Frühkindliche Bildung beinhaltet die Bildung von Kindern ab Geburt bis ins Vorschulalter. Im Gegensatz zur Frühförderung geht es bei der frühkindlichen Bildung um die Förderung der geistigen, moralischen, kulturellen und körperlichen Entwicklung nicht behinderter Kinder. Sie wird meist im engen Zusammenhang mit der Betreuung und Erziehung des Kindes betrachtet. Die frühkindliche Bildung umfasst unterschiedliche institutionelle Formen in verschiedenen europäischen Ländern (Kindergärten, Vorschulen, Schulkindergärten u. a., insbesondere Level 0 der ISCED-Klassifikation umfassend) und wird zunehmend auch für den Bereich der Kinderkrippen als relevant angesehen. Die Frühpädagogik ist diejenige Fachrichtung der Pädagogik, die sich mit frühkindlicher Bildung und Entwicklung befasst (siehe auch: Entwicklungspsychologie).

Einfluss auf die kindliche Entwicklung Die ersten Jahre der Kindheit gelten als Zeitfenster mit besonderen Entwicklungs- und Lernchancen, in dem die Grundlagen für alle späteren Lernprozesse gelegt werden.Warwick Mansell: Children can fall behind as early as nine months. Study of 15,000 children finds significant correlation between performance at nine months and five years. The Guardian, 17. Februar 2010.

In zunehmendem Maße werden Kinder und Pädagogen als aktive Ko-Konstrukteure von Wissen und Kultur aufgefasst.

Im 12. Kinder- und Jugendbericht der deutschen Bundesregierung von 2005 wurde aufgezeigt, dass Kinder in der frühen Kindheit Beziehungen eingehen und lernen, ihre Fähigkeiten zu entwickeln und sich ihre Lebenswelt anzueignen, und dass dabei „Entwicklungs- und Bildungsprozesse kleiner Kinder […] in jeder Hinsicht abhängig von der Lebensumwelt, die ihre primären Bezugspersonen und andere Erwachsene ihnen bereitstellen“ sind.12. Kinder- und Jugendbericht (2005) S. 33 Eine besondere Rolle wird den Bezugspersonen zugeschrieben. Bezüglich der frühkindlichen Bildung wird im Bericht hervorgehoben: „In der Kleinkindphase, spätestens ab dem dritten Lebensjahr, bedürfen Kinder neuer, den familialen Rahmen erweiternde und ergänzende Bildungsgelegenheiten.“

Im 13. Kinder- und Jugendbericht 2009 wurde bezüglich des unter dreijährigen Kindes auf die Rolle der Familie und die individuellen Eigenschaften Bezug genommen: „Gelingende oder weniger gelingende Entwicklungen lassen sich als Ergebnis mehr oder weniger guter Passung zwischen den Fähigkeiten und (Erziehungs-)Vorstellungen der Eltern und den Lebenszusammenhängen der Familie sowie den Entwicklungskompetenzen oder dem Temperament des Kindes beschreiben“.13. Kinder- und Jugendbericht (2009) S. 82

Staatsübergreifende Projekte und Initiativen zur frühkindlichen Bildung Die frühkindliche Bildung gilt Anfang des 21. Jahrhunderts in der Europäischen Union als einer der Schlüsselbereiche, die die verstärkte Aufmerksamkeit der Mitgliedsstaaten erfordern. Besonderes Augenmerk kommt in der EU der Sprachförderung für Kinder, die durch persönliche, soziale, kulturelle oder wirtschaftliche Umstände benachteiligt sind, zu. Vorschulische Bildung und Betreuung spielen insbesondere eine wesentliche Rolle bei der sozialen Integration von Kindern.

Die frühkindliche Bildung war, ebenso wie die Erwachsenenbildung, ein zentrales Thema der europäischen Zusammenarbeit im Rahmen des Arbeitsprogramms der EU-Bildungsminister Allgemeine und berufliche Bildung 2010. Die Bildungsminister betonten 2007 die Bedeutung der Ausbildungsqualität von Frühpädagogen, der Curriculaentwicklung und der personellen und finanziellen Ausstattung der Einrichtungen der frühkindlichen Bildung.

