Die Rennratten (Meriones) sind eine zu den „höheren Rennmäusen“ (Rhombomyina) gehörende Gattung der Rennmäuse mit etwa 16 Arten. Sie werden auch als Sand- oder Wüstenrennmäuse und Sand- oder Wüstenmäuse bezeichnet. Ihr Verbreitungsgebiet erstreckt sich über den gesamten Wüstengürtel der Paläarktischen Region von Nordafrika bis nach Ostasien. Die Gattung Meriones wurde 1811 von Johann Karl Wilhelm Illiger beschrieben. Ihr Name leitet sich nicht vom gleichnamigen Helden aus der Ilias, sondern vom altgriechischen Wort für den Oberschenkel ab. Einige Arten wie die Mongolische Rennratte werden als Versuchs- oder Heimtier gehalten.
Körpermerkmale
Proportionen
Die Rennratten sind in GrößeNiethammer, 1988 (S. 256) und Gestalt den Ratten ähnlich. Ihre Schnauze läuft leicht spitz zu und die Augen sind groß.Gromow und Jerbajewa, 1995 („“) Die Ohrmuscheln sind schmal,Nowak, 1999 (S. 1455) anders als bei der Przewalski-Rennratte normal ausgebildet oder leicht vergrößert und etwa halb so lang wie die Hinterpfoten.Smith und Hoffman, 2008 (S. 248) Klappt man sie nach vorne an den Kopf, reichen ihre Spitzen bis zu den Augen, häufig bis zu deren Mitte.Gromow und Jerbajewa, 1995 („“) Lediglich bei der Indischen Wüstenrennratte sind sie verkürzt. Der Schwanz ist etwa so lang wie Kopf und RumpfEllerman, 1941 (S. 528–529) und somit kürzer als bei der Buschschwanz-Rennmaus.Qumsiyeh, 1996 (S. 251–252) Die Hinterbeine und Hinterpfoten sind leicht verlängert und schmal, die Proportionen der Zehen sind jedoch normal. Die Krallen der Vorderpfoten sind gewöhnlich nicht vergrößert, bei der Indischen Wüstenrennratte sind sie jedoch deutlich breiter und länger als üblich und bei der Mongolischen Rennratte sind sie ebenfalls vergrößert. Die erste Zehe der Vorderpfoten ist weniger verkürzt als bei den Hamstern und die Kralle ist stets gut ausgebildet. Die Ballen sind klein. Mit ihren kürzeren Ohrmuscheln und Hinterpfoten wirken die Rennratten gedrungener als die Echten Rennmäuse. Weibchen der Persischen Rennratte, der Tristram-Rennratte und der Sundevall-Rennratte haben acht Zitzen. Die Kopf-Rumpf-Länge der Rennratten beträgt 95 bis 180 Millimeter und die Schwanzlänge 100 bis 193 Millimeter. Das Körpergewicht variiert von unter 30 Gramm bei der Sundevall-Rennratte bis über 100 Gramm bei der Persischen Rennratte.
Haut und Fell
Das Fell der Rennratten ist gewöhnlich sehr weich, jedoch ist es bei der Mongolischen Rennratte kurz und bei der Königsrennratte sowie der Indischen Wüstenrennratte besonders kurz und rau. Der Schwanz ist vollständig behaart. Die Haare sind nahe der Schwanzwurzel kurz und werden zur Schwanzspitze hin länger, so dass der Schwanz der meisten Arten eine Quaste und bei anderen einen Kamm aufweist. Die Quaste ist stets kleiner als bei der Buschschwanz-Rennmaus, bei der Persischen Rennratte ist sie jedoch ebenfalls besonders ausgeprägt. Die Sohlen der Hinterpfoten sind bei nördlichen Arten gewöhnlich vollständig behaart, bei einigen nordafrikanischen Arten ist ein Teil der Ferse unbehaart. Bei der Persischen Rennratte und der Königsrennratte sind die Sohlen vollständig oder größtenteils unbehaart. Nahe der Knöchel sind die Pfoten ebenfalls unbehaart. Das Fell der Oberseite ist einfarbig, die Farbe variiert von blassgelblich über sandfarben und gräulich bis bräunlich. Die Körperseiten sind gewöhnlich heller als der Rücken, da Haare mit schwarzen Spitzen fehlen. Die Unterseite einschließlich der Vorder- und Hinterpfoten ist weiß, blassgelblich, braungelblich oder blassgrau. Häufig befinden sich im Gesicht hellere Bereiche. Die Fellfarbe verschiedener Unterarten kann sich wie bei der Mittagsrennratte den Sandtönen ihres Lebensraums angleichen. Im Bereich des Nabels liegt ein Duftdrüsengebiet, das als Nabeldrüse bezeichnet wird.Michael Fehr: Aspekte der Heimtierdermatologie. In: Kleintierpraxis. 37, 1992, S. 393–401.
