mini|300px|Das Kastell mit Eintragung des Vicus in seiner 2. Ausbauphase, die 193 n. Chr. begann. mini|300x300px|Luftbild des Kastells Rainau-Buch aus nordwestlicher Richtung. Das Kastell Buch, auch Kastell Rainau-Buch genannt, ist ein ehemaliger römischer Garnisonsort, der nahe am Rätischen Limes, einem UNESCO-Weltkulturerbe, zur Grenzsicherung errichtet wurde. Die Reste der Fortifikation liegen auf der Gemarkung des zur Gemeinde Rainau gehörenden Dorfes Buch im Ostalbkreis im östlichen Baden-Württemberg. Das Kastell bildet seit 1972 zusammen mit seiner antiken Zivilsiedlung (Vicus), dem dort entlangführenden Abschnitt des Limes sowie dem Limestor DalkingenLimestor Dalkingen bei . den Limes-Park Rainau. Bekannt wurde Buch außer durch das Limestor besonders durch seine kostbaren Funde.
Lage Die Garnison wurde topographisch günstig auf einem das Jagst- und das zulaufende Ahlbachtal beherrschenden Geländesporn errichtet. Von hier aus konnte nicht nur der nahe Limesabschnitt überwacht, sondern auch das rund 2,25 Kilometer nordöstlich vom Kastell in die Rätische Mauer eingebaute Limestor mitsamt dem Grenzverkehr kontrolliert werden. Daneben bot sich der Besatzung von der Anhöhe aus ein guter Blick über das weiter nördlich die römische Reichsgrenze querende Jagsttal. Der Limes läuft in diesem Bereich von Südwesten kommend in einem Minimalabstand von rund 1,15 Kilometern westlich des Kastells nach Nordosten. Anschließend beschreibt er von Norden nach Südosten einen leichten, rund zwei Kilometer umfassenden Bogen. Der nördlichste Punkt dieses Bogens an der Stelle, an der die Jagst römisches Gebiet verließ, war von der Befestigung rund 2,2 Kilometer entfernt und für die dort stationierten Soldaten gut einsehbar. Die antiken Geometer hatten den Bogen angelegt, um das Jagsttal besser überwachen zu können und um eine dort gelegene, wichtige Furt in das römische Gebiet einzubeziehen. Es wird vermutet, dass dort in der Flusssenke bereits in vorgeschichtlicher Zeit eine bedeutende Nord-Süd-Durchgangsstraße verlaufen ist.Dieter Planck, Willi Beck: Der Limes in Südwestdeutschland. 2. völlig neubearbeitete Auflage, Theiss, Stuttgart 1987, ISBN 3-8062-0496-9, S. 133. Das nordöstliche Ende des Limesbogens liegt rund drei Kilometer entfernt. Im Bereich eines dort vermuteten Wachturms knickt die Rätische Mauer in östliche Richtung ab, um nach 1,5 Kilometern für ein längeres Stück geradlinig nach Nordosten bis zum Kastell Halheim zu laufen.
Der Geländesporn, auf dem sich die Überreste der Bucher Befestigung befinden, wird an seiner Nordflanke durch die Niederung des Ahlbachs begrenzt. Der Bach fließt nordöstlich unterhalb der Befestigung der Jagst zu, die hier von Südosten heran- und nach Norden abfließt; heute liegt hier der Stausee Rainau-Buch. Im Talgrund, am Zufluss des Ahlbachs in die Jagst, befindet sich ein Teil des Vicus, der Zivilsiedlung des Kastells, sowie das Balineum, das Kastellbad. Die Westseite des Sporns flankiert der Langenbach-Taleinschnitt. Auch am Talhang auf der gegenüberliegenden Seite der Jagst wurden Reste antiker Bauten entdeckt.
