Die Orgeln der Der Aa-kerk (Groningen) sind die „Bolswarder Orgel“ im südlichen Querschiff und die große Schnitger-Orgel auf der Westempore. Diese wurde von Arp Schnitger 1702 für die benachbarte Academiekerk (Universitätskirche) gebaut, 1815 in die Aa-kerk überführt und dabei an die anderen Raumverhältnisse angepasst. Sie verfügt heute über 40 Register auf drei Manualen und Pedal und ist ein Klangdenkmal von europäischer Bedeutung.
Schnitger-Orgel Baugeschichte Vorgängerorgeln miniatur|Schnitgers Entwurfszeichnung für die Orgel der Groninger Academiekerk Die Der Aa-kerk im niederländischen Groningen erhielt in der Spätgotik ihre heutige Kreuzform und wurde nach dem benachbarten Fluss Aa benannt.
Im Jahr 1475 wurde in der Ostwand des südlichen Transepts eine Orgel gebaut, die 1558 von Andreas de Mare I umgebaut wurde. 1654 wurde Theodorus Faber mit einem großen Neubau an der Westwand beauftragt, konnte diesen aber aufgrund seines Todes 1659 nicht vollenden, ebenso wenig wie der Orgelbauer Andreas de Mare II, dessen Verwandtschaftsverhältnis zu dem Orgelbauer gleichen Namens aus dem 16. Jahrhundert bisher nicht geklärt ist. Jacobus Galtus Hagerbeer gelang 1667 die Fertigstellung dieses großen Instruments, das mit 40 Registern auf drei Manualen und Pedal ausgestattet war; 1671 fiel es einem Brand zum Opfer. 1694–1697 baute Arp Schnitger für die Der Aa-Kerk seine größte Orgel in den Niederlanden, die kostbar ausgestattet war und über 40 Register auf vier Manualen und Pedal besaß. So waren die Prospektpfeifen aus reinem ostindischen Zinn angefertigt und wies die Bassoktave alle Halbtöne auf. Schnitger selbst schrieb über diese Orgel: „Ich habe nichts daran gespart und alles herrlich gemacht; ich habe noch, über den Kontrakt hinaus, 6 Register auf einer besonderen Windlade angebracht und doch an dieser Orgel noch etwas verdient.“Fock: Arp Schnitger, S. 285. Diese Orgel wurde 1710 durch den Einsturz des Turms zerstört. Nur die originale Entwurfszeichnung Schnitgers ist erhalten. Rund 100 Jahre musste die Gemeinde nun auf Orgelbegleitung verzichten.Edskes, Vogel: Arp Schnitger und sein Werk. 2. Aufl. 2013, S. 184.
Neubau durch Schnitger 1702 mini|Spieltisch der Schnitger-Orgel (1992) Als 1814 die Groninger Academiekerk (Universitätskirche) der katholischen Gemeinde überlassen wurde, gelangte durch eine Schenkung von König Willem I. deren Orgel an die Der Aa-Kerk. Schnitger hatte sie 1699–1702 gebaut und dabei etliche Register aus der Vorgängerorgel der Academiekerk übernommen. Hendrick Harmens van Loon und Andreas de Mare II. hatten hier 1679 eine große Orgel mit 32 Registern auf drei Manualen und Pedal vollendet und ihrerseits bereits Material aus einer älteren Orgel übernommen. Das Gehäuse für die neue Orgel verfertigten Allert Meijer und Schnitger und das Schnitzwerk Jan de Rijk.Edskes, Vogel: Arp Schnitger und sein Werk. 2. Aufl. 2013, S. 92.
Nicolaas Arnoldi Knock überliefert 1788 die Disposition der Schnitger-Orgel in der Academiekerk, die die Situation nach den Arbeiten von Hinsz 1784 widerspiegelt [in der Disposition von Knock fehlt die Octaaf 4′ im Rug-Positief]:
I Rug-Positief CDEFGA–c3 Praestant 8′ Quintadena 16′ Gedakt 8′ Fluit 4′ Fluit 2′ Quint ′ Sexquialter Scherp IV Dulciaan 8′ II Manuaal CDEFGA–c3 Praestant 16′ Holpyp 8′ Octaaf 4′ Quint 3′ Octaaf 2′ Mixtuur IV–VI Trompet 8′ Voxhumana 8′ III Borstwerk CDEFGA–c3 Gedakt 8′ Fluit 4′ Octaaf 2′ Quint ′ Sexquialter Scherp IV Pedaal CDE–d1 Praestant 8′ Bourdon 16′ Octaaf 4′ Mixtuur IV–VI Bazuin 16′ Trompet 8′ Trompet 4′ Cornet 2′ Koppeln: I/II, III/II 2 Tremulanten, Windlossing, 4 Sperrventile 6 Bälge (Schnitger)
Das Rückpositiv spiegelt in verkleinerter Form das Hauptgehäuse wider. Beide Gehäuse sind neunteilig mit einem überhöhten polygonalen Mittelturm, mittelgroßen polygonalen Außentürmen und dazwischen niedrigen Spitztürmen. Je vier zweigeschossige Flachfelder mit Kämpferleisten verbinden die Türme und bilden mit den Spitztürmen einen geraden Abschluss. Das Schleierwerk besteht aus Akanthuslaub mit Voluten. Die Blindflügel des Rückpositivs tragen einen Engel mit Palmzweig, die Engel in den Blindflügeln des Hauptwerks spielen Musikinstrumente. Die Brustwerktüren haben durchbrochenes Akanthus-Schnitzwerk und zwei Doppeladler aus dem Groninger Stadtwappen.
