Die Volksrepublik Ungarn (amtlicher Name ungarisch Magyar Népköztársaság, im Deutschen: Ungarische VolksrepublikSiehe beispielhaft: Verzeichnis der ausländischen Staatennamen für den amtlichen Gebrauch in der Bundesrepublik Deutschland, Bek. d. AA v. 7.6. 1979 – 501-505.50. In: Gemeinsames Ministerialblatt, 30. Jg., Nr. 15, 30. Juni 1979, S. 171–174, hier: S. 174 (media.frag-den-staat.de). Vgl. auch Länderverzeichnis für den amtlichen Gebrauch in der Bundesrepublik Deutschland, Stand: 22. März 2024, S. 112 (auswaertiges-amt.de).), kurz VR Ungarn, Ungarische VR oder auch (im Sprachgebrauch der DDR) UVR, war ein sozialistischer Staat in Mitteleuropa, der von 1949 bis zur Gründung der Republik Ungarn 1989 existierte.

Geschichte Entstehung und Vorgeschichte Zunächst sahen die Alliierten nach dem Krieg für Ungarn eine demokratische Verfassung vor. 1945 wurde das uneingeschränkte Wahlrecht wiederhergestellt.June Hannam, Mitzi Auchterlonie, Katherine Holden: International Encyclopedia of Women’s Suffrage. ABC-Clio, Santa Barbara, Denver, Oxford 2000, ISBN 1-57607-064-6, S. 123. Nachdem die Kommunisten bei der Parlamentswahl am 4. November 1945 eine empfindliche Niederlage erlitten hatten, begannen sie mit unsauberen Methoden nach der Macht zu greifen. Auch als die Unabhängige Partei der Kleinlandwirte, der Landarbeiter und des Bürgertums (FKgP) zerschlagen war, erreichte die Ungarische Kommunistische Partei (MKP) bei der Parlamentswahl am 31. August 1947 nur 22,3 % der Stimmen. Am 12. Juni 1948 wurde die Zwangsvereinigung von MKP und Sozialdemokratischer Partei zur „Partei der Ungarischen Werktätigen“ (ungarisch Magyar Dolgozók Pártja bzw. MDP) formell vollzogen. Bald darauf wurden die anderen Parteien aufgelöst; bei der Parlamentswahl am 15. Mai 1949 war nur noch eine Partei – die MDP – zugelassen. 1948 wurde das Land dem Kommunismus nach sowjetischem Vorbild unterworfen. Das gleiche Wahlrecht für beide Geschlechter wurde zu einem formalen Recht degradiert.Csilla Kollonay-Lehoczky: Development Defined by Paradoxes: Hungarian History and Female Suffrage. In: Blanca Rodríguez-Ruiz, Ruth Rubio-Marín: The Struggle for Female Suffrage in Europe. Voting to Become Citizens. Koninklijke Brill NV, Leiden und Boston 2012, ISBN 978-90-04-22425-4, S. 421–437, S. 430.

Ära Rákosi Am 20. August 1949 wurde eine Verfassung nach sowjetischem Vorbild beschlossen.www.verfassungen.eu : Volltext Von 1948 bis 1953 praktizierten die ungarischen Kommunisten unter Mátyás Rákosi einen stalinistischen Kurs.

Bis 1953 wurden mehrere Schau- und Geheimprozesse veranstaltet, z. B. gegen Kardinal József Mindszenty, Paul Esterházy und László Rajk. Die ungarische politische Polizei Államvédelmi Hatóság (ÁVH) begann 1945 politische Gegner zu verfolgen. Sie wurde auch und besonders in den eigenen Reihen der Kommunisten gefürchtet. János Kádár war für die Verhaftung von László Rajk verantwortlich. 1951 wurde auch Kádár der Unterstützung Titos angeklagt und verhaftet. Ein letzter Geheimprozess 1953 sollte die Ermordung des schwedischen Diplomaten Raoul Wallenberg durch zionistische Verschwörer „beweisen“; Károly Szabó wurde im April 1953 festgenommen und ein halbes Jahr inhaftiert.

Nach Stalins Tod am 5. März 1953 begann im Juni 1953 unter Ministerpräsident Imre Nagy eine Periode vorsichtiger Liberalisierung. Die weitgehend unverändert gebliebene Parteispitze entmachtete Nagy am 18. April 1955. Sein Nachfolger András Hegedüs machte Nagys Reformen rückgängig („Restalinisierung“, Restauration), was den Volksaufstand 1956 begünstigte. Rajk wurde 1956 rehabilitiert und am 6. Oktober 1956 unter großer öffentlicher Anteilnahme feierlich beerdigt (Näheres hier).

