mini|Flagge der byzantinischen Marine während der Palaiologen-Dynastie

Die Byzantinische Marine umfasste die Seestreitkräfte des Byzantinischen Reiches. Ebenso wie das Reich selbst stellten sie eine nahtlose Fortschreibung ihrer römischen Vorgänger dar, spielten jedoch eine weitaus größere Rolle für die Verteidigung und das Überleben des Reiches. Während die Flotten des klassischen römischen Imperiums nach dem Ende der Punischen Kriege kaum je größeren Bedrohungen zur See gegenüberstanden, hauptsächlich Polizeiaufgaben wahrnahmen und den Legionen des Landheeres an Stärke und Prestige stets nachstanden, war die Beherrschung der Meere eine Lebensfrage für Byzanz, das einige Historiker als „Seereich“ bezeichnet haben.Archibald Ross Lewis, Timothy J. Runyan: European Naval and Maritime History, 300–1500. Indiana University Press, 1985, ISBN 0-253-20573-5, S. 20. Michael P. Scafuri, Byzantine Naval Power and Trade: The Collapse of the Western Frontier. Texas A & M University, 2002, S. 1

Die erste Bedrohung der römischen Hegemonie seit der Seeschlacht von Actium tauchte in Form des Vandalenreiches im 5. Jahrhundert auf, bis sie durch den Eroberungsfeldzug Justinians I. im 6. Jahrhundert zusammen mit dem Vandalenreich ihr Ende fand. Die Neuaufstellung einer stehenden Marine und die Einführung des Galeerentyps der Dromone um dieselbe Zeit markiert den Übergang von der römischen zur byzantinischen Marine, die allmählich begann, ihre eigene Identität zu entwickeln. Mit dem Beginn der arabische Eroberung im 7. Jahrhundert im Übergang von der Spätantike ins Frühmittelalter nahm dieser Prozess seinen Fortgang. Mit dem Verlust der Levante und der nordafrikanischen Küste durch die arabische Eroberung wurde das Mittelmeer vom römischen See zum Kriegsschauplatz zwischen byzantinischen und arabischen Flotten. In dieser Auseinandersetzung erwies sich die Marine als überragend wichtiges Bindeglied zwischen den weit verstreuten Besitzungen des Reiches überall im Mittelmeerraum, aber auch als entscheidender Faktor bei der Abwehr von über See vorgetragenen Angriffen gegen Konstantinopel selbst. Mit der neuen Waffe des Griechischen Feuers konnte das Reich mehrere Belagerungen seiner Hauptstadt abschlagen und zahlreiche Seesiege erringen.

Anfangs oblag die Verteidigung der byzantinischen Küsten und der Seewege nach Konstantinopel der großen Flotte der Karabisianoi. Nach und nach ging sie jedoch auf mehrere regionale Themenflotten über, während in Konstantinopel selbst eine zentrale kaiserliche Flotte unterhalten wurde, welche die Stadt beschützte und bei größeren Unternehmungen zur See den Kern der Flotte bildete.Alexander Kazhdan (Hrsg.): Oxford Dictionary of Byzantium. Oxford University Press, 1991, ISBN 978-0-19-504652-6, S. 1441 Bis zum 8. Jahrhundert gewann die wohlorganisierte und gut unterhaltene byzantinische Marine wieder die Oberhand im Mittelmeerraum. Zwar setzte sich der Seekrieg mit den muslimischen Flotten mit wechselndem Erfolg fort, doch bis zum 10. Jahrhundert gelang es den Byzantinern, im östlichen Mittelmeer erneut eine Vorherrschaft zur See zu errichten.

mini|300px|Karte des Oströmischen Reiches, die neben den Themengrenzen auch den Schauplatz historischer Ereignisse bis etwa 1018 zeigt. Während des 11. Jahrhunderts begann die Marine, ebenso wie das Reich selbst, zu verfallen. Mit den neuen Bedrohungen aus dem lateinischen Westen waren die Byzantiner zunehmend genötigt, sich auf die Flotten der italienischen Stadtstaaten wie Venedig oder Genua zu verlassen, mit furchtbaren Auswirkungen auf die Souveränität und die Wirtschaft des Reiches. Eine Zeit der Konsolidierung unter der Komnenen-Dynastie war nur von kurzer Dauer, der ein erneuter Niedergang folgte, bis der Verfall bei der Zertrümmerung des Reiches in der Katastrophe des Vierten Kreuzzuges seinen Höhepunkt fand. Nach der Wiederherstellung des Reiches 1261 versuchten mehrere Kaiser der Palaiologen-Dynastie eine Wiederbelebung der Marine, ihre Bemühungen hatten jedoch nur kurzzeitig Erfolg. Bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts sank die byzantinische Marine, die einst Hunderte von Kriegsschiffen bereitstellen konnte, auf bestenfalls ein paar Dutzend Schiffe herab,Ian Heath: Armies of the Middle Ages. Volume 2: The Ottoman Empire, Eastern Europe and the Near East, 1300–1500. Wargames Research Group, 1984, S. 17 und die Kontrolle der Ägäis fiel endgültig in die Hände der italienischen und osmanischen Flotten. Trotzdem blieben die byzantinischen Seestreitkräfte bis zum Ende des Reiches 1453 im aktiven Dienst.

