Die Gedichte in Terzinen sind eine Gruppe von vier Gedichten von Hugo von Hofmannsthal aus dem Sommer 1894,Eugene Weber (Hrsg.) Hugo von Hofmannsthal Sämtliche Werke Kritische Ausgabe Band I S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 1984, S. 228,Z28. irrtümlicherweise oft nach dem Titel eines dieser GedichteEugene Weber (Hrsg.) Hugo von Hofmannsthal Sämtliche Werke Kritische Ausgabe Band I S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 1984, S. 231,Z1f und Fußnote 7. „Über Vergänglichkeit“ benannt.Der Wikisource-Eintrag zu dieser Gruppe von Gedichten fußt auf der Gedichtausgabe Insel-Verlag 1922, bei der aus unbekannten Gründen diese von Hofmannsthal nicht gewünschte Benennung erfolgte.Eugene Weber (Hrsg.) Hugo von Hofmannsthal Sämtliche Werke Kritische Ausgabe Band I S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 1984, S. 447, Liste11.

Entstehung Die Entstehung der vier Terzinengedichte „Über Vergänglichkeit“, „Die Stunden! wo wir auf das helle Blauen…“, „Wir sind aus solchem Zeug wie das zu Träumen…“ und „Zuweilen kommen niegeliebte Frauen…“ ist eng verbunden mit den Personen Josephine von Wertheimstein und deren Nichten Marie und Nelly von Gomperz. Die Bekanntschaft und nachfolgende Freundschaft mit diesen Frauen erfolgte nach Einführung Hofmannsthals durch Felix von Oppenheimerhttp://www.navigare.de/hofmannsthal/todesco.htm Abgerufen: 15. Juli 2009 in den Salon der Sophie von Todesco (geb. Gomperz) im Frühjahr 1892.

Im Juli 1892 erhielt Hofmannsthal Briefe von Marie, in welchen sie Eindrücke über ein bei Pflegeeltern untergebrachtes Mädchen beschreibt. Ein Jahr später berichtete sie ihm ebenfalls brieflich über den Tod des Mädchens, wiederum in Metaphern und bildlichen Beschreibungen dessen Anblick schildernd.Eugene Weber (Hrsg.) Hugo von Hofmannsthal Sämtliche Werke Kritische Ausgabe Band I S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 1984, S. 242.Ellen Ritter (Hrsg.) Hugo von Hofmannsthal Sämtliche Werke Kritische Ausgabe Band XXIX S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 1978, S. 275,Z19. Zunächst flossen die Berichte über das Mädchen Addah in Skizzen für ein Prosagedicht „die kleine Annerl“Ellen Ritter (Hrsg.) Hugo von Hofmannsthal Sämtliche Werke Kritische Ausgabe Band XXIX S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 1978, S. 397,Z27 und 398,Z4., erfuhren dann im Juli 1893 eine Umwandlung in Skizzen für eine Erzählung „Geschichte der kleinen Anna“Ellen Ritter (Hrsg.) Hugo von Hofmannsthal Sämtliche Werke Kritische Ausgabe Band XXIX S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 1978, S. 26. und mündeten schließlich am 30. Juli 1894 in den Entwurf und die Reinschrift der Terzinen „Die Stunden! wo wir auf das helle Blauen…“Eugene Weber (Hrsg.) Hugo von Hofmannsthal Sämtliche Werke Kritische Ausgabe Band I S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 1984, Seiten 49, 242, 243,Z7f..

Drei Tage vorher, am 27. Juli 1894, kam das Terzinengedicht „Wir sind aus solchem Zeug, wie das zu Träumen…“ zur Reinschrift.Eugene Weber (Hrsg.) Hugo von Hofmannsthal Sämtliche Werke Kritische Ausgabe Band I S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 1984, S. 238,Z19. Diese Zeile, zugleich von Hofmannsthal als Motto für das Gedicht notiert,Eugene Weber (Hrsg.) Hugo von Hofmannsthal Sämtliche Werke Kritische Ausgabe Band I S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 1984, S. 240,Z25. entstammt Shakespeares Theaterstück "The Tempest". Dort ist es Prospero, der die Worte "We are such stuff / As dreams are made on…" im vierten Aufzug zu sagen hat. Weiterhin ist für den Entstehungsprozess von „Wir sind aus solchem Zeug…“ aus den bereits erwähnten Briefen von Marie eine Passage aus dem vom 19. Juli 1893 bemerkenswert: „(…) am 5.d.M. starb sie, (…) drei Tage früher noch besuchte sie Nelly bei den Leuten, wo sie wohnte, sie saß feiertäglich gekleidet im kleinen Gemüsegarten auf einer Bank unter einem kleinen, reichbeladenen Kirschbaum, (…) soll unsagbar schön ausgesehen haben. Nelly wünschte sich einen wirklichen, großen Künstler herbei, um diesen Eindruck festzuhalten.“Ellen Ritter (Hrsg.) Hugo von Hofmannsthal Sämtliche Werke Kritische Ausgabe Band XXIX S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 1978, S. 277,Z2ff. Hofmannsthal notiert für sich: „Der Tod der kleinen Addah in Marie's Brief: frierend, mit verklärten fiebernden Augen im weissen Firmungskleid unter dem früchtebeladenen Kirschenbaum; »so müsste man die Heiligen malen«“ und „Die kleine Addah. Grasbegiessen mit Liebeshingebung kleiner Garten, Lebenssaft aus ihr entfliehend steigt den Kirschbaum aufwärts“Eugene Weber (Hrsg.) Hugo von Hofmannsthal Sämtliche Werke Kritische Ausgabe Band I S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 1984, S. 243,Z29ff.. Von einer weiteren Inspirationsquelle erfahren wir durch Aufzeichnungen Hofmannsthals vom März 1894,Eugene Weber (Hrsg.) Hugo von Hofmannsthal Sämtliche Werke Kritische Ausgabe Band I S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 1984, S. 239,Z10. in denen er Gedanken als Folge der Einwirkung von Klingerschen Radierungen festhält: „(…) durch uns hindurch webt das Sein sein ungeheures Gewebe (…) Der chinesische Glockenbaum (Siesta von Klinger) Symbol für Gottweisswas, wirkt in meiner Seele wie die Geisterhand im versperrten Zimmer (…)“Eugene Weber (Hrsg.) Hugo von Hofmannsthal Sämtliche Werke Kritische Ausgabe Band I S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 1984, S. 240,Z10ff..

Ebenfalls aus diesem Zeitraum existiert ein Blatt mit Aufzeichnungen, die (neben weiteren Notizen zu „Wir sind aus solchem Zeug…“) als Prosakonzept dem Terzinengedicht „Zuweilen kommen niegeliebte Frauen…“ zugeordnet werden.Eugene Weber (Hrsg.) Hugo von Hofmannsthal Sämtliche Werke Kritische Ausgabe Band I S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 1984, S. 233,Z13ff. Ende April 1894 notierte Hofmannsthal: „I Abendliche Ebene braucht murmelndes blinkendes Wasser: II Herz braucht eine Frau: III Liebe braucht (…) ideale Träume I, II, III, ineinander eingeschachtelte Zustände“. Der Prosaentwurf zu den ersten beiden Versen dieses Gedichts wurde kurz vorher auf einem Notizblatt festgehalten: „(…) Michi die nicht Geliebte, die im Traum als kleines Mädchen zurückkommt, unsäglich reizend“Eugene Weber (Hrsg.) Hugo von Hofmannsthal Sämtliche Werke Kritische Ausgabe Band I S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 1984, S. 234.. (Bei Michi handelt es sich um die Schwester einer Jugendfreundin Hofmannsthals.) Das Datum der Reinschrift ist der 25. Juli 1894. Sozusagen eine nachträgliche Erklärung dieses Konzepts für dem dichterischen Prozess Außenstehende gibt Hofmannsthal knapp zwei Wochen nach Fertigstellung der Gruppe der Terzinen: „(…) reflectierende Terzinen mit so einer Abendbeleuchtung (spiegelnde Weiher, schwarze Bäume) wie's jetzt alle Leute malen“Eugene Weber (Hrsg.) Hugo von Hofmannsthal Sämtliche Werke Kritische Ausgabe Band I S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 1984, S. 235ff..

Der 25. Juli 1894 gilt auch als Reinschrift-Datum für „Über Vergänglichkeit“. „52 Terzinen ist alles, was ich in der Fusch gemacht habe“, schrieb Hofmannsthal Anfang August an Hermann Bahr.Eugene Weber (Hrsg.) Hugo von Hofmannsthal Sämtliche Werke Kritische Ausgabe Band I S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 1984, S. 228,Z34ff. [Die Summe aller Verse dieser vier Gedichte ist 52.] Nach Bad Fusch fuhr Hofmannsthal am 14. Juli, nachdem er am selben Tag noch in Döbling der Villa Wertheimstein einen Besuch abstattete. Josephine von Wertheimstein lag zu dieser Zeit bereits im Sterben; mit ihr verband ihn eine zweijährige innige Freundschaft. In den Wochen vor ihrem Tod verbrachte er viele Tage in Döbling, ging dort während der Ruhepausen der inzwischen Erkrankten seinen schriftstellerischen Tätigkeiten nach und bereitete sich gleichzeitig auf eine Studienprüfung vor. Am 12. Juli hatte er sie das letzte Mal gesehen. Aus den Tagen nach der telegrafischen Todesnachricht vom 16. Juli bezeugen Briefe Hofmannsthals die Bedeutung dieser Freundschaft, wie z. B.: „In dieser langen Pause liegt für mich die schwere Krankheit und der Tod einer alten Frau, eines wunderbaren und schönen und seltenen Wesens, an dem ich einen meiner nächsten, wenigen Freunde verloren habe, und vieles traurige und doch fast berauschende Nachdenken und zunehmende Begreifen der Wunderbarkeit von unser aller Dasein.“Eugene Weber (Hrsg.) Hugo von Hofmannsthal Sämtliche Werke Kritische Ausgabe Band I S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 1984, S. 226,Z15ff. Die zeitlich erst ein paar Tage zurückliegende physische Existenz mündet in die Zeile „Noch spür ich ihren Atem auf den Wangen…“; dieses Terzinengedicht überschrieb Hofmannsthal mit „Über Vergänglichkeit“. Die folgende Prosanotiz mag auch diesem Gedicht zugeordnet werden: „Wir sind mit unserm Ich von VOR-10-Jahren nicht näher unmittelbarer e i n s als mit dem L e i b unserer Mutter. ewige p h y s i s c h e Continuität. den Gedanken scharf fassen: wir sind eins mit allem was ist und was je war, kein Nebending, von n i c h t s ausgeschlossen.“Eugene Weber (Hrsg.) Hugo von Hofmannsthal Sämtliche Werke Kritische Ausgabe Band I S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 1984, S. 230,Z8.

