mini|hochkant=1.3|Die St.-Jürgens-Kirche aus nördlicher Richtung mit dem nebenstehenden Küsterhaus (Juli 2009) Die St.-Jürgens-Kirche im Ortsteil St. Jürgen von Lilienthal in Niedersachsen ist eine evangelisch-lutherische Kirche. Das kleine Gotteshaus aus dem 12. Jahrhundert mit dem vorreformatorischen Patrozinium des heiligen Georg (Jürgen ist die norddeutsche Namensvariante) öffnete sich 1535 für die Reformation. Bis ins 20. Jahrhundert wurde es regelmäßig von Hochwassern umspült.
St. Jürgen wurde Anfang 2015 mit St. Marien zur neuen Kirchengemeinde Lilienthal fusioniert, die etwa 8300 Mitglieder hat und über den Kirchenkreis Osterholz-Scharmbeck der Hannoverschen Landeskirche angehört.
Die Kirchenwarft und der Friedhof stehen unter Denkmalschutz (siehe auch Liste der Baudenkmale in Lilienthal).Beschreibung/Bilder im Denkmalatlas Niedersachsen
Lage mini|Die Kirche vom Bremer Wümmedeich aus gesehen Gelegen auf einer Kirchwarft besitzt die St.-Jürgens-Kirche eine weithin dominante Stellung innerhalb der vollkommen flachen Marschwiesen des niedersächsischen St.-Jürgen-Landes nördlich der Wümmemäander und des bremischen Blocklandes, das sich südlich an selbige anschließt. Die Wümme bildet also die Landesgrenze. Unmittelbar an der Südseite an das Grundstück anschließend fließt mit dem Kirchfleet ein größerer Entwässerungsgraben in ost-westlicher Richtung. Neben dem Kirchengebäude stehen jeweils aus Fachwerk das 2004 wieder aufgebaute Backhaus, ein Küsterhaus und das reetgedeckte Pfarrhaus. Das Ensemble liegt am schräg von Nordosten gen Südwesten verlaufenden Kirchweg, der die Kreisstraße 8 mit dem Wümmedeich in der Ortschaft Höftdeich verbindet. Von der Kirche ausgehend verläuft in westlicher Richtung ein letztes Teilstück der alten Moorkampstraße, die um 850 Teil eines Verbindungsweges zwischen Bremen und Hamburg war. Die St.-Jürgens-Kirche ist wie fast alle alten christlichen Sakralbauten geostet, das heißt nach Osten ausgerichtet. Sie liegt auf dem Meridian des Bremer Doms und exakt 11,27 Kilometer nördlich von diesem. Politisch betrachtet gehört der früher selbständige Ort St. Jürgen seit der Eingemeindung 1974 als Ortsteil zu Lilienthal – ebenso wie die ihm zugeordneten zehn Ortschaften, die ehemals eigenständige Kirchengemeinden bildeten. Die Gebäude sind seit alter Zeit so nummeriert, dass das Pfarrhaus als Nr. 1, das Backhaus als Nr. 1 b, die Kirche als Nr. 2, das Küsterhaus als Nr. 3 und ein Angebäude in Höftdeich als Nr. 4 geführt werden. Kirche und Landschaft sind ein beliebtes Ziel für Ausflügler.
Geschichte und Beschreibung Geschichte Baugeschichte Die Anfänge der Kirche gehen zurück auf eine kleine steinerne Wegkapelle, die Erzbischof Ansgar um 865 am heutigen Standort auf einer Sanddüne errichten ließ. Im damals unwegsamen Gelände von Bremen zur Osterholzer Geest diente sie vermutlich auch als Schutzburg und Wachturm.
Das Baujahr ist unbekannt. Als gesichert gilt, dass holländische Siedler 1106 mit dem Erzbischof Friedrich I. von Bremen einen Vertrag aushandelten, der den Bau von Kirchengebäuden in der Region gestattete. Man geht heute davon aus, dass die St.-Jürgen-Kirche um 1190 errichtet wurde. Erstmals urkundlich erwähnt wird die Gemeinde 1244. Der Turm wurde erst im 15. Jahrhundert in Verbindung mit anderen Umbauten errichtet. Andere Quellen vermuten, zuerst sei nur der Chor mit der Apsis gebaut worden, weil er ältere architektonische Spuren aufweise, und das Langhaus sei in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts hinzugefügt worden.
