mini|Ulrich von Jungingen; Illustration aus Christophorus Hartknoch: Alt und neues Preussen oder Preussischer Historien zwey Theile…, um 1674 Ulrich von Jungingen (* um 1360 vermutlich auf Burg Hohenfels, heute Landkreis Konstanz; † 15. Juli 1410 bei Tannenberg) entstammte dem schwäbischen Adel und war in den Jahren 1407 bis 1410 Hochmeister des Deutschen Ordens. Als Oberster Gebietiger des Deutschordensstaats erklärte er 1409 dem in Personalunion mit dem Großfürstentum Litauen verbundenen Königreich Polen den Krieg und führte das Ordensheer in der Folge zur Niederlage in der Schlacht bei Tannenberg.

Sein Tod auf dem Schlachtfeld und die schweren personellen Verluste des Ordens, in Verbindung mit eklatanten finanziellen Belastungen aufgrund des späteren Friedensschlusses, markieren einen entscheidenden Wendepunkt in der Geschichte des Ordensstaates. Ulrich von Jungingens taktische Fehler in der Schlacht prägen sein Bild bis in die Gegenwart.

Leben Aufstieg in der Ordenshierarchie mini|Wappenschild des Deutschen Ordens Die adlige Familie Jungingen stand ab dem 14. Jahrhundert im Dienst des süddeutschen Hochadels, namentlich der Häuser Habsburg und Württemberg. Ulrich von Jungingen war ein Sohn des Landvogts Wolfgang von Jungingen († vermutlich um 1380) und seiner Gattin Ursula von Hohenfels.

Als jüngerer Nachkomme seines Vaters war Ulrich war nicht erbberechtigt. Daher folgte er dem Beispiel seines ebenfalls nicht erbberechtigten älteren Bruders Konrad: Ulrich wurde ritterliches Mitglied der geistlichen Korporation des Deutschen Ordens. Ob seine Profess bereits im Reich erfolgte oder erst zu einem späteren Zeitpunkt im Ordensland, lässt sich nicht mehr feststellen. Ebenso unbekannt ist der Zeitpunkt seiner Ankunft im Ordensland, dem späteren Preußen. Hier wird er erstmals 1383 als sogenannter Fischmeister bei Drausen und später in seinem Amt als Pfleger von Morteg erwähnt.Erich Maschke: Der deutsche Ordensstaat, Gestalten seiner großen Meister. S. 98.

Als sicher gilt, dass Ulrich in Preußen die Protektion seines älteren Bruders Konrad genoss, der in der Hierarchie des Ordens bereits verantwortliche Positionen bekleidete. So übernahm Ulrich in den Jahren 1391 bis 1392 den Posten eines Kompans des Hochmeisters Konrad von Wallenrode. Damit etablierte er sich früh auf der Marienburg, dem Machtzentrum des Ordensstaates. Die bedeutende Funktion eines hochmeisterlichen Kompans prädestinierte Ulrich für weitere einflussreiche Ämter. Insbesondere die Wahl seines Bruders Konrad zum 25. Hochmeister im Jahre 1393 wirkte sich vorteilhaft auf Ulrichs Aufstiegschancen aus.

Im Jahr 1396 wurde Ulrich Komtur von Balga,Erich Maschke: Der deutsche Ordensstaat, Gestalten seiner großen Meister. S. 99. einer der wichtigsten Kommenden im Ordensstaat. Dieses Amt galt im Orden als Grundlage für höhere Weihen. In den Jahren nach 1398 führte Ulrich von Jungingen in dieser Eigenschaft die komplizierten diplomatischen Verhandlungen mit der dänischen Königin Margarethe I. um den Besitz Gotlands. Weiterhin nahm er an diplomatischen Missionen in LitauenUrkunde des Hochmeisters Konrad von Jungingen über die Passage des Komturs von Balga, Ulrich von Jungingen, nach Litauen und dem Königreich PolenUrkunde des Hochmeisters Konrad von Jungingen aus dem Jahr 1400 über die Teilnahme des Komturs von Balga an Verhandlungen mit dem polnischen König teil.