In der Mitteilung der Europäischen Kommission von 2006 Effizienz und Gerechtigkeit in den europäischen Systemen der allgemeinen und beruflichen Bildung wurde hervorgehoben, dass die frühkindliche Erziehung und Bildung die Basis für das weitere Lernen verbessern, Schulabbrüche verhindern, zu mehr Bildungsgerechtigkeit führen und das allgemeine Kompetenzniveau steigern könne. Die daran anschließende Studie Early Childhood Education and Care in Europe: Tackling Social and Cultural Inequalities untersuchte länderübergreifende Daten und nationale Richtlinien zur frühkindlichen Betreuung, Bildung und Erziehung in Europa, insbesondere mit Bezug auf die soziale Integration. Des Weiteren wurde im Zusammenhang mit der Studie festgestellt: Gemäß der Absicht der Europäischen Kommission soll die Rate der Vierjährigen, die eine Bildungseinrichtung besuchen, von derzeit 87 % bis 2020 auf 90 % erhöht werden. In Europa überwiegen gegenwärtig zwei organisatorische Modelle für frühkindliche Bildung und Betreuung: entweder eine einheitliche Einrichtung für alle Kinder im Vorschulalter oder alternativ getrennte Einrichtungen für Kinder unter drei Jahren und für drei- bis sechsjährige Kinder. Unter allen sozialen, kulturellen und ökonomischen Faktoren, die ein Risiko für die Bildungserfolge von Kindern darstellen können, hat Armut die schwerwiegendsten Folgen. Dabei fällt nahezu jeder sechste Haushalt in Europa mit einem Kind unter sechs Jahren unter die Armutsgrenze. Qualitativ hochstehende Vorschulbildung versorgt alle Kinder mit einer guten Basis für ein lebenslanges Lernen und verringert Benachteiligung im Bildungsbereich. Als die wichtigsten Elemente für eine hochstehende Bildung und Betreuung werden angesehen: erstens ein günstiges Kinder-Betreuer-Verhältnis, zweitens eine hochstehende (akademische) Ausbildung für das Personal sowie drittens die Einbeziehung der Eltern.

Das Early Childhood Education and Care Policy Project der OECD, ein Politikprojekt zur frühkindlichen Betreuung, Bildung und Erziehung, zielte ebenfalls darauf ab, staatsübergreifend Informationen zur diesbezüglichen Situation in OECD-Staaten sowie den damit verbundenen Politikfeldern zu liefern.

Die OECD-Studien Starting Strong ergaben einen Vergleich der Investitionen der OECD-Staaten in frühkindliche Bildung und Betreuung  und führten zur Empfehlung, dass insbesondere in Deutschland stärker in die frühkindliche Bildung investiert werden solle. Auch Ergebnisse der PISA-Studien ließen die frühkindliche Bildung und Erziehung stärker in den Blickpunkt der Bildungs- und Sozialpolitik Deutschlands treten. 2004 wurde in diesem Zusammenhang die Rahmenvereinbarung der Bundesländer für die Verbesserung der frühen Bildung in Kindertageseinrichtungen verfasst.

Um dem Wandel der Zeit und den sich damit ändernden Herausforderungen an Bildung gerecht zu werden, hat die UNESCO 2015 das Programm BNE (Bildung für nachhaltige Entwicklung) ins Leben gerufen. Dieses Programm soll innerhalb seiner fünf Jahre das System der Bildung neu ordnen und die Rolle der Bildung stärken.

Bundesweit setzen zahlreiche Kindertagesstätten bereits das Programm der BNE um und erhalten unter anderem Unterstützung durch das Projekt KITA21, ein durch die S.O.F. Save Our Future – Umweltstiftung entwickelte Netzwerk.

Eine fehlende allgemein staatliche Zuständigkeit bewirkt, dass auch außerhalb dieses Netzwerkes andere innovative Kindertagesstätten, private Initiativen, Bildungsprojekte und Stiftungen es sich zur Aufgabe machen, die frühkindliche Bildung intensiver zu fördern.