Eine wichtige Heer- und Handelsstraße führte von Buch zum bedeutendsten Kastell des Rätischen Limes im heutigen Aalen, dem Kastell Aalen. Die Verlängerung der Straße zog sich von Buch aus zum nicht einsehbaren Limestor und darüber hinaus in die Germania magna (Großgermanien). Dort verlieren sich ihre Spuren gleich hinter der Grenze.Dieter Planck: Rainau-Dalkingen – Limestor. In: Walter Sölter (Hrsg.): Das römische Germanien aus der Luft. 2. Auflage. Lübbe, Bergisch Gladbach 1983, ISBN 3-7857-0298-1, S. 58. Eine weitere Straße soll Buch mit dem Kastell Halheim verbunden haben. Zudem wurde ein Weg nach Südosten der Jagst entlang, der beim Bundesstraßenbau 1973 zerstört wurde, als römerzeitliches Überbleibsel angesehen.Philipp Filtzinger, Dieter Planck, Bernhard Cämmerer: Die Römer in Baden-Württemberg. 3. Auflage, Theiss, Stuttgart 1986, ISBN 3-8062-0287-7, S. 496. Nähere Untersuchungen fanden seinerzeit jedoch nicht statt. Bekannt ist hingegen eine Trasse zum südlichen und älteren Kastell Oberdorf am Ipf (Opia), das zum ehemaligen Alblimes gehörte. Es wird vermutet, dass die Aufgabe des Kastells Opia im Zusammenhang mit der Vorverlegung des Limes stand. In diesem Fall könnte die dortige Kastellbesatzung nach Buch verlegt worden sein.Dietwulf Baatz: Der Römische Limes. Archäologische Ausflüge zwischen Rhein und Donau. Gebr. Mann, Berlin 1993, ISBN 3-7861-1701-2, S. 260.Dieter Planck: Neue Forschungen zum obergermanischen und raetischen Limes. In: Hildegard Temporini (Hrsg.): Aufstieg und Niedergang der römischen Welt. de Gruyter, Berlin 1976, ISBN 3-11-006690-4, S. 445.Jörg Heiligmann: Der „Alb-Limes“: ein Beitrag zur römischen Besetzungsgeschichte. Theiss, Stuttgart 1990, ISBN 3-8062-0814-X, S. 198. Im Umkreis von Buch konnte die Gewinnung und Verhüttung von Eisenerz nachgewiesen werden.Anne Johnson (dt. Bearbeitung von Dietwulf Baatz): Römische Kastelle. Philipp von Zabern, Mainz 1987, ISBN 3-8053-0868-X, S. 13.
Forschungsgeschichte mini|Das Luftbild zeigt das Kastell in der oberen Bildhälfte ganz links und das Limestor in der Bildspitze ganz oben rechts.
Bereits Anfang des 19. Jahrhunderts wurden die Überreste des Kastells im Gewann „Haldenäcker“ entdeckt. Insbesondere die Ellwanger Altertumsfreunde führten im Bereich der Garnison erste Untersuchungen durch. Sie berichteten, dass das Gewann damals noch durch sichtbare Mauern umfriedet war, von denen 1818 Steine für den Straßenbau ausgebrochen wurden. Als Beweis für die Anwesenheit der Römer galten ihnen Säulenfragmente, gebrannten Ziegel, Keramik und Münzen.Dieter Planck: Das Freilichtmuseum am Rätischen Limes im Ostalbkreis. Theiss, Stuttgart 1983, ISBN 3-8062-0223-0, S. 168. Erste wissenschaftliche Ausgrabungen fanden 1897 unter der Leitung des zuständigen Streckenkommissars der Reichs-Limeskommission, Ernst von Herzog (1834–1911), statt. Damals wurden Wehrmauern, Tore, Türme sowie die in Steinbauweise ausgeführten Innenbauten erforscht. Auch das Kastellbad im Jagsttal konnte untersucht werden. 1969 gruben die Forscher im „Mahdholz“ an der Limesmauer bei Schwabsberg nördlich von Buch und konservierten 1970 ein Steinturmfundament. 1974 wurde dort ein Limesturm aus Holz rekonstruiert, der als hölzerner antiker Bau nachgewiesen werden konnte. Diese Art der Rekonstruktion wurde durch den fortschreitenden Wissensstand überholt. Daher ersetzte man 2008 den Turm durch eine wissenschaftlich gesicherte Rekonstruktion auf Grundlage der Arbeiten von Dietwulf Baatz (1928–2021). Am Südrand von Schwabsberg wurde 1969 und 1974 die hölzerne Limespalisade angeschnitten. Die 1969 aus zwei Metern TiefeEgon Schallmayer: Zur Frage der Palisade am Obergermanisch-Raetischen Limes im 3. Jahrhundert n. Chr. In: Limes, 19. Proceedings of the XIXth International Congress of Roman Frontier Studies held in Pécs, Hungary, September 2003. Pécs 2005, S. 801–813; hier: S. 801. gewonnenen Proben wurden 1975 durch den Dendrochronologen Ernst Hollstein (1918–1988) untersucht.Ernst Hollstein: Mitteleuropäische Eichenchronologie. von Zabern, Mainz 1980, ISBN 3-8053-0096-4, S. 115; Dieter Planck: Der Obergermanische und Rätische Limes. In: Aufstieg und Niedergang der römischen Welt. Band II, 5, 1. de Gruyter, Berlin 1976, ISBN 3-11-006690-4, S. 435. Die von 1974 im Jahr 1976 durch den Dendrochronologen Bernd Becker (1940–1994) von der Universität Hohenheim.Philipp Filtzinger (Hrsg.): Die Römer in Baden-Württemberg. 3. Auflage. Theiss, Stuttgart 1986, ISBN 3-8062-0287-7, S. 488.