Ab Ende 1404 führte er nach der krankheitsbedingten Abberufung Werners von Tettlingen als Ordensmarschall und damit als Komtur von KönigsbergDer Ordensmarschall war ab 1330 gleichzeitig Komtur von Königsberg. das Ordensheer. Damit zählte Ulrich zu den fünf Großgebietigern und hatte eines der höchsten Ämter innerhalb des Ordens inne. Der Ordensmarschall führte im Jahre 1405 Aufgebote zur Unterdrückung lokaler Aufstände nach Žemaitien.Ouch binnen desin zitin czoch der marschall von pruszin mit einem mechtigen here uf die Szamaythien; aus der Chronik des Johann von Polsilge. In: Theodor Hirsch, Max Toeppen, Ernst Strehlke: Scriptores rerum Prussicarum. Die Geschichtsquellen der preußischen Vorzeit bis zum Untergang der Ordensherrschaft. Band 3, S. 276. Die Bevölkerung rebellierte dort gegen die Eintreibung von Kirchenzehnten sowie sonstiger Abgaben. Žemaitien war mit dem Vertrag von Sallinwerder von 1398 vom litauischen Großfürsten Vytautas dem Orden übereignet worden. Ulrich zeichnete sich durch pragmatisches Handeln aus,Urkunde von 1406 was im Widerspruch zur verbreiteten Ansicht späterer Chronisten, Ulrich sei unbeherrscht und arrogant gewesen,Johannes Longinus (Jan Długosz): Banderia Prutenorum steht. Von Jungingen verfolgte in Žemaitien das in vergangenen Jahrhunderten im Kampf gegen die Prußen bewährte Konzept: zielgerichtete deutsche Besiedlung in Verbindung mit Gewinnung oder Korrumpierung des ansässigen Adels. Örtlichen Widerstand ließ der Ordensmarschall dabei rücksichtslos ersticken. Dieses Konzept erwies sich aber in der Folge aufgrund des geringen Zustroms von Siedlungswilligen als untauglich.

Nach dem unerwarteten Tod seines Bruders, des Hochmeisters Konrad von Jungingen, am 30. März 1407 musste ein neuer Hochmeister bestimmt werden. Wegen der wachsenden Spannungen mit dem Königreich Polen infolge des Erwerbs der Neumark im Jahre 1402 musste dies schnell geschehen. Es war der amtierende Statthalter des Hochmeisters und zugleich vom Ordenskapitel bestätigte Wahlkomtur Werner von Tettlingen, der als Nachfolger den Ordensmarschall Ulrich von Jungingen vorschlug.Theodor Hirsch, Max Toeppen, Ernst Strehlke: Scriptores rerum Prussicarum. Die Geschichtsquellen der preußischen Vorzeit bis zum Untergang der Ordensherrschaft. Band 3, S. 287.Das Ordenskapitel bestimmte ein Kollegium von 13 Abgeordneten, das unter Vorsitz des stimmberechtigten Wahlkomturs unter den Aspiranten nach den Prinzipien der absoluten Mehrheit die Wahl traf; Nach: Dieter Zimmerling: Der Deutsche Ritterorden, Econ, München 1998, S. 171. Am 26. Juni 1407 wählte das Ordenskapitel Ulrich von Jungingen einstimmig zum 26. Hochmeister des Deutschen Ordens.Theodor Hirsch, Max Toeppen, Ernst Strehlke: Scriptores rerum Prussicarum. Die Geschichtsquellen der preußischen Vorzeit bis zum Untergang der Ordensherrschaft. Band 3, S. 285–286. Dieser soll sich gegen die bereits vollzogene Wahl mit dem Argument gewehrt haben, er sei des hohen Amtes nicht würdig. Sein Verhalten gilt als ungewöhnlich, da das Ordenskapitel in mittelalterlich-religiösem Zeitgeist die Wahl als „himmlische“ Offenbarung betrachtete.Dieter Zimmerling: Der Deutsche Ritterorden; Econ, München 1998, S. 171. Bei der Wahl fehlten Repräsentanten aus dem Reich wie der Deutschmeister Konrad von Egloffstein sowie einige Vertreter des Livländischen Ordenszweiges aufgrund kriegerischer Auseinandersetzungen mit der russischen Adelsrepublik von Pskow.