Ungarischer Volksaufstand mini|Sowjetischer Panzer in Budapest während des Volksaufstandes|249x249px

Am 23. Oktober 1956 begann ein Volksaufstand, in dessen Verlauf Imre Nagy erneut zum Ministerpräsidenten ernannt wurde. Der Aufstand wurde durch die sowjetische Armee blutig niedergeschlagen. Insgesamt fünf sowjetische Divisionen waren zwischen dem 1. November und 4. November daran beteiligt; als Besatzungsarmee verblieben etwa 100.000 sowjetische Soldaten in Ungarn. Imre Nagy wurde im Juni 1958 in einem Geheimprozess zum Tode verurteilt und am gleichen Tag gehängt. Bis 1963 wurden ca. 400 Menschen, vorwiegend Arbeiter, als Vergeltung für den Aufstand hingerichtet. Über 200.000 Ungarn verließen nach dem gescheiterten Volksaufstand das Land und emigrierten nach Westeuropa und Nordamerika. Danach verschlechterten sich die Beziehungen Ungarns zu den Vereinigten Staaten drastisch. Am 4. November 1956 verurteilte die auf Betreiben der USA einberufene Generalversammlung der Vereinten Nationen in der Resolution 1004 (ES-II) mit 50 gegen 8 Stimmen (Russische Sowjetrepublik, Ukrainische Sowjetrepublik, Belarussische Sowjetrepublik, Rumänien, Bulgarien, Tschechoslowakei, Polen, Albanien) bei 15 Enthaltungen (Afghanistan, Burma, Ceylon, Ägypten, Finnland, Indien, Indonesien, Irak, Jordanien, Libyen, Nepal, Saudi-Arabien, Syrien, Jemen und Jugoslawien) die sowjetische Intervention in Ungarn. Ab 1960 liefen geheime Verhandlungen zwischen den USA und der Kádár-Regierung in Ungarn, die in einem nicht schriftlich niedergelegten Abkommen am 20. Oktober 1962 mündeten. In dessen Folge erließ die ungarische Regierung 1963 eine Generalamnestie für die nach 1956 Verurteilten, und die Vereinigten Staaten unternahmen im Gegenzug keine Anstrengungen mehr, die ungarische Frage vor die Vollversammlung der Vereinten Nationen zu bringen. Eine weitere Belastung des US-amerikanisch-ungarischen Verhältnisses stellte der Fall József Mindszentys dar. Der Erzbischof und Kardinal war 1956 im Volksaufstand aus der Haft befreit worden und hatte sich in der Endphase des Aufstandes in die US-amerikanische Botschaft in Budapest geflüchtet. Nach 15 Jahren in der Botschaft verließ Mindszenty schließlich auch auf Drängen des Papstes die Botschaft und ging ins Exil.

Ära Kádár

Ab 1956 war János Kádár neuer Partei- und Regierungschef. Seine Amtszeit währte 32 Jahre bis zum Mai 1988. mini|János Kádár, 1962

Konsolidierung zwischen 1956 und 1963 Nach der Niederschlagung des Ungarischen Volksaufstands, während dessen Mátyás Rákosi sein Amt niederlegte, wurde Kádár von Moskau als politischer Führer Ungarns eingesetzt. Mit grausamer Vergeltung restaurierte er die Institutionen der Diktatur und gründete die Ungarische Sozialistische Arbeiterpartei (MSZMP). So gelang es ihm auch, die sich neu formierenden stalinistischen Gegner im Zaum zu halten.

Die Politik der Vereinten Nationen und Westeuropas war in der sogenannten „ungarischen Frage“ eindeutig. Es sollte keine Rückkehr zur Politik vor 1956 geben und Rákosi, Ernő Gerő und ihre Genossen sollten in Ungarn keinen Einfluss mehr haben. Die Legitimation Kádárs, und damit des Regimes, war an den UNO-Beitritt gebunden. Allerdings verurteilten die Vereinten Nationen das System in ihrer Stellungnahme, und die „ungarische Frage“ stand bis zum Kádár-Kompromiss auf der Tagesordnung.

Die ÁVH Staatsschutzbehörde – die am 6. September 1948 gegründete Abteilung des Innenministeriums, die Nachfolgeorganisation der vormaligen ÁVO (Magyar Államrendőrség Államvédelmi Osztálya, „Staatsschutzabteilung der Ungarischen Staatspolizei“) – wurde nach dem Volksaufstand 1956 nicht neu organisiert. Die ehemaligen Mitglieder der ÁVH konnten sich bei anderen exekutiven Staatsorganen melden. Sie wurden häufig bei der sich neu formierenden Polizei übernommen. Zu Beginn des Jahres 1957 wurde zudem eine neue, paramilitärisch strukturierte bewaffnete Organisation gegründet. Sie erhielt den Namen Munkásőrség (Arbeiterwache), war von Militär und Polizei unabhängig und unterstand direkt dem Zentralkomitee der MSZMP. Ihre Mitglieder, die meisten von ihnen Fabrikarbeiter, erhielten ideologische und praktische Schulungen, einen Waffenschein, Handfeuerwaffen und graue Uniformen. Sie und die Polizei hatten den Auftrag, bei Massenveranstaltungen die öffentliche Ordnung zu bewahren. Die Organisation Munkásőrség hatte bald 60.000 Mitglieder; einen Einsatzbefehl für Dienste an der Waffe gab es nie.Ignác Romsics: Magyarország története a XX. században. S. 404.

