mini|Plakat der Hansestadt Hamburg zur Schulreform Die Schulreform in Hamburg 2010 umfasste die Bestrebungen und durchgeführten Umgestaltungen der Hamburger Schul- und Bildungsstruktur ab dem Schuljahr 2010/2011. Kern der Reform war die Abkehr vom traditionellen dreigliedrigen Schulsystem hin zu einem zweisäuligen gegliederten Schulsystem, das aus Stadtteilschulen und Gymnasien besteht. Die gesetzliche Neuregelung basierte auf dem Koalitionsvertrag vom 17. April 2008 zwischen der CDU und der Grün-Alternativen Liste (GAL). Nachdem die Hamburgische Bürgerschaft die Reform am 7. Oktober 2009 beschlossen hatte, wurde sie durch einen Volksentscheid am 18. Juli 2010 teilweise wieder rückgängig gemacht.Goetsch macht weiter – trotz Debakels beim Volksentscheid. Artikel Hamburger Abendblatt vom 19. Juli 2010

Die Schulreform beinhaltete, dass ab August 2010 neben dem Gymnasium, in dem nach der zwölften Klasse das Abitur gemacht werden konnte, eine Stadtteilschule eingeführt wurde, in der man alle Schulabschlüsse (einschließlich des Abiturs nach der 13. Klasse) abgelegen können sollte. Mit dieser Regelung wurden Haupt- und Realschule mit dem Beginn des Schuljahres abgeschafft. Zahlreiche Maßnahmen begleiteten die Umstrukturierung. Dazu gehörten die Schaffung zusätzlicher Lehrerstellen und die Verkleinerung der Klassenstärken, die Förderung einer sogenannten neuen Lernkultur und eine verstärkte Lehrerfortbildung, die Einrichtung weiterer Ganztagsschulen und die Integration von Kindern mit Behinderung.Homepage Schulreform Hamburg, abgerufen am 10. März 2010.

Ein weiterer Teil der Schulreform sah vor, statt der bestehenden vierjährigen Grundschule eine sechsjährige Primarschule einzuführen und das Elternwahlrecht abzuschaffen. Sowohl der Gesetzgebungsprozess wie die öffentliche Diskussion um die Schulreform waren begleitet von weitreichender Kritik. So gelang es der Bürgerinitiative „Wir wollen lernen“ am 18. November 2009 mit dem gleichnamigen Volksbegehren das geforderte Unterschriftenquorum zu überwinden., Meldung auf hamburg.de, abgerufen am 3. März 2010. Nachdem im Februar 2010 Kompromissverhandlungen zwischen der Initiative und der Bürgerschaft gescheitert waren, wurde für den 18. Juli 2010 der Volksentscheid abgesetzt.

Der Senat einigte sich noch im Februar 2010 mit den oppositionellen Bürgerschaftsparteien SPD und Die Linke auf Nachbesserungen zur Reform, die am 3. März 2010, diesmal einstimmig, von der Bürgerschaft verabschiedet wurden. Mit diesem am 13. März 2010 in Kraft getretenen Gesetz wurde insbesondere die Abschaffung des Elternwahlrechts zurückgenommen und das von den Eltern zu zahlende Büchergeld abgeschafft. Zudem verpflichteten sich CDU, GAL und SPD in einer „Schulfrieden“ genannten Vereinbarung, für mindestens zehn Jahre keine weiteren Änderungen an der Schulstruktur vorzunehmen, sofern die Primarschule eingeführt werde.Änderungen im Schulgesetz, abgerufen am 10. März 2010

Im Volksentscheid standen neben der Vorlage der Initiative auch eine Gegenvorlage der Bürgerschaft unter dem Titel „Für eine bessere Schule“ zur Abstimmung. Beim Plebiszit wurden beide Vorlagen getrennt voneinander abgestimmt. Von den gültig abgegebenen Stimmen für die begehrte Vorlage aus dem Volksbegehren lauteten 58 % auf „Ja“, während die Gegenvorlage der Bürgerschaft überwiegend abgelehnt wurde (45,5 % „Ja“-Stimmen). Weiterhin gelang es der volksbegehrten Vorlage, das geforderte 20-%-Zustimmungsquorum zu überspringen. Die Stimmbeteiligung betrug 39,3 %. Damit scheiterte ein Teil der Hamburger Schulreform. Andere Maßnahmen hatten dagegen Bestand. So wurden insbesondere die weiterführenden Schulformen ab August 2010 auf das Gymnasium, das achtstufig blieb, und die neu eingeführte Stadtteilschule, die neunstufig konzipiert wurde, reduziert.