Schädel
Der Schädel der Rennratten weist ein für Rennmäuse typisches Erscheinungsbild auf. Der hintere Teil des Schädels ist vergrößert und der vordere Teil des Jochbogens ist breit. Anders als bei der Przewalski-Rennratte ist der Schädel der Rennratten in der Draufsicht nicht dreieckig, der vordere Teil des Schädels ist verkürzt und das Jochbein ist nicht weit gespreizt. Ebenso sind die Engstelle zwischen den Augenhöhlen sowie der Hirnschädel bei den Rennratten nicht verbreitert. Das Tränenbein ist anders als bei den Sandratten und der Großen Rennmaus beinahe gleich lang wie breit. Gewöhnlich ist die Knochenleiste über den Augenhöhlen ausgeprägt. Bei der Mittagsrennratte, der Mongolischen Rennratte, der Tristram-Rennratte und der Tamarisken-Rennratte ist diese Leiste schwach ausgebildet, bei der Königsrennratte und den größeren nordafrikanischen Arten dagegen besonders stark. Bei der Königsrennratte bilden sich dadurch kleine Einkerbungen hinter den Augenhöhlen. Neben der Knochenleiste des Stirnbeins ist die des Scheitelbeins ebenfalls gut entwickelt. Der harte Gaumen ist vergleichsweise breit und die Flügelgruben des Keilbeins sind kurz. Die Schneidezahnlöcher sind manchmal so lang wie die Backenzahnreihe und länger als die Jochbeinplatte breit ist. Die hinteren Gaumenlöcher sind dagegen kurz oder fehlen. Die Jochbeinplatte ist zerfurcht, jedoch anders als bei den Nacktsohlen-Rennmäusen oben gewöhnlich nicht besonders nach vorne gerichtet. Sie misst weniger als die Hälfte der seitlichen Länge des Gesichts. Oberhalb der Zahnwurzeln ist der Oberkiefer leicht nach außen gewölbt, ohne dass die Zahnfächer Erhebungen ausbilden.
Die Paukenblasen reichen gewöhnlich bis zum Hinterrand des Kopfes zurück, ihre Größe ist jedoch sehr unterschiedlich. Bei einigen Arten sind sie vergleichsweise klein, bei anderen sind sie extrem aufgebläht und das Warzenteil ist in der Draufsicht deutlich sichtbar. Dazwischen gibt es viele Zwischenstufen. Bei der Sundevall-Rennratte sind die Paukenblasen am größten, das Warzenteil ragt hinten auffällig hervor und die Mastoidgrube ist sehr groß. Bei der Libyschen Rennratte ist die Aufblähung gewöhnlich weniger extrem und die Grube ist kleiner. Bei nordafrikanischen Formen scheint eine möglicherweise individuelle Schwankung hinsichtlich der Größe und des Grades der Aufblähung der Paukenblasen vorzuliegen. Bei einigen Formen stoßen die Paukenblasen nicht wie sonst üblich gegen den hinteren Teil des Jochbogens und die Mastoidgrube ist klein. Bei der Mittagsrennratte ist das Warzenteil schwächer ausgeprägt, die Paukenblasen sind jedoch stark aufgebläht, insbesondere vor dem Gehörgang. Bei der Mongolischen Rennratte nehmen die Paukenblasen hinsichtlich ihrer Form und Größe eine mittlere Position zwischen denen der Mittagsrennratte und denen der Tamarisken-Rennratte ein. Bei Letzterer sind die Paukenblasen vergleichsweise klein und die Mastoidgrube ist rudimentär. Am kleinsten sind die Paukenblasen bei der Tristram-Rennratte. Bei der Indischen Wüstenrennratte sind sie ebenfalls klein, die Mastoidgrube ist jedoch nicht besonders verkleinert. Die Paukenblasen der Persischen Rennratte sind etwa so groß wie die der Tamarisken-Rennratte oder etwas größer und die Mastoidgrube ist mittelgroß.Ellerman, 1941 (S. 527–528)
Der Unterkiefer ist vergleichsweise dünn und an der Außenseite abgeflacht. Die Unterkieferäste sind schmal, der Gelenkfortsatz ist lang und die Einkerbung zwischen Gelenkfortsatz und Winkelfortsatz ist tief. Die Breite des Unterkieferastes beträgt nicht mehr als drei Viertel der Länge des Gelenkfortsatzes gemessen von seiner hinteren Kante bis zur Einkerbung. Im Gegensatz zur Großen Rennmaus formt das Zahnfach des zweiten Unterkieferbackenzahns nur selten eine geringfügige Erhebung auf der Außenseite des Unterkiefers aus.