Im Zuge der Flurbereinigung untersuchte im Auftrag des Landesdenkmalamtes Baden-Württemberg Dieter Planck 1972 das Südtor – in Buch die Porta principalis dextra – ein kleines Stück der sich östlich anschließenden Wehrmauer sowie den dort befindlichen Zwischenturm. Außerdem führten die Archäologen einen Schnitt durch das Grabensystem aus, wobei der südlich am Kastell vorbeiführende Fahrweg verhinderte, dass damals alle Gräben erkannt werden konnten. Die 1972 untersuchten Mauern wurden nach der Ausgrabung sichtbar konserviert. 1973 und 1974 konzentrierten sich die Arbeiten auf das Limestor. In den 1982Landesdenkmalamt Baden-Württemberg (Hrsg.): Fundberichte aus Baden-Württemberg. E. Schweizerbart’sche Verlagsbuchhandlung, Stuttgart 1983, S. 327. aufgestauten Bucher Stausee versanken große Bereiche der Täler von Jagst und Ahlbach im Umfeld des Kastells. Zwischen 1976 und 1979 mussten umfangreiche Notgrabungen im Bereich des vor der Porta praetoria gelegenen ost- und südöstlichen Vicus durchgeführt werden, da die Neutrassierung der Bundesstraße 290 dieses Gebiet archäologisch zerstörte. 1975 und 1976 wurde das Kastellbad erneut untersucht und südlich davon kamen 1979 und 1980 zwei weitere Vicusbauten ans Licht. Ebenfalls 1979 konnten bei Planierarbeiten auf dem östlichen Uferhang der Jagst nordöstlich des Bades ein großer römischer Ziegelbrennofen entdeckt und ergraben werden. Die Archäologen nahmen ihn in das Grabungsschutzgebiet auf und schütteten ihn wieder zu. 1992 und 1999 untersuchte Harald von der Osten-Woldenburg Kastell und Teile der Zivilsiedlung geomagnetisch. Außerdem fand 1994 eine geoelektrische Untersuchung und im Winter 1996 eine Begehung mit dem Bodenradar statt, die den Kastellgräben galt.Harald von der Osten-Woldenburg: Kastelle und Limesabschnitte. Eine Übersicht über bislang in Baden-Württemberg durchgeführte geophysikalische Prospektionen. In: Jürgen Obmann: Limesentwicklungsplan Baden-Württemberg. Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart (Hrsg.), Esslingen 2007, S. 45.Harald von der Osten-Woldenburg: Geomagnetische Prospektion des Kohorten-Kastells Rainau-Buch. In: Ellwanger Jahrbuch 1991–1992. Band XXXIV, S. 147–170.
Weitere wichtige Ergebnisse für die Besiedlungsgeschichte, die 2002 durch den provinzialrömischen Archäologen Bernhard Albert Greiner veröffentlicht wurden, brachte die erneute dendrochronologische Aufarbeitung der in Buch während der Grabungen im Boden gefundenen Hölzer.Bernhard Albert Greiner: Der Kastellvicus von Rainau-Buch: Siedlungsgeschichte und Korrektur der dendrochronologischen Daten. In: Ludwig Wamser, Bernd Steidl: Neue Forschungen zur römischen Besiedlung zwischen Oberrhein und Enns. Greiner, Remshalden-Grunbach 2002, ISBN 3-935383-09-6, S. 83–89.
Heutiger Zustand Die Fundamente der Therme sowie zweier angrenzender Gebäude des Lagerdorfes (Vicus) wurden nach der Grabung 1979/80 konserviert und sind am Ufer des Stausees frei zu besichtigen. Im Zuge der Sanierung des Vicus-Areals 2001/02 wurden die äußeren Umrisse des Stabsgebäudes auf dem Erdboden durch eine Schwelle aus Kies nachgezeichnet. In der Mitte befindet sich ein Modell der Anlage im Maßstab 1:200. Die Kastellmauer wird neben den rekonstruierten Abschnitten im Süden durch einen Erdwall und eine Hecke angedeutet. Bäume zeigen die Lage der Zwischen- und Tortürme an. An sämtlichen Stationen befinden sich Schautafeln, die vor wenigen Jahren aufgrund des UNESCO-Welterbe-Status 2005 ergänzt wurden. Das ab 1972 schrittweise entstandene Freilichtmuseum am rätischen Limes wurde mit der Aufstellung der neuen Schautafeln in Limes-Park Rainau umbenannt.
Baugeschichte mini|Teilrekonstruiertes südliches Tor (Porta principalis dextra), Außenansicht. mini|Der Blick entlang des teilrekonstruierten südlichen Mauerabschnitts mit rechteckigem Wachturmfundament mini|Zentral auf dem Kastellgelände befindet sich ein Modell im Maßstab 1:200 mini|Die Lage der Principia ist mit einer Schwelle aus Kies am Boden markiert. In ihrer Mitte befindet sich das Kastellmodell