Erstes Erscheinungsdatum Hofmannsthal kündigte gegenüber Hermann Bahr am 8. August 1894 brieflich die Erscheinung dieser vier Gedichte an: „52 Terzinen ist alles, was ich in der Fusch gemacht habe, die werden im nächsten Musenalmanach stehen.“ Dieses Vorhaben konnte nicht realisiert werden. Die drei Terzinengedichte „Die Stunden! wo wir auf das helle Blauen…“, „Zuweilen kommen niegeliebte Frauen…“ und „Wir sind aus solchem Zeug wie das zu Träumen…“ erschienen im Heft zwei der Zeitschrift „Pan“Digitalisiertes Abbild der Originalausgabe (Uni Heidelberg) Abgerufen: 28. Februar 2021 unter dem Pseudonym Loris und mit der Überschrift Terzinen. Vor dem Erscheinen im Druck hatte Hofmannsthal diese Gedichte am 26. September 1894 bei Arthur Schnitzler selbst vorgelesen. „Über Vergänglichkeit“ erschien im März 1896 in der Zeitschrift „Blätter für die Kunst“.

Formale Bestandteile Obwohl jedes dieser vier Gedichte in Terzinen auch für sich alleine stehen kann, bergen sie als Gruppe (über den entstehungsgeschichtlichen Zusammenhang hinaus) formale Zusammenhänge, die dazu herausfordern, sie von der Gruppe ausgehend zu betrachten. Hofmannsthal selber konstatiert einen in der Dichtung bekannten und definierten Begriff (Terzinen) und einen mathematischen Begriff (die Zahl 52).

Mathematisches Gerüst Die Zahl 52 ist die Gesamtsumme der Verse dieser 4 Gedichte. (Dass er selbst die Zahl genannt hat, zeigt, dass die Anzahl der Verse für ihn von Interesse war.) 52 (Anzahl der Verse) : 4 (Anzahl der Gedichte) = 13 Zwei der Gedichte bestehen aus jeweils 13 Versen, eines aus 10 ( = 13 - 3 ) und eines aus 16 ( = 13 + 3 ). Die Zahl 52 ist in der Primfaktorzerlegung 2 × 2 × 13. Es gibt nur zwei Möglichkeiten, jeweils zwei Zahlen zu einer Zahl zusammenzufassen:

a) 2 × 2 = 4 ⇒ ( 2 × 2 ) × 13 = 4 × 13 = 52

b) 2 × 13 = 26 ⇒ 2 × ( 2 × 13 ) = 2 × 26 = 52

Die Zahl 26 entspricht der Anzahl der Buchstaben unseres Alphabets. Die Zahl 13 mit ihrer eigenen Quersumme multipliziert ergibt 52.

Die Aussagekraft der in diesen vier Gedichten in Terzinen enthaltenen Zahlenverhältnisse führt zu dem Ergebnis, dass dieser Gruppe von Gedichten ein mathematisches Gerüst als formaler Bestandteil zu eigen ist. Dies wird zusätzlich erhärtet durch die Tatsache, dass die Summe aller Silben der vier Gedichte zusammengenommen 551 ist, deren Quersumme wiederum die Zahl 11 ist ( siehe Reimschema, struktureller Aufbau und Kadenzierung).

Reimschema, struktureller Aufbau und Kadenzierung Dem in der deutschsprachigen Dichtung verwendeten Begriff Terzinen liegt das italienische Original Terzarima zugrunde, ein Reimschema, dessen Verse jeweils aus 11 Silben bestehen, auf jambischen Versfüßen basierend und metrisch einen jambischen Fünfheber ergebend. Das verwendete Reimschema ergibt eine dreigliedrige Strophenform, die in sich ein mathematisches Verhältnis von geradzahlig zu ungeradzahlig birgt.