Gebiss
Anders als bei der Sandratten und der Großen Rennmaus weisen die oberen Nagezähne der Rennratten eine Längsfurche auf. Die Backenzähne besitzen im Gegensatz zu denen der Przewalski-Rennratte schmale, längslaufende Brücken zwischen den Zahnleisten, die beim ersten Backenzahn anders als bei der Buschschwanz-Rennmaus auf einer Achse liegen. Die Kaufläche der Backenzähne wird durch Schlingen gebildet, die durch Verschmelzen der gegenüberliegenden Zahnhöcker entstehen. Der Zahnschmelz ist undifferenziert und in den seitlichen Einbuchtungen gibt es keine Wurzelzementablagerungen. Die Kaufläche erinnert an die bei Wühlmäusen, die Backenzähne sind ebenfalls hochkronig und haben nur am Ende kleine Wurzeln. Diese sind jedoch im Vergleich zu denen der Großen Rennmaus besser entwickelt und die Backenzähne wachsen nicht nach. Bei sehr jungen Tieren sind sie extrem hochkronig und es gibt keine Hinweise auf Zahnhöcker.Ellerman, 1941 (S. 525–527) Der erste Oberkieferbackenzahn wird durch zwei innere und zwei äußere seitliche Einbuchtungen in drei Leisten geteilt. Diese Einbuchtungen liegen einander gegenüber und berühren sich beinahe in der Mitte des Zahns. Der zweite Oberkieferbackenzahn weist beiderseits eine Einbuchtung auf und der dritte Oberkieferbackenzahn ist einfach oder selten mit einer leichten inneren Einbuchtung. Der erste Unterkieferbackenzahn weist drei Leisten, der zweite Unterkieferbackenzahn zwei Leisten und der dritte Unterkieferbackenzahn eine Leiste auf. Gewöhnlich bleiben die Einbuchtungen bis ins hohe Alter erhalten.
Körperskelett
Das Körperskelett der Rennratten ähnelt eher dem der Wühlmäuse als dem der Hamster. Der dritte Rollhügel des Oberschenkelknochen ist kurz und hoch, der Hals ist schmal, der Kopf ist gut davon abgesetzt und der Knochenschaft wird von vorne nach hinten etwas flacher. Der Oberarmknochen weist im Vergleich zu dem der Hamster einen höheren Aufsatz des seitlichen Gelenkknochens, einen noch höheren und mehr zum Körper hin gelegenen großen Knochenvorsprung sowie einen größeren kleinen Knochenvorsprung auf. Die Knochen des Unterarms, insbesondere die Speiche, sind nicht so massiv und stärker vertikal gebogen. Das Schienbein ist typischerweise stark S-förmig gebogen.
Lebensraum und Lebensweise
Lebensraum
Der Lebensraum der Rennratten sind Lehm- und Sandwüsten, Buschland, Trockensteppen, Tiefebenen, Äcker, Grasland und Täler in Gebirgen.
Baue
Rennratten sind bodenbewohnend und verbringen viel Zeit in ihren in weichen Boden gegrabenen Bauen. Deren Komplexität variiert sowohl innerartlich als auch zwischen den Arten. Gewöhnlich enthalten die Baue mehrere Vorratskammern nahe der Erdoberfläche und eine oder mehrere Nestkammern in größerer Tiefe. Das Nest besteht meist aus getrockneten Pflanzenteilen. Die Baue der Persischen Rennratte, der Tamarisken-Rennratte und der Mongolischen Rennratte werden als einfach beschrieben, die der Aserischen Rennratte, der Mittagsrennratte und der Libyschen Rennratte dagegen als komplex. Junge Exemplare der Sundevall-Rennratten legen einen Bau mit einem Eingang an, der bei einem Winkel von 15 bis 30 Grad bis in eine Tiefe von einem halben Meter reicht. Die komplexesten Baue dieser Art erreichen dagegen häufig eine Gesamtlänge von 30 bis 40 Metern und haben bis zu 18 Eingänge. Die im Durchmesser etwa vier Zentimeter messenden Gänge der Mongolischen Rennratte reichen in eine Tiefe von 0,45 bis 0,6 Meter und der zentrale Bereich des Baus weist eine Nest- und ein oder zwei Vorratskammern auf. Die Baue der Libyschen Rennratte können dagegen mehr als 1,5 Meter tief sein und ihr Gangsystem kann sich drei bis vier Meter nach außen winden.
Aktivität
Die Aktivitätszeit der Rennratten ist nicht so streng auf nachts beschränkt wie bei den Echten Rennmäusen.