Hochmeister mini|Hochmeisterwappen Ulrichs von Jungingen

Innenpolitik Ulrich von Jungingen bemühte sich wie seine Vorgänger um eine geordnete Verwaltung seiner Ländereien.Aufforderung an den Rat von Thorn zur Kennzeichnung ihrer Schiffe (hier allerdings im Vorfeld der Auseinandersetzung mit dem Kgr. Polen zu betrachten) Hier konnte er auf bewährte Verwaltungsstrukturen wie die Komtureien zurückgreifen, die dem Hochmeister direkt verantwortlich waren. Doch auch Ulrich ergriff keine Maßnahmen, um den sich seit Jahrzehnten abzeichnenden Grundwiderspruch zwischen autoritärer Ordensherrschaft und den preußischen Landständen zu überwinden. Die Landstände, Vertreter der Städte und des Landadels, forderten ein Mitspracherecht bei der Verwaltung, was der Orden mit Hinweis auf überkommene RechtsauslegungenGrundlage dieser Rechtsauslegungen bildeten die kaiserliche Goldene Bulle von Rimini von 1226 sowie die päpstliche Bulle von Rieti 1234. strikt verweigerte. Gerade Kaufleute der Hansestädte wie Danzig oder Thorn sahen sich bei der Ausübung freien Handels durch eigene Handelsbevollmächtigte des Ordens, die Großschäffer, benachteiligt. In Anbetracht der militärischen Macht des Ordens beugten sich die ständischen Vertreter dennoch dem Anspruch der Ordensritter. Die Landstände wie beispielsweise die Bürgerschaft von Danzig trugen dem Hochmeister als nominellem Landesherrn regelmäßig ihre Anliegen oder Beschwerden vor.Wolfgang Sonthofen: Der Deutsche Orden; Weltbild, Augsburg 1995, S. 148.An den Hochmeister herangetragene Bestätigung für eine Stiftung der Gründung einer aus über 200 Personen bestehenden Bruderschaft zur Pflege erkrankter Danziger Schiffsleute im Allgemeinen und der während des Gotlandfeldzuges des Ordens (gegen die Vitalienbrüder) Verwundeten im Besonderen. (Univ. Hamburg) Das Ersuchen um karitative Hilfestellung durch die dem Orden äußerst distanziert gegenüberstehende Hansestadt Danzig bestätigt noch die Anerkennung der Oberhoheit des Ordens.

Der Hochmeister sowie die Großgebietiger sahen über den aufkeimenden Gegensatz hinweg. Es existieren keine Quellen, die über Ansätze zur Lösung in der Amtszeit Jungingens berichten. Eine Ausnahme bildete die Landesordnung des Hochmeisters aus dem November des Jahres 1408. Sie beruhte auf beim Ständetag im Mai desselben Jahres vorgebrachten Forderungen. Im Wortlaut der Landesordnung beschränkte sich der Hochmeister allerdings auf marginale Konfliktpunkte wie auf juristische Behandlung diverser Schadensersatzforderungen oder sogar die Strafbarkeit bei „Entführung von Jungfrauen“.Klaus Neitmann: Die Landesordnungen des Deutschen Ordens in Preußen im Spannungsfeld zwischen Landesherrschaft und Ständen. In: Hartmut Boockmann (Hrsg.): Die Anfänge der ständischen Vertretungen in Preußen und seinen Nachbarländern (= Schriften des Historischen Kollegs, Reihe Kolloquien, Band 16). Oldenbourg, München 1992, ISBN 3-486-55840-4, S. 59–81, hier S. 64–65. Im Grunde beinhaltete die Landesordnung von 1408 zum größten Teil ausschließlich die Wiederaufnahme älterer Bestimmungen.Kommentar in: Theodor Hirsch, Max Toeppen, Ernst Strehlke: Scriptores rerum Prussicarum. Die Geschichtsquellen der preußischen Vorzeit bis zum Untergang der Ordensherrschaft. Band 3, S. 294. Ulrich kümmerte sich hingegen persönlich um Minderung der Schäden eines verheerenden Frühjahrshochwassers der Weichsel im Jahre 1408 im Umland von Graudenz.„… wart gross wassir, das die wysel utbrach bienedien Grudenz. Der homeister dasylbst erschin…“ in Chronik des Johann von Polsilge; Theodor Hirsch, Max Toeppen, Ernst Strehlke: Scriptores rerum Prussicarum. Die Geschichtsquellen der preußischen Vorzeit bis zum Untergang der Ordensherrschaft. Band 3, S. 290.

In den Jahren 1407 bis 1409 intensivierte der Hochmeister die Rüstungsanstrengungen des ohnehin militärisch schlagkräftigen Ordensstaates erheblich. Das Gewerk zur Herstellung von Steinbüchsen, die Former der Steinkugeln sowie die Pulvermühle auf der Marienburg sollen mit Ausnahme hoher kirchlicher Feiertage rund um die Uhr gearbeitet haben. Eine Dispens des Hochmeisters erlaubte den dort Beschäftigten sogar die Umgehung des Fastengebotes, um die Arbeitsleistung nicht zu mindern. Eine Reihe Fester Häuser an der litauischen Grenze wurde weiter befestigt und zum Teil mit einer neuartigen Artillerie, den so genannten Steinbüchsen, bestückt.

Diplomatie mini|Deutschordensland im Jahre 1410Der Herrschaftsantritt und die gesamte Amtszeit des neuen Hochmeisters wurden durch die wachsenden Spannungen mit dem Königreich Polen und insbesondere dem Großfürstentum Litauen überschattet. Der polnische Adel drängte schon seit Generationen aufgrund der Annektierung von Pommerellen im Jahre 1308 und wegen des Erwerbs der Neumark zu kriegerischen Gegenmaßnahmen. Dazu unterstützte der litauische Großfürst Vytautas Unabhängigkeitsbestrebungen in dem vom Orden besetzten Žemaitien.