Unternehmungen und Einsatz Frühbyzantinische Zeit Bürgerkriege und Barbareneinfälle: das 4. und 5. Jahrhundert mini|250px|Bis zum späten 5. Jahrhundert war das westliche Mittelmeer in die Hände der Barbaren gefallen. Die Eroberungen Justinians I. stellten die römische Herrschaft über das ganze Mittelmeer wieder her, die bis zum Beginn der Arabischen Eroberung in der zweiten Hälfte des 7. Jahrhunderts erhalten blieb.

Die byzantinische Marine stellte, wie das Oströmische Reich selbst, eine bruchlose Fortschreibung des Römischen Reiches und seiner Institutionen dar. Nach der Schlacht bei Actium im Jahr 31 v. Chr. war das Mittelmeer zur römischen See geworden und auf allen Seiten von römischen Besitzungen umgeben, so dass keine Notwendigkeit mehr für eine große, ständig unterhaltene Flotte bestand. In Abwesenheit äußerer Bedrohungen befasste sich die römische Marine hauptsächlich mit seepolizeilichen Aufgaben und gab Truppentransporten und Frachtschiffen Geleitschutz. Zu großen Seeschlachten wie beispielsweise in den Punischen Kriegen kam es nicht mehr, und die römischen Flotten bestanden größtenteils aus kleineren Fahrzeugen, die den neuen Aufgaben angemessen waren.

Bis zum frühen 4. Jahrhundert waren die ständig unterhaltenen römischen Flotten sehr geschrumpft, so dass die Seestreitkräfte der rivalisierenden Kaiser Konstantin und Licinius, die im Jahr 324 aufeinander trafen,John Julius Norwich: Byzantium: The Early Centuries. Penguin Books, 1990, ISBN 978-0-14-011447-8, S. 48–49. zu einem großen Teil aus neu gebauten oder aus den Häfen des östlichen Mittelmeeres beschlagnahmten Schiffen bestanden.Lionel Casson, The Ancient Mariners: Seafarers and Sea Fighters of the Mediterranean in Ancient Times, Princeton University Press, S. 213. In der Spätantike, etwa während der Bürgerkriege des 4. und 5. Jahrhunderts, spielte der Krieg zur See wieder eine größere Rolle, wenngleich die Flotten meist zum Geleitschutz für Truppentransporte dienten.John H. Pryor/Elizabeth M. Jeffreys: The Age of the ΔΡΟΜΩΝ: The Byzantine Navy ca. 500–1204. Brill Academic Publishers, 2006, ISBN 978-90-04-15197-0, S. 7. Das Weströmische Reich unterhielt im ersten Viertel des 5. Jahrhunderts im westlichen Mittelmeer wieder größere Seestreitkräfte, die hauptsächlich von Nordafrika aus eingesetzt wurden, doch der weströmischen Seeherrschaft erwuchs ein gefährlicher Gegner, als Nordafrika infolge der Völkerwanderung in den 30er Jahren des 5. Jahrhunderts von den Vandalen erobert wurde.Pryor/Jeffreys, S. 8.