Mitte des 18. Jahrhunderts gab es noch eine Kapelle in Form eines 14 mal 18 Fuß großen Anbaus an den Chor; sie besaß einen Messaltar, einen Weihwasserkessel und eine Messglocke. Der Kirchenvorstand ließ die Kapelle vermutlich um 1747 abtragen, weil „die zu spät kommenden Kirchgänger und auch die Jugend vielen Unfug zur Hinderung des öffentlichen Gottesdienstes darin getrieben“.Meyer-Korte (1978), S. 149. Im 20. Jahrhundert gab es drei bedeutende Restaurierungen des Kirchenschiffs. 1931 wurde nach Plänen des Architekten Kurt Schulze-Herringen die ursprüngliche Gestalt der Kirche wieder hergestellt, nachdem der Innenraum zuvor immer wieder dem jeweiligen Zeitgeschmack angepasst worden war. Von April bis Oktober 1961 ließen Jan Noltenius (Bremen) und der Maler H. Oetke (Delmenhorst) Renovierungsarbeiten ausführen, nachdem ein Jahr vorher schwerwiegende Schäden am Turm beseitigt worden waren. Bei der Sanierung von 1986 gelang es, im Bereich der alten Sakristei an der Südseite des Chorraumes Fundamente der alten Kapelle freizulegen. Als während dieser Maßnahme der Außenputz des Kirchenschiffes abgeschlagen wurde, trat zutage, dass die Kirche im Giebelbereich sowie zur Nord- und zur Südseite der Kirchenwände erweitert worden war. Dies war vermutlich um 1747 geschehen, denn der ehemalige Pastor Johann Wilhelm Hönert schrieb in seinen Aufzeichnungen:
An anderer Stelle wird gemutmaßt, die Gewölbe des Längsschiffes könnten erst im 14. Jahrhundert anstelle einer ursprünglichen Holzbalkendecke eingezogen worden sein. Da die Gewölbe mit einem sehr viel höheren Gewicht auf den Wänden lasteten als die vorherige Decke, seien später die Außenmauern verstärkt worden. In St. Jürgen finden sich in den Gewölben jedoch romanische Linienführungen, die darauf hindeuten, dass die Gewölbe bereits sehr früh eingezogen wurden oder von Anfang an Teil der Kirche waren.
Kirchengeschichte mini|Kerben und Furchen, die zahllose Schwerter und Messer im weichen Sandstein hinterlassen haben mini|Einer der Ringe am Kirchenwall, an dem bei Überflutungen die Boote festgebunden wurden Nach ihrer Erbauung war die St.-Jürgens-Kirche wahrscheinlich eine Wallfahrtsstätte. Darauf deuten die teils tiefen Furchen an der Nordwestecke des Turmes hin. Sie sind ein Zeichen dafür, dass dort Männer, eventuell Krieger, ihre Messer und Schwerter am damals als heilig geltenden Sandstein gewetzt und geschliffen haben.
Die Reformation erreichte St. Jürgen für die Region verhältnismäßig spät. Der letzte katholische Priester Warnerus Weber wurde 1535 gegen die Zahlung von 60 Bremer Mark von den St. Jürgener Kirchengeschworenen Johann Borcherdes, Lüder Rust und Arend Barnstorp zum Rücktritt bewogen. Wann genau der erste lutherische Prediger Bartholomäus kam, ist unklar. In den Chroniken folgt eine Lücke von 100 Jahren, bevor Pastor Lademann erwähnt wurde, der um 1645 in der Kirche tätig war. Einer seiner Nachfolger, Florenz Holzkamp, wurde angeblich nach nur dreijähriger Amtszeit 1671 von Anwohnern auf bestialische Art und Weise ermordet. Sie überfielen ihn des Nachts, streuten ihm Schießpulver in den aufgeschnittenen Brustkorb und in die Waden, zündeten es an und marterten ihn zu Tode.Dehlwes (1978), S. 91. Der Grund für diese Gewalttat ist unklar und nicht überliefert.
Ein stetes Problem für das Gebäudeensemble waren im Laufe der Jahrhunderte die jährlichen Überschwemmungen der Marschwiesen durch Hochwasser der Wümme oder der Weser. Bei den Überflutungen ragte die Kirche auf einer Warft oft als einziges Gebäude aus dem Wasser, weshalb ab und an von der Insula perdita (de.: „Verlorene Insel“) gesprochen wurde. In solchen Fällen waren die Kirchgänger im Sommer gezwungen, mit Ruderbooten zum Gottesdienst zu fahren, wovon mehrere Eisenringe am 1889 errichteten steinernen Kirchenwall zeugen, an denen die Kähne festgebunden wurden. Im Winter fuhren die Gottesdienstbesucher mit Schlitten oder auf Schlittschuhen zur Kirche. Bei sehr widrigen Witterungsbedingungen konnte es auch vorkommen, dass der Gottesdienst sechs Wochen lang ausfiel; Pastor und Küster waren lange Zeit isoliert. Auch das Kirchenschiff stand oftmals bis zu einem Meter unter Wasser und das Küsterhaus wurde zeitweise verwüstet (u. a. 1682 und 1861). Um 1820 wurde auf der Warft ein Schutzwall aus Baumstämmen errichtet. Seit 1935 ist kein Hochwasser mehr an die Oberkante des Erdhügels gestiegen. In den Sommermonaten wuchsen infolge der Überflutungen in den sumpfnassen Wiesen großflächige Röhrichte und Seggenriede und bildeten die natürliche Pflanzendecke. Bald schon wurde die Kirche deshalb als Ecclesia Beati Georgii in Terra Graminum („Kirche des heiligen Georg im Lande der Gräser“) oder Villa Sancti Georgii in Terra Graminum („Haus des heiligen Georg im Lande der Gräser“) bezeichnet.