Die 103 Prospektpfeifen des Rückpositivs und die 91 des Hauptwerks weisen einen Zinnanteil von etwa 90 % auf und haben halbrunde vergoldete Labien.Edskes, Vogel: Arp Schnitger und sein Werk. 2. Aufl. 2013, S. 94. Es handelt sich um den größten Bestand von originalen Zinn-Prospektpfeifen in einer Schnitger-Orgel.
Matthias Amoor aus der Schnitger-Schule reparierte die Orgel 1728 und 1738. Im Jahr 1754 fügte Albertus Antonius Hinsz eine Koppel zwischen Hauptwerk und Rückpositiv hinzu und führte 1761 und 1784 Reparaturen durch.
Umsetzung durch Timpe 1815/1816 Der Orgelbauer Johannes Wilhelmus Timpe (Groningen) überführte 1815/1816 die Orgel in die Aa-Kerk und passte sie den neuen Gegebenheiten an. Auch die Empore und das breite Portal mit den drei zweiflügeligen Türen unter Rundbögen von Möbeltischler und späteren Stadtbaumeister Allert Meijer, der im Groninger Raum Schnitgers Orgelgehäuse schuf, mussten umgestaltet werden. Die Türen, durch die in der Vergangenheit die Professoren bei akademischen Anlässen feierlich einzogen, dienen seitdem nur noch als Zugang zur Orgel. Möglicherweise wurden die beiden Säulen unterhalb des Rückpositivs 1702 ergänzt, da die Kompositkapitelle etwas anders als die vier Säulen an der Portalwand gestaltet sind. Durch die Aufstellung der sechs Keilbälge hinter der Orgel und die geringere Emporentiefe wurde der Platz für den Organisten zwischen Spieltisch und Rückpositiv erheblich eingeschränkt.
Portal, Empore und Orgelgehäuse sind aus Eichenholz mit braunem Firnis gestaltet. Die Portalwand wird durch vier kannelierte Säulen gegliedert. Die Emporenbrüstungen hat an jeder Seite vier profilierte Füllungen und in der Mitte das geschnitzte Groninger Wappen. Durchbrochenes Schnitzwerk mit Voluten, Ranken und Figuren mit Musikinstrumenten bildet den Emporenaufsatz. Im Zuge der Orgelumsetzung wurden die klassizistischen Figuren auf den Manualwerken und unterhalb des Pedalturms von Anthonie Wallis geschnitzt und das Untergehäuse auf die Maße des Obergehäuses verbreitert. Vier musizierende Putten von 1815 bekrönen das Rückpositiv und zwei Frauen und Engel mit Musikinstrumenten das Hauptgehäuse. Wallis ersetzte zudem die ursprünglichen Schnitzereien unterhalb der Seitentürme des Hauptgehäuses durch zwei fast lebensgroße Atlanten.
Spätere Arbeiten 1830/1831 baute Timpe das Brustwerk in ein Oberwerk um und setzte einige Register um oder erneuerte sie. Eingreifend wurde das Instrument 1856–1858 durch Petrus van Oeckelen (Groningen) umgebaut und dem Zeitgeschmack angepasst, indem er das Hauptwerk von 9 auf 13 Register auf neuen Windladen erweiterte, dem Pedal drei weitere Register im Untergehäuse hinzufügte und die fehlenden Bastöne Cis und Dis auf Zusatzladen ergänzte sowie die Pedalmixtur entfernte. Van Oeckelen erneuerte die Klaviaturen und den Großteil der Spiel- und Registertraktur. Die Balganlage wurde im Turm untergebracht. 1919 ersetzte Jan Doornbos die sechs Keilbälge durch einen Magazinbalg. 1924 baute er einen Schweller für das Oberwerk ein und ergänzte eine Voix Céleste auf einer pneumatischen Kegellade. In den 1930er bis 1950er Jahren wurden einige alte Register durch Klaas Doornbos ersetzt (1935, 1939, 1946, 1952).Geschichte der Orgel von Harald Vogel u. a. (englisch), abgerufen am 27. Mai 2023.