Im Interesse des Kompromisses mit der UNO erließ Kádár 1956 eine allgemeine Amnestie für die Verurteilten. Es dauerte aber bis zum 15. März 1963, bis etwa 80 % der Gefangenen freigelassen wurden. Im Austausch wurde die VR Ungarn international anerkannt und die Delegation und der Empfang von Botschaftern ermöglicht. Das System gestattete mehr private Freiheiten und Karrieremöglichkeiten, die strengen Barrieren politischer Aktivitäten wurden aber beibehalten. Dennoch wurde die „ungarische Frage“ im Austausch für die erweiterten Freiheiten von der Agenda der Vereinten Nationen gestrichen.

Der späte Kádárismus 1963 bis 1979 Die Parteiführung nahm bis 1963 einen autoritären Stil an und strebte nicht mehr nach totalitärer Diktatur und vollständiger Überwachung. Kádár verkündete „wer nicht gegen uns ist, ist mit uns“ („aki nincs ellenünk, az velünk van“). Es war nicht mehr verpflichtend, an das System zu glauben, aber oppositionelle Handlungen, egal ob mit Worten oder in anderer Form, waren weiterhin verboten.

Einige Themen waren in der gelenkten Öffentlichkeit Tabu: die Legitimität und die ideologischen Grundlagen des Systems durften nicht in Frage gestellt werden, beispielsweise die Notwendigkeit der Diktatur des Proletariats oder die sowjetische Besatzung. Auch die innerhalb von Fabriken bestehende Arbeitslosigkeit, die weiter existierende Armut, die Bewertung der harten Linie Kádárs nach dem Beginn des Ungarischen Volksaufstandes 1956, sowie die Person János Kádár selbst waren indiskutabel.

Die meisten Themen konnten jedoch praktisch in der unter Parteieinfluss stehenden Presse von Teilen der Intellektuellen kontrovers diskutiert werden. Andererseits breitete sich die Überwachung durch den ungarischen Staatssicherheitsapparat in der Bevölkerung aus und das Netz von Denunzianten wuchs. Es erreichte aber nicht annähernd Ausmaße wie in der DDR.

Die Wirtschaftspolitiker des Kádár-Regimes beschäftigte seit Beginn der 1960er Jahre die Umstellung der Produktion von der extensiven auf die intensive Phase, also die Steigerung der Effizienz, Qualitätsverbesserung und Anpassung an den Markt. Mit der Planung der Reformen wurde der Wirtschaftspolitiker Rezső Nyers beauftragt. Seine Reformpläne wurden im Mai 1966 anerkannt und mit Beginn des Jahres 1968 eingeführt. Ähnliche Reformgedanken beschäftigten in den 1960er Jahren auch die Führung der sozialistischen Bruderländer DDR (Neues Ökonomisches System der Planung und Leitung), Tschechoslowakei (Ota Šik: Der dritte Weg) und Bulgarien; dort wurde jedoch eine radikale Umgestaltung der Planwirtschaft nicht in die Praxis umgesetzt. Die Wirtschaftsreformen unter Kádár (új gazdasági mechanizmus) brachten drei maßgebliche Veränderungen mit sich: 1. Verringerung der staatlichen Planung, mehr Autonomie für die Betriebe; 2. Reform der Preisentstehung (freie Preisentwicklung innerhalb staatlich festgelegter Höchst- und Minimalpreise); 3. Modifizierung der Löhne und Gehälter.Ignác Romsics: Magyarország története a XX. században. S. 439 f. 1968 nahmen Truppen der ungarischen Streitkräfte am Einmarsch einiger Warschauer-Pakt-Staaten in die ČSSR teil, der den Prager Frühling niederschlug.

Vor dem Hintergrund der Restalinisierungspolitik von Leonid Breschnew (16. Juni 1977 bis 10. November 1982 mächtigster Mann in der Sowjetunion) wurde der Einfluss der ungarischen Reformsozialisten Rezső Nyers, Lajos Fehér, Jenő Fock und György Aczél ab 1972 eingeschränkt und der Reformeifer von Kádár stark relativiert.Tibor Huszár: Kádár János politikai életrajza. S. 246 ff.