Auch deren Ziel ist es, den Kindern die Grundlagen für das Lernen selbst anzueignen. Der spielerische Aufbau von „Selbst-Kompetenzen“ (Fähigkeit der Selbstartikulation, Selbsteinschätzung, Offenheit, Selbstbewusstsein) und das Erlernen mit kreativen Lösungsstrategien Probleme in Gemeinschaft mit anderen zu lösen, sind dabei die Hauptmerkmale.

Staatenspezifische Strukturen und Institutionen Deutschland Historische Entwicklung seit dem 19. Jahrhundert In erster Linie war die Errichtung von Kinderbetreuungseinrichtungen in Deutschland eine Reaktion auf die Massenverelendung (Pauperismus) im Zusammenhang mit der Industrialisierung und Urbanisierung im frühen 19. Jahrhundert. Auf der anderen Seite gab es eine pädagogische Bewegung, die auf den Ideen Fröbels und Pestalozzis basierte und bestimmte erzieherische Ziele verfolgteNorbert Kühne: Vorschulische Erziehung – Wandel und pädagogische Profession der frühen Bildung, Raabe Verlag, Stuttgart 2017. Historiker verweisen darauf, dass das Spannungsfeld von Fürsorge und Betreuung einerseits und Bildung und Erziehung andererseits zu Kontroversen zwischen den verschiedenen Akteuren (Kommunen, Kirche, Parteien, Pädagogen u. a.) von Beginn an geführt habe.vgl. Scheiwe, Kirsten: Institutionenwandel in der frühkindlichen Erziehung – ein europäischer Vergleich in: Peter Cloos / Britta Karner (Hrsg.) Erziehung und Bildung von Kindern als gemeinsames Projekt. Zum Verhältnis familialer Erziehung und öffentlicher Kinderbetreuung, Schneider Verlag, Hohengehren 2009, S. 12. In Deutschland hatten der religiöse Pluralismus und der damit vergleichsweise schwach ausgeprägte Wettbewerb zwischen Kirchen und Staat eher eine Fragmentation der Betreuungsstrukturen zur Folge als die schnelle Entwicklung eines universellen Systems.Bahle, Thomas „Historical trajectories and new directions“ in Sheiwe (Hrsg.): Child care and Preschool developement in Europe. 2009, S. 29.

1851 kam es nach preußischem Gesetz zu einem Verbot der Fröbelkindergärten, sie wurden 1860 wieder zugelassen. Lange Zeit gab es eine klassenbezogene Trennung der Kinderbetreuung: sogenannte Volkskindergärten für die Kinder von materiell schlechter gestellten, auf der anderen Seite Bürgerkindergärten für die Kinder der bürgerlichen Mittelklasse. Es wurden jedoch von Anfang an Ansätze erkennbar, die keine strikte Trennung von Kleinkindbetreuung und Bildung verfolgten. 1839 noch standen nach preußischen Gesetz die „Warteschulen“ unter Aufsicht der Schulbehörde und wurden als Teil des Bildungsbereichs betrachtet. Öffentliche Erziehung hatte den Charakter eines Notbehelfs mit geringerer Qualität als die mütterliche Erziehung zu Hause.Scheiwe, Kirsten „Slow motion – Institutional Factors as Obstacles to the Expansion of Early Childhood Education in the FRG“ in: Child Care and Preschool Development in Europe - Institutional Perspectives, 2009, S. 183ff. Eine Abgrenzung der Kinderbetreuung vom schulischen Erziehungs-/Bildungswesen fand erst 1890 im preußischen Gesetz über Fürsorgeerziehung statt (Zuordnung zur Jugendhilfe). In der Weimarer Republik gab es 1920 eine nationale Schulkonferenz mit dem Ziel der Restrukturierung des Bildungssystems einschließlich der Kleinkindbetreuung, wobei die Mehrheitsmeinung sich im Reichsjugendwohlfahrtsgesetz von 1922 niederschlug (Zuständigkeit der Kleinkinderziehung fällt in die Verwaltungszuständigkeit der Jugendämter).Scheiwe 2009 (s. o.)