Das neue Vandalenreich unter seinem König Geiserich, das seine Hauptstadt ironischerweise in Karthago hatte, begann sofort damit, die Küsten Italiens und Griechenlands zu überfallen, sogar Rom selbst fiel 455 einem dieser Raubzüge zum Opfer und wurde geplündert.Pryor/Jeffreys, S. 9. Während der nächsten zwei Jahrzehnte hielten die ständigen Angriffe der Vandalen an, trotz aller römischen Versuche, sie abzuwehren. Das Weströmische Reich war dagegen machtlos, seine Marine praktisch zu nichts zerronnen,Penny MacGeorge, Late Roman Warlords, Oxford University Press 2002, ISBN 978-0-19-925244-2, S. 306–307. doch die Kaiser des Ostens konnten nach wie vor auf die Ressourcen und die seemännische Erfahrung des östlichen Mittelmeeres zurückgreifen. Eine erste oströmische Expedition im Jahr 448 erreichte jedoch nur Sizilien, und 460 griffen die Vandalen eine bei Carthago Nova liegende weströmische Invasionsflotte an und zerstörten sie. Endlich jedoch, im Jahr 468, wurde eine gewaltige oströmische Expeditionsstreitmacht unter dem Befehl des Basiliskos ausgerüstet, die angeblich 1113 Schiffe und 100.000 Soldaten umfasste, jedoch scheiterte die Expedition in fürchterlichem Ausmaß. Etwa 600 Schiffe gingen durch den Einsatz von Brandern verloren, und durch die ungeheuren Kosten von 130.000 Pfund Gold und 700 Pfund Silber stand das Oströmische Reich nahe vor dem Bankrott.Norwich 1990, S. 166. Die Römer waren darum genötigt, sich mit Geiserich zu arrangieren und einen Friedensvertrag zu unterzeichnen. Nach Geiserichs Tod 477 hörten die Angriffe auf die römischen Küsten jedoch auf.Pryor/Jeffreys, S. 10.

Das 6. Jahrhundert – Justinian stellt die römische Herrschaft im Mittelmeer wieder her Im 6. Jahrhundert kam es zur Erneuerung der römischen Seemacht. Als der Konflikt zum Ostgotenreich Theoderich des Großen im Jahr 508 aufflammte, entsandte Kaiser Anastasios I. eine Flotte von hundert Schiffen, um die Küsten Italiens zu verheeren.Pryor/Jeffreys, S. 13. 513 rebellierte der thrakische Heermeister Vitalian gegen Anastasios, und die Aufständischen stellten eine Flotte von zweihundert Schiffen zusammen. Diese wurde jedoch trotz einiger Anfangserfolge vom loyalen Admiral Marinus zerstört, angeblich mit Hilfe eines leicht entzündlichen Kampfstoffs, der einen frühen Vorläufer des Griechischen Feuers dargestellt haben könnte.Robert Gardiner (Hrsg.): Age of the Galley: Mediterranean Oared Vessels since pre-Classical Times. Conway Maritime Press, 2004, ISBN 978-0-85177-955-3, S. 90.

Im Jahr 533 nutzte der römische Feldherr Belisar die Abwesenheit der vandalischen Flotte, die bei Sardinien operierte, um mit einer Streitmacht von 92 Dromonen und 500 Transportschiffen ein Heer von 15.000 Mann nach Nordafrika überzusetzen.Norwich 1990, S. 207 Damit begann der erste der Rückeroberungskriege Justinians, der Vandalenkrieg. Diese Kriege bestanden im Wesentlichen aus amphibischen Unternehmungen, die sehr von der Kontrolle der Seewege abhingen, um die weit auseinandergezogenen Garnisonen und Kampfgruppen versorgen und verbinden zu können. Dies entging den Feinden Konstantinopels nicht, und bereits in den 520er Jahren soll der ostgotische König Theoderich den Bau einer starken Flotte erwogen haben, die sich gleichermaßen gegen die Vandalen und gegen Byzanz richten sollte. Durch seinen Tod im Jahr 526 kamen diese Pläne jedoch nicht mehr zur vollkommenen Ausführung.Pryor/Jeffreys, S. 14. Im Jahr 535 begann der Gotenkrieg, zwei römische Flotten operierten an den Küsten Italiens und setzten Belisar erst auf Sizilien, dann auf dem italienischen Festland ab, während die andere Dalmatien angriff. Die römische Seeherrschaft erlaubte es dem relativ kleinen Heer Belisars, bis 540 fast ganz Italien zu besetzen.Pryor/Jeffreys, S. 14–15.

Bereits 541 schuf der neue Ostgotenkönig Totila jedoch eine Flotte von 400 Schiffen, um dem Reich die Seeherrschaft in den italienischen Gewässern streitig zu machen. Zwei römische Flotten wurden 542 nahe Neapel zerstört,Pryor/Jeffreys, S. 15. und Belisar kommandierte 546 persönlich zweihundert Schiffe gegen die Gotenflotte, welche die Tibermündung blockierte – ein misslungener Versuch, Rom zu entsetzen.Norwich 1990, S. 77 Im Jahr 550 landete Totila auf Sizilien, im darauffolgenden Jahr eroberte seine dreihundert Schiffe starke Marine Sardinien und Korsika zurück und plünderte die Küsten von Korfu und Epirus.Pryor/Jeffreys, S. 17–18. Eine Niederlage in der Seeschlacht von Sena Gallica markierte jedoch einen Wechsel im Kriegsglück, und mit der endgültigen Eroberung Italiens und des südlichen Spanien war das Mittelmeer erneut ein „römischer See“ geworden.