Situation vor der Schulreform 2010 PISA-Studien und Hamburg Ein Ergebnis der PISA-Studie war die Erkenntnis, dass in Deutschland der soziale Hintergrund einen großen Einfluss auf den Bildungserfolg hat: Deutschland schnitt hier besonders schlecht ab, es gibt außer Frankreich, Großbritannien, den Niederlanden und BelgienPISA 2006, Die Ergebnisse der dritten internationalen Vergleichsstudie, PISA Konsortium (Hrsg.), 2007, Tab. 7.1.2 kaum ein anderes OECD-Land, in dem sich die soziale Ungleichheit derart im Bildungssystem manifestiert; es ist für untere soziale Schichten verhältnismäßig undurchlässig, Arbeiterkinder besuchen auffällig oft die Hauptschule, während Kinder aus finanziell besser gestellten Elternhäusern oftmals das Gymnasium besuchten – unabhängig von den Fähigkeiten des Kindes. Drastisch drückt es der Hamburger Erziehungswissenschaftler Peter Struck so aus: „Arme Kinder landen völlig unabhängig von ihrer Intelligenz überwiegend in der Hauptschule, während dumme Kinder reicher Eltern mit viel Nachhilfe durchaus zum Abitur kommen.“Hauptschule als Auslaufmodell, Artikel auf Focus online vom 7. August 2008, abgerufen am 25. Februar 2010 Der emeritierte Professor für Psychologie Kurt A. Heller bemerkte jedoch hierzu, dass solche unwissenschaftlichen Aussagen durch nichts belegt seien und verweist auf die nachgewiesenen Unterschiede in den kognitiven Grundfertigkeiten der Schüler der verschiedenen Schulformen.Kurt Heller: Umgang mit Heterogenität im Gesamtschul- versus dreigliedrigen Sekundarschulsystem, in: Realschule in Deutschland, 116, Nr. 6 (2008), S. 4–7; auch als abgerufen am 3. Mai 2010 Die Korrelation zwischen Test-Intelligenz (IQ) und der Durchschnittsnote in den Hauptfächern in der Grundschule beträgt ungefähr 0,5 (oder in anderen Worten: 25 % der Varianz in der Durchschnittsnote lassen sich durch die Testintelligenz erklären). Die Korrelation zwischen IQ und im Alter von 40 Jahren erreichtem Bildungsniveau (höchster erreichter Ausbildungsabschluss, vom Sonderschulabschluss bis zum Doktorgrad) liegt bei circa 0,7 (dies bedeutet, dass 49 % der Varianz im Bildungsniveau durch die Varianz in der Testintelligenz erklärt werden können).Jens Asendorpf. Persönlichkeitspsychologie. Springer Medizin Verlag. Heidelberg. 2009, S. 80

Als Grund für die geringen Aufstiegschancen sozial Benachteiligter wird von Kritikern oft das dreigliedrige Schulsystem angesehen, das bei Mangel an „Durchlässigkeit“ schon sehr früh die Bildungslaufbahn der Kinder festlegt. Infolge der PISA-Studie werden einige skandinavische Schulsysteme, insbesondere das Bildungssystem in Finnland, das sog. Finnische Modell, als Vorbild gesehen. Finnland belegte immer wieder den Spitzenplatz in PISA-Studien, Schulklassen trennt man dortzulande erst nach Ende der Schulpflicht in eine gymnasiale oder eine berufliche Sekundarstufe.Nach Pisa-Schock: Finnisches Modell gilt als Vorbild, Die Welt online, 27. Oktober 2006, abgerufen am 3. März 2010

Im Vergleich der Bundesländer hat Hamburg zweimal sehr schlecht abgeschnitten (siehe unten), aber: Kein Land in Deutschland gibt mehr Geld pro Schüler aus als Hamburg., ZEIT online, 18. April 2007. Siehe auch: Hamburg lag [von 2000 bis 2005] – mit Ausnahme des Jahres 2004 – jeweils an der Spitze der Länderergebnisse bei den Ausgaben für die staatlichen allgemeinbildenden und berufsbildenden Schulen je Einwohner., , (PDF) S. 57, abgerufen am 2. März 2010. Die Ausgaben für staatliche Schulen am Gesamthaushalt in Hamburg lagen 2005 im Ländervergleich mit 11,99 % hingegen im unteren Bereich (Durchschnitt 14,13 %)., (PDF) S. 56, abgerufen am 2. März 2010 Zudem erreichten die Hamburger Schulen bei der PISA-Studie 2006 nur den vorletzten Platz vor Bremen.Hamburg hinkt beim Pisa-Test weiter hinterher, Die Welt online, 18. November 2008. Mit dem hohen Anteil von mehr als 12 % beendeten Hamburger Schüler in den Jahren 2005/2006 ihre Schullaufbahn ohne jeglichen Abschluss., ZEIT online, 18. April 2007. Bis 2008 konnte diese Quote auf 8,2 % gesenkt werden., (PDF) S. 197, abgerufen am 2. März 2010 Im Schuljahr 2008/9 sank diese Quote erneut (auf 7,8 %), was als Bestätigung des Erfolgs bereits eingeleiteter Reformen angesehen werden kann.PDF auf wir-wollen-lernen.de.

