch sei, und die Schicht, die zur dritten oder Neosexuellen Revolution gehört, die sich seit den späten 1970er Jahren eher still und schleichend ereigne. Diese Zeit- bzw. Strukturschichten könnten zwar Generationen allgemein zugeordnet werden, nicht aber Individuen.
Neosexualitäten Nach Sigusch hat die alte Sexualität, die er Paläosexualität nennt, vor allem aus Trieb, Wollust, Orgasmus und dem heterosexuellen Paar bestanden. Die Neosexualitäten dagegen bestünden vor allem aus Wohllust und Selbstliebe, Thrills (wie z. B. auf Love ParadesVolkmar Sigusch: „Eine kulturelle Meisterleistung“. Über die Love Parade. kulturSPIEGEL, Heft 7, Seiten 10–15, Juli 2000) und Prothetisierungen (wie z. B. durch ViagraVolkmar Sigusch: Sildenafil (Viagra) und andere Phosphodiesterase-Hemmer. In: Ders. (Hg.): Sexuelle Störungen und ihre Behandlung. Stuttgart, New York: Thieme Verlag 2007, S. 208–227). Sie kreisten nicht um Fortpflanzung und deren Verhinderung, sondern um Geschlechterdifferenz und deren Auslotung, um selbstoptimierte Souveränität.
Die neuen Selbstpraktiken, beispielsweise fetischistische und objektsexuelle, die mit Selbstverständlichkeit inszeniert werden, sind nach Sigusch insofern typische Neosexualitäten, als das triebhaft Sexuelle im alten Sinn nicht mehr im Vordergrund steht. Sie seien zugleich sexuell und nonsexuell, weil Selbstwertgefühl, Homöostase und Befriedigung nicht nur aus der Mystifikation der Triebliebe und dem Phantasma der orgastischen Verschmelzung beim Geschlechtsverkehr gezogen würden, sondern ebenso oder stärker aus dem Thrill, der mit der nonsexuellen Selbstpreisgabe und der narzisstischen Selbsterfindung einhergehe. Und schließlich oszillierten sie zwischen fest und flüssig, identisch und unidentisch und seien oft sehr viel passagerer als ihre fixierten Vorgänger.
Die für die bisherige Neosexuelle Revolution charakteristische Sexualform nennt Sigusch auch Lean Sexuality oder Selfsex, die neue Geschlechtsform Selfgender.
Die nur scheinbar unveränderliche Einheit Sexualität sei durch die Neosexuelle Revolution erneut zerschlagen und neu zusammengesetzt worden. Es gehe also um Prozesse der Autodestruktion und der Autopoiesis, die für unsere Gesellschaftsformation charakteristisch seien. Sie resultierten aus der allgemeinen und enormen Veränderungsdynamik, die unsere Art zu wirtschaften anstoße, benötigt oder zulässt. Weil im Zentrum der System-, Bedeutungs und Bewusstseinskonstitution Dispositive und Imperative stünden – Sigusch spricht in seiner Theorie erklärtermaßen von Objektiven„Objektiv“ nennt Sigusch eine gesellschaftliche Installation, in der sich materiell-diskursive Kulturtechniken, Symbole, Lebenspraktiken, Wirtschafts- und Wissensformen auf eine Weise vernetzen, die eine historisch neuartige Konstruktion von Wirklichkeit entstehen lässt. Da sich diese Installationen, einmal etabliert, aus sich selbst heraus generierten, imponierten sie in eher alltagssoziologischer Betrachtung als Sachzwänge, denen nichts Wirksames entgegengesetzt werden könne, und in eher alltagspsychologischer und ethisch-rechtlicher Betrachtung erschienen sie als Normalität und Normativität, die einzig in der Lage seien, Ordnung, Ruhe und Sicherheit zu garantieren. –, die jede Individualität in eine exzentrische Position zwängen, seien die einzelnen Allgemeinen zugleich be- und entlastet. Weil für den Gang der Gesellschaft immer belangloser sei, was die Individuen tun und denken, könnten sich sexuelle Orientierungen, Verhaltensweisen und Lebenswelten pluralisieren, sofern nicht diskursive Überhänge aus vergangenen Zeiten oder querliegende Dispositive im Wege stünden, die zum Beispiel weiterhin Sexismus und Patriarchalismus stabilisierten.
Sigusch interessiert sich bei der Analyse des neosexuellen Prozesses weniger für klassische empirische Daten zu Koitusfrequenzen usw. Er stellt vielmehr die Frage, wie Begehren und Leidenschaft umkodiert und wohin sie verschoben werden – in tote Objekte wie bei der Objektophilie, in alte oder in neuartige sexuelle Selbstbezüglichkeiten zum Beispiel, in öffentliche sexuelle Inszenierungen, in heimliche Internetsex-Süchtigkeiten, in nonsexuelle Thrills oder in aggressive Aktionen, sodass sich möglicherweise Gewaltformen neben die Sexualformen stellen oder sie kulturell ablösen, weil die intendierte Erregung, die dann nicht mehr sexuell genannt werden könnte, von größer werdenden Menschengruppen nicht mittels Libido und Verliebung, sondern mittels Destrudo und Hass erreicht wird.