Die Kirche war auch Treffpunkt für die Bewohner der Gemeinde und der Region. Auf dem Kirchhof fanden Gerichtsverhandlungen statt. Es war der Ort, an dem der neue Unterrichter von St. Jürgen „gehört“ und somit in sein Amt eingeführt wurde. Dazu hoben ihn die versammelten Gemeindemitglieder in seinem Sessel dreimal empor und riefen die Worte „Ich höge den jungen Erbenrichter thom ersten, annern und darten Mahl“. Anschließend verlas man ihm die Grenzen seiner Jurisdiktion. In der alten Kapelle wurden zudem bis zu deren Abriss Hochzeiten gefeiert. Das kleine Gebäude hieß deshalb umgangssprachlich auch Brauthaus. Einer Legende nach erfand Karl J. Ludolf Parisius (Pastor von 1881 bis 1892) um 1871 als Student die Ansichtskarte, als er auf die Idee kam, Karten zu bemalen und an Bekannte zu versenden.Köppe (1995), Kapitel: 10. Tag
Kirchengebäude mini|hochkant|Längsschnitt und Grundriss der Kirche Das Gebäude ist ein innen wie außen weiß verputzter romanischer Back- und Sandsteinbau mit einer Gesamtlänge von 31,5 Metern und einer Breite von bis zu zehn Metern. Zwei Kreuzrippengewölbe dominieren den Innenraum der Kirche. Eines von ihnen kulminiert direkt über der Orgel auf ihrer Empore, während das andere den Großteil der Sitzbänke überspannt. Beide sind acht Meter hoch, 7,75 Meter breit und sechs Meter lang und werden von einem gleichförmigen, zwölf Meter hohen Satteldach bedeckt. An die Gewölbe schließt sich nach Osten der 6,25 Meter lange, 6,5 Meter breite und 6,25 Meter hohe Chor- oder Altarraum an, der spätromanische Spuren aufweist. Über ihm ist das Dach 9,5 Meter hoch. Den Abschluss der Kirche bildet nach Osten die Apsis mit einer Höhe von bis zu 4,75 Metern. Sie ist 6,5 Meter breit und 2,5 Meter tief.
Der Turm am westlichen Ende des Bauwerkes ist mit Wetterfahne, die den drachentötenden heiligen Georg zeigt, 21,25 Meter hoch, ohne Wetterfahne sind es 19 Meter. Er hat in seiner Südwand einen nicht öffentlichen Treppenaufgang; die Grundfläche des Turms beträgt 7 × 5,75 Meter. Die Kirchenuhr ist an der Nordwand angebracht.
Das Kirchenschiff hat 15 romanische Rundbogenfenster. Finden sich im Chor zu jeder Seite eines und in der Apsis drei kleine bunte Bleiglasfenster, baute man in die Gewölbe je vier Fenster – zwei in jeder Wand – ein. Darunter im Orgelgewölbe sind es noch zwei kleinere, zurückgesetzt in der dicken Wand. In früheren Zeiten befanden sich dort Eingänge, wobei der Haupteingang an der Südseite lag.Beschreibung/Bilder im Denkmalatlas Niedersachsen
Ausstattung mini|Kirchenschiff mini|Altarraum mit Taufbecken, Altar, Bleiglasfenstern und dem alten Leuchter Das Innere der Kirche ist schlicht und hell gehalten und die hellblauen Sitzbänke vermitteln einen norddeutschen Charakter. Die Kanzel befindet sich auf der von der Gemeinde aus gesehen linken Seite am Durchgang vom Kreuzgewölbe zum Altarraum. Zu den Kleinoden der Kirche zählt ein großer alter Leuchter im Kirchenschiff. Er wurde der Gemeinde 1895 von einem Londoner Kaufmann geschenkt. Man entfernte ihn 1931 im Zuge einer grundlegenden Renovierung und lagerte ihn zusammen mit einem anderen jahrzehntelang auf dem Boden des Küsterschulhauses beziehungsweise auf dem Dachboden des Pfarrhauses. Ende der 1980er Jahre veranlasste der Kirchenvorsteher Jürgen Scholtissek die Wiederherstellung der Leuchter. Jener aus London, dessen Kerzen zu allen hohen Fest- und Feiertagen entzündet werden, wurde Ostern 1989 wieder in den Chorraum gehängt.