Das schlechte Abschneiden und die derzeitige Situation der Hamburger Bildung liegen laut Meinung einiger Schulpolitiker und Demographen zum einen daran, dass von Hamburgs Erstklässlern nahezu jedes zweite Kind einen Migrationshintergrund hat, im Weiteren spielten soziale und gesellschaftliche Herkunft eine entscheidende Rolle.Schulreform. Hamburg fährt ab 2009 zweigleisig. Focus Online, 18. April 2007 Insgesamt werden finanzielle und soziokulturelle Faktoren innerhalb der Hansestadt und die daraus ableitbare niedrigere Grundbildung, mit den Folgen schlechter Berufschancen, für das derartig schlechte Abschneiden bei den PISA-Tests verantwortlich gemacht.Heike Solga, Rosine Dombrowski: Soziale Ungleichheiten in schulischer und außerschulischer Bildung. Stand der Forschung und Forschungsbedarf. Arbeitspapier 171 der Hans-Böckler-Stiftung, März 2009; auch als PDF-Datei, abgerufen am 11. April 2010

Schulstruktur In Hamburg gab es bis 2009 eine vierjährige Grundschule. Die folgende Sekundarstufe des allgemeinen Schulwesens war aufgeteilt in Hauptschulen, Realschulen, integrierte Haupt- und Realschulen, sechsstufige Gymnasien, Aufbaugymnasien, Gymnasien, integrierte Gesamtschulen und kooperative Gesamtschulen, wobei auf allen Gymnasien und Gesamtschulen das Abitur erworben werden kann.

Bereits seit Beginn des Schuljahrs 2008/2009 wurden keine Hauptschulklassen mehr neu gebildet (auch zuvor erst ab der siebten Klasse), sondern alle Haupt- und Realschulen nach den Prinzipien der integrierten Haupt- und Realschule geführt.Bürgerschaftsdrucksache 19/436 (Antrag von GAL und CDU)Elftes Gesetz zur Änderung des Hamburgischen Schulgesetzes

Lehrerempfehlung und Elternwahlrecht Am Ende der vierten Klasse geben die jeweiligen Klassenlehrer eine unverbindliche Empfehlung über die weitere Schullaufbahn. Die Schüler werden auf den Wunsch der Eltern auf eine der weiterführenden Schulformen versetzt (Elternwahlrecht), auch wenn es der Empfehlung der Grundschullehrer widerspricht. Am Ende der sechsten Klasse wird durch die Zeugniskonferenz und ohne Elternmitwirkung endgültig entschieden, ob der Schüler die Schulform weiterhin besuchen darf.

Durch die Reform angestrebte Situation Mit der Schulreform nach dem Gesetz des Senats sollen vor allem die bisherigen Haupt-, Real- und Gesamtschulen zu einer neuen Schulform, der Stadtteilschule, zusammengelegt und das Prinzip des individualisierten Lernens durchgängig stärker umgesetzt werden. Dieser Teil des Gesetzes ist durch den Volksentscheid vom 18. Juli nicht betroffen. Außerdem sollten aber nach der Vorstellung des Senats alle Kinder sechs statt bisher vier Jahre lang gemeinsam an den bisherigen Grundschulen, die sich dann Primarschulen nennen, unterrichtet werden. Dieser Teil des Gesetzes ist durch den Entscheid abgelehnt: Nach dem Gesetz der Bürgerschaft sollte erst am Ende der sechsten Klasse eine Zeugniskonferenz entscheiden, ob das Kind im Anschluss auf der Stadtteilschule oder dem Gymnasium beschult wird. Daraus werden nach dem ablehnenden Ausgang des Bürgerentscheids jetzt vier bzw. acht bzw. neun Jahre. Aber es bleibt dabei: Sowohl auf dem Gymnasium als auch auf der Stadtteilschule soll das Abitur erworben werden können. „Sitzenbleiben“ und Abschulen werden im Allgemeinen nicht mehr möglich sein.Elfter Brief von Schulsenatorin Christa Goetsch an die Hamburger Schulen. In: schulreform.hamburg.de, abgerufen am 13. November 2009.

Nach dem Inkrafttreten der Schulreform sollte es also in Hamburg drei Schulformen geben:

Primarschule