mini|Gedenktafel am ehemaligen Grenzübergang Bornholmer Straße. Tafel 17 zu Hans-Dieter Wesa. Ein West-Berliner Polizist mit Karabiner am Grenzzaun, im Vordergrund ein Blumengebinde an Wesas Todesort Hans-Dieter Wesa (* 10. Januar 1943 in Schlewen bei Gostingen; † 23. August 1962 in Berlin) war ein Todesopfer an der Berliner Mauer. Der zur Bewachung des S-Bahnhofs Bornholmer Straße eingesetzte Transportpolizist hatte bei seiner Flucht aus der DDR bereits West-Berliner Gebiet erreicht, als ihn sein Wachkollege erschoss.
Leben Hans-Dieter Wesa wuchs mit vier Geschwistern in Trebitz in einer christlichen Familie auf. Sein älterer Bruder war 1954 aus der DDR geflüchtet und hatte sich in Baden-Württemberg eine Existenz aufgebaut. Nach der Schule absolvierte Wesa in Halle (Saale) eine Lehre bei der Reichsbahn. 1960 verpflichtete er sich für fünf Jahre zum Dienst bei der Transportpolizei, den er bis April 1962 in Leipzig ausübte. Anschließend nach Ost-Berlin versetzt, tat er Dienst bei der Bewachung der Schienenwege an der Sektorengrenze, wobei er keine Fluchtgedanken zu erkennen gab. Weil er einen Fluchtversuch verhindert hatte, erfolgte im Juli 1962 die Beförderung zum Oberwachtmeister.
Am 23. August 1962 war Wesa auf dem Geisterbahnhof Bornholmer Straße als Postenführer des 18-jährigen Postens Adolf B. eingesetzt, den er seit der Leipziger Zeit kannte. Während des Dienstes machte Wesa nach der Erinnerung B.'s eine Bemerkung zu einer „Schwester“ in Westdeutschland: Wie sie wohl gucken würde, wenn er plötzlich vor ihr stände. Gegen 20 Uhr verließ Wesa unter einem Vorwand seinen Posten und kletterte unter der Bösebrücke über den stacheldrahtbewehrten Maschendrahtzaun, der zugleich die Grenze markierte. B. entdeckte Wesa, als er schon auf der West-Berliner Seite war, und forderte ihn zur Rückkehr auf. Als Wesa sich umdrehte, dann aber weiterlief, gab B. aus seiner Maschinenpistole einen Feuerstoß von sechs Schüssen auf ihn ab. Am Oberschenkel getroffen, fiel Wesa sieben Meter hinter dem Grenzzaun zu Boden. B. ging zum Zaun und tötete Wesa aus dieser Entfernung durch einen zweiten Feuerstoß von sechs Schüssen auf Gesicht und Oberkörper. Mit seinem Vorgehen hatte B. gegen die Bestimmungen über den Schusswaffengebrauch verstoßen, da er West-Berliner Gebiet beschossen hatte.Siehe die Bestimmungen über den Schußwaffengebrauch für das Kommando Grenze der Nationalen Volksarmee der DDR, 6. Oktober 1961 (Punkt 2). Gegenüber dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS), das ihn sofort „übernahm“, gab B. an, anschließend gewollt zu haben, über den Zaun zu klettern, um Wesas Leiche nach Ost-Berlin bringen, dann aber wegen des schnellen Eintreffens der West-Berliner Polizei davon absah. Die interne Überlieferung des Ministeriums des Innern der DDR (MdI) und spätere Berichte des MfS verschleierten durch die Darstellung, Wesa sei beim Übersteigen des Zaunes überrascht worden, dass B. nach West-Berlin hinein geschossen hatte.
Während auf Ost-Berliner Seite alle Lichter ausgingen, erschienen am Tatort drei Funkstreifenwagen und ein Gruppenwagen der Polizei und später die Gendarmerie der Forces Françaises à Berlin. Die West-Berliner Feuerwehr brachte Wesa ins Jüdische Krankenhaus, wo sein Tod festgestellt wurde.
Der West-Berliner Polizeipräsident erstattete Strafanzeige gegen „unbekannte sowjetzonale Transportpolizisten“, woraufhin die West-Berliner Staatsanwaltschaft Ermittlungen wegen „Totschlags von Hans-Dieter Wesa“ aufnahm, die zunächst erfolglos blieben.
Die brutale Tötung Wesas löste sechs Tage nach dem öffentlichen Verbluten Peter Fechters an der Mauer weithin Abscheu aus. West-Berliner Politiker befürchteten erneute Massenproteste, die Menschen gefährden könnten. Noch in der Nacht waren Willy Brandt, Klaus Schütz und der französische Stadtkommandant zum Tatort gekommen. Auf DDR-Seite erschien eine kurze Notiz im Neuen Deutschland, wonach die Transportpolizei „eine Person festgestellt“ habe, „die sich in verdächtiger Weise an den Gleisanlagen zu schaffen machte“.Zitat bei Michael Stricker: Letzter Einsatz. Im Dienst getötete Polizisten in Berlin von 1918 bis 2010. Verlag für Polizeiwissenschaft, Frankfurt 2010, ISBN 978-3-86676-141-4, S. 251.
Wesas Bruder ließ Hans-Dieter Wesa an seinem Wohnort Eybach bestatten. Am 25. August 1962 wurde Wesas Leichnam vom Krankenhaus Moabit, wo die öffentliche Trauerfeier stattgefunden hatte, zum Flughafen Tempelhof unter dem Ehrengeleit einer Motorradstaffel der West-Berliner Polizei überführt. Die Trauerrede bei der Beisetzung in Eybach am 27. August 1962 hielt der Vizekommandeur der West-Berliner Schutzpolizei.
Nach der Wiedervereinigung Berlins nahm die Staatsanwaltschaft beim Kammergericht das Verfahren erneut auf und ermittelte B. als Todesschützen. Weil dieser versuchte, unterzutauchen, nahm man ihn im September 1993 in Untersuchungshaft. Im Januar 1994 erhielt er Haftverschonung. Im Juni 1994 erhob die Staatsanwaltschaft Anklage gegen B. wegen Totschlag an Hans-Dieter Wesa, doch kam es nicht zur Eröffnung der Hauptverhandlung. B. beging am 28. September 1994 Suizid, indem er sich durch das Austrinken von zwei Flaschen Schnaps eine Alkoholvergiftung beibrachte. Zu seinem Motiv, Wesa zu ermorden, hatte er sich nie geäußert.
Literatur Jorge Scholz: S-Bahnhof Bornholmer Straße. In: Jorge Scholz, Christine Kisorsy, Bernt Roder (Hrsg.): Die weiße Linie. Mauer und Flucht im Berliner Nordosten. Text-Verlag, Edition Berlin, Berlin 2012, ISBN 978-3-938414-49-1, S. 39–44. Michael Stricker: Letzter Einsatz. Im Dienst getötete Polizisten in Berlin von 1918 bis 2010. Verlag für Polizeiwissenschaft, Frankfurt 2010, ISBN 978-3-86676-141-4, S. 245–251. Christine Brecht: Hans-Dieter Wesa, in: Hans-Hermann Hertle, Maria Nooke (Hrsg.): Die Todesopfer an der Berliner Mauer 1961–1989. Ein biographisches Handbuch. Links, Berlin 2009, ISBN 978-3-86153-517-1, S. 105–108.
Weblinks
Hans-Dieter Wesa bei chronik-der-Mauer.de
Einzelnachweise
Kategorie:Todesopfer der Berliner Mauer Kategorie:DDR-Flüchtling Kategorie:Opfer der Diktatur in der DDR Kategorie:Deutscher Kategorie:Geboren 1943 Kategorie:Gestorben 1962 Kategorie:Mann