Restaurierung miniatur|Sicht von unten (1992) mini|Schnitger-Orgel nach der Restaurierung (2013) 1977 wurde das Orgelinnenwerk ausgelagert, als die Kirchenrestaurierung begann. 1990 wurde es von der Orgelbauwerkstatt Reil (Heede/NL) teils restauriert und wieder montiert, darunter Schnitgers Windladen. Klaas Bolt, Harald Vogel und Stef Tuinstra begleiteten diese Arbeiten als Orgelsachverständige.
Der Sachverständige Rudi van Straeten erstellte 1993 einen Restaurierungsvorschlag, der den Zustand von 1858 zum Ausgangspunkt haben, aber einige technische Verbesserungen beinhalten sollte. Es entstand eine kontroverse Diskussion über die Frage, ob der vorhandene Bestand verändert oder als gewachsener Zustand beibehalten werden sollte. Zwei Argumente gaben den Ausschlag für die Erhaltung des gewachsenen Zustands: Es bestand keine gravierende statische Instabilität, die zwischenzeitlich befürchtet wurde, und man wollte die besonderen Klangqualitäten des Instrumentes nicht verlieren.orgelnieuws.nl (niederländisch), abgerufen am 27. Mai 2023.
Der jahrelange Streit wurde im Jahr 2002 gerichtlich zugunsten der Bewahrung des gegenwärtigen Zustands entschieden. Reil führte in den Jahren 1998 bis 2011 technische Wartungsarbeiten und eine konservierende Konsolidierung durch, ohne in die erhaltene Substanz einzugreifen. Er schuf einen neuen, aufliegenden Tremulanten nach dem Vorbild von Timpe und setzte die Basspfeifen des Bourdon wieder ein. Einige Pfeifen der Register Scherp und Sifflet im Rückpositiv aus dem Jahr 1952 wurden ersetzt und der Schwellkasten aus dem Jahr 1924 entfernt. Als einziges Register rekonstruierte Reil die Pedal-Posaune nach Schnitger-Vorbildern, da die 1935 auf einer pneumatischen Zusatzlade eingesetzte Posaune in moderner Konstruktion klanglich nicht befriedigte.Reformatorisch Dagblad vom 8. Oktober 2011: Gerestaureerde orgel Der Aa-kerk klinkt weer als een klok (niederländisch), abgerufen am 27. Mai 2023.
Die Wiederingebrauchnahme der Orgel fand am 14. Oktober 2011 statt. Orgelkonzerte, Ausstellungen, ein Symposium und der Publikation einer Festschrift unterstrichen die besondere Bedeutung dieses Instruments.
Bedeutung Die Orgel ist eines der niederländischen Rijksmonumente. Sie gilt als eine der bedeutendsten Barockorgeln Nordeuropas und übt mit ihren alten Registern und der Akustik der gotischen Kirche eine ungebrochene Faszination auf Orgelkenner weltweit aus. Gerühmt werden die vokalen Prinzipale mit ihrer feinen Ansprache, die farbigen Flöten und die grundtönigen Zungenpfeifen, die die unterschiedlichsten Klangkombinationen ermöglichen. Über die Hälfte der Register stammt noch von Schnitger oder geht auf die Vorgängerorgel von de Mare zurück. Durch die verschiedenen Umbauten weist die Orgel einen gewachsenen Zustand mit Elementen aus unterschiedlichen Epochen auf.
Neben der Orgel der Martinikerk (1692) und der Aa-Kerk (1694) hat Schnitger auch noch Orgeln für die Groninger Pelstergasthuiskerk (1693), die Lutherse Kerk (1699) und die Academiekerk (1702) gebaut, sodass in der Stadt einst eine viermanualige, je zwei zwei- und dreimanualige und drei einmanualige Schnitger-Orgeln (1695/1697) standen. Groningen entwickelte sich unter Schnitger zu einem Zentrum für den nordniederländischen Orgelbau. Hier wurde die Schnitger-Schule über Albertus Antonius Hinsz, Heinrich Hermann Freytag, Frans Casper Snitger und Herman Eberhard Freytag in großer Kontinuität bis 1863 fortgeführt. Drei der Groninger Kirchenorgeln von Arp Schnitger sind heute noch erhalten. Die von Schnitger 1697 in der Pepergasthuiskerk erweiterte Orgel wurde nach Peize umgesetzt und verfügt noch über einige Schnitger-Register.Edskes, Vogel: Arp Schnitger und sein Werk. 2. Aufl. 2013, S. 192–193. Das Instrument in der Lutherse Kerk wurde 2017 von Bernhardt Edskes rekonstruiert. Mit ihren besonderen Qualitäten prägte die Orgel der Aa-Kerk unter ihrem Organisten Johan van Meurs in den 1960er und 1970er Jahren eine neue Generation von Organisten und hatte wesentlichen Anteil an der Schnitger-Renaissance in den Niederlanden.Harald Vogel: